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Nr. 279.Freitag den 29. November 1889.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Donnerstag den 5. December l. I., Vormittags 11 Vs Uhr, findet in unserem Saale Nr. 18 in öffentlicher Sitzung die Ausloofung der Schöffen für 1890 statt.

Gießen, am 19. November 1889.

Großherzoglicheö Amtsgericht Gießen.

Fresenius.

pclitijd^c Nebersicbt.

Gießen, 28. November.

Die Socialistengcfetz Commission des Reichstages nahm am Dienstag in zweiter Lesung die §§ 123 der Vorlage nach den Beschlüssen erster Lesung an. Dagegen wurde die Berathung über den wichtigen § 24, welcher von der Aus weisungSbesugniß der Negierung handelt, bts zum 4. December vertagt, damit den Fractionen Gelegenheit gegeben werden soll, sich in der Zwischenzeit über diese principielle Frage zu verständigen. Dieser Vcrlegenhcitsbeschluß der Commission läßt deutlich erkennen, daß die Schwierigkeiten wegen der AuSwcisnngsbcsugniß noch lange nicht überwunden sind nnd erscheint daher das Schicksal des Gesetzes nach wie vor als ungewiß. Die nächste Sitzung der Commission findet am Mittwoch, den 4. December statt, und stehen alsdann die Fragen der Ausweisung sowie der Dauer des Gesetzes zur Entscheidung- vb eine solche überhaupt in der Commission fallen wird, muß indessen noch dahingestellt bleiben.

Die nach so vielfachen Gefahren und Abenteuern erfolgte glückliche Ankunft Emin Paschas und Stanleys im deutschost afrikanischen Schutzgebiete hat auf die Anlisclaverei Bewegung offenbar von feuern mächtig anregend gewirkt. Hiervon zeugt u. A. die kürzlich in Köln statrgesundenc, sehr zahlreich besuchte Versammlung der deutschen Colonialgesellschaft und des Afrika Vereins. In derselben wurde, nachdem mehrere Redner im Sinne der gedachten Bewegung gesprochen, ein­stimmig eine Resolution angenommen, welche die Erwartung einer weiteren krästigen Förderung der Unternehmungen zur Bekämpfung des Sclavenhandels ausdrückt und sich behufs Erreichung durchschlagender Erfolge für eine internationale Vereinbarung auf Grundlage der gegenseitigen Anerkennung der Rechte und Interessen der verschiedenen Culturnationen in Afrika erklärt. Auch auf den Brüsseler Antisclaverei- Congrcß scheint die frohe Botschaft aus Ostafrika belebend eingewirkt zu haben, da die verschiedenen Specialcommissionen des Congresses nunmehr in voller Thätigkeit zur Prüfung der ihnen unterbreiteten Fragen und Vorschläge begriffen sind.

Im böhmischen Numpflandtage ist es wiederum zu argen Scandalscencn durch das Auftreten der radicalen Jungczechcn gekommen. Dieselben stellten in der Montagssitznng den Antrag, daß in Prag eine Gedenktafel für Johann Huß er­richtet werde, den bekannten böhmischen Vorkämpfer nnd Märtyrer der Reformation. Es kam hierüber zu überaus erregten Debatten zwischen den Antragstellern einerseits, den Feudalen und den clericalen Altczechen anderseits und end­lich zu einer fürchterlichen Spectakelscene, wobei es an gegen­seitigen Beschimpfungen nicht fehlte- unter betäubendem Lärmen wurde der jungczechische Antrag abgelehnt. Die Jungczcchen wollen diese Debatte, welche einen vollständigen Bruch zwischen ihnen und der vom Fürsten Schwarzenberg geführten böh­mischen Magnatcnpartei bedeutet, agitatorisch ausbeuten und wird demnach die ganze Angelegenheit zu neuem Spectakel Anlaß geben.

In der Dienstagssitzung des ungarischen Abgeordneten­hauses hielt der Abgeordnete und bekannte Romanschriftsteller Moritz Jokai eine glänzende Rede zu Gunsten des engsten Anschlusses Ungarns an Oesterreich mit specicller Betonung der auswärtigeii Lage. Jokai feierte weiter den Dreibund als den Hort des europäischen Friedens und gedachte schließ­lich der ausgezeichneten Verdienste des Ministerpräsidenten Tisza. Seine Ausführnngen wurden von der Kammermehr­heit mit stürmischem Beifall ausgenommen, dem gegenüber die Rede des Oppositionsführers Grafen Appony, welcher die Beseitigung Tiszas als die Vorbedingung ersprießlicher Reformen für Ungarn bezeichnete, nicht zur Geltung kam.

Deutscher Reichstag.

24. Plenarsitzung. Mittwoch den 27. November 1889, 1 Uhr.

Dem Anträge der Geschäftsordnungs-Commission gemäß wird das Mandat des Abg. Dr. v. Cuny (natl.) als durch dessen Ernennung zum ordentlichen Honorar-Professor bei der Berliner Universität nicht erloschen erachtet.

Hierauf wird die zweite Etatberathung fortgesetzt mit dem Specialetat des Auswärtigen Amtes. Titel Gouverneur in Kamerun".

Abg. Richter (dfr.) hat den Antrag gestellt, die Local etats der Schutzgebiete im künftigen Etat der Beschlußfassung des Hauses zu unterstellen. Er nimmt zuerst das Wort, um zu constatiren, daß er auf seinen Antrag keine Antwort erhalten habe. Es wäre erwünscht, bestimmte Daten über die Branntwein-Einfuhr zu erhalten aus dem Togogebiete und Kamerun. Der Branntwein-Consum soll dort, wie die Missionsgesellschaften klagen, überhand nehmen infolge der Uebcrschwemmung des Landes mit Branntwein. Es empfehle I sich daher, den Zoll von 80 Pfg. auf die Literflasche Brannt­

wein zu erheben, wie ihn die Neu-Gninca Company auch erhebt.

Staatssecretär v. Mal tzahn Gültz: Der Antrag Richter verlangt eine Behandlung deS Colonial Etats, die sich mit dem bisherigen Verfahren in Widerspruch setzen würde.

Abg. v. Bennigsen (natl.) beantragt, den Antrag Richter an die Budgetcommission zu verweisen.

Abg. Hammachcr (natl.): Die Schutzherrschast über die Gebiete ist dem Kaiser übertragen und andere Colonial länder überlassen die Etataufstellung den Colonial Verwal tungen. Das sind zwei Gesichtspunkte, die bei der Berathung des Antrages nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Abg. Richter (dfr.): Herr Hammacher ist kaiserlicher als der Schatz-Secretär - die Schutzhoheit des Kaisers collidirt nicht mit unserem Recht, Ausgaben zu bewilligen.

Abg. v. Kardorsf (Rp.): Die Ausführung des An träges Richter würde eine große Complication des Etats herbeiführen.

Abg. Baumbach (dfr.) bestreitet dies und erwartet von dem Anträge Richter die Wirkung, daß eine zuverlässigere Etatsausstellung möglich sein wird.

Die Position wird genehmigt.

Bei dem TitelTogo" führt Abg. Richter (dfr.) Klage über die Zollverhältnisse in Togo, welche lediglich den Schmuggel nach dem angrenzenden englischen Gebiet fördern; auch finde in Togo ungestraft Sclavenhandel statt.

Geh. Legat.-Rath Dr. v. Krauel: Das Interesse an den deutschen Colonien scheint nicht überall ein wohlwollendes zu sein. Redner widerlegt die Behauptungen Richters be züglich der Uebelstände im Togo-Gebiete. Es würde zu zeit raubend sein, die Lücken auszufüllen, die sich in dem colonialen Wissen des Abg. Richter befinden. Die Mittheilungen über Sclaverei seien unglaubwürdig. Die Ausweisung des Afrika reisenden Krause fei erfolgt, weil dieser durch sein Verhalten die Feindschaft der eingeborenen Häuptlinge auf sich lenkte. Der Tabakhandel sei im Aufschwünge begriffen. Der Auf­schwung der Colonien hänge ab von der Consumtion und Production durch die Eingeboreneu. Alle Jahre werden nicht gleich sein. Auf dem Boden einer negativen Kritik gedeiht der Baum der Erkenntniß überhaupt nicht.

Abg. Woermann weist auf den Aufschwung des Handels in den bei Kamerun benachbarten englischen Colonien hin; es sei doch nicht ausgeschlossen, daß sich auch in Kamerun der Handel in ähnlicher Weise hebe. Der Aftikahandel habe bereits für Hamburg eine große Bedeutung erlangt und liefere für industrielle Werkstätten des Inlandes das Rohmaterial. Es sei dringend nöthig, auf dem betretenen Wege der Colonial­politik auszuharren, denn Deutschland sei allen anderen Staaten gegenüber zurück. Afrika werde für Deutschland

Feuilleton.

Gute Parthien

Der Bruch des Verlöbnisses zwischen dem Prinzen Murat und der amerikanischen Millionärin Gweudoline Cald- well hat vor längerer Zeit die Runde durch die europäische Presse gemacht. Wohl angeregt durch diesen pikanten Vor­fall , veröffentlicht jetzt der PariserTemps" einen aus amerikanischen Quellen geschöpften Artikel:Einige ameri­kanische HeirathSgütcr", aus welchen hervorgeht, daß Miß Caldwell mit ihren 30 Millionen Francs unter denguten Parthien" ihres Landes eine armselige Figur macht und der edle Prinz nur den Weg über den Ocean zu wagen braucht, um drüben ein liebendes Wesen zu finden, das ihn besser bezahlt als einen Flaneur. Diese Statistik desTemps" muß allen Mitgiftjägern den Mund wässern machen. Zählt sic doch für Ncwyork allein mehrere Dutzend Mädchen und Wittwen auf, von denen jede einzelne mehr Geld besitzt als die Königin Victoria von England, welche als der Crösus unter den Fürstlichkeiten Europas angesehen wird.

Als die Reichste dieser Reichen gilt allgemein Miß Mary Garret, deren Vermögen zum größten Theile in der Ohio- Bahn steckt und auf weit über 200 Millionen veranschlagt wird. Leider wird auch ihr Alter weit über Vierzig ver­anschlagt, was hoffentlich die Murats und Genossen, die in der Welt umherlaufen, nicht abschrecken wird. Miß Jenny Flood aus San Francisco ist auch nicht zu beklagen. Sie besaß schon vor dem Tode ihres Vaters 35 Millionen und hat nun noch mehr als 100 geerbt, was auf Freunderunder" Summen, wie z. B. Wippchen einer ist, großen Reiz ausüben dürfte. Alter 30 Jahre.

Die reichste Wittwe Newyorks ist Frau Barrios, oder um ihren spanischen Stolz nicht zu verletzen, Donna Franzisca Apancio vel Vescuciadiago de Quelsaltenango Barrios. Fran Barrios hat aber nicht nur einen langen Namen, sondern auch eine lange Geschichte, die den Stoff zu einem abenteuer­lichen Roman liefern könnte. Ihr Gatte war der durch seine Kämpfe um die Vereinigung der fünf Republiken Central- Amerikas bekannt gewordene und auch diesen Kämpfen (April 1884) zum Opfer gefallene Präsident von Guatemala, dem es gelang, sich von seiner Civilliste im Verlaufe weniger Jahre ein Vermögen von ungefähr 150 Millionen zurück- zulegen.

Dieselbe Geschicklichkeit erwies er bei der Eroberung seiner Frau, die er, auf der Wahlreise als Candidat der Präsidentschaft begriffen, zufällig in einem Kloster kennen lernte, sofort zur Gemahlin begehrte, aber mit einer Ab­weisung Seitens ihres Vaters wieder verlassen mußte. Barrios wurde zum Präsidenten gewählt und zwei Jahre daraus erinnerte er sich der Schönen, die ihm aus Adelstolz (vcrmuthlich fehlte dem Namen des Barrios noch eine Elle) verweigert worden war. Er schickte nun zu ihrem Vater, nicht mehr mit einer Werbung, sondern mit der Botschaft, daß er sich an diesem Tage und zu dieser Stunde mit dessen Tochter verheiratheu werde und der Herr Schwiegerpapa sich unweigerlich mit seiner ganzen Sippe um die bestimmte Zeit und an dem bestimmten Orte einzufinden habe. Der Vater des Mädchens, der diese Entwickelung geahnt haben mochte, hatte jedoch seine Tochter an einem sicheren Orte versteckt, so daß die Abgesandten des Barrios, welche die Braut aus dem Kloster abholen sollten, unverrichteter Dinge heimkehren mußten. Darüber verlor Barrios die Fassung nicht. Er­ließ denAlten" kurzweg in ein finsteres Loch stecken und täglich einmal fürchterlich durchprügeln, welche Beweisführung

demselben nach drei Monaten derartig logisch erschien, daß die Einwilligung zur Verbindung erfolgte.

Die Hochzeit wurde mit großem Pomp abgehalten und darauf geschah das Wunderbare, daß Barrios nicht nur der zärtlichste Gatte, sondern auch der zärtlichste Schwiegersohn wurde und den Vater seiner Fran sogar zum Finanzminister beförderte. Da damals gerade eine Reihe von Anleihen durch Guatemala ausgenommen wurde, fand der Schwieger- papa die Buße seines Tochtermannes genügend.

Frau Barrios hat nur eine Bewerberin, welche ihr noch überlegen ist: Frau Vanderbilt, die als die reichste Wittwe der Welt gilt. Hingegen stehen um das Capitel der Wittwen zu erledigen die Damen Marshal Roberts und Moses Taylor mit ihren 100 Millionen hinter der Präsi­dentin von Guatemala zurück, von den Damen Astor, Bell (Schwester des Herausgebers desNewyork Herald", Herrn Gordon Bennett), Griswald und Alexander mit ihren fünfzig Millionen gar nicht zu reden.

Um zu den Mädchen zurückzukehreu, sei vor allem Miß Helene Gould genannt, die nach dem Tode ihres Vaters zweifellos die reichsteParthie", wahrscheinlich sogar die reichste Persönlichkeit der Welt sein wird. Vorläufig aber, so lange Miß Helene nicht geerbt hat, bleibt die eingangs erwähnte Miß Garret an der Spitze und ihr schließen sich Miß Julia Rhinelander, die stärkste Gläubigerin der Ver­einigten Staaten, sowie in zweiter Linie die Misses Daisy Stevens und Annie Cutting an.

Eine Sonderstellung in diesem Kranze nimmt jedoch Fräulein Hetty Green ein, die von armen Eltern stammt, aber durch eigene Speculationen an der Börse ein ungeheures Vermögen man sagt 100 Millionen zusammengebracht hat. Von den in der Statistik desTemps" noch ange­führten Bettlerinnen, die nur über die Lumperei von 10 bis-