Ausgabe 
4.6.1890
 
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1890

Mittwoch den 4. Juni

M. 126.

Gießener Anzeig er

Keneral-Mnzeiger.

Amts- und Anzeigenblatt für den Avers Gieren.

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Die Gießener

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Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS -Montags.

Arntlicher Theil.

Gießen, am 2. Juni 1890. Betr.: Landtagswahlen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien Albach, Allen- dorf a d. Lda, Allertshausen, Beltershain, Ber-rod, Beuern, Burkhardsfelden, Climbach, Geilshausen. Gießen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Holzheim, Keffelbach, Lauter, Linden­struth, Londorf, Lumda, Odenhausen, Oueck- born, NeinhardShain, Reiskirchen, Taase«, Stangenrod, Steinbach, Stockhausen, TreiS a. d. Lda, Weickartshain.

Nach Maßgabe der Vorschrift des Artikels 47 des Gesetzes vom 8. November 1872, die Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände und die Wahlen der Abgeordneten betreffend (Reg-Bl. S. 385), haben demnächst in der Stadt Gießen sowie im 3. und 6. Wahlbezirke der Provinz Ober- heffen neue Wahlmänner- und Abgeordneten - Wahlen statt­zufinden.

Wir beauftragen Sie demgemäß, die Aufstellung der Urwählerlisten sofort in Angriff zu nehmen und dieselbe bi- zum 20. d. MtS. dem zuständigen Großh. Steuer- commiffariate mitzutheilen.

Bei Aufstellung der Listen (Formular C) wollen Sie auf die durch das Gesetz vom 6. Juni 1885 (Reg.-Bl. S. 117) geschaffenen Aenderungen rücksichtigen. Hiernach sind in die Urwählerlisten als stimmberechtigt nur Staatsbürger aufzunehmen, welche das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben, und welche seit Anfang des Rechnungsjahres 1890/91 zu einer directen Staatssteuer herang^ogen oder, wenn dies nicht der Fall ist, eommunalsteuerpstichtig sind, und zwar an dem Orte, an dem ste wohnen.

Als Staatsbürger sind nur diejenigen anzusehen, welche den BerfaffuugSeid bereits abgeleistet haben.

Nicht aufzunehmen als Urwähler sind die Mitglieder der ersten Kammer und die adligen Grundbesitzer, welche bei den Wahlen des Adels zur ersten Kammer der Stände wahlberech­tigt sind.

Die Formulare werden Ihnen mit nächster Post zugehen und bemerken wir hierbei, daß die Bescheinigungen aus der letzten Sette des Formulars C vorerst nicht zu unterschreiben sind.

Wegen Aufstellung der Liste der Wählbaren, Bildung der Wahlcommisston, Offenlegung der Listen rc. erhalten Sie wei­tere Verfügung-

Ihrer berichtlichen Anzeige- daß Sie obige Auf­lage befolgt und die Listen dem Großh. Steuercommiffariat mitgetheilt haben, sehen wir unfehlbar bis zum 20. d. MtS. entgegen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Ausführung des Unfallverstcherungsgesetzes betreffend.

Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß der Vorstand der Tiesbauberufsgenoffenschast zu Berlin den Herrn Kreisingenieur Stahl als Vertrauensmann, beziehungs­weise Beauftragten für die Provinz Oberhessen und den Herrn Kreisbauinspector Schneller in Offenbach zu dessen Stellvertreter bestellt hat.

Gießen, den 30. Mai 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bei Errichtung von Kaufverträgen über Jmmobllien ist es nothwendig, daß Seitens der Bethelligten die jeweiligen neuesten Steuerzettel-Nummern angegeben werden. Zur Ver­meidung von Weitläufigkeiten werden Diejenigen, welche der­artige Verträge abschließen wollen, ersucht, ihre neuesten Steuerzetlel mitzubringen.

Gießen, am 2. Juni 1890.

Großherzogliches Ortsgericht Gießen.

Gros.

potttisctze Nevertzicht.

Gießen, 3. Juni.

Nach den neuesten Hofberichten ist das Fußleiden des Kaisers nahezu vollständig gehoben. Ueber den Unfall, welcher am 25. v. M. in Potsdam den Kaiser und den Erb­prinzen von Sachsen. Meiningen betroffen hat, bringt ein Meininger Blatt folgende, allem Anschein nach autorisirte

Darstellung, die von den früheren Schilderungen in einigen Punkten abweicht: Danach sprang der Kaiser nicht aus dem Wagen, sondern wurde beim Anprall desselben an den Bord­stein aus dem Wagen geschleudert. Fünfzig Schritte von dieser Stelle weiter fiel der Wagen um, der Erbprinz von Meiningen und der Kutscher flogen dabei auf den dort sehr breiten Fußsteig. Der Erbprinz trug nicht die geringste Verletzung davon. Es war ihm nur in Folge der Erschüt­terung für einige Augenblicke der Kopf benommen. Der beste Beweis dafür, daß der Erbprinz unverletzt blieb, ist der Um­stand, daß er sich schon seit einigen Tagen auf einer Dienst­reise in die Gegend von Pasewalk befindet, wo er das Manöverterrain besieht.

Der Kaiser soll sich, wie die KönigsbergerHartungffche Zeitung" aus zuverlässiger Quelle erfahren haben will, bei seiner Anwesenheit in Königsberg zu Notablen der Provinz dahin ausgesprochen haben, daß er in nicht zu langer Zeit eine Zusammenkunft mit dem Kaiser von Rußland in Königs­berg plane. Früher hatten die Räumlichkeiten des Schlosses eine solche Begegnung nicht gestattet, jetzt seien dieselben aber so vorzüglich eingerichtet, daß von dieser Seite dem Plane nichts entgegenstehe. Der Kaiser habe schließlich nach kurzem Nachsinnen noch hinzugefügt, daß der Plan wohl schon im Jahre 1892, und zwar zum Herbst, zur Ausführung kommen könnte.

Bei dem am Samstag anläßlich der Eröffnung der In­dustrie-Ausstellung im Parkhause veranstalteten Festessen, an welchem etwa 900 Personen Theil nahmen, bewillkommnete der Vorsitzende der Ausstellung, Papendieck, die Gäste. Der Bürgermeister brachte den ersten Toast aus den Kaiser aus. Der Cousul H. H. Meier trank auf gute Nachbarschaft mit Hannover und Oldenburg, der Oberpräsident v. Benningsen auf die alte Hansastadt Bremen, Bergfcld auf die Aussteller, v. Buttel auf den Ehrenpräsidenten und Dr. Raydt auf den Vorstand. Unter großem Beifall toastete der Viceadmiral Paschen auf den Handel.

Der deutsch-böhmische Ausgleich macht weitere Fort­schritte. Im böhmischen Landtage wurden die modificirten Bestimmungen des Schulaussichtsgesetzes über die Zusammen­setzung des Landesschulrathes, sowie die Modalitäten der Ernennung und der Funktionsdauer genehmigt.

Auf eine Interpellation im ungarischen Reichstage wegen den angehäuften Waarenbeständen der Spiritusindustrie und wegen der Revision des Spiritussteuer-Gesetzes erklärte der Finanzminister, die Verhandlungen mit der österreichischen Negierung über die zur Behebung der kritischen Situation der Spiritusindustrie nothwendigen Maßregeln seien wegen der von der österreichischen Regierung geforderten ungleich­artigen Herabsetzung des (Kontingente bisher resultatlos ge­blieben, er hoffe aber, daß man im Laufe des Sommers zu einer Vereinbarung gelangen werde, um in der Herbstsession einen Gesetzentwurf vorlegen zu können, welcher der ungarischen Spiritusindustrie zum Vortheil gereiche. (Lebhafte Zustimm­ung.) Die Antwort wurde zur Kenntniß genommen.

Wie aus St. Petersburg gemeldet wird, schenkt die dortige Presse der Frage einer bevorstehenden Verständigung zwischen Rußland und Deutschland ein ganz besonderes In­teresse. Im Allgemeinen wird als die Ursache dieser Frage die beabsichtigte Reise des deutschen Kaisers zu den Herbst- manövern der russischen Armee bezeichnet, doch sei, wie die Nowoje Wremja" hervorhebt, von diesem Besuche von dem Fortbestehen der guten Beziehungen, wo dem Frieden augen­scheinlich von keiner Seite eine Gefahr drohe, noch ein weiter Schritt bis zu einer Veränderung der auswärtigen Politik Rußlands. Diese Politik derfreien Hand" schließe jeden Gedanken an eine Annäherung aus, wenigstens in dem Sinne, in welchem dieses Wort jetzt allgemein gebraucht würde. Rußland wünsche mit Allen in Frieden zu leben und thue Alles , was in seinen Kräften stehe, um den Beziehungen Rußlands zu den übrigen Mächten den besten Charakter zu verleihen.

Zwei Thatsachen haben sich in den letzten Wochen bei den Franzosen immer stärker herausgestellt: eine Kräftigung der inneren Verhältnisse, ein Nachlassen des kriegerischen Geschreies nach Revanche. Einem so unberechenbaren Volke wie den Franzosen gegenüber wird Niemand einer Stimmung, auch wenn sie dem Anscheine nach das Uebergewicht gewonnen hat, längere Dauer versprechen und Hoffnungen darauf bauen, immerhin darf man den Wunsch nach einer Stetigkeit der Zustände, der sich so lebhaft und unzweideutig in der französischen Nation ausspricht, als ein Symptom der Be­ruhigung, wenn auch nicht des gesicherten Friedens betrachten.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 1. Juni. Die heutige wegen des Bismarck­denkmals aus den drei Provinzen berufene zahlreiche Ver­sammlung beauftragte die Herren Baron Heyl- Worms, Geheimrath Michel-Mainz, Gras Oriola-Büdesheim (Ober­hessen), Dr. Osann - Darmstadt zur Bildung von Landes­ausschüssen durch Zuwahl und von Unterausschüssen nach den Reichstagswahlkreisen.

Neueste Nachrichten.

WolfsS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 2. Juni. DerReichsanzeiger" meldet: Die Besserung im Befinden des Kaisers schreitet in ersreulichster Weise fort. Gestern Nachmittag machte der Kaiser die erste Ausfahrt.»

Berlin, 2. Juni. Die Kaiserin wohnte Morgens halb 10 Uhr der Grundsteinlegung der Elisabethengemeinde- Kirche bei. Sie wurde am Humboldthain von Probst Brückner, v. Levetzow, v. Forckenbeck und Stryck empfangen. Nach dem Gesänge und der Verlesung der Urkunde vollzog die Kaiserin die drei Hammerschläge. Ihr folgten der Minister v. Goßler, die kirchlichen und städtischen Spitzen der Behörden. Die Kaiserin wurde überall enthusiastisch begrüßt.

Berlin, 2.Juni. Das kaiserliche Paar beabsichtigt nunmehr am 5. Juni nach Pasewalk zu reisen.

Morgen sind die hier weilenden Bevollmäch­tigten des Bundes raths zur kaiserlichen Tafel geladen.

Gestern starb der Geheime Finanzrath Liba, Mit­glied der Hauptverwaltung der Staatsschulden.

Berlin, 2. Juni. In der gestrigen Vorversammlung der Vertreter deutscher Innungs-Handwerker-Ver­bände, sowie der Jnnungsausschüsse vereinigter Innungen, welche von ca. 350 Delegirten besucht war, wurde eine Immediateingabe an den Kaiser, betr. die gegen­wärtige Lage des deutschen Handwerks, einer 15gliederlgen Commission zur Prüfung überwiesen.

Die heutige Versammlung der Vertreter deut­scher Jnnungs- und Handwerkerverbände wurde vom Vorsitzenden Faster mit einem Hoch aus den Kaiser eröffnet. Geheimer Oberregierungsrath Sieffert übermittelt den Ausdruck sympathischer Gesinnung gegenüber dem Hand­werk und Wünsche auf guten Erfolg der Verhandlungen von Seiten seines am Erscheinen verhinderten Chefs, des Herrn v. Berlepsch. Syndicus Eberty spricht ähnlich im Namen des Magistrats und der städtischen Gemeindedeputation. Zahl­reiche Telegramme trafen ein.

Berlin, 2. Juni. Der Congreß der deutschen Jnnungs- Handwerker-Verbände nahm einstimmig die Forderung des Besähigungsnachweises an. Er beschloß ferner Petitionen an den Reichstag, betreffnnd die Ablehnung des § 72 der Gewerbegerichtsvorlage bezüglich der Competenz der Jnnungs- schiedsgerichte, sowie Abänderung des Krankenversicherungs­gesetzes behuss Erleichterung der Bildung von Jnnungsgesellen- Krankenkassen und Verbandskrankenkassen für Meister, Gesellen und Lehrlinge. Die Versammlung sprach sich weiter für die Einführung obligatorischer Arbeitsbücher aus und beschloß eine Resolution wegen osficieller Feststellung aller gesetz­widrigen Vorkommnisse bei Strikes behufs Gewinnung des für den selbstständigen Handwerker unentbehrlichen Materials. Ein Telegramm des Handelsministers theilte mit, daß der Kaiser eine Deputation aus vier Berliner und vier aus­wärtigen Mitgliedern der Jnnungsverbände morgen Mittag 123/4 Uhr im Neuen Palais empfangen werde zwecks Ent­gegennahme der Immediateingabe. Der Congreß beschloß ferner eine Petition an den Reichstag wegen Einschränkung des Hausirhandels, übertrug den leitenden Innungs-Aus­schüssen die vorbereitenden Schritte betreffs Stellungnahme gegenüber den Consumvereinen und bezüglich der Schutz­maßregeln gegen schwindelhafte Bauunternehmer. Die Ver­handlungen werden morgen fortgesetzt.

Königsberg i. Pr., 2. Juni. Heute brach hier ein all­gemeiner Strike der Böttchergesellen aus.

Wien. 2. Juni. Berliner Berichte derPolit. Corr." versichern, daß amtliche Aeußerungen der deutschen Regierung anläßlich jüngst erschienener Broschüren nicht zu erwarten seien, indem es für die Mächte des Friedensbundes über jeden Zweifel erhaben feststehe, daß die Voraussetzungen des Bundes unverändert seien, und soweit der unverkennbare Zweck der Broschüren, Mißtrauen zwischen den verbündeten Mächten zu erwecken, sicher nicht erreicht werde.

Wien, 2.Juni. Die Dachdeckergehilsen beschlossen für morgen die Einstellung der Arbeit,- sie verlangen zehn­stündigen Arbeitstag und Lohnerhöhung.