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Gretzsnep AnzeigerBeilage
zu Nr. 228 - 1890.
Mittwoch den 1. October.
Feuilleton.
Der Mann ohne Kopf.
Novelle von Woldemar Urban.
(Fortsetzung.)
„Vater, er liebt mich so innig!"
„(Sieb Acht, Traudchen, sage ich; die Besten gehen fort. Deine Mutter liebte mich auch so innig — wo ist sie nun?"
„Du mußt die Hoffnung nicht verlieren, Bctter! Er wird Dich und mich lieben."
„Die Hoffnung, Kind? Ich hoffte so viel und hoffte so lang! Ich kann nicht mehr."
„Doch, Vater, Du mußt hoffen, auf ihn, auf Reinhold, und aus Gott und aus die Menschen. Du mußt hoffen, sonst bist Du unglücklich."
„Unglücklich? Ich weiß es nicht, Traudchen, aber es kann wohl sein. Ich bin sehr, sehr oft getäuscht worden."
„Und einmal wird Deine Hoffnung sich doch erfüllen/'
Herr Schmalmann sah seine Tochter einen Augenblick lang an, dann erhob er sich langsam von seinem Eimer und blickte scheu, fast ängstlich nach dem jungen Musiker hin, der noch immer verlegen am Küchenfenster stand.
„Mache das Essen, Traudchen," sagte er endlich und ging seufzend nach der Wohnstube zurück, wo er sich weh- müthig an sein altes Clavier setzte. Weich und leise glitten seine Finger über die Tasten. Es war eine merkwürdige Musik und ein merkwürdiges Stück, das er hervorbrachte. Aus einer Tonart in die andere überspringend, kamen die kunterbuntesten musikalischen Figuren zum Vorschein, als wie wenn er ein Orchesterstück unmittelbar vom Clavier hätte herunterspielen wollen. Aber auch diese Trösterin versagte ihm heute den Trost und mit verbitterter Miene hörte er wieder auf zu spielen.
„Welt und Menschen!" murmelte er für sich hin, „als ob ich nicht wüßte, was das wäre, besser wie sie! Aus die Welt, aus Gott, aus Reinhold hoffen! Ha ha! Ich habe aus alle im Leben gehofft, auf alles, und ich habe nichts erreicht. Es wird ihnen genau so gehen, genau so."
Der junge Mann war ihm leise in das Wohnzimmer gefolgt und als er ihn so melancholisch und traurig an seinem Instrument sitzen sah, fragte er bescheiden:
„Was ist das für ein Stück, das Sie da eben spielten, Herr Schmalmann?"
Dieser sah ihn verwundert an. Er konnte sich nicht besinnen, durch sein Spiel je irgend welches Interesse oder auch nur irgend welche Neugier geweckt zu haben. „Sie werden es nicht verstehen," sagte er endlich. „Ich bin sicher, daß Sie es nicht verstehen werden, auch wenn ich es Ihnen sage."
„Wenn Sie nur die Güte haben wollten, mir den Titel davon zu nennen, oder eine Analyse davon, eine Erläuterung zu geben, so würde ich mir Mühe geben, es zu verstehen."
„Mühe — Mühe geben?" fragte er erstaunt. „Nun, das hat noch Niemand gethan. Ich weiß es, daß das noch Niemand gethan hat. Wenn sich Jemand — Mühe gegeben hätte, es zu verstehen, so hätte er es auch verstanden. Aber es hat sich noch Niemand Mühe gegeben. Und doch ist es so einfach. Es liegt schon alles im Titel. Der Titel lautet nämlich: „Das Erwachen der Natur"".
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„Würden Sie die Güte haben, mir einiges davon noch einmal vorzuspielen?"
„Mein Gott, wenn Sie sich dafür interefftren, Herr Sander, mit dem größten Vergnügen," erwiderte Herr Schmalmann sehr bereitwillig und fast aufgeräumt. Es that ihm sichtlich wohl, mit seiner Musik bei einem Musiker Interesse erweckt zu haben und nach einem Vortrag gefragt zu werden.
„Also hören Sie, Herr Sander. Diese Aeeorde, in weicher, träumerischer Unbestimmtheit, sollen die Dämmerung, die noch auf der Erde liegt, versinnbildlichen, die nun durch die melodiösen Motive immer mehr und mehr, immer klarer und bestimmter durchbrochen wird. Morgenwind und Bäumerauschen geben die Begleitung der von allen Seiten herein- dringenden Lichtwellen. Der Vögel mannigfaltiger Chor erwacht, das Reh tritt vorsichtig über raschelndes Laub und Reisig aus dem Waldesdunkel hervor. Da schlägt auch schon die Meute an und das Jagdhorn des Jägers ertönt. Die Jagd beginnt . ."
Während Herr Schmalmann dem jungen Musiker weiter sein Tonstück erläuterte, konnte sich dieser nicht der Bewunderung enthalten, mit welcher wahrhaft rührenden und kindlichen Phantasie sich der Vortragende über die elenden Mängel seines Klapperkastens hinweghalf. Mit welcher ursprünglichen Gewalt mußte der Vortragende seine Ideen im Innern gestalten, daß er die schreienden Unvollkommenheiten der Reproduetion so vollständig überhören konnte. Dasselbe Tonstück, das in der Vortragsweise des Componisten ein kaum anzuhörender Jammer war, konnte vielleicht bei sorgfältiger Instrumentation im vollen Orchester großen Beifall erringen.
„Hören Sie wohl, Herr Sander? Was meinen Sie wohl, was dies so sorgfältig vorbereitete, stolz und getragen einherschreitende maestoso bedeuten will? Das ist die aufgehende Sonne, die Quelle alles Lichts und alles Lebens, die Mutter der Menschheit."
Das maestoso kam in vollen, mächtigen Aeeorden und so wuchtig zu Gehör, daß der altersschwache Klapperkasten auf allen vier Beinen wackelte.
„Ist Ihnen nie eingefallen, Herr Schmalmann, daß sich dieses Musikstück für Pianoforte wenig eignet und eigentlich für volles Orchester inftrumentirt werden müßte, um zur vollen Wirkung zu kommen?"
„So, so, so," meinte Herr Schmalmann sehr wichtig und in einer Weise aufgeregt, wie man es feit langen, langen Jahren nicht an ihm gesehen hatte. „Sie meinen also, mein werthester Herr Sander, daß das „Erwachen der Natur" orchestrirt werden müßte, um zur — vollen Wirkung zu gelangen?"
„So ist meine bescheidene Meinung, Herr Schmalmann, und ich glaube, daß sich zum Beispiel der zweite Satz, in ein Violinsolo im Dreivierteltaet umgewandelt, vorzüglich machen müßte."
Herr Schmalmann war entzückt über das Violinsolv im Dreivierteltaet und als daun noch von Orchesterstimmen, von Klangfarbe der Waldhörner und von einem kleinen Flötenfolo für Herrn Sander die Rede war, leuchteten feine Augen in einem unbeschreiblichen glücklichen Eifer auf. Herr Sander mußte zum Essen dableiben, zum starren Erstaunen Traudchens, die in „ihres nichts durchbohrendem Gefühl" nicht wußte, was dieser plötzliche Umschwung der Dinge und die fortwährende, höchst aufgeregte Diseufsion der beiden Männer über die Orchestrirung, Partitur, über die Klangfarbe von i
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Waldhörnern, über Soli und Einsätze, Pausen, dreiviertel, sechsachtel und andere halsbrecherische Taete zu bedeuten hatte. Aber sie sagte nichts und war im Innern sehr glücklich und zufrieden darüber, daß ihr Vater wieder Antheil nahm an irgend etwas, daß er nicht mehr im stumpfen und dumpfen Hinbrüten, in trauriger, melancholischer Versunkenheit dasaß und in sich selbst zerfiel. Welche Zaubermittel Reinhold angewendet hatte, um ihn daraus zu erwecken, wußte sie nicht. Sie sah nur den glücklichen Erfolg und freute sich königlich darüber.
„Morgen ist Sonntag," rief Herr Schmalmauu eifrig aus, „morgen werde ich die Instrumentation beginnen. Morgen soll es . ."
Er brach plötzlich, sich besinnend, ab, wurde wieder etwas niedergeschlagen und fuhr dann trübselig fort: „Ich kann morgen nicht."
(Fortsetzung folgt.)
provinzielles.
GH Zeche Hedwig b. Rinderbügen, 29. September. Seit einigen Tagen ist die Straßenwalze aus dem Kreise Offenbach hierher gebracht worden und arbeitet auf der zu reparirenden Kreisstraße. Nun ist der Verkehr gänzlich unterbrochen, nur Fußgänger können noch verkehren. Die Massengüter in dem hinteren Terrain: Braunkohlen, Steine aller Art u. s. w., stauen sich gewaltig auf. Die Straßenbaukosten werden um einige Tausend Mark überschritten. — Einen sonderbaren Bi erkeller hat ein Wirth im benachbarten' B. Er legt nämlich, in Ermangelung eines Besseren, seine Fäßchen in den vorbeifließenden Bach, wodurch das Bier kühl bleibt. Obgleich nun so ein Fäßchen Bier ein angrifflidjer Gegenstand und unschwer zu beseitigen ist, so ist doch noch niemals eins weggekommen, was ein schöner Beweis für die Ehrlichkeit der dortigen Leute ist. In großen Städten ober auch schon in der Nähe derselben würden die Fäßchen sehr wahrscheinlich bald Beine bekommen.
HHirzenhain, 29. September. Ein neues industrielles Etablissement steht in nächster Nähe in Aussicht. Die prächtigen, massiv aus Steinen erbauten Mühlengebäude am unteren Ende des Dorfes, aus denen aber die Mühlenvorrichtungen feit längerer Zeit entfernt sind, soll von den Herrn Grafen zu Stollberg in ein neues Schneid- und Sägewerk umgewandelt werden. Wasserkraft, die billigste Arbeitskraft, ist reichlich vorhanden. Die Herrn Grafen von Stollberg, der Großherzogliche Fiseus, der Fürst von Isenburg u. v. A. besitzen herrliche Waldungen mit großen Holzvorräthen in der Nähe. — Beim Herannahen des Winters versendet das Buderus'sche Eisenwerk tagtäglich mehrere Waggons amerikanische Oefen nach aller Herrn Länder und in alle Welttheile. Diese Oefen sind berühmt und sind eine Spezialität der hiesigen Werke. — Unsere Nebenbahn rentirt wohl am besten von den oberhessischen Nebenbahnen in Folge des lebhaften Güterverkehrs.
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