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Pflicht zu sein.
„Also „Das Erwachen der Natur" heißt das Meisterwerk, wo kann man es bekommen? Ist es schon gedruckt?" „SD, so weit sind wir noch lange nicht, gnädige Frau, wenn Sie sich der Sache annehmen, jo wird eine Auf-
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Mruch bitte, zeichne
Glaubt er vielleicht, daß sie zu der zweiten Categorie seiner Leute gehöre? Und wenn es nun der Fall gewesen wäre, was war schließlich dabei? Das Mitleid war keine Pflicht! Aber Herr Sander machte einen durchaus netten, freundlichen, bescheidenen Eindruck, und als Frau Claasen dann wieder an Herrn Schmalmann dachte, so schien ihr doch das Mitleid
Sonne. Schlag dreiviertel zwölf Uhr wollte er da sein jetzt ist es bereits drei Minuten darüber." „Deine Uhr geht vor."
„Sei still, Traudchen, sie soll vorgehen und Reinhold da sein. Es ist immer besser, man kommt eine Stunde
thue, ja, Vater."
möchte ich fast behaupten, daß ich schon manche
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Frau, daß es eine Verschwörung ist, nun, so soll es hin eine sein. Ich habe nichts dagegen."
„Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Sander, bei Zielen bin ich Ihre Mitverschworene und freue mich, Mitarbeiter gesunden zu haben."
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Der Mann ohne Kopf.
Novelle von Woldemar Urban.
(Fortsetzung.)
Wenn ich gerade das Gegentheil gethan habe,
Frau, so ist es in der Erwägung geschehen, daß Herr Schmalmann gerade bei seiner eigenthümlichen Anlage auch ein erquickendes Glück in der Bethätigung seiner Talente empfindet, das ihn wieder ausrichtet, wo ihn das Leben darniederschlägt. In den kleinen, schwarzen Punkten, die seine Gedanken aus dem Papier verkörpern, entsteht und lebt für ihn eine neue Welt, in der er glücklich, sorglos, heiter wie ein Kind wird. Dazu kommt, daß ich als Musiker glaube, daß Herr Schmalmann nicht geradezu Werthloses oder Unnützes schafft, und in dieser Hoffnung, Frau Commerzienräthin, habe ich geglaubt, ihn zu einer neuen Arbeit ermuthigen zu sollen."
„Mein Gott, aber das sind ja Talente, die ich in Herrn Schmalmann am allerwenigsten gesucht hätte. Wie kommt es denn, daß er in seinem langen Leben nicht ein einziges Mal einen Gönner seiner Muse gesunden hat?"
„Ich weiß nicht, gnädige Frau, ob Sie mich verstehen werden, wenn ich sage: er schämt sich ihrer. Herr Schmalmann — Sie kennen ja seinen Spitznamen — würde vermutlich lieber mit der Spitzhacke und mit der Schaufel sein tägliches Brod verdienen wollen, als mit dem, was ihm sein Herz zu thun eingibt. Wenn Sie mit ihm von seiner musikalischen Begabung reden, wird er roth und verlegen wie ein Kind und ist auch unbeholfen wie ein solches. Trotzdem ist er außerordentlich stolz auf seine Producte und nimmt- als selbstverständlich an, daß Niemand in der großen Gotteswelt in der Lage ist, sie richtig zu würdigen — kurz, er ist das .schnurgerade Gegentheil von dem, was man praktisch nennt."
„Aber man sollte doch nicht versäumen, ihm in irgend einer Weise zu Hilfe zu kommen und da Sie, Herr Sander, sich so eingehend mit unserem Freunde beschäftigt haben, so werden Sie gewiß auch in der Lage sein, Andeutungen in dieser Hinsicht machen zu können."
„Gnädige Frau, wer helfen will, wird wohl auch immer die richtige Art und Weise finden. Das Wollen ist die Hauptsache. In vielen Fällen, wie auch hier, ist es nicht mit Geld und Gut gethan; da muß der Mensch zum Menschen sprechen und so werden Sie bei Herrn Schmalmann mit einem Wort der Theilnahme, des Interesses, der Aufmunterung mehr erreichen, als mit der Gewährung' von Hilfsmitteln, deren Anwendung er nicht versteht. Spielen Sie auf dem Pianoforte eine Composition, sein „Erwachen der Natur", so werden Sie seinem Herzen unendlich wohler thun als durch Hausen Goldes. Sie können ihn zufrieden, glücklich machen durch ein nichts, durch einen Hauch, durch eine Regung des Herzens, das — leider — jetzt so wenig zu Worte kommt. Ich versichere Sie, gnädige Frau, es gibt in der Welt eine so große Anzahl von — Leuten ohne Köpfe, einer in dieser, einer in jener Hinsicht, aber es gibt noch viel, viel mehr Leute ohne Herzen und — nach meiner bescheidenen Meinung — sind die ersteren doch noch immer besser daran."
Frau Claasen sah den jungen Mann in einer besonderen Weise an. 'Wie kam er dazu, ihr solche Sentenzen zu machen?
IV.
Es war etwa sechs Wochen später an einem prächtigen Frühlingssonntag; Herr Schmalmann ging mit heftigen Schritten in seiner Wohnstube auf und ab, wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig.
„Ist er noch nicht da, Traudchen?" fragte er zum sechsten oder achten Male laut, daß es bis in die Küche schallte, wo Traudchen ein einfaches Mahl zurecht machte.
„Nein, Vater, glaubst Du, ich würde ihn Dir verleugnen?"
„Ich kann Dir versichern, Traudchen, Reinhold ist der saumseligste Mensch, der seit Erschaffung der Welt da war. Die Musiker werden ihre Stimmen zu spät erhalten. Ist dann ein Druckfehler darin, so werfen sie mir die ganze Symphonie um. Gott im Himmel, das wäre schrecklich."
„Beruhige Dich nur, Vater, es wird kein Fehler darin sein. Reinhold sorgt für alles."
„Ja, ja! Ich kann es nicht anders sagen- er ist ein braver, kreuzbraver Mensch. Und er hat auch Sinn und Talent für sein Fach. Er hat mit Kennerblick vorhergesagt, daß das Violinsolo im Dreivierteltact sich vorzüglich machen würde, und er hat recht, Traudchen, vollständig recht. Es macht sich in der That vorzüglich."
„Er ist so gut —"
„Ist er noch immer nicht da? Sei still, Traudchen, ich weiß, was ich weiß. Er ist der unzuverlässigste Mensch unter
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13. d- M-, M- ui statt. 8180
mir als Musiker zur Hand gehen und . meine Bemühungen unterstützen, Herr Sander, wollen Sie?"
„Ich wünsche nichts sehnlicher, gnädige Frau," sagte der junge Mann hastig und aufgeregt, so daß Frau Claasen ihn nochmals, diesmal aber etwas überrascht, ansah.
„Sie scheinen ja außerordentlichen Antheil an Herrn Schmalmann zu nehmen. Das ist doch wohl nicht nur Interesse an der Kunst —"
Herr Sander wurde feuerroth und stammelte: „Gnädige Frau, Fräulein Traudchen Schmalmann hat mir Hoffnung gegeben . ."
„Ah, ah, sieh da! Das wird ja schließlich gar interessant! Aus solchen Keimen schießt also Ihre Theilnahme für Herrn Schmalmann?"
Der junge Mann wurde immer verlegener, wußte nicht, was er erwidern sollte, und studirte mit einer verdächtigen Aufmerksamkeit das Teppichmuster im Zimmer der Frau Commerzienräthin.
„Nun, nun, Herr Sander," sagte Frau Claasen, die sich an der Verwirrung des jungen Musikers weidete, „weßhalb da erröthen? Wir haben alle eine Sonne, die unsere guten Keime nährt und entwickelt, warum sollte es Ihre Sonne nicht auch sein? Warum wollen Sie über eine Liebe erröthen, wenn sie so hübsche Triebe zeitigt?"
„Gnädige Frau, halten Sie mich deßhalb nicht für egoistischer als ich bin. Wenn ich ihn seiner schleichenden Versunkenheit, seiner griesgrämlichen Grübelei, seiner dämmernden Verzweiflung an Gott und Menschen entreißen und dem Leben, der frohen und frischen Arbeit zurückgewinnen will, ist das schlimmer für ihn, weil ich mir dabei Traudchen zu erreichen hoffe? Gnädige Frau, wir lieben uns schon so lauge und so innig . ."
„Ah! Also eine förmliche Verschwörung!"
„Wenn Sie so wollen, ja. Herr Schmalmann glaubt in Folge seiner bisherigen, allerdings traurigen Schicksale annehmen zu müssen, daß er, wenn wir uns heirathen, in der Welt ganz allein, elend und trostlos im Alter dastehen wird. Es ist also unsere Aufgabe, ihm den entschwundenen Glauben an die Menschen, an unsere Liebe und an die Liebe untereinander wieder zurückzugewinnen. Wenn Sie glauben, gnädige
Halsbinde gesehen habe, die besser saß als die meine."
„Du mußt die weiße umbinden, Vater."
Reinhold kam und brachte die ersten Drucke der Orchester- stimmen zu „Das Erwachen der Natur" und die dazu gehörige Partitur. Ein glückliches Lächeln flog über die lieben alten Züge des Herrn Schmalmann, als er die Kinder seiner Muse so sauber und correct gedruckt vor sich liegen sah.
(Schluß folgt.)
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zu früh, als eine Minute zu spät."
Herr Schmalmann war zum großen Erstaunen und zur großen Freude seiner Umgebung seit einiger Zeit ein anderer geworden. Alle Müdigkeit, alle Versunkenheit und ängstliche Trauer war verschwunden. Sein Gang war fest und sicher, sein Blick offen und kräftig, feine Bewegungen lebhaft, fein Appetit vorzüglich. In den kleinen beschriebenen und bedruckten Notenblättern war eine Welt für ihn auferstanden, aus der er Zuversicht und Freude, Kraft und Stolz schöpfte. Namentlich heute, wo feine Symphonie „Das Erwachen der Natur" im Stadtgarten vor zahlreichem Publikum von dem Orchester, bei dem Reinhold angestellt war, zur Aufführung gelangen sollte, nahm seine Erregung, seine drollige, fast schalkhafte Poltersucht merkwürdige Dimensionen an. „Unter persönlicher Leitung des Componisten" stand aus dem Programm. Er würde also zum ersten Male öffentlich auftreten, zum ersten Male in feinem Leben.
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„Nun, was in meinen Kräften steht, soll gewiß geschehen, Herru Schmalmann zu einer Aufführung zu verhelfen und hoffe auch, daß es sich machen wird. Aber Sie müssen
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