Nr. 75. Freitag den 29. März 1889.
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Amts- und Anzeigeblatt für btn Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeil.
Gießen, am 27. März 1889.
Betreffend: Die Ablieferung der Vacanzüberschüsse erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzogltchen Bürgermeistereien und Schulvorstände des Kreises.
Sofern Schulstellen in Ihren Gemeinden während des nunmehr abgelaufenen Rechnungsjahres 1888/89 vacant waren, sehen wir, unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 24. Januar 1878 (Amtsblatt Nr. 1) der Vorlage der von Ihnen gemeinschaftlich aufzustellenden Berechnungen der an den Provinzialschulfonds abzuliefernden Vacanzüberschüsse in doppelter Ausfertigung bis zum 15. k. M. entgegen.
___v. Gaqern.
Bekanntmachung.
Nach § 118, 3 der Wehrordnung vom 22. November 1888 können Reservisten, Landwehrleute und Ersatz-Reservisten wegendringender häuslicher und gewerblicher Verhältnisse eine Zurückstellung hinter die letzte Jahresklaffe der Reserve, der Landwehr, bezw. der Ersatz-Reserve in Anspruch nehmen.
Es werden daher Diejenigen, welche eine solche Zurückstellung zu beanspruchen beabsichtigen, aufgefordert, ihre Gesuche bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes alsbald und spätestens bis zum S. April d. I. einzureichen.
Die fraglichen Gesuche unterliegen der Entscheidung der verstärkten Ersatz-Commission. Die Entscheidungen behalten ihre Gültigkeit bis zum nächsten Zurückstellungstermiue und sind alsdann im Falle des Bedürfnisses die früheren Anträge zu erneuern.
Außerterminlich können Gesuche um Zurückstellung durch schriftliches Uebereinkommen der ständigen Mitglieder der Ersatz-Commission nach § 124, 2 der Wehrordnung nur dann berücksichtigt werden, wenn nach dem allgemeinen EntlaffungStermin der Reserven dringende Verhältnisse die sofortige Zurückstellung einzelner der entlassenen Mannschaften gerechtfertigt erscheinen lassen.
Gießen, am 26. März 1889. Der Civilvorsitzende der ErsatzCommission Gießen.
Jost.
Politische Rundschau.
Gießen, 28. Marz.
Der Kaiser confertrte in dm letzten Tagen wiederholt längere Zeit mit dem Reichst anzler und auch am Montag hielt Fürst Bismarck dem Kaiser einen fast einftündtgen Vortrag. Um welche speciellen Fragen der inneren oder auswärtigen Politik es sich bei diesen Berathungen zwischen dem Monarchen und dem leitenden Staatsmann gehandelt hat. entzieht sich noch der allgemeinen Kenntniß. Das am Dienstag Abend beim Reichskanzler stattgefundene parlamentarische Diner beehrte der Kaiser gleichfalls durch seine Gegenwart.
Herr v. Barnbüler, der frühere Präsident des württembergtschen Staats- ministertums, tft am Dienstag in Berlin im Alter von nahezu 80 Jahren verschieden. Der Verstorbene spielte in der sogenannten großdeutschen Bewegung, welche die Vor- wachtsstellung Oesterreichs in Deutschland gegenüber Preußen begünstigte, eine Hauptrolle und noch 1866 hielt er im württembergtschen Landtage bei der Berathrmg über I die Kriegsfrage eine äußerst heftige Rede gegen Preußen. Doch fügte er sich nach den ' Ereignissen von 1866 dem Zwange der Sachlage, die zu dem Schutz- und Trutzbündnisse der süddeutschen Staatm mit dem norddeutschen Bunde führte und nach seinem im September 1870 erfolgten Ausscheiden aus der Regierung ward Varnbüler ein aufrichtiger Anhänger des neuen Reiches. Seit 1872 vertrat der Verstorbene den vierten «ürttembergischen Wahlkreis durch mehrere Sessionen hindurch im Reichstage und schloß er sich hier den Freiconservatioen an.
In Holland steht die Einsetzung einer Regentschaft unmittelbar bevor, falls sie zur Stunde noch nicht erfolgt ist. Das Staatsminifterium ist zu der Er- fenninifj gelangt, daß König Wilhelm sich nicht mehr im Stande befindet, die Regierung weiter zu führen und wurde deshalb beschlossen, eine Regentschaft einzusetzen und dieser Beschluß behufs seiner Genehmigung dem Staatsrathe unterbreitet. Da sich die Königin Emma entschieden weigert, die Regentschaft zu übernehmen, so wird jedenfalls der Eabinetschef Heemskerk zum Präsidenten des Regmtschaftsrathes ernannt werden. In Luxemburg wird in der Regentschaftsangelegenheit erst dann vorgegangen werden, wenn diese Frage in Holland erledigt ist. Der Zustand des Königs Wllhelm hat sich in jüngster Zeit wenig geändert, nur dauern die ungünstigen Erscheinungen, namentlich die Blulvergiftungssymptome, an.
Im ungarischen Abgeordnetenharrse ist endlich am Dienstag die Entscheidung über die §S 24 und 25 des Wehrgesetzes nach wochenlangen erregten Debatten gefallen. Nachdem zunächst in besonderer Abstimmung das zweite Dienstjahr für diejenigen Einjahrig-Freiwilligen, welche die Neserveosfiziersprüsung nicht bestehen, mit 254 gegen 145 Stimmen abgelehnt worden war, wurden die 88 24 und 25 in sonst unveränderter Fassung unter Ablehnung aller von der Opposition gestellten Amendements mit 253 gegen 144 Stimmen angenommen. Auch die liberalerseits zu den beiden Paragraphen beantragte Resolution, welche die Erwartung einer genügenden I Berücksichtigung der ungarischen Sprache ausdrückt, fand mit großer Mehrheit die Zu- I stimmung des Hauses. Der Rest des Wehrgesetzes wird vermuthlich glatt erledigt werden und hiermit wird alsdann eine Frage aus dem politischen Leben Ungarns ver- ! schwinden, welche durch die verschiedenen Zwischenfälle, von denen sie begleitet war, j eine der aufi gendsten Epochen in der neuesten Zeitgeschichte Ungarn's bildet.
Der Rector der Wiener Universität, Professor Eduard Suetz, zugleich einer r der parlamentarischen Führer der deutschliberaten Partei in Oesterreich, hat plötzlich : sein Amt niebugelegt. lieber die Gründe dieses großes Aufsehen erregenden Schrittes courftren verschiedene Gerüchte, doch ist Bestimmtes in dieser Beziehung bislang noch nicht bekannt geworden.
In der frauzöfischeu Deputirteukammer wurde am Dienstag ein Antrag auS dem Hause, welcher auf eine einschneidende Reorganisirnng des Dienstes der General-Einnehmer zielt, mit beträchtlicher Mehrheit, mit 387 gegen 137 Stimmen, angenommen. Der Finanzminister Rouvier hatte sich lebhaft gegen den Antrag aus
gesprochen und wenn derselbe ttotzdem mit bedeutender Mehrheit angenommen worden ist, s. muß dies allerdings als eine Schlappe für den Finanzminister bezeichnet werden. Doch wird versichert, Rouvier werde diese kleine Niederlage ruhig einsteck-n, so daß sie also zu keiner Erisis führen wird.
Im rumänischen Senate wurde der Jahrestag der Proclarnirung Rumäniens : zum Königreich (26. März) durch einen besonderen Act gefeiert. Die genannte Körperschaft nahm an diesem Tage einen Antrag mittels Zurufs an, wonach der präsumtive rumänische Thronfolger, Prinz Ferdinand von Hohenzollern, gemäß der Verfassung unter die Mitglieder des Senats aufgenommen wird.
Berlin, 26. März. Das Modell für den neuen preußischen Jnfanterie-Officiers- säbel ist durch die kürzlich erfolgte Vollziehung der Cabinetsordre nunmehr endgiltig bestimmt worden. Die neue Waffe ähnelt, wie die „Kreuz-Zeitung" meldet, den Palaschen, unterscheidet sich aber von diesen dadurch, daß sie nicht schleppend getragen i werden darf, und in Folge dessen das Koppel in anberroeiter Weise an der Schttde » befestigt ist. Die letztere, aus vernickeltem Stahl gefertigt, ist völlig gerade und hat
eine Außenbrette von etwas über 3 (Zentimeter. Der Säbel bestehl aus dem auf jeder Seite (gleich den Palaschm) mit zwei Bahnen („Blutrinnen") versehenen geschmiedeten Schaft und dem im Feuer vergoldeten Gefäß, das, in üblicher Weise unterhalb verbreitert, den Namenszug Seiner Majestät, ein verschlungenes W R mit einer II darunter zeigt. Der Knopf des Gesäßes ist glatt, der Griff mit schwarzem, von Silberdraht hn Schraubengange umwundenen Gespinst bekleidet und gleichfalls mit dem goldigen Namenszug des Königs geschmückt. Das Portepee ist dem der Caoallerie entsprechend gewebt, aber nicht am Leberriemen, sonbern an einer silbernen Tresse befestigt. Das Gesammtgewichl bes neuen Säbels betragt wenig mehr als 1 Kilogramm.
— Nach amtlichen Angaben existirten im Etatsjahre 1887—88 an militärischen Pensionären in Preußen 50 Generale ber Infanterie unb Eavallerie, 173 Geueral- lieutenants, 188 Generalmajors, 438 Obersten, 475 Oberstlieutenants, 1045 Majors, 1018 Hauptleute unb Rittmeister, 124 General- nnb Oberstabsärzte, 640 Premier- und Seconbelieutenants, 179 Stabs- und Assistenzärzte, an welche zusammen in dein genannten Zeitraum 12,922,577 X gezahlt wurden, sowie 28 Auditeure und 1516 Militärgeistliche unb Verwaltungsbeamte. In Sachsen würben zu berselben Zeit Pensionen gezahlt an: 1 General, 16 Generallieutenants, 17 Generalmajors, 45 Obersten, 36 Oberftlieutenants, 73 Majors, 82 Hauptleute unb Rittmeister. 15 General- und Oberstabsärzte, 39 Premier- unb Sekonbelieutenants, 8 Stabs- unb Assistenzärzte und 89 Beamte. In Württemberg war ber Staub der militärischen Pmsionäre folgender.' 3 Generallieutenants, 6 Generalmajore, 12 Obersten, 29 Oberstlieutenants, 33 Majore, 80 Hauptleute und Rittmeister, 32 L-cutenants, 5 General- unb Oberstabsärzte, 12 Stabs- unb Assistenzärzte, 6 Aubiteure unb 46 Verwaltungsbeamte. Jnsgesamml würben an militärischen Pensionen in Deutschlanb mit Ausschluß Bauerns im Jahre 1887-88 16,605.902.99 JL gezahlt.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Eorrespondenr-Bureau.
Berlin, 27. März. Den Morgenblättern zufolge erschien Se. Majestät ber Kaiser gestern Abend zum parlamenta ischen Diner bei dem Reichskanzler Fürsten Bismarck in Marineuniform. Allerhöchst derselbe ließ sich die Gäste des Reichskanzlers vorstellen und unterhielt sich mit denselben auf das Huldvollste. Bei ber Tafel hatte ber Kaiser zu seiner Rechten bte Fürstin Bismarck und zu seiner Linken ben Reichs- tagspräsibenten von Levetzow. Se. Majestät kehrte Abends um 10 Uhr nach dem Schlosse zurück.
— Der „National-Zeitung" zufolge zog Se. Majestät ber Kaiser bei bem gestrigen Diner bes Reichskanzlers Fürsten Bismarck bie Abgeordneten von Bennigsen und Dr. Miquel in längere Gespräche und überreichte dem Abgeordneten von Huene den Rothen Adlerorden zweiter Classe, indem er betonte, daß er ihm bie Auszeichnung für bie Verdienste zu Theil werden lasse, welche sich ber Abgeordnete von Huene bei den parlamentarischen Debatten im Reichstage um bie Marine erworben habe.


