Ausgabe 
24.3.1889
 
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Nr. 71 Zweites Blatt. Sonntag den 24. März 1AAA

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Brrreanr Schulstraße 7.

Erschein, .»«.ich mit A.sn-Hm- des Montags. ^WWWÄLULichaWÄL

iKsr Einladung Mm Abonnement

auf den

Gießener Anzeiger,

flmts= miö Jlhjciuiöiiill für Den Kreis Ziegen.

DerGießener Anzeiger" erscheint, wie gewohnt, täglich, mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen, tnei. her BeilageGießener FamilieMätter", welche dreimal wöchentlich dem Anzeiger beigelegt werden.

Der Abonnementspreis für den Anzeiger, frei in's Haus geliefert, beträgt 2 Mark 20 Pfg.; für auswärtige Abonnenten, welche nur bei der Post abonniren können, 2 Mark erd. Postgebühr.

Den seitherigen Abonnenten in der Stadt Gießen werden wir, wenn vorher keine ausdrückliche Abbestellung erfolgt, den Anzeiger auch im II. Quartal 1889 zusenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen.

Wir bitten die neuen Abonnenten, namentlich auswärtige, ihre Bestellungen baldqefälliqst aufqebcn zu wollen, damit wir vollzählige Exemplare liefern können. Die Expedition.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Anzeigen strafbarer Handlungen durch das Gemeindepolizeipersonal. Gießen, am 21. März 1889.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzogttchen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Da es m der letzten Zeit wiederholtvorgekommen ist, daß Anzeigen strafbarer Handlungen durch das Gemeindepolizeiversonal direct bei uns einaereicht wurden, w^urch vielfach Weltläufigkeiten entstanden, beauftragen wir Sie, das Polizeipersonal Ihrer Gemeinden dahin zu bedeuten, daß alle von demselben erhobenen Anzeigen bei Ihnen emzureichen fmb.

Anzeigen find alsdann von Ihnen zu prüfen und zutreffenden Falls vervollständigen zu lassen und alsdann mit dem Vermerk:Gesehen" Grcßherzoglrche Bürgermeisterei", ohne weiteren Bericht an uns einzusenden. *

______ ___ v. Gagern.

Vermischtes.

Darmstadt, 22. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 16. d. M. den Kretsbaumeister des Kreisbauamts Worms Friedrich Grotz zum Kreisbaumeister des Kreisbauamtes Alzey, den Kreisbaumeister des Kretsbau- amtes Alzey Richard Lim per t zum Kreisbaumeister des Kretsbauamtes Erbach zu ernennen; denKreisdauaufseher bei dem KreisbauamteWorms Friedrich Obenauer in gleicher Diensteigenschaft an das Kreisbauamt Alzey zu versetzen, sämmtlich mit Wirkung vom 1. April d. I. an.

Babenhausen, 20. März. Ein hiesiger Metzger, welcher einem unserer Be­wohner anstatt des gewünschten Hammelfleisches Ziegenfleisch verkauft hatte, wurde, «-gleich er das Fleisch wieder abholte und den Betrag zurückerstattete, vom Seligen­stadter Schöffengericht wegen Betrugs zu einer Geldstrafe von 20 v4L verurlheilt. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe beantragt.

Limburg, 20. März. Heute Mittag wurde hier in der Lahn die Leiche eines unbekannten großen schweren Mannes geländet. Die Leiche kann etwa vierzehn Tage im Wasser gelegen haben; sie zeigte starke Stichwunden am Vorder-, wie am Htnter- Lopfe, sowie am Halse Würgspuren.

Montabaur, 21.März. Unser Herrgott hat verschiedentliche Kostgänger. Ein kurioser war zum Exempel der Schultheis Baldus von Eschelbach. Er beherrschte sein Dörfchen mit der Gewalt und der Kraft eines Autokraten. Dionys von Syrakus war gegen ihn ein wahres Geduldlämmchen. Wer gut mit ihm stehen wollte, zog vor ihm ehrerbietigst den Hut oder seine Kappe tief ab, sprechend:Guten Tag, Herr Schultheis Baldus von Eschelbach!" Dann lächelte er und ließ sich mit ihm nach freund­lichem Danke in's Gespräch ein. Im Sommer kam er nach Montabaur, auf dem Kopfe eine Papierdüte statt der Kappe, deren Güte er dem freundlich Grüßenden klar- ilegte.Sehen Sie, die ist leicht, praktisch und billig rc." Er gönnte auch der lieben Eschelbacher Jugend Vergnügungen. So ließ er durch die Schelle im Juli bekannt machen:Das Schlittenfahren auf der Dorfgasse ist jetzt erlaubt!" Im Januar: Der Herr Schultheis gestattet jetzt das Baden trn Aubach."

Berlin, 22. März. Ein hiesiger städtischer Schneeschaufler soll laut einer Mlttheilung des Polizeipräsidenten in der Sitzung der Straßenreinigungs-Eommtsston an den Wagen des Kaisers herangetreten sein mit den Worten:Majestät, der Magistrat zahlt uns nur zwanzig Pfennig für die Stunde!"

(Kleines Intermezzos Dieser Tage wurde in Dessau in der Familie eines kleinen Handwerkers die Taufe des jüngsten Sprößltngs festlich begangen. Doch jvft in dem Augenblicke, als auf den im Nebenzimmer unter die Obhut einer Ktnds- frau gegebenen Stammhalter ein brausendes Hoch ausgebracht wurde, trat ein Brief­träger herein und überreichte, so erzählt derB. B.-C.", dem glücklichen Vater einen Zahlungsbefehl, den schnöder Weise ein mit am Tische sitzender Taufgast gegen den Meister hatte ergehen lassen. Ein zorniges Lachen ertönte von den Lippen des in seinen heiligsten Gefühlen gekränkten Meisters, ein Griff an den Kragen und draußen lag der boshafte Gläubiger, von machtvollen Händen hinausgeschleudert, ihm nach flog frtr Uederzieher, Hut und Stock und zuletzt das Pathengeld, das dem Kindtaufoater erschien wie die Silberlinge des Judas Jschariot. Erst nachdem diese Execution voll­ständig durchgeführt war, setzte man sich wieder zu Tisch und nunmehr störte kein Mißton weiter das Fest.

(Neue jagdbare Thiere.) Seit einer Reihe von Jahren hat sich die Lippe'sche Forftoerwaltung bemüht, in dem nordafrikanischen Mufflon ober Mähnen­schaf (Ovia tragelophus) ein neues jagdbares Thier in den Lippe'schen Wäldern einzu­führen. Nach mancherlei fehlgeschlagenen Versuchen scheinen die Thiere, seit sie in einigen verlassenen Steinbrüchen bei Verleben und Hidessen untergebracht sind, gut fortzukommen und es gewährt einen prächtigen Anblick, die gewandten, in Vorge­

schrittenem Alter mit einer langen Mähne geschmückten Geschöpfe stelle Wände und steinige Abhänge in großen Sätzen nehmen zu sehen. Da schon zu wiederholten Male« lunger Nachwuchs erschienen ist, so darf man hoffen, daß der Mufflon bei uns einiger­maßen heimisch werden wird. Die ftrenge Kälte der letzten Tage (10-12 Gr.) hat frei­lich einen Sttich durch die Rechnung gemacht, da es trotz aller aufgewandten Mühe nicht gelungen ist, zwei neugeborene Lämmer, oder in der Waidmannssprache wohl richtiger Kälbchen, am Leben zu erhalten.

Literarisches.

: Seit einer Reihe von Jahren erschienen unter den wechselnden Titeln: Fünfundachtzig bis Einundneunzig Jahre in Glaube, Kampf und Sieg" stets neue Auflagen der von der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart herausgegebenen Kaiser- Wilhelm-Biographie. Auch jetzt ist dieselbe rechtzeitig zur Wiederkehr des Geburtstages des verewigten Kaisers unter dem Titel: ,(5in DermLchtnitz Kaiser Wilhelms l< (Preis geheftet JL 3, fein gebunden 4) neu erschienen, zugleich vermehrt durch eine Entstehungsgeschichte des Buches. Dasselbe ist damit gewissermaffen erst als abgeschlossen anzusehen und trägt jetzt auch äußerlich das Siegel der historischen Wahr- beit in der allen seinen Theilen gewordenen beifälligen Zustimmung weiland Seiner Maiestat des Kaisers Wilhelm I. Wir ersehen daraus, wie der Heimgegangene Monarch an dem Werke sozusagen die Umrisse mitgezeichnet und die Schattirungm eingefügt hat und es kann dasselbe sonach mit vollem Rechte als die einzige authenttsche Kaiser Wilhelm-Biographie bezeichnet werden; sie ist thatsächlich ein Vermächtniß des großen Kaisers an die deutsche Nation und ein theures Erinnerungsbuch an denselben, ein wahrhaftes Volksbuch im besten Sinne des Wortes, das werth ist, in jeder deutschen Familie einen Ehrenplatz zu erhalten.

Landwirthschaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

, . ~ Frisch rigoltes Land ist zur Aussaat von Erbsen nicht vortheilhaft, da man

leicht Gefahr läuft, eine Mißernte zu erhalten, well die Erbsen keinen wilden Boden lieben. Die beste Erbsenernte erhält man von einem im Vorjahre gut gedüngten und frisch umgegrabenen Stück Land. Auch soll man Schnee nie mit unterarbeiten, da die Erbsen dann leicht gelb werden. Abgeerntete Erbsenbeete düngt man frisch und bestellt sie nach Fruherbsm mit Sellerie, Lauch oder Wirsing, nach Späterbsen mit Endivien und Winterkohl als Nachpflanzung. Im August ober September wirb diesen Pflanzen, mit Ausnahme von Sellerie, der sonst im Winter gern fault, ein gehöriger Jaucheguß verabfolgt. Es ist dies zum guten Gedeihen derselben unbedingt erforderlich, da durch die Erbsen dem Boden ein großer Theil von Nährstoffen entzogen ist, den man durch wiederholtes Düngen demselben wieder zuführen muß.

(Wegkanten aus Rasen.j Sehr hübsch und billig sind die aus Rasen her- gestellten Einfassungen um Rosenbeete, Gesträuchgruppen und auch Wegkanten mit Grasmischung besäet, machen einen netten Eindruck. Es kommt hierbei hauptsächlich auf die möglichst egale Breite und nicht zu dünne Aussaat an. Diese Einfassung erfordert weit weniger Pflege als eine solche von Buchsbaum, die dann auch überdies noch bedeutend theurer ist. An schattigen Stellen des Gartens, wo selbst Gras nicht einmal wachsen würde, ist es sehr vortheilhaft, wenn von älteren Weiden Rasensoden genommen wird, wodurch man sich alljährlich eine hübsche Wegbegrenzung verschaffen kann. Zu diesem Zwecke werden auf der Weide mit dem Spaten Soden abgestochen, so breit wie man bte Kante wünscht und ungefähr 20-40 Ctm. lang. Man hebt diese en mit einer 510 Ctm. bicken Erdschicht ab und legt sie nun recht dicht zusammen auf die Wegkante, wo sie mit Spaten, Schaufel ober Schlagholz festzuschlagen sind. Von Vortheil ist cs, biefe Arbeit möglichst zeitig vorzunehmen, damit die Soden durch