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28.11.1889 Zweites Blatt
 
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Nr. 278. Zweites Blatt. Donnerstag den 28. November

1889.

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Hnobm. °°n Anz.ig.n zu d« Nachmittag, für bm | ^ralisbeikaqe: Gießener Jamikienölatten I ^,7n )ür^'i' b

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«rrichtung von Unfall-WcldksscUen in den Land­gemeinden des Srohherjogthums Hessen.

Die Frage der Errichtung von Unfall-Meldestellen in denjenigen Landgemeinden, in welchen Telephonanstalten be­stehen , beschäftigt zur Zeit eine erhebliche Anzahl von Gemeinde-Vertretungen. DieDannst. Ztg." schreibt hier­über in einem längeren Artikel: ^L-chon vor mehreren alpen fanden mehrfache Anregungen statt, die Telephonanlagett im allgemeinen Jutereffe kleiner Landorte, welche bei Unglücks­fällen u. s. w. vielfach aus die Mithilfe benachbarter Ort­schaften angewiesen sind, zu sofortigen Meldungen nach aus­wärts bei Feuers- und Wassergefahr oder sonstigen Unfällen auch außerhalb der Telegraphen - Dienststunden, insbesondere während der Nacht nutzbar zu machen. In Folge dessen hat das Neichspostamt bereits 1885 und 1886 versuchsweise einzelne Telegraphenanstalten unter Verwendung geeigneter Weckvorrichtungen neben deni Fernsprecher als Unfall-MelDc- stellen einrichten lassen. Die durch die Einrichtungen der angegebenen Art erwachsende!, kosten werden von der Reichs- post- und Telegraphen-Berwaltung insoweit übernommen, als es sich hierbei um Umänderung der in Betracht kommenden Ueberweisungsanstalten, Ausrüstung mit Weckern :c. und Herstellung der für den Weckbetrieb etwa erforderlich werdenden zweiten Schleifendrähte handelt. Die Kosten dagegen, welche durch die Ausrüstung der Telegraphenanstalten, bezw. Hilfs­stellen mit Weckvorrichtungen ?c. erwachsen, sind, soweit die betreffenden Dienststellen nicht bereits im Inter esse des gewöhnlichen T^legraphenbetriebs mit Weckvorrichtungen ver­sehen sind oder noch versehen werden, mit je aO Mk. a fonds perdu für jede Stelle von den betheiligten Ge­meinden zu tragen. Die Unfallmeldestellen können nicht nur bei Brandausbrüchen, sondern auch in Krankheitsfällen, bei nächtlichen Diebstählen, bei Wassersgefahr und sonstigen Un fällen insoweit in Wirksamkeit treten, als die vorhandenen Betriebsmittel zur rechtzeitigen Uebermittelung der betreffenden Nachrichten ausreichend erscheinen. Im Ucbrigen erstreckt sich die Mitwirkung der Reichs - Telegraphenanstalten bei Ueber­mittelung der Unfallmeldungen, wie bei telegraphischer Nach­richtenbeförderung überhaupt nur auf die Uebermittelung und Bestellung der betreffenden Meldungen. Zur selbstständigen Abfassung und Absendung von Unfallmelduugen sind die Tele- * graphenbeamten nicht in der Lage, ebenso wenig können die Beamten der angerufenen Anstalten damit beauftragt werden, Ort und Umfang des Feuers :c. am Apparat festzustellen und das Erforderliche an die geeignete Stelle mündlich weiter zu melden. Eine derartige Thätigkeit liegt außerhalb des Wirk­ungskreises der Berkehrsanstalten und es kann ihnen eine bezügliche Verantwortlichkeit nicht auferlegt werden. Den betheiligten Gemeinden mnß es vielmehr überlassen bleiben, durch Benutzung des Telegraphen gegen Bezahlung der für die betreffenden Telegramme entfallenden tarifmäßigen Gebühr rechtzeitige Hilfe herbeizurufen, bezw. soweit es sich um die Orte handelt, an welche die Hilferufe ergehen, Die ein- gegangenen Unfall-Meldungen in geeigneter Weise zur Kennt- niß der Ortsbewohner zu bringen.

Auf Grund dieser Grundzüge konnten 188« Unfall- Meldestellen eingerichtet werden zu Ober-Ramstadt, Roßdorf, Langen, Sprendlingen, Dreieichenhain, Götzenhain, Dietzen­bach, Offenthal, Urberach, Trebur, Astheim, Bauschheim, Ginsheim, Wallerstädten, Groß-Gerau, Nordheim, Goddelau, Erfelden, Leeheim, Geinsheim, Biblis, Wattenheim,^ Fried­berg, Wölfersheim, Södel, Melbach, Dorheim, Berstadt, Fauerbach, Ossenheim, Nieder- und Ober-Florstadt, staden, Nieder-Mockstadt, Ober-Mockstadt, Ranstadt, Lauterbach, Grebenau, Rodheim v. d. H., Nieder-Wöllstadt, Assenheim, Bönstadt, Altenstadt, Lindheim, Düdelsheim, Büdingen, Ober- Jnaelheim, Groß-Winternheim, Sauer-Schwabenheim, Els­heim, S/adecken, Jugenheim i. Rheinhessen, Ruppertenrod, Ermenrod, Groß-Felda, Kestrich, Windhausen, Storndors, Vadenrod, Wallenrod, Bad Nauheim, Steinfurth, Ober- Mörlen, Wörrstadt, Schornsheim, Undenheim, Köngernheim, Dexheim, Oppenheim, Bischofsheim (Hessen), Nauheim (Kreiv Groß-Gerau), Alsfeld, Romrod, Homberg, Fürfeld, Wöllstein, Finthen, Gonsenheim, Laubenheim, Weisenau, Osthofen, Becht­heim, Monsheim, Pfeddersheim, Framersheim, Odernheim, Bretzenheim, Westhofen, Bürgel, Rumpenheim und. Eberstadt. Zum Theile konnte bei Einrichtung dieser Unfall-Melde­stellen mit Rücksicht darauf, daß die für die Zwecke des gewöhnlichen Telegraphenbetriebsdienstes vorhandenen tech­nischen Einrichtungen zur Wahrnehmung des Unfall-Melde­dienstes genügen, bezw. einer Erweiterung durch Einschaltung besonderer Weckvorrichtungen nicht bedurften, von der Ein­ziehung eines Kostenbeilrags abgesehen werden. Die Einrichtung hat sich bisher für die Bekämpfung von Feuers­

gefahr, insbesondere aber beim Eintreten des Frühjahrs- und Herbsthochwassers für die Anwohner der Wasserläufe als in hohem Grade zweckdienlich erwiesen und zur Erhaltung von Gut und Leben in zahlreichen Fällen nicht unerheblich bei- [ getragen.

Wenn gleichwohl die Einrichtung der Unfall-Meldestellen noch nicht überall die gebührende Würdigung gefunden hat, o ist der Grund dieser Erscheinungen in erster Linie darauf zurückzuführen, daß bei der Neuheit der Einrichtung die be­theiligten Gemeinden, in welchen solche noch nicht erfolgt ist, noch kein volles Verständniß dafür besitzen, welchen Nutzen die Unfall-Meldestellen zum Zwecke der Herbeiführung schneller Hilfe in Gefahren aller Art gewähren, und daß andererseits diejenigen Gemeinden, welche zu den Kosten der Einrichtung einen Beitrag von 50 Mk. ä Fonds perdu zu leisten haben, zur Zahlung dieses an sich geringfügigen Betrages sich bis­her theilweise nicht bereit finden ließen. Die Kenntniß des Werthes der Einrichtung überhaupt und der durch dieselbe gebotenen Vortheile in möglichst weite Kreise zu tragen, ist der Zweck dieser Zeilen.

vermischtes.

Frankfurt a. M., 24. November. Voriges Jahr kamen dem Freiherrn v. Oetinger Werthpapiere im Betrage von 300,000 Mk. abhanden, auf deren Wiederbeschaffung die Staatsanwaltschaft einen Preis von 10,000 Mk. ansetzte. Zwei Monate nach der That ivurden in einem ganz unver­dächtigen Hause zwei der gestohlenen Actien gefunden, und man nahm an, daß sie der Thäter dort niedergelegt habe, um den Verdacht von sich abzulenken. Weitere Spuren waren absolut nicht aufzufinden. Nunmehr hat, wie man uns mittheilt, der Anwalt des Hauses unter Zuziehung von Vertrauenspersonen dasselbe einer gründlichen Durchstichung unterzogen und aus dem Boden unter Schutt und Schmutz Werthpapiere im Betrage von 214,000 Mk. gefunden, von denen die Coupons zum Theile abgetreunt sind. Die Staats­anwaltschaft wurde sofort von dem Funde benachrichtigt und hat die Untersuchung eingeleitet.

München, 22. November. Militärischer Sprach­unterricht. In Folge höherer Anordnung sind im Lause des Winters bei den einzelnen Offiziercorps Unterrichts- und Conversationsstunden in der französischen Sprache abzuhalten, wozu Civillehrer engagirt werden dürfen. Wo geeignete Lehrkräfte im Offiziercorps selbst vorhanden sind, kann dieser Unterricht auch auf andere Sprachen ausgedehnt werden. In der hiesigen Garnison wird neben Französisch auch Englisch nnd Russisch getrieben.

Nürnberg, 22. November. Der Verlust einer Sehens­würdigkeit unserer Stadt steht bevor. Die jedem Besucher Nürnbergs wohlbekannte, aus der Burg befindliche Samm­lung von Folterwerkzeugen aus derguten alten Zeit", so­wie die gleichfalls auf der Burg untergebrachte culturhistorifche Sammlung) die gar manches interessante Stück enthält, ist von einer auswärtigen Gesellschaft (deren Vertreter Herr I. Jchenhäuser in London ist) angekauft worden. Die Gesell­schaft bringt die culturhistorifche Sammlung im Frühjahre zu Köln zur Versteigerung. Die Sammlung der Folter­werkzeuge wird vorerst in den größeren Städten Europas zur Ausstellung gebracht.

Verkommene Genies. Im Volksmunde hört man häufig die Worte:Der 3E. ist ein äußerst tüchtiger Mann in seinem Fache, schade, daß er sich dem Trünke ergeben hat. Aber unter den genialen Leuten findet man ost Säufer." Daß Gott erbarm! Ein Genie, das zum Sauser geworden ist, das wird nicht viel Geniales mehr leisten. Es können wohl noch etliche lichte Augenblicke eintreten, in denen der Arme die alte Kraft und das alte heilige Feuer des Genius spürt, aber etwas wirklich Vollendetes wird er kaum noch zu schaffen im Stande sein. Es mögen solche Leute wohl ehemals zu den genialen Geistern gezählt haben, aber der Wein, das Bier und am Ende der Schnaps haben ihnen die geistige Kraft genommen. Man wird einen solchen Unglücklichen umsomehr bedauern, als man sich doch immer fragen muß: Was ist er jetzt und was könnte er sein? Wenn er in Folge des Trunkes so weit gekommen ist, daß auch die körperliche Kraft zu Ende geht, daß er zehn Jahre und mehr zu stüh in die Grube fährt, da sag' man: Wieder einer, der sich selbst getödtet, der sich zu 4-obc getrunken Hut. Ja, unter den 45 Millionen Deutschen gibt es eine große Zahl solcher, die ehemals zu den besten Hoffnungen berechtigten, die das ihnen anvertraute Pfand dem Volke viel mehr hätten nutzbar machen können, aber der leidige Alkohol stellte sich ihnen wie ein Dämon in den Weg. Dichter, Maler, Musiker und sonst Künstler und große Geister zählen

unter sich solche, von denen es schließlich heißt: verdorben gestorben. Der Alkohol hatte sie in seiner Gewalt und ließ sie nimmer loS. Was können wir nun von diesen Bedauernswcrthen lernen ? Zunächst, daß die geistigen Ge­tränke heimtückische und deßhalb um so gefährlichere Feinde mb. ES haben wohl solcheverkommene Genies" zuerst geglaubt, sich etwas vor anderen Leuten hcrausnehmen zu ollen und zu dürfen. Sie meinten wohl, ihre höheren Gaben berechtigten sie auch, des öfterenüber die Stränge zu chlagen". Von demöfteren" kam es zumoft" und end­lich so weit, daß der Trunk sein Opfer rettungslos in seiner Gewalt hatte. Von Stufe zu Stufe ist's gegangen, die Gewohnheit ist ja eine ungeheure Macht. Wenn von den geistig Hochstehenden unseres Volkes schon so viele häufig nicht der dämonischen Macht des Trinkens widerstehen können, wie viel weniger wird es bei vielen aus den Ständen der Fall sein, die auf einer nicht so hohen Stufe stehen. Und auch sie könnten doch nützliche Gesellschaftsglieder werden. Der Trunk ist ein gräßlicher Feind. Ohne ihn bliebe viel häusliches Glück bestehen, viele begabte Leute würden dem Gemeinwohl erhalten bleiben und die Zahl derverkommenen Genies" und die der verkommenen Leute überhaupt würde eine immer kleinere werden.

Ein urwüchsiges Burschlein mit den unbefangensten Anschauungen ward jüngst in die Quarta eines ostpreußischen Gymnasiums ausgenommen und erhielt seinen Platz aus der letzten Bank, vor welcher ein freier Zimmerraum sich aus breitete. In einer der ersten Stunden nahm der Lehrer Stilübungen in der lieben Muttersprache vor, er ließ über bestimmte Hauptwörter Sätze bilden. So erging auch an den neuen Ankömmling die AufforderungMach einmal einen Satz über den Tisch !" Augenblicklich schnellte der Aus­geforderte in die Hohe, machte einen kühnen Sprung und überschlug sich gewandt auf dem Fußboden. Bleich und starr vor Staunen und Schrecken stand der Lehrer da und ein Schrei des Entsetzens ward ringsum gehört. Alsdann aber löste sich der Banp und eine reichliche Lachsalve lohnte die stilvolle" Leistung.

Der württembergische Strafanstaltsdirector E. Sichart hat dic persönlichen Verh'ältnisie von 3181 Zuchthäuslern unter­sucht, die von 18771888 seiner Aussicht unterstellt waren. Er hat gesunden, daß Müßiggang und Trunksucht die er­giebigsten Quellen der Verbrechen sind. Von den erwähnten 3181 Sträflingen waren 939 gewohnheitsmäßige Trinker, von ihnen waren 516 wegen Diebstahls, 197 wegen Sittlich keitsverbrechen, 98 wegen Betruges, 67 wegen Brandstiftung und 61 wegen Meineids verurtheilt. In Procenten ausgedrückt befanden sich

unter je 100 Brandstiftern 34.2 Gewohnheitssäufer,

100 Sittlichkeitsverbrechern 36.3

100 Dieben 28.0

100 Betrügern 25.7

100 Meineidigen 24.0

Solche Mittheilungen sind nun von berufenen Männern der Praxis schon wiederholt gemacht- wann werden sie endlich Resultate haben?

Unwerfitäts - Nachrichten.

Der Prioatdocent Dr. Hans Virchow, ein Sohn von Rudolf Virchow, ist zum außerordentlichen Professor an der Uni­versität Berlin ernannt worden. Der junge Professor, ein Anatom von bestem Rufe, war früher in Würzburg thatig und habiiitirte sich in Berlin vor etwa 5 Jahren. Die Forschungen und Vorlesungen des Professors Hans Virchow erstrecken sich vorzugsweise aut die feinere Anatomie, insbesondere auf die der Sinnesorgane und des Central-Nervensystems. m c ,r

In Königsberg ist eine Professur für Geschichte neu be­gründet und dem bisherigen Privatdocenten Dr. Gg. v. Below (früher in Marburg) übertragen worden.

Den im deutsch französischen Kriege gefallenen Burschen­schaftern soll ein Denkmal gesetzt werden. Der allgemeine Burschenschafter - Convent hat zunächst einen Ausschuß von drei Herren mit der Ausarbeitung von Vorschlägen betraut. Ferner wurde beschlossen, im nächsten Jahre zu Eisenach das 75lahrige. Bestehen der deutschen Burschenschaft gebührend zu feiern. Die Vor- bereitungen wird der Jenenser D. C. übernehmen.

Literatur » ««nst.

Unter dem TitelDie Zeitkrankheit Neurasthenie^ erschien vor einiger Zeit in der illustrirtm Familienzeitschrift »Universum ein Aussatz von Dr. Lahmann, welcher berechtigtes Aussehen erregte. Hatte der Verfasser hier treffend die Ursachm des allgemeinen Leidens unseresnervösen Jahrhunderts^ nachgewiesen, so hat er sich m- zwischen durch viele Stimmen aus dem Publikum veranlaßt gesehen, auch aus die Heilung und Vorbeugung Neurasthenie in allgemein verständlicher Weise einzugehen. Er thut dieses in, dem Auff^e Ueber Diät und Küchenreform", der soeben in Hest 7 desUniversum erschienen mad)t tn bem vorliegenden Artikel unsere land­

läufige Kochweise und Ernährung für das Grundubel unserer Zeit