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Nr. 101

1890.

Freitag den 2. Mai

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger

Amts- und Anzeigeblutt für den Alreis Gieren

] ^rälisöeikage: chießener Kamitienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

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Die Gießener

Aamikien ßtaller werden dem Anzeiger w-chenttich drrimal beigelegt.

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Alle Annoncen-Dureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen. .»>>>'........

Amtlichem Tbeil.

Gießen, am 30. April 1890.

Betr.: Verminderung der rabenartigen Mgel und der Eichhörnchen.

Das Croßhcrzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeiftcreien des Kreises.

Da nach den bei uns eingegangenen Schreiben der Gr. Obersörstereien anzunehmen ist, daß in den meisten Gemar­kungen die Jagdpächter unserer Aufforderung zum Abschuß der rabenartigen Vögel und Eichhörnchen nicht in genügender Weise nachgekommen sind, weisen wir Sie hierdurch an, die Forst- oder Feldschützen mit dem Abschuß jener Thiere zu beauftragen- Die gegenwärtige Zeit ist zum Wegschießen der brütenden Raben, Häher u. s. w. besonders geeignet. Die entstehenden Kosten sind auf die Gemeindekasse zu übernehmen und können, soweit es sich um das Schießen in den Waldungen handelt, wenn die Großh. Oberförsterei hiermit einverstanden ist, aus den sür Waldculturarbeiten vorgesehenen Betrag an­gewiesen werden. Unsere Verfügung vom 23. l. M. Kreisblatt Nr. 95, durch welche das Ausnehmen der Nester von Raben rc. angeordnet wurde, bleibt neben gegenwärtiger Verfügung bestehen.

Sollte in einzelnen Gemarkungen, etwa well die Jagd­pächter den Abschuß schon genügend besorgt haben oder well die Großh. Oberförsterei denselben nicht sür erforderlich hält, vom ferneren Wegschießen abgesehen werden, so ist uns von dieser Absicht besondere Nachricht zu geben, damit wir die Berechtigung prüfen können.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

die Erhebung von Umlagen der Stadt Gießen betreffend.

Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz sollen für 1890/91 von der Stadt Gießen folgende Umlagen erhoben werden:

a. Auf das gejammte Communalsteuereapital der Orts­einwohner und Forensen 312 632

b. Auf das Steuercapital der evangelischen Gemeinde­angehörigen 11 000

c. Parzellenvermessungskosten 237

wobei sich der Beitrag auf 1 Normalsteuercapital berechnet für den Ausschlag a. auf 25,500

b. 1,164

,, ,, c. ,, 0,069 ,,

An allgemeiner evangelischer Kirchensteuer werden von den Angehörigen der evangelischen Kirche pro 1 «X Steuer­kapital 1,6 H erhoben.

Es wird dies mit deut Anfügen zur öffentlichen Kennt- niß gebracht, daß die Erhebung der Umlagen in sechs Zielen, und zwar in den Monaten April, Juni, August, October, December 1890 und Februar 1891 erfolgen soll.

Gleichzeitig wird bemerkt, daß die Publication der vor­stehenden Tabelle im Großh. Regierungsblatt vom 28. l. M. erfolgt ist, und daß von diesem Tage an die Frist zum Vor­bringen von Reclamationen abläuft, welche gegen die Er­hebung der Umlagen überhaupt gerichtet sind.

Gießen, den 30. April 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 30. April. Gestern Mittag traf die Fürstin Hohenlohe-Schillingssürst, Gemahlin des Statthalters von Elsaß - Lothringen, mit dem Blitzzuge 1 Uhr 20 Min. dahier ein, um der Königin von England ihren Besuch zu machen. Um 5 Uhr 20 Min. trat dieselbe die Rückreise nach Straßburg an. Um 10 Uhr 15 Min. Abds. trat die Königin von England ihre Rückreise nach England an. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, der Erb- großherzog, die Prinzessinnen, sowie die Prinzen Heinrich und Wilhelm von Hessen begleiteten die Königin zur Bahn, woselbst dieselbe herzlichst Abschied nahm. Nachdem der Großherzog die Königin am Arm selbst in den Salonwagen geleitet hatte, setzte sich unter den Hochrufen des zahlreich versammelten Publikums, worunter viele Mitglieder der eng­lischen Colonie, der Separatzug um 10 Uhr 15 Min. in der Richtung nach Mainz in Bewegung. Ihre Majestät die Königin, sowie die Prinzessin Beatrice standen nm Fenster und winkten der Großherzogl. Familie herzliche Abschieds­grüße zu.

nn. Darmstadt, 30. April. Zweite Kammer der! Stände. Zur Verhandlung steht heute die Nebenbahn von | Oberroden nach Dreieichenhain und von da mittelst Ver­zweigung einerseits über Langen nach der Station der Main- Neckarbahn daselbst, andererseits über Sprendlingen bis zur Landesgrenze bei Neu-Isenburg.

Abgg. Kugler, Haas und Weber sprechen sich sür die Fortsührung der Bahn von Langen bis nach Offenbach aus, indem sämmtliche Redner hervorheben, daß diese Bahn sür die Industrie Offenbachs von außerordentlichem Werthe sei und so ziemlich der ganze westliche Bezirk sür den Bezug von Arbeitskräften verloren ginge, falls die Kammer die Bahn nicht genehmige. Welches Interesse Offenbach an der Bahn habe, beweise der Stadtverordneten-Beschluß, wonach die Stadt auf 5 event. 10 Jahre den Betrag von 4000 Mk. zur Ver­zinsung des Anlage-Capitals der Regierung zur Verfügung stelle, ebenso sei die Bezirkssparkasse Langen bereit, einen Garanriesond zu übernehmen. - 1

Abg. Bergstr äßer- wünscht, daß man auch das Interesse von Darmstadt berücksichtigen müsse, welches gleichen Anspruch erhebe bei der Projecürung wie Offenbach. Der­selbe spricht sich für die Regierungsvorlage in Verbindung mit dem Ausschußantrag aus.

Oberbaurath Wetz hält an der Regierungsvorlage fest, indem er hervorhebt, daß jede Aenderung der Regierungs­vorlage neue Geldopfer bedinge.

Für den Antrag des Ausschusses sprechen noch die Abgg. Metz- Darmstadt, Theobald.

Abgg. Kugler und Ulrich stellen das Ersuchen, bei Dietzenbach eine Haltestelle zu errichten.

Nach erfolgter Abstimmung beschließt das Haus unter Ablehnung der Regierungsvorlage einstimmig den Bau der Lahn pon Oberroden über -Dreieichenhain, Sprendlingen, Xeu-Jsendurg nach Offenbach mit Abzweigung von Drei­eichenhain nach Langen und der Station Langen der Main- Neckarbahn.

Ein Antrag der Abgg. Weber und Kugler, eine Haltestelle zwischen Dietzenbach etwa in Erwägung zu ziehen, wird mit 24 gegen 15 Stimmen angenommen.

Ein Antrag Haas und Genossen, der Vorlage hinzu- zusügenvon Sprendlingen nach Langen" ohne Zinsen­garantie wird gegen 13 Stimmen abgelehnt.

Ebenso wird eine fünfjährige Zinsengarantie gegen 10 Stimmen abgelehnt, dagegen der Bau der Linie von Sprendlingen nach Langen unter Zugrundelegung einer zehn­jährigen Zinsen-Garantie mit 31 gegen 9 Stimmen gut­geheißen.

Ein Antrag Jöst und UlrichEinfügung der Strecke vonHeusenstammnachDietzenbach-Dreieichenhain" wird ebenfalls gegen 13 Stimmen abgelehnt.

Hierauf tritt die Kammer in die Berathung der Re­gierungsvorlage wegen Erbauung einer Nebenbahn von Lorsch über Heppenheim nach Fürth. Diese Bahnlinie ist vom Ausschuß nicht berücksichtigt worden. Dem gegenüber beantragt der Ausschuß, die Bahnlinien Heppenheim-Fürth einschließlich einer Abzweigung etwa von Fürth oder einer Zwischenstation der Bahnlinie Fürth-Weinheim nach Waldmichelbach einer weiteren Prüfung zu unterziehen und den Ständen so rasch als möglich eine weitere Vorlage von dem in Frage stehenden Theile des Odenwaldes zugehen zu lassen.

Abg. Osann spricht sich für die Bahn Fürth-Weinheim aus, weil im Odenwald noch eine Menge Schätze nicht nur an Holz, sondern auch an Gestein aufzuschließen seien. Durch die Erschließung des Odenwaldes werde die Industrie daselbst gefördert und werde einer besseren Zukunft entgegen gehen.

Wegen vorgerückter Zeit wird die Sitzung abgebrochen, um heute Mittag um 4 Uhr fortgesetzt zu werden.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Eisenach, 30. April. Se. Majestät der Kaiser ist von dem zweiten Jagdausflug heute früh zurückgekehrt. Aller- höchstderselbe erlegte zwei stattliche Auerhähne.

Wiesbaden, 30. April. Die Kaiserin von Oester­reich ist heute Mittag nach beendeter Cur mit der Erz­herzogin Valerie nach Wien zurückgereist.

Dresden, 30. April. Morgen findet in Loschwitz eine Vereinigung hiesiger Arbeiter statt; auf den Vormittag sind mehrere große Arbeiterversammlungen angesetzt. Das Militär wird in den Kasernen consignirt.

Chemnitz, 30. April. Der Verein der Fabrikanten in Reichenbach, Mylau, Netzschkau und Umgegend beschloß, Arbeiter, welche am 1. Mai die Arbeit nicht antreten oder

dieselbe vorzeitig verlassen, bis zum 12. Mai nicht wieder einzustellen, auch in der Zeit vom 1. bis 11. Mai incl. keine neuen Arbeiter anzunehmen. In einer mechanischen Weberei in Netzschkau ist die Arbeiterschaft seit gestern aus­ständig.

München, 30. April. Im Finanzausschüsse der Kammer der Abgeordneten wurde seitens der Centrumspartei erklärt, daß die Partei im Hinblick aus die Rede des Prinzen Ludwig im ReichSrathe, und in der Hoffnung, daß die wahre Kunst gepflegt werde, für Kunstankäufe statt der be­willigten 60000 Mark nunmehr 100000 Mark bewilligen wolle, ohne jedoch dadurch eine Verpflichtung sür die Zukunft einzugehen; außerdem wurde auch die Errichtung einer weiteren Kunstprosessur an der Münchener Akademie genehmigt. Der Minister Freiherr von Crailsheim dankte und erkannte an, daß in der Bewilligung keine Präjudiz liege. Damit sind auch die letzten Etatsdifferenzen ausgeglichen.

Wien, 30. April. Wie dasK. K. Telegr.-Corresp.- Bureau" aus Frankstadt meldet, kam es gestern dort zu ernsten Ausschreitungen. Ein Trupp Arbeiter konnte nur mit Mühe vom Stürmen des Bezirksgerichtes abgehalten werden. Die Fabrik Bumbalar wurde demolirt; die Waaren- vorräthe zerstört. Das eingerückte Militär stellte die Ruhe her und bewahrte andere Fabriken vor Schaden.

Paris, 30. Avril. Heute Vormittag wurden weitere Verhaftungen von Anarchisten vorgenommen.

Der Kammerpräsidert Floquet gab Befehl, daß morgen alle Petitionen auf der Ouästur der Kammer ent­gegengenommen würden, jedoch nur von Deputationen, die aus nicht mehr als 5 Mitgliedern bestehen. Floquet wird keine Abordnung empfangen, die aus einer Ansammlung aus öffentlicher Straße gebildet ist. Außer der in Paris con- signirten Garnison stehen 8 Cavallerieregimenter zur Ver­fügung des Gouverneurs. Der Verkehr wird auf allen Punkten ungehindert fein; Ansammlungen dürfen jedoch nicht stattfinden.

Das TransportschiffDuranc e" verläßt in vier­zehn Tagen Rochefort, um der Garnison in Kotonu und Portonoro Verproviantirung und Munition zu überbringen

Paris, 30. April. In militärischen Kreisen sieht man den morgigen Ereignissen völlig ruhig entgegen, da die getroffenen Maßregeln allen Eventualitäten genügen. Die Regierungskreise hegen jetzt gleichfalls eine beruhigtere Auf­fassung - trotz der heute fortgesetzten Verhaftungen befinden sich zwar immer noch einige anarchistische Führer auf freiem Fuß, und ist man deßhalb aus Zwischenfälle gefaßt, indessen bestehen doch keine Besorgnisse.

London, 30. April. Durch Erlaß des Central-Polizei- bureaus wird für morgen jeder öffentliche Umzug hierselbst untersagt, sofern er nicht vom Victoria-Embankment und den Themse-Quais aus den Weg nach dem Hydepark nimmt. Die Arbeiter hatten beabsichtigt, sich vom Ostviertel und dem Bezirk Clerkenwall aus in öffentlichen Auszügen nach dem Hydepark zu begeben. Eine Massenkundgebung soll in Chatum stattfinden, wobei Sir John Gorst über die Berliner Conferenz sprechen wird.

Rom, 30. April. DieAgencia Stefani" meldet aus Aden vom 29. April. Bei der Rückfahrt derVolta" von Zanzibar lies ein kleines Boot derselben an einer den Euro­päern bisher nicht offenen Küstenortschast an. Die Ein­geborenen tödteten einen Offizier und verwundeten einen Matrosen. Die übrige Mannschaft schlug den Angriff zurück, tödrete mehrere Angreifer und gelaugte an Bord zurück.

Zanzibar, 30. April. Der Reichscommissar Major W i ß m a n n hat heute Bagamoyo mit einer zahlreichen Truppe verlassen, um Kilwa zu unterwerfen.

Berlin, 1. Mai. Die Stadt ist ruhig und bietet das gewöhnliche Bild. Ludwig Löwes Fabrik ist vollständig in Betrieb, nur etwa 50 Arbeiter sind ausständig - eine nicht besonders zahlreich besuchte Morgenversammlung feiernder Arbeiter wurde leicht durch einen Schutzmann zerstreut. In der Frister u. Roßmann'schen Nähmaschinenfabrik arbeitet alles bis auf fünf Manu. Ein große Anzahl Feiernder be­gab sich Morgens nach dem Grünewald und anderen Aus­flugsorten in der Nähe Berlins. Aus den Vorstädten werden bisher keinerlei Unruhen gemeldet.

totales und ^provinzielles.

Gießen, 1. Mai.

Zum Besten des Kinder-Rettungshauses Johannesstift bei Metz wird in diesen Tagen in unserer Gegend eine Hauscollecte stattfinden. Wohl kaum ein anderes Wohlthätig- keitswerk kann so warm und dringend den Gebern ans Herz,