1889.
Rr. 299. Zweites Blatt. Sonntag dm 22. Dcccmber
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Gießener Anzeiger
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Die Arbeitslöhne in den KohlenbeMen.
In der socialen Bewegung des gegenwärtigen Jahres hat der umfangreiche und wiederholte Ausstand der Bergleute die größte Beachtimg in Anspruch genommen. Um die Forderungen der Ausständigen auf ihre Berechtigung prüfen zu können, hat der „Reichsanzeiger" vor einiger Zeit eine Aus-
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Hochachtend
vertag des „Gießener Anzeiger"
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stellung der Arbeitslöhne in den Steinkohlenbezirken während der ersten drei Vierteljahre 1889 veröffentlicht. Zur Vervollständigung dieser Mittheilungen dient die Aufstellung der entsprechenden Löhne, welche im Jahre 1888 in den genannten Bezirken verdient wurden und welche in dem amtlichen Bericht enthalten fein werden, der, wie alljährlich, dem Landtage alsbald nach seinem Zusammentritt vorgelegt werden wird. Danach betrug im vorigen Jahre der gcsammte Arbeitslohn für die unterirdisch beschäftigten eigentlichen Bergarbeiter beim Steinkohlenbergbau nach Abzug aller Arbeitskosten, sowie der Knappschafts- und Krankenkassenbeiträge in Oberschlesien 565 Mk., in Niederschlesien 667 Mk., beim Steinkohlenbergbau im Dortmunder Bezirk 936 Mk. und im Saarbrücker 885 Mk., für die sonstigen unterirdisch beschäftigten Arbeiter (Grubenausbau und Nebenarbeiten) in Oberschlesien 558 Mk., in Niederschlesien 672 Mk., im Dortmunder Revier 763 Mk. und im Saarbrücker Revier 785 Mk., für die über Tage beschäftigten Arbeiter in Oberschlesien 498 Mk., in Niederschlesien 594 Mk., im Dortmunder Revier 797 Mk. und Saarbrücker Revier 711 Mk. - für jugendliche Arbeiter in Oberfchlesien 182 Mk., in Niederschlesien 274 Mk., im Dortmunder Revier 306 Mk. und im Saarbrücker Revier 331 Mk.- endlich für weibliche Arbeiter in Oberschlesien 213 Mk. und in Niederschlesien 345 Mk. (in den westdeutschen Revieren wurden solche nicht beschäftigt). Zieht man aus den verschiedenen vorstehenden Kategorien den Durchschnitt, so entfielen aus eine Arbeitskraft in Oberschlesien 516 Mk. und in Niederschlesien 630 Mk., im Dortmunder Revier 863 Mk. und im Saarbrücker Revier 842 Mk. Wie in den Vorjahren 1888 wurden den Arbeitern in den meisten Bezirken neben dem baar ausgezahlten Lohne noch wirth- schastliche Beihülfen der verschiedensten Art gewährt, welche bei einem Vergleiche der Löhne mit in Betracht gezogen werden müssen. So bezogen die Arbeiter- in Ober- und Niederschlesien an Land, Wohnung, Freikohlen und dergleichen einen Vermögensvortheil, welcher sich in Geld ausgedrückt auf eine Schicht und jeden Kopf der Belegschaft durchschnittlich, ebenso wie im Jahre 1887, zu 4 bezw. 5 Psg. berechnet, wobei zu erwähnen ist, daß durchschnittlich auf einen Arbeiter in Oberschlesien 280, in Niederschlesien 309 verfahrene Arbeitsschichten kamen.' Noch ist zu bemerken, daß in den obigen Angaben der verdiente und wirklich ausgezahlte reine Lohn enthalten ist. Durch Einrechnung der gemachten Abzüge würde sich dasselbe für eine Schicht um durchschnittlich 20 Psg. für den über Tag beschäftigten und um 27 Pfg. für den unterirdisch beschäftigten Arbeiter erhöhen, nämlich um durchschnittlich je 11 Psg. an Knappschafts- und Krankenkost en- Beiträgen, 9 Pfg. an Kosten für Beschaffung und Unter
haltung des Arbeitsgezähes und dergl., sowie 7 Pfg. an Kosten für Grubengeleucht (Oel) bei den unterirdisch beschäftigten Arbeitern.
vermischte».
Görlitz, 15. Dccember. Die vom Aftikaforschcr Haupt' mann Kund aus dem Dorfe Zonu im Kamerun-Hinterlande hierher gebrachten beiden N e g e r k n a b e n Lukenje und Demba, welche im Alter von 9 und 10 Jahren stehen, haben in der untersten Klasse der hiesigen höheren Bürgerschule Aufnahme gefunden und machen hier, intelligent wie sie sind, zufr^den- stellendc Fortschritte. Sie besuchen hier auch den Uand fertigkeitsunterricht und zeichnen sich in demselben durch einen hervorragend practischen Sinn aus. Die deutsche Sprache beherrschen sie bereits in einem den Unterricht und die Unter Weisung ermöglichenden Maße.
— Ein Mittel gegen die Influenza. AuS Brüssel, 17. ds. Mts., wird geschrieben: Die „Influenza" soll natürlich auch hier aufgetreten sein. Es handelt sich, mit Ausnahme einiger in den Häsen eingeschleppter Fälle, freilich nur um starke Schnupfen, die bei dem herrschenden feuchten, nebligen Wetter an der Tagesordnung sind, — aber alle Welt glaubt die berühmte Krankheit zu haben. Gestern nun wurde hier ein Fall gründlicher, schneller Heilung von der verheerenden Seuche constatirt. Ein hiesiger Bankier betritt kaum sein Arbeitszimmer, als vier seiner jungen Leute sich bei ihm vorstellen mit der gleichlautenden Erklärung: „Ich habe leider die Influenza in dem Grade, daß es mir unmöglich ist u. s. w." — Der Ches: „Sie wollen also Urlaub. Sie wollen gehen — das geht nicht." — „Aber Sie werden doch verstehen — nicht arbeiten können — an steckend — einen Tag zu Hause zur Heilung — u. s. w." — „Erlauben Sie mir, eben darum geht es nicht. Ich kann unmöglich gestatten, daß Sie jetzt, krank, wie Sie offenbar im höchsten Grade sind, hinausgehen und mir noch andere Leute anstecken. Nein, nein . . . ich habe schließlich die Verantwortung- Sie bleiben hier!" — „Aber, Herr . . . ." - „Ich werde Sie schon völlig isoliren, gewiß ... Sie bleiben hier im Bureau, wir werden tüchtig heizen ... für angemessene Krankenkost wird meine Frau sorgen ... Sie können, so gut es geht, arbeiten ... und Ihre Collegen werde ich schnell entlassen, damit sie mir in der von Ihnen vergifteten Luft nicht auch noch angesteckt werden." — Der Ehef verschwand. Widerrede gabs nicht. Und es geschah nach seinen Worten. Abends fragte der Ches durch das Schlüsselloch nach dem Befinden. Sie hatten den ganzen Tag in einem überheizten Zimmer gearbeitet, — für die
Feuilleton.
Was soll ich schenken?
Weihnachtsplauderei von Dr. E... M ..
II. (Nachdruck verboten.)
Alljährlich, wenn der ' Rauhreif seine Weihnachtsarbeit an den Bäumen und Sträuchern thttt und auch unseren die Stadt umziehenden Anlagen den weißen, glitzernden Festschmuck leiht, bei welchem das begehrliche Kindergemüth alle Male an „Kandiszucker" denkt — dann steht es wieder ganz deutlich vor mir, das kleine, von Kiefern- und Fichtenwaldungen umgebene pommersche Nest, an welches sich meine liebsten Kindheits- und Weihnachtserinnerungen knüpfen. Seit einigen Jahren ist die kleine Ackerbürgerstadt auch in die Berlin-Stettiner Eisenbahnlinie ausgenommen worden, aber dazumal ging von Altdamm noch die Post. In harten Wintern, wenn der Schnee auf der Chaussee sich staute, und meist war das schon vor Weihnachten der Fall, geschah es wohl, daß die Nachmittagspost um einige Stunden später anlangte, statt um 2 um 4 Uhr. Kamen wir bann etwa gerade in jugendlichem Ungestüm schneeballwersend aus der Schule, so begleiteten wir den unförmlichen, hoch mit Gepäckstücken beladenen Kasten mit fiebernder Neugier und freudigem Jauchzen. Diese Masse von Packeten war uns ein Vorbote, ein Herold der Christbescheerung! Wer irgend etwas von auswärts zu erwarten hatte, gab sich in der zweiten Hälfte des December dem täglichen Anblick dieser „Einfuhr" mit nie ermüdendem Interesse hin. Und wenn das alte, schwerfällige Ding dann gar auf Schienen kam, so überzeugte uns das glaubwürdiger als der Kalender von der Ankunft des Christmonats.
Wenn nun aber erst die Läden am Markt- und Kirchplatz — man hatte sie sehr schnell aufgezählt — in das
Zeichen der „Weihnachtsausstellungen" traten, und diese das I Ziel und die Sehnsucht unserer abendlichen Wanderungen I wurden, hatte die Vorfreude ihren Gipfelpunkt erreicht.
Was sich da im matten Schein der Petroleumlampe aus Tischen und an Wänden der kleinen, engen.Magazine unseren Augen zeigte, war nicht jene erdrückende Fülle, wie sie das Kind der Großstadt schon beim Gange durch eine der belebten Straßen in sich aufnimmt. Das Kinderspielzeug z. B. bewegte sich nicht viel über die Kategorien von Puppe, Puppenstube, Kaufladen, Kochherd, Soldaten, Helm, Schaukelpferden hinaus. In die Weltabgeschiedenheit des Hommerschen Städtchens waren die hundert-, ja tausendfachen Varianten und Lomplicationen dieser Grundsormen, wie sie eine rastlose Industrie erzeugt , noch nicht gedrungen. Selbst die Auslagen der beiden Conditoreien blendeten nicht durch stilvolles Arrangement oder Mannigfaltigkeit der Gegenstände. Wenn sich je einmal ein Stückchen Königsberger Marzipan in dasselbe verirrt hatte, wurde es angestaunt nie eine Reliquie.
Aus diese Weise war der Ucbersättigung wohl vorgebeugt und die Frage: „Was soll ich schenken?" konnte einfachere Lösungssormen annehmen.
Und doch haben wir uns mit dieser nie stärker, nachdrücklicher und freudiger befaßt als dazumal, wo der eigenen Erfindungs- und Auffindungsthätigkeit noch ein größerer Spielraum gegönnt war.
Vor Allem mußte man sich schon ziemlich früh mit dem „Weihnachtsgeschenk" beschäftigen, ich weiß, daß wir mit größeren Arbeiten schon im October begonnen haben.
Den Eltern werden über Das, was sie den Kindern unter den Tannenbaum zu legen haben, in der Regel ja keine großen Scrupel und Zweifel kommen. Sind sie doch das ganze Jahr daran gewöhnt, für das körperliche und I geistige Wohl derselben zu sorgen! Ihre Erwägungen werden I sich also hauptsächlich darauf ersttecken, daß sich zum Röthigen
und Guten gleichzeitig der Glanz und Schimmer füge. Denn das Kind hat für das sogenannte Practische noch ein geringes Verständniß, es braucht für sein Dasein noth- gebrungen bie Poesie, unb nirgenbs kann sich solche schöner unb reiner entfalten, als gerabe unter bem Christbaum. Lege Deinem zehnjährigen Töchterchen, lieber Leser, neben bas bauerhaste Wintermäntelchen eine Puppe, gleichviel ob mit wirklichem ober imitirtem Haarschmuck, unb überzeuge Dich selbst, welcher Gegenstanb in ihre Augen die lebhaftesten Freudelichter lockt.
Mama und Papa ein passendes Christgeschenk geben, fällt schon viel schwerer. Doch der Kopf macht gewiß etwas ausfindig, sobald das Herz ganz bei der Sache ist. Das enge Verbundensein der Mutter mit dem Haushalt und den tausend Bedürfnissen der Wirthschaft läßt die Kinder, namentlich die Mädchen, für diese leicht eine Gabe ersinnen. Mehr Kopfzerbrechen verursacht schon das Geschenk für Papa. Gestickte Cigarrentasche, Hausschuhe, Stickereien um Aschenbecher und Serviettenring. Das ist alles schon so abgebraucht, und man kann doch wahrhaftig nicht alle Jahre mit dergleichen kommen. Der gekaufte Gegenstand, er nimmt sich, mag er auch noch so brauchbar fein, von einem Kinde dargebracht, neben der Handarbeit, in die wir unsere guten, herzlichen Wünsche, unsere dem laufenden Tagewerk abgestohlenen Stunden mit eingeflochten haben, doch immer etwas kahl und liebearm aus. Um etwas Neues, Gefälliges und habet Brauchbares zu entdecken, bedarf es der regen Aufmerksamkeit und einer Theilnahme, die nicht erst in der letzten Woche vor dem Feste aus bie Suche geht.
Wohl bem Kinbe, bas seinen Scharfsinn bei Zetten nach dieser erfreulichen Richtung anstrengen und üben lernt! Denn wenn im Anfänge die Frage gelautet hat: „Was schenke ich dem Papa?", so fügen sich dieser vielleicht später dte beiden anderen hinzu: „Was gebe ich meinem Bruder? WaS wähle ich für meinen Verlobten?


