Nr. SS Zweites Blatt. Donnerstag den 25 April . E9.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Amtlicher Tßeil.
Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.
Bekanntmachung.
und der Sbne,m«nnr ISninra^ ®b ci"e, 9tB6etc Zahl betheiligter Grundeigenthümer von Steinbach die Einleitung des B-rsahrens der Feldberkiniguvq Ädberemiiu^ Ä m den Baurnstücken IN oer Gemarkung Steinbach beantragt haben, nachdem von der Großherzoglichen Landescommission für Tagfahrt"zur"Abs^ dm^aEMen^ Antrag ^ bet Unteiä^nete oti «-""nisiär zur Leitung der Abstimmung bestellt worden ist, wird
anberaumk „„h Bormittags von 9 bis 11 Uhr. in das Gemeindehaus zu Steinbach
noch durck aeMrin 9bn nmMtbtt 6et&!Ii9ten Grundeigenthümer unter dem Rechtsnachtheil eingeladen, daß diejenigen welche in dem Termin weder persönlich nocy vurcy gehöng Bevollmächtigte abstrmmen, als für den gestellten Antrag stimmend angesehen werden.
Gießen, den 23. April 1869.
Der zur Leitung for Abstimmung bestellte Kommissär.
_________ Nebel, Großh. Amtmann.
Politische Rundschau.
ließen, 24. April.
Der Kaise». und die Kaiserin trafen anläßlich des Gebur Issest es des Königs Aldert von Sachsen am Dienstag Vormittags r/,10 Uhr in der Villa ^E.s/^EN ein, vom König und der Königin, sowie der gesammten königlichen Famil e aus's Herzlichste begrüßt. ö u
.... $ie. Osterfttertage haben auf dem Gebiete der innern deutschen Politik nichts sonderlich Neues gebracht und die Tagesdiscussion auf diesem Gebiete bewegte sich daher meist nur in Erörterungen über bereits wiederholt behandelte Fragen Don ihnen wurde noch am eingehendsten die Dauer der parlamentarischen Sessionen besprochen und stimmen hierbei die Anschauungen überein, daß eine Ausdehnung der parlamentarischen Thatigkeit über Pfingsten hinaus unmöglich sei. Man weist hierbei bezüglich des Reichstages darauf hin, daß dessen Session bereits am 22. November tbren Anfang genommen hat und demnach schon jetzt von besonders langer Dauer ist Nach der „Nat.-Lib. Corrcsp." herrscht in Reichstagskreisen die Meinung vor daß in dem letzten Sesfionsabschnilte bis Pfingsten neben der Altersoersorgungsvorlage wohl auch noch die Preßgesetznovelle erledigt werden könne, was aber wenigstens hinsichtlich des letzteren Gegenstandes stark bezweifelt werden muß. Was das preußische Abgeordnetenhaus anbelangt, so wird eine vollständige Erledigung des Einkommensteuergesetzes in der gegenwärtigen Session von keiner Seite mehr ernstlich ins Auge gefaßt und bezweifelt man ferner, daß der Gesetzentwurf über die Verwendung der Sperrgelder noch zur Vorlegung gelangt; es ist daher wahrscheinlich, daß der Sessionsabschnttt nach Ostern im Abgeordnetenhause nur noch ein kurzer sein wird.
Noch kurz vor den Festtagen ist eine Fortsetzung des Weißbuche- über Samoa erschienen, welche sich m Hinblick auf die vor der Thür stehende Samoa-Eonferenz in Berlin als äußerst zeitgemäß erweist. Die neuen Actenstucke sind ein Bericht des früheren deutschen Konsuls in Apia, des Dr. Knappe, vom 26. Februar d. I sowie ein hierauf bezüglicher und an den Nachfolger Knappe's, Generalconsul Dr Stübel gerichteter Erlaß des Fürsten Bismarck. Der Bericht des Dr. Knappe verbreitet sich über den Verlauf der Unterhandlungen mit den aufständischen Samoanern weiter über die am 19. Januar d. I. erfolgte Erklärung des Kriegszustandes und 'die den Aufständischen gegenüber gestellte Forderung, daß die Verwaltung Samoas auf Deutschland übergehe. Der Bericht gtebt sodann noch Ausführungen über die allgemeine Lage in Samoa und die Mittheilung von Lootsen-Ernennungen durch den britischen und den amerikanischen Consul. Der Erlaß des Reichskanzlers, welcher das zweite Actenstück bildet, an Generalconsul Dr. Stübel charakterisirt sich als eine scharfe Verurtheilung des früheren deutschen Regierungsvertreters auf Samoa, der einerseits die dortigen Verhältnisse vollständig verkannte, sodann gegen seine Instruction Handelle und schließlich nicht einmal die übliche Vorsicht anwandte, so daß ihm auch der Erfolg fehlte. Die Kundgebung des leitenden deutschen Staatsmannes läßt klar erkennen daß Consul Dr. Knappe seine Befugnisse wett überschritten und durch sein eigenmächtiges und unüberlegtes Auftreten auf Samoa die Situation wesentlich verschärft hat, wahrend dieselbe bis dahin, wie es in dem Erlasse des Kanzlers heißt, zwar nicht gerade befriedigend, aber doch erträglich gewesen sei; die Abberufung Dr. Knappe's von Samoa und seine Ersetzung durch eine geeignetere Persönlichkeit war demnach ein ent- schieden gebotener Schritt. - In Anknüpfung an die Vorgänge auf Samoa ist nun durch eme kaiserliche Ordre eine Abänderung der Instructionen für die Commandanten « Kriegsschiffe verfügt und vom Reichskanzler durch ein Rundschreiben
sammtltchen Consuln des Reiches zur Kenntniß gebracht worden. Die allerhöchste Ordre regelt die Befugnisse des Commandanten eines deutschen Kriegsschiffes bet an ihn gestellten Requisitionen im Auslande und bezieht sie sich hierbei fpeddl auf die eigenmächtigen Requisitionen des Dr. Knappe bet den Befehlshabern der bislang vor Samoa ltatontrt gewesenen deutschen Kriegsschiffe. Hiernach muß künftig der Commandant eines^Kriegsschiffes seinerseits die politische und rechtliche Seite einer von einem ka serltchen Vertreter im Auslande an ihn gestellten Requisition prüfen, falls letzterer Feine Ermächtigung des Auswärtigen Amtes nachweisen kann. Fehlt es an dieser Vorbedingung so ist der Schiffscommandant befugt, die Requisition bis zur Einholung höherer Entscheidung abzulehnen. In allen andern Fällen tragen die Commandanten lediglich die militärische Verantwortlichkeit für die Ausführung einer angenommenen Requisition und haben dann nur die materielle Ausführbarkeit derselben zu prüfen, und für die Wahrung der einmal engagtrten Ehre der kaiserlichen Krtegs- flagge einzustehen. Jedenfalls wird die Verordnung das eine Gute zur Folge haben daß Consuln wie Schtffscommandanten es sich in Zukunft zwei und drei Mal überlegen werden, ehe sie sich zu einem bewaffneten Einschreiten entschließen
In Sachsen beging man am Dienstag in allen Kreisen der Bevölkerung das 61. Geburtssest des Königs Albert mit besonders freudiger Theilnahme in Ein
blick auf die im Juni bevorstehende 800jährige Jubelfeier des Hauses Wettin, zu deren glänzender Begehung schon seit längerer Zett umfassende Vorbereitungen getroffen werden. Der Erbprinz und die Erbprinzessin von Sachsen -Mcmingen waren behufs Theilnahme an der Geburtstagsfeier König Alberts schon vor einigen Tagen von Berlin in der königlichen Villa zu Strehlen bei Dresden eingetroffen.
Deutschland.
Darmstadt, 20. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Hauptmann a. D. Schlen'ke von Gießen.
Darmstadt, 20. April. sAntrag auf Erlaß eines Unfalloersicherungsgesetzes für Feuerwehrleule.j Bei der Berathung der Landes-Feuerlöschordnung wurde von verschiedenen Abaeordneten in der zweiten Kammer der Erlaß eines Gesetzes angeregt, wodurch die Versicherung der Feuerwehrleute gegen Unfälle geregelt wird. Die damalige Anregung konnte nicht alsbald ihre Erledigung finden. Jetzt ist dieselbe als Antrag in die geschäftliche Behandlung des Gefetzgebungsaussckuffes genommen und steht Berathung nach vorgängiger Aeußerung der Großh. Regierung in naher Aussicht. Antragsteller sind die Abgeordneten Dr. Gutfleisch, Dr. Schröder, Haas, Westernacher, Graf Oriola und Kredel. (F. I.)'
Berlin, 20. April. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge hat Seine Majestät der Kaiser Den vom Admiral Goltz in Wilhelmshaven ausgebrachten Toast folgendermaßen beantwortet: „Die Worte des commandirenden Admirals haben Mich tief gerührt. Ich hatte zwei Gründe, herzuetlen, erstens, um der Corvette, die Ich mit getauft habe, das Abschiedsgeleit zu geben, sie trägt den Namen der Lieblingsschwefter des unvergeßlichen Kai'ers Wilhelm L, den Namen des einzigen noch lebenden Mitgliedes aus j Kaiser Wilhelm's Generation. Zweitens drängt es Mich, gemeinschaftlich der Männer zu gedenken, die ein so jäher Tod in Samoa uns entriß Es waren wackere Männer, gute Freunde und Kameraden, die sollen uns als Vorbild dienen. Gott hat es gewollt, daß sie sterben sollten nach siegreichem Kampfe gegen Menschenhand in muthigem Kamofe gegen das entfesselte Element für Kaiser und Reich. Nicht ertrunken sind die Kameraden in Samoa oder auf der „Augusta", sondern gefallen, die Pflicht bis zum letzten Augenblicke erfüllend. Das Beispiel dieser braven Männer möge uns voranleuchten und zum Nacheifer anspornen. Der Geist der Hingebung, Disciplin und des todesmutbigen Ausharrens, der die Marine von jeher auszeichnet, möge stets ferner erhalten bleiben. In diesem Sinne ergreife Ich Mein Glas, die deutsche Marine, vor Allem das brave Officiercorps, Hurrah!"
Kossand.
Haag, 20. April. Gegenüber auswärts verbreiteten Gerüchten von einer ernsten Verschlimmerung im Zustande des Königs wird aus guter Quelle versichert, daß das Befinden des Königs befriedigender ist als seit Monaten.
Belgien.
Brüssel, 19. April. Betreffs der Meldung Pariser Blätter, wonach die dem- nächstige Ausweisung Boulanger's aus Belgien zu erwarten stände, verlautet von unterrichteter Seite, daß ein formelles Verlangen dieser Art seitens der französischen Regierung bis jetzt nicht gestellt worden sei. Der französische Gesandte Bouröe habe zwar in einer gestern mit dem Minister des Auswärtigen, Fürsten Chimay, gehabten Unterredung auf das Mißvergnügen hingewiesen, das in Frankreich durch die Umtriebe der Boulangisten in Brüssel bervorgerufen werde. Die fragliche Unterredung habe aber keinerlei osficiellen Charakter getragen und sei auch nicht durch dem Gesandten Bouröe aus Paris zugegangenen Instruktionen veranlaßt gewesen.
Brüffel, 20. April. In einem gestern Nachmittag stattgehabten Ministerrathe machte der Minister des Auswärtigen, Prinz Chimay, Mittheilung von seiner Unterredung mit dem französischen Gesandten Bourröe über die boulangisttschen Umtriebe. Der Ministerrath beschloß, Boulanger Vorstellungen machen zu lassen, ihm die schwierige Lage der belgischen Regierung darzulegen und ihn davon zu verständigen, daß gegen ihn binnen Kurzem ein Ausweisungsbefehl erlassen werden dürfte, sofern er nicht freiwillig das Land verließe; er habe ja ohnehin zu wiederholten Malen, auch dem Secretär des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten gegenüber', feine Absicht, Belgien zu verlassen und nach England zu gehen, ausgesprochen. Die Regierung erachte jetzt den Augenblick für gekommen, dieser Absicht Folge zu geben. Von diesem Beschlüsse machte der Secretär des Justizministers noch gestern Boulanger persönlich Mittheilung. Dieser verständigte sich sofort mit Rochefort und antwortete, er werde Dienstag oder Mittwoch nach England abretsen. Wie es heißt, würden die in Brüssel anwesenden Anhänger des Generals denselben nach London begleiten. Boulanger telc- graphirte heute Vormittag an die englische Gesellschaft, welche ihm kürzlich einen besonderen Dampfer für seine Ueberfahrt angeboten hatte, und zeigte ihr seine bevorstehende Abreise an, worauf die Antwort erfolgte, der Dampfer werde an dem Orte, wo er abreisen wolle, sei es Ostende oder Antwerpen, zu seiner Verfügung stehen.


