1890
Rr. 125.
Dienstag den 3. Juni » ------
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Gießener Anzeiger
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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet : Der Kaiser, der gestern ausgestanden war, konnte heute wieder Fußbekleidung anlegen und Gehversuche im Zimmer machen. Anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung Friedrichs des Großen zogen die Wachen in Paradeanzug auf. Alle königlichen Gebäude sind beflaggt. Auf Befehl des Kaisers wurde Nachmittags 3 Uhr im Lustgarten ein Salut von 101 Kanonenschüssen abgefeuert.
Berlin, 1. Juni. Zum 31. Mai, dem Gedenktage der 150 jährigen Thronbesteigung Friedrich des Großen, waren auf Befehl des Kaisers besonders feierliche Anordnungen getroffen worden. Der Eingang zur Gruft Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonkirche war mit prachtvollen Eichenlaubguirlanden decorirt. Aus den Sarkophag selbst hatte der Kaiser einen herrlichen Lorbeerkranz mit. seinen Initialen niederlegen lassen, zu dessen Seiten am 31. Mai von früh 8 bis Abends 8 Uhr zwei große zwölfarmige Kandelaber brannten. Auch das Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin war am 31. Mai prachtvoll geschmückt.
Berlin, 31. Mai. Aus Eisenach geht den Burschenschaftlichen Blättern folgende telegraphische Nachricht zu: Aus dem daselbst in der Pfingstwoche abgehaltenen Allgemeinen Deputirten- Convent der Deutschen Burschen sch asten wurde folgender Beschluß gefaßt: „Das Ehrengericht darf Pistolenmensuren zwischen Studenten nur dann genehmigen, wenn körperliche Gebrechen einen der Paukanten hindern, auf blanke Waffen anzutreten". Angesichts der fortwährenden beklagens- werthen Ausgänge von Pistolenmensuren wird dieser Beschluß der Deutschen Burschenschaft in weiten Kreisen mit Freuden begrüßt werden.
Breslau, 31. Mai. In der Steinkohlengrube Carsten- Centrum, welche täglich circa 10,000 Centner fördert, ist, der „Breslauer Zeitung" zufolge, der Betrieb durch neue Wasserzuflüsse voraussichtlich auf mehrere Wochen unterbrochen. Die Belegschaft, 600 bis 7OO Mann, soll anderweitig beschäftigt werden.
München, 31. Mai. Der Cultusminifter v. Lutz hat aus Gesundheitsrücksichten seine Entlassung erbeten.
Bremen, 31. Mai. Die n o r d d e u t s ch e G e w e r b e- u n d Industrie-Ausstellung wurde in Gegenwart der Civil- und Militärbehörden, der Admirale Paschen und Pawels mit einer Festrede des Vorsitzenden Papendieck eröffnet. Redner dankte dem Kaiser für die großartige Betheiligung der kaiserlichen Marine an der Ausstellung, sowie allen anderen Betheiligten. Nach dem Vorsitzenden sprachen Benningsen Namens
Hannover und Oberkammerherr Alten Namen des Großherzogs von Oldenburg. Sodann crsolgte der Rundgang durch die Ausstellung, welche ein Terrain von 375000 Quadratmeter umfaßt.
Ausland.
Wien, 31. Mai. Dem heutigen Leichenbegängniß des früheren Statthalters, Feldzeugmeisters und Cavallerie-Gene- rals Freiherrn v. Koller im nahen Baden wohnten der Kaiser, die Erzherzöge, mehrere Erzherzoginnen, der Herzog und der Erbprinz von Nassau, sowie der deutsche Militär-Attache bei. Kaiser Franz Joseph ließ der Wittwe und den Kindern des Verstorbenen durch einen Generaladjutanten schriftlich sein Beileid ausdrücken.
Paris, 31. Mai. Der ehemalige Botschafter in Berlin, Goutaut Biron, ist schwer erkrankt- sein Zustand soll hoffnungslos sein.
Paris, 31. Mai. Die Negierung beschloß, im Princip den Entwurs betr. die Beschränkung des Arbeitstages für Arbeiter fertigzustellen. Ueber die Einzelheiten des Entwurfs wird demnächst beschlossen.
Petersburg, 31. Mai. Im Beisein des Kaisers und des Prinzen von Neapel fand heute der Stapellaus der kaiserlichen Dacht „Poljarnja Swesda" und des Panzerkanonenbootes „Grosjäschtschi", sowie die Kiellegung für das Panzerschiff „Navarjen" und den Panzerkreuzer „Rjuril" statt. — Der Kronprinz von Italien reist statt am Donnerstag erst am Samstag von hier ab und zwar direct nach Berlin und nicht über Warschau.
Bukarest, 31. Mai. Die Kammer nahm das Gesetz betreffend die Justizorganisation mit 86 gegen 36 Stimmen an.-—Der König empfing in Audienz beit Grafen C«rfo^ Commandanten des französischen Kriegsschiffs „Le Petrel".
Sofia, 31. Mai. Die Mutter des Fürsten, Herzogin Clementine, reiste gestern nach Wien ab.
Belgrad, 31. Mai. König Alexander ist in Begleitung Milans, der Regenten Ristic und Portic, der Minister Gruic, Gjaja und Tauschanowic nach Schabatz zur Obrenowitschfeier abgereist, wohin der Metropolit sich bereits früher begab.
— Einem hiesigen Blatte zufolge bestätigte der Cassationshof die Entscheidung der ersten Instanz, wonach kein Anlaß zur strasgerichtlichen Verfolgung Garaschanins vorliege.
San Francisco, 31. Mai. Ein Eisenbahnzug von Oakland nach San Francisco fuhr in eine geöffnete Zugbrücke
in Webster Streer. Die Locomotive, der Tender und der erste Waggon stürzten ins Wasser. Dreizehn Leichen sind bereits ausgefunden worden.
Buenos'Ayres, 31. Mai. Der Congreß der Argentinischen Republik nahm das Gesetz, wonach die Abgaben und Zölle zur Hälfte in Gold zu leisten sind, an.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 1. Juni. Seit 101/4 Uhr brennt das große Königl. Fouragemagazin in der Magazinstraße. Das Gebäude gilt ftir verloren. i
Coburg, 1. Juni. Der Hevzog hat heute dem Rechtsanwalt Harmening in Jena den Rest der Gefängnißstrafe von drei Monaten erlassen.
Wien, 1. Juni. Der Minister des Innern hat das am 28. Mai v. I. für das „Berliner Tageblatt" erlassene Verbot des Postdebits ausgehoben.
London, l.Juni. Nach einer Meldung des Reuter'schen Bureaus aus Lissabon kam es am Seegestade bei Povoa do Varzin zwischen Fischern und Zollbeamten, welche die ersteren an der Ladung von Contrebande zu hindern suchten, zu einem Kampfe, in dem ein Zollbeamter und sechs Fischer getödtet wurden und zahlreiche Verwundungen vorkamen. Berittene und unberittene Zollbeamte sind inzwischen als Verstärkung dort eingetroffen.
Sofia, 1. Juni. Wie die „Agence Balcanique" meldet, hat die bulgarische Regierung auf eine Anfrage Serbiens in Betreff der Truppenbewegung in der Nähe von Widdin beruhigende Erklärungen abgegeben. Di^e erwähnte Truppenbewegung sei einzig und allein durch die jährlich startfindenden Uebungen veranlaßt.
— Die in demPanitza-Proceß Verurtheilten werden beim Cassationshofe Berufung einlegen.,
Bukarest, 1.‘ Juni. Die Deputirtenkammer hat die Gesetzentwürfe über die Abänderungen des Nationalbankgesetzes, betreffend die Höhe der Metallbedeckung, die Auszahlung der Noten in Gold und die Aufhebung der Zwanzig-Francs-Noten angenommen.
— Der Senat hat für die Berathung des von der Deputirtenkammer votirten Gesetzentwurfs, betr. die Organisation der Magistratur, die Dringlichkeit beschlossen.
Feuilleton.
Aus guten Kreisen.
Zeitbild von M. Laue.
(Schluß.)
„Liebste Toni!" — sie flötets mit bewegter Stimme und breitet ihre Arme aus, bereit, die junge Braut an ihre Brust zu drücken — „liebste Toni, wie haben wir uns alle über Deine Verlobung gefreut. Von ganzem Herzen gratu- lire ich Dir, bin ich doch immer wie Deine zweite Mutter gewesen und war es doch längst mein Wunsch, Dich bald als glückliche Braut an mein Herz nehmen zu können, das so warm für Dich schlägt. Und jetzt dars ich es ja gestehen, ganz im Geheimen spielte Doctor N. schon längst eine Nolle in meinen Wünschen für Dein Glück, in meinen Träumen für Deine Zukunft. Wüßte ich doch auch sonst Keinen, dem ich diese Perle gönnen mochte! Wie sich das nun wirklich so wunderbar gefügt hat!"
Nachdem sie die Braut wiederholt und innig geküßt, drückt sie dem Bräutigam die Hand, so herzhaft, daß er fast hätte aufschreien mögen.
„Lieber Herr Doctor, nehmen auch Sie meinen innigsten Glückwunsch, ja, ja, ich ahnte es, als wir uns diese Nacht trennten, was die Glocke geschlagen, daß meine Hoffnung sich realisirt hatte!"
Und wie sie sich nun alle an diese überschwengliche Gratulation anschließen, mit Händedruck und herzlichem Wort und süßestem Lächeln, die hagere Emilia, die geschminkte Julia und die zierliche Amanda, die heute so auffallend bleich ausschaut- nun, nicht jede verträgt auch das Schwärmen so gut wie die rosige kleine Braut, der man es nicht ansieht, daß sie bis an den anbrechenden Morgen getanzt hat.
Nachmittags gehen die Töchter spazieren, um sich nach „den Fatiguen der gestrigen Soiree" zu ersrischen. Die
gnädige Frau hat sich soeben von ihrer Siesta erhoben, als Frau Hauptmann A. erscheint.
„Was sagen Sie denn zu dieser Verlobung, Frau Majorin, die alle Gemüther erregt? Man ist so sehr dadurch überrascht!"
„Ueberrascht? Das bin ich gar nicht, ich wußte es längst, d. h. ich habe es kommen sehen, ich habe diese Liebe unter meinen Augen, in meinem Salon entstehen sehen, ich habe sie mit Entzücken durch alle ihre Stadien begleitet- war es doch mein innigster Wunsch — ja, Ihnen, liebe Freundin, will ichs im Vertrauen gestehen — mein Plan, aus Doctor N. und Toni I. ein Paar zu machen, ein Plan, der so wunderbar, so ohne alle Hindernisse geglückt ist. Toni, als Amandas Freundin, als mutterlos, steht mir ja nahe wie eine Tochter, und als ich Doctor N. kennen lernte, als er mir so gefiel, und ich deß inne wurde, wie gut er für sie paßte, da war mein Entschluß fertig. Wie ich mich freue! Wie gern lasse ich mir die Neckereien meines lieben Mannes über '„Kuppeln" und „Heirathenstiften" gesallen angesichts dieses glückstrahlenden Brautpaares."
„Aber," sagte die Frau Hauptmann mit einem verblüfften Gesicht, stockend, „man dachte — Doctor N. worein so häufiger Gast bei Ihnen — Ihre Amanda —"
I „Ach so, das amüsirt mich, da sieht man, wie die Welt ist, aber diesmal ist sie doch gründlich dupirt und ich stehe über der Situation. Allerdings war Doctor N. häufig bei uns geladen, und natürlich, die Toni war auch da! — Unsere Amanda ist sehr wählerisch und, ganz unter uns, bitte, machen Sie keinen Gebrauch davon, wenn sie hätte heirathen wollen, hätte ich sie schon längst nicht mehr zu Hause. Das steckt nun einmal in meinen Töchtern. Ach, welche annehmbare Heirathsanträge hat Emilia abgewiesen, und Julia, die sich, wenn sie wollte, noch alle Tage verheirathen könnte, dars man erst recht nicht mit den Männern kommen, die verachtet das ganze Geschlecht."
Ob die Frau Hauptmann, die sich jetzt so weit von
ihrem Staunen erholt hat, um ein recht gläubiges Gesicht machen zu können, nicht doch in Gedanken das Sprichwort „von den Trauben, die sauer sind, weil sie zu hoch hängen", citirt, dieses wissen wir nicht. Ja, wenn die Gedanken den Menschen vor der Stirn geschrieben ständen, man würde da gewiß oft recht wunderbare, unerhörte Dinge lesen, häufig gerade das Gegentheil von dem, was über die Lippen kommt. Unsere socialen Verhältnisse sind ja leider derart, daß wir unsere Gedanken oft unter Worten verbergen müssen, die ganz etwas anders besagen. Konnte doch die Frau Majorin dem Dr. N. nicht wohl mittheilen, wie sehr enttäuscht und
entrüstet sie über seine Verlobung mit der Toni sei; im
Gegentheil, sie mußte einen Glückwunsch heucheln, der nicht recht von Herzen kam. Daß sie und ihre Familie ein
wenig zu excentrisch dabei verfuhren, geschah wohl in Folge der ängstlichen Bemühung, ihre wahren Empfindungen zu verbergen.
* Boshaft. „Sie meinen es nicht ernst, Herr Doctor! Ich sage Ihnen, daß ich krank bin und Sie antworten mir, daß ich nur der Ruhe bedarf . . und Sie haben nicht einmal meine Zunge angesehen." — „Ich bin sicher, daß diese erst recht der Ruhe bedarf."
* Frau: „Erinnerst Du Dich noch des vorigen Juni, in dem Du mich kennen lerntest?" — Mann (seufzend: „Ja, ja, o wonniger Ptai!"
* Klient (zu seinem Rechtsanwalt): „Aber so was! Müssen Sie meinen Proceß in dritter Instanz verlieren." — „Aber, mein Lieber, sind Sie unbescheiden! Genügt es Ihnen denn nicht, daß ich ihn in zweiter Instanz gewonnen habe?"
♦ VortheU. A.: „Wissen Sie schon, daß die Familie Schmiergel jetzt am Mittwoch ihren sesten Empsangsabend hat?" — B.: Das ist ja herrlich! Dann — trifft man sie doch nicht wo anders!"


