Heilage zu Dir. 120 öes „Achmer Anzeiger"
Völkische Rundschau.
Gießen, 23. Mai.
Mit fast südländischem Enthusiasmus hat die Bevölkerung der Reichshauptstadt die.erlauchten Gäste Kaiser Wilhelms, den König Humbert und den Kronprinzen Victor Emanuel von Italien, bet ihrer programmgemäß am Dienstag Vormittag erfolgten Ankunft und ihrem Einzüge in das überaus festlich geschmückte Berlin begrüßt. Alle Meldungen über die Berliner Empfangsfeierlichkeiten stimmen darin überein, daß wohl kaum jemals ein fremder Souverain in der Hauptstadt des deutschen Reiches mit so brausendem Jubel, mit so aus echtem Volkesherzen kommender Begeisterung ausgenommen worden ist, als jetzt König Humbert und in dieser so herzlichen Begrüßung des königlichen Gastes aus dem Süden gelangte offenbar die Empfindung ! weiter Volkskretse, in dem Herrscher Italiens nicht nur den persönlichen Freund, sondern ! auch den treuen Verbündeten Kaiser Wilhelms begrüßen zu können, mit zum spontanen 8 Ausdrucke. Auch durch die farbenprächtige und mit künstlerischem Verständnisse aus- ! geführte Ausschmückung der vom gleichfalls herrlich deeorirten Anhaltischen Bahnhofe zum königlichen Schlöffe führenden Einzugsstraßen hat Berlin seine hohe Freude über den Besuch des erlauchten italienischen Monarchen bekundet und hierüber geruhte König Humbert dem Oberbürgermeister v. Forckenbeck und dem Stadtoerordneten- Vorsteher Dr. Stryck, welche beide Herren dem König durch den Kaiser selbst vorgestellt wurden, seine huldvollste Anerkennung auszudrücken. Die Begrüßung zwischen König Humbert und seinem kaiserlichen Gastfreund vollzog sich in denkbar herzlichster Weise, daneben begrüßte der König besonders den Reichskanzler Fürsten Bismarck in gewinnendster Weise und auch das Wiedersehen zwischen letzterem und dem italienischen Ministerpräsidenten Erispi war augenscheinlich ein freudig bewegtes. Beide Staatsmänner saßen auch beim Einzüge der Fürstlichkeiten zusammen in einem Wagen und sie wurden von der Volksmasse immer wieder mit jubelnden Zurufen empfangen. — Rach der Ankunft im Schlosse ward hier König Humbert von der Kaiserin Victoria Augusta begrüßt; es war die erste Begegnung zwischen ihnen und entsprach sie in ihrer Herzlichkeit ganz der unfern Kaiser mit dem König verbindenden innigen Freundschaft. Nachdem der König und der Kronprinz Victor Emanuel einige Zeit sich in ihren Gemächern von den Anstrengungen der langen Eisenbahnfahrt erholt, erschienen sie zu der am Nachmittag des 21. Mai bei den kaiserlichen Majestäten veranstalteten Frühstückstafel und fuhren später, geleitet vom Kaiser und vom Prinzen Heinrich, nach Eharlottenburg zum Besuche des Mausoleums, woselbst König Humbert einen prachtvollen Kranz am Sarge Kaiser Wilhelms I. niederlegte. Am Abend fand im Bildersaale des Berliner Nesidenzschlosses große Galatafel statt. Am Mittwoch Vormittag wohnten der König und der Kronprinz der in glänzendster Weise verlaufenen Parade der Garden auf dem Tempelhofer Felde bei, auf welche 1 Uhr Frühstück im Schlosse folgte. Abends 6 Uhr fand daselbst große Parade-Galatafel statt, woran sich ein Besuch im Opernhause schloß.
Dem Reichstage soll ein nochmaliger Nachtragsetat wegen Ostafrikas zugehen, da die 2 Millionen für die Wißmann'sche Expedition angeblich schon verbraucht sind. Von anderer Seite wird dagegen behauptet, daß sich der erwartete Nachtrag auf die Uebernahme der Landesverwaltung von der Neu Guinea-Compagnie auf das Reich beziehe.
Immer erfreulicher lauten jetzt die Nachrichten aus dem Gebiete des rheinisch- westfälischen Bergarbeiter-Strikes. Mit Dienstag haben im Bezirke des Ober- bergamtes Dortmund zahlreiche Bergleute die Arbeit wieder ausgenommen und arbeiteten an diesem Tage im Ganzen wieder 73,995 Bergleute; auf einer Anzahl von Zechen hatten die Belegschaften nur infolge eines Mißverständnisses die Arbeit noch nicht ausgenommen. Im Essener, Bochumer und theilweise auch Aachener Revier, ferner in den Zechen des der Verwaltung des Assessors Krabler unterstehenden Kölner Bergwerksvereins arbeitet ebenfalls wieder Alles. Auch in den schlesischen Kohlenbczirken macht sich endlich eine Wendung zum Bessern bemerklich; in den Kohlenwerken bei Gottesberg und auf der oberschlesischen Grube „König" sind die strikenden Bergleute nach theilweiser Erfüllung ihrer Forderungen wieder angefahren. Dagegen ist seit Dienstag unter den sächsischen Bergarbeitern des Zwickauer Reviers der Strtke in aller Form proclamirt worden.
Die Berliner Reise des Königs von Italien hat, wie in Italien selbst, so auch in Oesterreich-Ungarn ein freudiges Echo gefunden. Fast sämmtliche tonangebende Wiener und Pefter Blätter besprechen die Reise in sympathischen Artikeln und betonen hierbei, wie sehr der Besuch des italienischen Herrschers am Hofe von Berlin die bestehenden Friedensbürgschaften erneuere und bekräftige.
nn. Darmstadt, 22. Mai. sZweite Kammer der Stände.) Die Kammer setzt heute die Berathung über den Antrag Osann, den Betrieb von Wirthschaften und den Kleinhandel mit Branntwein und Spiritus betr., fort und treten auch heute verschiedene Ansichten über' die Nützlichkeit des frag!. Bedürfnißnachweises bei den verschiedenen Rednern zu Tage.
Im Allgemeinen tritt die Ansicht hervor, daß Seitens Großh. Regierung an eine Revision des fraglichen Gesetzes vielleicht gedacht werden mötze, da hierdurch gewiß viele jetzt laut werdende Klagen bezüglich des bestehenden Bedürfnißnachweises beseitigt würden.
Abg. Rack 6 bringt noch folgenden Antrag ein: In Anbetracht d?r stattgehabten eingehenden Discussion der Frage und der hierdurch heroorgetretenen Wünsche möge Großh. Negierung Veranlassung nehmen, der Frage näher zu treten und das Haus zur Tagesordnung übergehen.
Nach hierauf erfolgter Abstimmung wird ein Antrag Jöst auf Aufhebung der ganzen Verordnung mit allen gegen 9 Stimmen abgelehnt, dagegen unter Ablehnung sämmtlicher Ausschußanträge der Antrag Rackö mit großer Majorität angenommen.
Es folgt hiernach die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Anstellung eines zweiten Fabrikinspectors betr.
Abg- Reinhardt begrüßt die Vorlage mit Freuden und dankt der Regierung für die so rasch erfolgte Erledigung. Denn wer mitten in den Arbeiterkreisen stehe wie er, der wisse, welches Gefühl der Sicherheit bei dem Arbeitgeber und dem Arbeiter hervortrete, wenn der Fabrikinfpector eine Fabrik besichtigt und die Einrichtungen in bester Ordnung gefunden habe. Das gebe ein Gefühl der Beruhigung sowohl für den Arbeitgeber und für ben Arbeiter. Er wolle jedoch einem Gedanken Ausdruck geben, der in ihm bei Gelegenheit der s. Z. stattgehabten Sitzungen der Wormser Handelskammer über diesen zweiten Fabrtkinspector aufgetaucht sei. Er habe es bedauerlich empfunden, daß gerade als es sich um die Berathung dieser Angelegenheit handelte, in diese Commission nicht Arbeiter zugezogen waren. Man müsse dem Arbeiter mit Vertrauen entgegenkommen und bei Fragen, die sein eigenstes Interesse berühren, zur «erathung hinzuziehen. Dann werde auch der Arbeiter Vertrauen entgegenbringen. Man habe gerade in den letzten Tagen gesehen, wohin das Gegentheil geführt und die Ergebnisse der letzten Tage hätten es gezeigt, daß dem Arbeiter Vertrauen und Achtung entgegengebracht werden müsse. „Das einzige Geheimniß des guten Einver- "Ebmens mit den Arbeitern, womit in Worms die Arbeitgeber bestehen baß sie ihren Arbeitern Achtung und Vertrauen entgegenbringen und dieses Vertrauen von denselben im vollsten Matze gewürdigt wird.
. .Die Abgg. Jöst. Wasserburg, Rackö sprechen ebenfalls der Regierung Dank aus für die rafche Erledigung der Sache.
Nach erfolgter Abstimmung wird der Antrag des Ausschusses, „die Kammer wolle ihre Zustimmung zur Verwendung von Ueberschüssen der laufenden Finanzperiode für die Anstellung eines zweiten Fabrikinspectors im Betrage von 4600 JC. mit Wirkung vom 1. April 1889 an ertheilen und den Antrag Jöst und Genossen für erledigt erklären", mit allen Stimmen angenommen.
Ebenso findet die Vorlage Großh. Ministeriums betr. die Erhöhung des Credits unter Kapitel 84 des Hauptvoranschlags pro 1888/91 um 2143 JL zum Zwecke der Unterbringung des hygienischen Instituts in dem Gebäude des alten chemischen Laboratoriums in Gießen ohne Debatte Annahme.
Dagegen enispinnt sich über die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Erhöhung der Baukosten für die Kliniken und das pathologische Institut in Gießen um 70500 JL zum Zweck der Einführung der elektrischen Beleuchtung eine lebhafte Debatte.
Am Ministertisch erscheint Geh. Hofrath Prof. Dr. Mittler.
Abg. Vogt erklärt, er werde gegen die Vorlage stimmen, weil ihm nicht genügend nachgewtesen sei, daß die Einführung der elektrischen Beleuchtung in der Klinik zu Gießen ein unumgängliches Bedürfnis sei. Er bezweifelt auch die Feuersicherheit und weist noch auf die Unrentabilität des Elektricitätswerks in Darmstadt hin, welches bedeutende Summen bereits gekostet habe.
Geh. Hofrath Kittler erwiderte, für ihn fei es einerlei, ob das Haus die Vorlage annehme oder nicht. Er könne aber nur hervorheben, wie wichtig die Einführung der elektrischen Beleuchtung gerade bei Krankenhäusern fei- Die von ihm aufgestellten Berechnungen feien genau, was er auf Pflicht und Gewissen versichere. Was die Aeuersicherheit anlangt, so sei es richtig, daß in Folge schlechter Montirung kleinere Brände entstanden seien. Das sei aber kein Maßstab dafür, um eine bei vielen Hunderten von Städten eingeführte Beleuchtungsmethode zu discreditiren; die Feuersicher- heil sei entschieden größer als bei Gas. Was das Darmstädter Electricitätswerk anlange, so habe man bei Anlage desselben gewußt, das dasselbe bei kleinem Consum keine Rente abwerfe. Steige aber der Consum, so sei sicher, daß das elektrische Licht billiger sei als Gas.
Präsident Kugler und Abg. Wasserburg bestreiten ebenfalls die Feuersicherheit des elektrischen Lichtes.
Nachdem noch Herr Geh. Staatsrath v. Knorr auf die unumgängliche Noth- wendigkeil der Einführung des elektrischen Lichtes sowohl vom hygienischen Standpunkt wie von dem der Feuersicherheit gegenüber den Kranken heroorgehoben, genehmigt die Kammer mit 23 gegen 11 Stimmen den Antrag des Ausschusses, den geforderten Betrag zu bewilligen.
Graf Oriola interpellirt noch die Regierung wegen Regelung der Gehaltsverhältnisse der Landschullehrer und bittet um ein etwas beschleunigteres Tempo der Angelegenheit.
Hierauf wird die Sitzung abgebrochen, um morgen fortgesetzt zu werden.
Vermischtes.
nn. Darmstadt, 22. Mai. Gestern Nachmittag ereignete sich in der unteren Rheinstraße ein höchst bedauerlicher Unglücksfall. Frau Zahnarzt Werlb, eine Amerikanerin, welche in ihrem Gig eine Spazierfahrt mit ihrem Kinde machen wollte, wurde sammt ihrem Kinde durch das Scheuwerden ihres Pferdes aus dem Wagen geschleudert und fiel mit dem Kopf auf das Trottoir, wo sie blutüberströmt liegen blieb. Frau W. hat eine bedeutende Kopfwunde davongetragen, während ihr Kind und der Diener unverletzt blieben. Der Wagen ging in Trümmer.
A Mainz, 22. Mai. Bei den schweren, theilweise von Hagelschlag und wolkenbruchartigem Regen begleiteten Gewittern, welche gestern gegen Abend in hiesiger Gegend niedergingen, hat der Blitz, wie von verschiedenen Seiten gemeldet wird, sowohl hier wie in umliegenden Ortschaften mehrfach eingeschlagen, glücklicher Weise ohne zu zünden. Hier fuhr ein kalter Schlag in ein Haus in der Neustadt, an dessen nördlicher Seite mehrere sichtliche Spuren zurücklassend. Die Baumpflanzungen in der „Neuen Anlage" wie in der Rheinpromenade wurden mehrfach vom Blitz berührt, ebenso die Telegraphen- und Telephonleitungen, welch letztere theilweise vorübergehend gestört waren. Aus Laubenheim und Nackenheim wird gemeldet, daß der Blitz in zwei isolirt stehende Gebäude gefahren und das Mauerwerk beschädigt hat. In Nierstein hat der Blitz in der längs dem Rheine hinziehenden Allee mehrfache Verwüstungen angerichtet, ebenso in der Rheinallee bei Castel. Einer der dortigen Pappelbäume ist durch den Blitz vollständig seiner Rinde entblößt worden. In Mombach hat der Blitz zweimal eingeschlagen. Am Abend konnte man von hohen Punkten aus in der Richtung der Pfalz einen weiten Feuerschein wahrnehmen, der auf einen großen Brand hindeutete.
△ Aus Rheinhessen, 23. Mai. Der Gemeinderath von Oppenheim hat in seiner gestrigen Sitzung sieben iUuftren Persönlichkeiten das Ehrenbürgerrecht ertheilt als Zeichen des Dankes und der Anerkennung für die Verdienste, welche sich die betreffenden Herren für die Wiederherstellung der Katharinenkirche erworben.
— Frankfurt a. M., 22. Mai. Die Lohnbewegung nimmt hier immer größere Dimensionen an. Jetzt sind auch die Brauer in die Bewegung eingetreten. Gestern Abend hielten dieselben im Heymann'schen Saale in Sachsenhausen eine Versammlung ab, die ungemein stark besucht war. Die Diskussion ergab eine völlige Einstimmigkeit in den Forderungen, die sich in folgenden 6 Punkten zusammenfassen lassen: 1. zehnstündige Arbeitszeit, 2. wöchentliche Lohnzahlung, Minimallohn 24 Jt, 3. Beschränkung der Sonntagsarbeit auf höchstens 3 Stunden, für jede Arbeitsstunde am Sonntag sollen 50 H bezahlt werden, 4. Ueberstunden an Wochentagen werden mit 40 H bezahlt, 5. den Brauerburschen steht frei, zu essen wo sie wollen, insbesondere sind sie nicht gezwungen, bei einem Vorgesehen zu essen, 6. in Bezug auf das Vereinsleben darf den Brauern kein Zwang auferlegt werden. Bei der Diskussion wandte man sich namentlich scharf gegen die jetzige Arbeitszeit von 15 bis 16 Stunden, sowie gegen die Sonntagsarbeit. Es wurde ein Comitö von 15 Mitglieder gewählt, das mit den Arbeitgebern verhandeln soll. Werden die gerechtfertigten Forderungen von den Brauereibesitzern nicht bewilligt, so wird Freitag Mittag 12 Uhr in sämmtltchen Brauereien die Arbeit niedergelegt. Die Anwesenden, etwa 500 an der Zahl, traten diesen Beschlüssen durch Namensunterschrift bei. Es herrschte in bet Versammlung seltene Einmüthigkeit.
— Heute Nachmittag entgleisten auf der städtischen Verbindungsbahn nächst dem neuen Hafen an dem Extrazug der Kaiserin von Oesterreich — dieselbe kam von Wiesbaden — drei Wagen. Der Unfall nahm einen glücklichen Ausgang. Weder die Kaiserin noch vom Gefolge wurde Jemand nennenswerth verletzt. Eine Dame erlitt eine kleine Verletzung am Kopfe, ein Diener eine solche an der Hand. Die beiden letzten Wagen des Zuges waren bereits entgleist, als der Zug sich immer noch in Bewegung befand. Der Zugführer wurde erst durch das Winken eines Schutzmannes, der den dritten Wagen entgleisen sah, aufmerksam. Ein Wagen ist nicht unbedeutend beschädigt, er ist ganz eingedrückt; zwei andere sind nur auf die Seite gefallen. Die Kaiserin hatte durch den Unfall einen Aufenthalt von ca. einer Stunde. Sie spazierte auf dem Geleise auf und ab. Zur Aufklärung fei noch bemerkt, daß die sogenannte Verbindungsbahn den Hauptbahnhof mit dem hiesigen Ostbahnhof verbindet.
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