Ausgabe 
4.5.1890 Drittes Blatt
 
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Nr. 103. Drittes Blatt.

Sonntag den 4. Mai

1890

Zießener Anzeiger

Kenerat-Unzeiger.

Die Gießener

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Der

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! Hr-ti-S-il-g-7Hßn,-r Kamili-nSM-r.

Derrtsches Reich.

nn. Darmstadt, 2. Mai. Zweite Kammer der Stände. Nach Verkündigung einer Reihe neuer Einläufe und einer Interpellation des Abg. Lautz über die Gesängnißarbeit gegenüber dem freien Handwerk, setzt das Haus heute die Berathungen über die Nebenbahnvorlagen und zwar der­jenigen von Rheinhessen, fort. Zur Berathung steht zunächst die von der Regierung vorgeschlagene Linie von Worms nach Nieder-Olm.

Abg. Stefan spricht in scharfer Weise sich dafür aus, daß man beim Bau dieser Bahn unbedingt auch Osthofen berücksichtigen müsse und nicht, wie vom Ausschuß vorgeschlagen, die Bahn von Worms über Herrnsheim, Abenheim und Bodenheim führen möge. Osthofen besitze eine Reihe großer Fabriken und ausgedehnte Geschäfte mit bedeutender Arbeiter- Bevölkerung, welche mit Ungeduld auf einen geeigneten Ver­kehrsweg mit anderen Orten rechneten. Nach allem, was aber bis jetzt geschehen, sei es anzunehmen, daß man in Worms daran denke, Osthofen seinen Verkehr zu entziehen und nach Worms zu lenken.

Abg. Reinhardt erwidert, die Provinz Rheinhessen sei wohl diejenige von der Natur am meisten begünstigte, und mit der größten Einwohnerzahl gegenüber anderer Pro­vinzen. Sie trage aber auch hinsichtlich ihrer Steuern am meisten zu den Gesammtlasten des Staates bei. Er hoffe, daß auch Rheinhessen Seitens des Hanfes einer gewissen Be­rücksichtigung bei Herstellung der Nebenbahnen sicher sein dürfe. Wenn man das Alles betrachte, werde man finden, daß Rheinhessen nicht zurückgeblieben sei, sondern an der Spitze marschire, wo es gelte für das Staatsintercsse einzutreten.

Die vom Ausschuß vorgeschlagene Linie durchschneide den Garten von Rheinhessen und trage allen berechtigten Wünschen in vollstem Maße Rechnung und empfehle er die Annahme derselben. Die von der Minderheit vorgeschlageue Stichbahn über Gundheim nach Worms entspreche nicht dem social­politischen Zweck, welchen man an eine Nebenbahn stellen müsse.

Die Minderheit des Ausschusses befinde sich im Wider­spruch nut den Wünschen Großh. Regierung. Auch wider­spricht er der Ansicht des Abg. Stefan, daß man Ost­hofen durch Entziehung seines Verkehrs schädigen wolle.

Abg. Wolfs kehl betont, daß die Ausschuß-Minderheit gerade dadurch die Interessen der Arbeiter- und Landbevölke­rung gewahrt glaubte, daß sie dem Hause die Linie Worms- Abenheim-Gundheim vorschlug. Er empfiehlt dem Minder- heitsantrag zuzustimmen, weil er glaube, daß dann auf diese Weise alle Interessen gewahrt worden seien.

Minist.-Präsident Weber erklärt, die Regierung müsse unbedingt an ihrem Project festhalten, wenn sie auch nicht verkeUne, daß die Interessen Osthofens nicht in dem Maße bedacht worden seien, wie es vielleicht gewünscht worden. Die Regierung müsse aber auch nochmals den Wunscl) aus- drücken, daß man sich auf die vorgelcgten Projecte beschränken möge. Für weitergehende Vorlagen reichten nicht die Ar­beitskräfte und auch die Finanzkräste des Landes würden in zu starkem Maße in Anspruch genommen. Er möchte noch warnen, ins Blaue hinein Summen zu bewilligen, von denen man keinen Nutzen erwarten könne für das Land.

Staatsminister Finger betont, daß es selbstverständlich Ausgabe der Regierung sei, alle Interessen des Landes wahr­zunehmen, soweit es möglich sei. Die Regierung erwärme sich weder für Worms noch für Osthofen, auch sei nichts geschehen, um Worms zu begünstigen oder Osthosen zu schaden. Bei dem Regierungsproject sei man von der Ansicht ausgegangen, durch die Benutzung der Hauptstraße das Rich­tige getroffen zu haben. Er sage, wenn man eine so bedeu­tende Linie herstelle, so müsse man sie so bauen, daß man sie auch gebrauchen könne.

Abgeord. Schröder spricht sich für den Antrag der Majorität des Ausschusses aus, hält für die Strecke Worms- Westhosen-Heßloch an der Regierungsvorlage fest, weil hier eine directc Verbindung dieses Theils von Rheinhessen mit Worms und seinem Hasen herbeigeführt werde. Die von der Minderheit vorgeschlagene Stichbahn Worms-Herrnsheim- Abenheim biete hierfür keinen Ersatz. Auch die Befürchtung Osthofens, vom Verkehr abgeschnitten zu werden, hält der­selbe nicht für ernst. Osthofen bleibe ja verbunden mit der nach Westhofen gehenden Nebenbahn.

Nachdem noch die Abgg. Wolfskehl, Stefan, P sann stiel und Ministeppräsident Weber sich theils für die Regierungsvorlage, theils für den Antrag der Ausschuß- Mehr- und Minderheit ausgesprochen, genehmigt die Kammer die Linie Worms über Abenheim, Gundheim, Westhosen nach Obernheim und weiter über Hahnheim nach Bodenheim mit

27 Stimmen- ferner den Antrag Stefan: Abzweigung von Osthofen nach Bechtheim-Heßloch, einstimmig ferner die Nebenbahnen Osthofen, Rheindürkheim, Friesenheim, Köngern­heim nach Oppenheim-Nierstein- Alzey nach Odernheim. Von Wöllstein-Neu-Bamberg und von Flonheim nach Wendels­heim ohne Debatte.

Locales unö provinzielles.

Friedberg. Außen und innen am hiesigen Schlosse wird mit Hochdruck gearbeitet, damit alle Reparaturen fertig werden. Se. König!. Hoheit der Großherzog und höchstdesien Familie werden am "10. oder 12. Mai zu einem mehrwöchigen Aufenthalte hier erwartet, um die Badekur in Bad-Nauheim zu gebrauchen.

.Heldenbergen. Am 28. April sand dahier das fünfzig­jährige Priesterjubiläum des Decans Brentano statt. Am vorausgehenden Nachmittage wurden ihm die zahlreichen Fest­geschenke überreicht. Auch Abgesandte der evang. und israel. Schule fanden sich als Gratulanten ein. Am Abende des Vorfestes brachte man dem Jubilar einen wahrhaft imposanten Lampionzug - Turner- und Kriegerverein, drei Gesangvereine, Comite und der größte Theil der Gemeinde nebst vielen Besuchern der Nachbarschaft betheiligten sich daran. Die Gesangvereine, die Musikcapelle und die Schulkinder trugen geeignete Musikstücke vor, der Bürgermeister hielt eine An­sprache und der Gefeierte dankte. Böllerlösungen und Feuer­werk erhöhten die festliche Stimmung. Am andern Morgen eröffneten Glockengeläute und Böllerschüsse den Hauptsesttag, vom Kirckthurme ertönte ein Choral der Capellmusik über den festlich beflaggten Marktflecken. Gegen 10 Uhr kündeten Böller das Erscheinen der Kreisbehörde an, vertreten durch Kreisrath Dr. Braden, Amtmann Wallau und Schulrath Schmidt. Bald darauf begann das feierliche Hochamt. Das reich geschmückte Gotteshaus, die Anwesenheit von circa 45 Geistlichen, die herzliche, die hohe Würde des Priester­standes schildernde Festpredigt, gehalten von einem Vertreter des Mainzer Domcapitels, wie auch die der Feier ange­messenen Musikstücke der Capelle trugen zur Erhöhung der­selben wesentlich bei. Um 1 Uhr begann das Festbanket. An der Mahlzeit nahmen 111 Personen Theil.

N. Nidda, 1. Mai. Zu Ehren des Herrn Pfarrer- Eckstein, welcher unsere Stadt, in der er so lange Jahre segensreich wirkte, in Kürze verlassen wird, findet am Montag den 5. Mai eine gesellige Vereinigung imGam- brinus" statt.

Alsfeld, 30. April. Se.Durchlaucht Für st Bismarck hat in Erwiderung der ihm gelegentlich seines 75. Geburts­tages übersandten Glückwunschadresse ein Dankschreiben, z. H. des Großh. Kreisschnlinspectors Müller, hierher geschickt, das nachstehend zur Kenntniß sämmtlicher Interessenten ge­bracht wird:

Friedrichsruh, 13. April 1890.

Für die Glückwünsche zu meinem Geburtstage sage ich Ihnen und den anderen Herren Unterzeichnern, die meiner freundlich gedacht haben, meinen verbind­lichsten Dank. v. Bismarck.

Vermischtes.

*= Frankfurt a. M., 2. Mai. Der 1. Mai ist auch in seinem zweiten Theile völlig ruhig verlaufen. Weder Nachmittag noch Nackt brachten irgendwelche Ruhestörungen. Am Nachmittag zogen gegen 2000 feiernde Arbeiter nach Neu-Asenburg, wo in vier reservirt gehaltenen Gärten ein ver­gnügtes Treiben begann. Die aufgebotene berittene und unberittene Schutzmannschaft fand keinerlei Anlaß zum Ein­schreiten, in größter Ruhe und Ordnung vollzog sich alles. Am Abend fanden zahlreiche Versammlungen statt, in denen Resolutionen zu Gunsten des Achtstnnden - Arbeitstages ge­faßt wurden. Die Buchdrucker tagten imGrünen Wald." Die Steinmetzen und Marmorarbeiter hgtten gleichfalls eine Versammlung einberusen, welche die Forderung des Achtstundentages ausstellte. Die Buchbinder und Portefeuiller erklärten sich mit den Beschlüssen des Pariser Congresses ein­verstanden und erkennen in der Dnrchsührung eines gesetzlich bestimmten Maximal-Arbeitstages den besten Weg zur Hebung der zerrütteten Lage der arbeitenden Klassen. Auch andere Berussgenossenschaften hatten Versammlungen veranstaltet, die alle ohne Ausnahme in Ruhe und Ordnung verliefen. Der gefürchtete 1. Mai hat somit für Frankfurt keinerlei Auf­regung gebracht.

* Frankfurt a. M, 2. Mai. In der benachbarten Fabrikstadt Höchst am Main kamen gestern Abend große Tumulte vor. Unter den Arbeitermassen kam es in einer

Wirthschaft zuEzcessen: von hier aus durchzogen sie lärmend die Straßen, wo berittene und Fußgensdarmerie die Tumul­tuanten vertrieben. Sämmtliche Wirthschaften wurden ge­schlossen und viele Verhaftungen vorgenommen.

* Marburg, 2. Mai. Die gesammte Gensdarmerie wurde neuerdings mit Revolvern und neuen Gewehren ausgerüstet.

* Wiesbaden, 30. April. Exkaiserin Eugenie weilt seit heute in unseren Mauern. Mit dem gewöhnlichen Personenzuge, der 5 Uhr 54 Min. aus Coblenz auf dem hiesigen Rheinbahnhof anlangt, war dieselbe in einem Coups 1. Klasse hierher gekommen. Begleitet war sie von einer Gesellschaftsdame. Auf dem Bahnhofe erwartete sie ein Fräulein aus ihrem Gefolge, ein Courier und ein Vertreter desRheinhotels", in dem die Kaiserin zum Curgebrauch bei Herrn Dr. Mezger Wohnung nahm. Die Kaiserin benutzte keinen Wagen, sondern ging zu Fuß, gestützt auf einen ein­fachen Krückenstock, der ihr auch beim Aussteigen aus dem Eisenbahnzuge gute Dienste geleistet hatte. Außerdem mußten ihr dabei noch zwei Diener behülflich sein. Die Kleidung der ehemaligen Beherrscherin der Mode war die denkbar einfachste. Ein schwarzer Strohhut bedeckte den greis werdenden Kopf und ein dunkler, langer Radmantel umhüllte den schlanken Körper. Als die Kaiserin das letzte Mal hier war, saß ihr Gemahl noch auf Frankreichs Throne, gefürchtet von der halben Welt. Heute zog sie hier ein, ungekannt, als viel­geprüfte, leidende und verwaiste Frau. F. G.-A.

Lotterie für die Ht. Iosephskirche in Main;.

Obgleich der Loose - Absatz für die am 1. Mai d. I. bestimmte Ziehung ein sehr flotter war und der Generalagent nur ein noch kleines Quantum Loose im Vorrath hat, ist das Comtlö den Wünschen vieler Loosehändler, welche noch nicht ausverkaust haben, entgegengekommen und hat die Ziehung verlegt.

Der neue Termin ist nun definitiv zrrm 1« Juli I. festgesetzt. (Näheres in heutiger Annonce.)

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Verkehr, Land- und Volkswirthfchaft.

Gießen, 3. Mat. (Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter pr. Pfd. 0,951,05, Hühnereier 1 St. 5, 2 St. 9- H, Enteneier 1 St. 5 H, 2 St. Gänseeier 9-10, H, Käse pr. St. 47 H, Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 18 H, Linsen pr. Liter 28 Tauben pr. Paar jt 0,600,80, Hühner pr. Stück A 1,3011>0, Hahnen pr. St. JL 1,501,80, Enten pr. Stück A 2,002,30, Gänse pr. Pfd. 5060 H, Ochsenfletsch pr. Pfd. 6872 H, Kuh- und Rindfleisch 6062 Schweinefleisch 6070 H, Hammelfleisch 5668 H, Kalb­fleisch 5260 Kartoffeln pr. 100 Kilo A 3,404,20, Weißkraut vr. St. 6-8 H, Zwiebeln per Centner A 12,0000,00, Milch per Liter 12-18 H.