Nr. 248 Erstes Blatt. Donnerstag den 24. October 1889.
Amts- und Anzeigcbtatt für den Kreis Gießen.
S«r«a»r SL.ilstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. $rci® ^"^iShrlich 2Mark 20 Pf mit Bring-rlohn
emeroev. .x ,1,,^ Durch die Post bezogen viertehahrlich 2 Marl 50 Pf.
Amtlicher HheiL
Betreffend: Maul- und Klauenseuche zu Gießen.
Bekanntmachung.
Wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche zu Gießen wird im Anschluß an das Verbot des Rindviehmarktes auch die Abhaltung des auf 30 L Mts. anberaumten Schweinewarktes hierdurch untersagr.
Gießen, am 23. October 1889. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
____v. Gagern.__________________
Betreffend: Maul- und Klauenseuche zu Hungen.
Bekanntmachung.
Nachdem die Maul- und Klauenseuche zu Hungen erloschen ist, werden die über die Gemarkung Hungen verfügte Sperre und ebenso die über die Gemarkungen Langsdorf, Inheiden und Trais-Horloff verhängten Sperrmabregeln hierdurch aufgehoben.
Gießen, am 23. October 1889. Grobherzogliches Kreisümt Gießen.
___v. Gagern.________________________________
Bekanntmachung.
Wir haben durch Bekanntmachung vom 8. April l. Js. in Nr. 72 des „Darmstädter Tageblatt" das Ergebniß einer, durch das chemische Unter# suchungsamt dahier ausgesührten awltichen Analyse der Aechten Sodener Mineral-Pastillen (PH. Hermann Fay 8? Cie ) veröffentlicht, um btm em st cytü voll er en Th eil des Publikums em Urtheil darüber zu ermöglichen, wie wenig die in Reklamen behauptete Heilwirkung jener Pastillen gegen schwere Erkrankungen der Aihmungs- und Verdauungsorgane zu erwarten ist, da dieselben etwa der Wirkung einer schwachen wässerigen Kochsalzlösung oder einer Mischung etw" von 1 Tyeil Kochsalz mit 19 Theilen Zuckerpulver gleichkommt.
Die Brunnenverwaltung Bad Soden a. Taunus, PH. Hermann Fay & Cie., ist dadurch in ibren Anpreisungen nicht beirrt worden und hat in großen Annoncen, unter Berufung auf eine von ihr erwirkte Analyse des Chemikers Dr. B. Lepsius in Frankfurt a. M, unsere Bekanntmachung anzusechten versucht. Am Schluffe einer derartigen Veröffentlichung in der „Pharmaccutischen Zeitung" schreibt sie großsprecherisch: „Gegen die Bekanntmachung des Darmstädter Poliz ipräsidiums Haden wir Berufung bei dem Großh. Hessischen Ministerium, deHtzInneIn eingelegt. Das Treiben zu beurtheilen, womit an der Hand der abfälligen Darmstädter Bekanntmachung versucht wird, Fays echte Sodener Muerakpastillen in Mißkredit zu bringen, überlasten wir der Einsicht unserer geehrten Abnkhr,.er, deren Urtheil, wie wir fest überzkugt sind, stets zu unseren Gunsten ausfallen wird."
Die angrkündigte Berusung ist mit dem Antrag, uns zur Zurücknahme unserer Bekanntmachung anzuhalten, von dem Anwalt der Herren Fay rc. an Großb. Ministerium des Innern und der Justiz eilig ereicht, am 21. September l. Js. aber, „nach eingehender Prüfung der Angelegenheit", abschlägig beschieden worden.
Darmstadt, den 8. October 1889. Großherzogliches Polizeiamt Darmstadt.
Votitifch-e -turrdsedsu
Gießen, 23. October.
Ter gegen den präsumtiven würltembergischen Thronfolger, Prinzen Wilhelm, unternommene Mordversuch ist in seinen Beweggründen noch nicht völlig aufgeklärt und ebenso bedarf der Name des sofort verhafteten Thälers noch der authentischen Feststellung. Denn die von demselben gemachte Angabe, er heiße Hermann Klaiber, erweist sich als erdichtet, ferner soll er seine ursprüngliche Erklärung, er habe die That aus religiösen Gründen begangen, widerrufen und dabei versichert haben, daß er einem Anarchistenbunde angehöre, der bezwecke, alle Fürsten aus dem Wege zu räumen; das . Loos, den Prinzen Wilhelm zu tobten, sei auf ihn gefallen. Schließlich verlautet noch, daß der Verbrecher gar nicht geistesgestört sei, wie zunächst gemeldet worden war. Unter diesen Umständen darf man dem zu erwartenden authentischen Bericht in der Affaire mit Spannung entgegensehen. Dem Prinzen Wilhelm, der so glücklich den Anschlägen eines politischen oder religiösen Fanatikers entgangen ist, sind aus den weitesten Kreisen freudige Kundgebungen anläßlich seiner Errettung zugegangen.
Die Blättermeldungen, denen zufolge Fürst Bismarck beabsichtigen sollte, am 25. October wieder in Berlin einzutreffen, um an den Reichstagsoerhandlungen theil- zunehmen, erweisen sich als irrig. Der Reichskanzler gedenkt vielmehr die nächste Zeit noch in Friedrichsruhe zuzubrtngen unD hier u. A. den Besuch des österreichischen Ministers des Auswärtigen, Grafen Kalnoky, zu empfangen. Graf Kalnoky hatte die betreffende Einladung schon während seiner letzten Anwesenheit in Berlin erhalten, seinen Besuch ' aber in Rücksicht auf die Anwesenheit des Kaisers Alexander in Berlin verschoben.
Eine „Times"-Meldrrng aus Zanzibar besagt, daß bei Bagamoyo am 17. d. M. ein neuerlicher Zusammenstoß zwischen den Deutschen und den Aufständischen stattgefunden habe, worüber indessen noch keine Einzelheiten vorlägen. Sollte sich diese Meldung bestätigen, so wäre das plötzliche Auftauchen von Jnsurgentenbanden bei Bagamoyo also in der Nähe der Küste, nicht ganz unbedenklich, da sich Buschiri, der * Leiter des Araber-Aufstandes, mit seinen Leuten zur Zeit nach dem Innern Deutschost- afrikas zurückgezogen hat. |
3n Belgien rüsten sich die Liberalen wieder einmal zu einem Ansturm auf das clericale Ministerium Baernaert. Den äußern Anlaß hierzu bietet das vom Ministerium ' geplante neue Wahlgesetz, welches auf die Festigung und Stärkung der clericalen Partei . berechnet ist und daher in den Kreisen der belgischen Liberalen große Entrüstung erregt. - Derselben gab der greise Chef der gemäßigt-liberalen Partei Belgiens, Fr^re- Orban, in einer zu Lüttich anläßlich der 100jährigen Feier der Lütticher Revolution vom Jahre 1789 gehaltenen Banketrede Ausdruck und forderte Fr«re- Orban unter scharfen Ausfällen gegen die Kirche alle Liberalen des Landes auf, sich gegenüber dem Ministerium und seiner beabsichtigten Wahlgesetzänderung einmüthig zusammenzuschaaren. Ob dieser Appell den gewünschten Erfolg haben wird, muß sich freilich erst noch zeigen, denn bis jetzt haben immer mehr oder weniger Eifersüchteleien zwischen den beiden Hauptrich- lungen des belgifchen Liberalismus, den Gemäßigten und den Radicalen, geherrscht.
Der Umwandlung der bisherigen Bezeichnung der gemeinsamen österreichisch- ungarischen Kriegsmacht als „kaiserlich königlich" in „kaiserlich und königlich" t'.ägt I
den seitens der Ungarn in dieser so „wichtigen" Frage längst geäußerten Wünschen volle Rechnung. Jenseits der Leitha heirscht denn auch große Befriedigung über die Regelung dieser Titelfrage und die gesummten Pesther Blätter begrüßen das den neuen Titel der gemeinsamen Armee betreffende allerhöchste Handschreiben als einen abermaligen Beweis der echt constitutionellen Gesinnung des Königs. Der „Pesther Lloyd" erklärt hierbei, daß jetzt, wo die ungarischen Beschwerdepunkte in der Titel-Angelegenheit aus der Welt geschafft seien, die Armeefrage fortan ruhen könne. Dieser Ansicht huldigt aber die Opposition im ungarischen Abgeordnetenhause offenbar nicht, wie aus ihrem Verhalten bei Besprechung der bekannten Fahnenaffaire von Monor in der Montagssitzung heroorgeht. Obwohl der Landesvertheidigungsminister Baron Fejervary erklärte, es denke Niemand an eine Verletzung der Rechte ober Gefühle der magyarischen Nation und darauf hinwies, daß die schwarz-gelben Fahnen nur die Stgnalzeichen für die Commandanten seien und als solche für die gemeinsame Armee wie für die ungarische Honvedarmee zu gelten hätten, lärmte und tobte doch die Linke wie in den Tagen der Debatten über das neue Recrutirungsgesetz. Schließlich wurde jedoch der unangenehmen Scene dadurch ein Ende gemacht, daß das Haus die Erklärungen des Ministers mit 122 gegen 68 Stimmen gut hieß.
Die Thronrede,
welche bei der gestrigen Reichstags-Eröffnung der Staatssecretär v. Bötticher im Austlage des Kaisers verlas, hat folgenden Wortlaut:
Geehrte Herren!
Se. Majestät der Kaiser haben mich zu beauftragen geruht, Sie bei dem Beginne der letzten Session der laufenden Legislaturperiode Namens der verbündeten Regierungen zu begrüßen.
Ein Ziel, auf welches die Thätigkeit des gegenwärtigen Reichstages bisher vorzugsweise gerichtet war, ist die Sicherung des Friedens nach außen wie im Innern. In derselben Richtung liegen die Aufgaben, welche Sie in der bevorstehenden Session beschäftigen werden. Als der Reichstag vor drei Jahren zusainmentrat, handelte es sich vor Allem um die Sicherstellung unserer vaterländischen Wehrkraft. Der Reichstag hat in patriotischer Würdigung die Lösung dieser Aufgabe gefördert.
Auch jetzt wird Ihre Mitwirkung dafür in Anspruch genommen werden, um die Tüchtigkeit und Schlagfertigkeit des Heeres den Verhältnissen entsprechend auszugestalten und dadu'ch den auf Erhaltung des Friedens gerichteten Bestrebungen Sr. Majestät des Kaisers und seiner hohen Verbündeten denjenigen Nachdruck zu geben, welcher ihnen im Rache der Völker gebührt. Ein Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen des Reichs-Militär-Gesetzes vom 2. Mai 1874, welcher eine anderweite Eintheilung der Armee vorsieht, soll die Ungleichmäßigkeiten in der Gliederung, wie sie durch die Heereso.rstärkungen und Truppenverschiebungen entstanden sind, im Interesse der Ausbildung und Heeresleitung wieder ausgleichen.
HierailS und aus der entsprechenden Weiterentwickelung unserer Seemacht erwachsen Mehrausgaben, die im Reichshaushaltsetat zum Ausdruck kommen. Aus dem letztere«,, der Ihnen unverweilt zugehen wird, ergibt sich im Vergleich zum laufenden Etatsjahre eine nicht unbeträchtliche Steigerung der Matrtkular - Umlagen. Gleichwohl werden die letzteren immer noch nicht unerheblich überwogen von


