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Nr. US

Mittwoch den SS. Mai

1889.

Bureau: Schulstraße 7.

Betreffend: Die Prüfung im Hufbeschlag.

Kießmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. ; $i8 °iert-ljArlich 2 Mark M Ps mit Bringerlehn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Öffent^en Kenntniß, daß für die Zeit bis zum 1. April 1892 die nach § 1 der Verordnung vom 7. November 1885, die Aus- unb Vfi nur h? htr§ bie hU5mUn*9 beS Husbeschlags betr., zu bestellenden Prüfungscommissionen aus denselben Personen wie seither zu bestehen haben, Gießen^wischen^ fur ble ^vinz Oberheffen insofern eine Aenderung eingetreten ist, als der Rentne?Wort mann zu

^r^en inzwtscyen verstorben und em Nachfolger desselben noch nicht bestellt worden ist.

Gießen, am 17. Mai 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_____________________________________v. Gagern.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins. Jost, Regierungsrath. .

Herr Landwirthschastslehrer Leithiger zu Alsfeld wird

2t in },nh26 Mai l. Nachmittags 2% Uhr, im Saale des Gr- Bürgermeisters Schultheiß zu Lumda, ie einen SortraL totr fünftrw gL?°n"Jaö 2> J3* 1 Nachmittags 2V, Uhr, in dem Moll^schen Saale zu Allendorf a./2ba.r

je einen Borrrag über künstliche Dünger und deren Anwendung abhalten.

Besuch der Verjammlung^AuMrken^ ^dorf «./Lba. und Lumda, sowie der benachbarten Orte werden hierdurch ersucht, auf möglichst zahlreichen Gießen, den 17. Mai 1889.

gnäbig®gerubt*1*' 2°' Seine Königliche Hoheit der Grobherzog hoben Aller- ?em "fb-ntlichen Professor an der technischen Hochschule Dr. Erasmus

Mittler den Charakter alsGeheimer Hofrath" zu verleihen;

( . cna?;bimfdben den KreiSrath des Kreises Alsfeld'Robert Hoffmann auf

Nachsuchen, unter Anerkennung feiner langjährigen mit Eifer und Treue geleisteten Dientte und unter Verleihung des Charakters als Geheimer Regierungsrath, mit Wirkung vom 1. ,junt d. I. an, in den Ruhestand zu versetzen;

an demselben Tage den Vorstand des Polizeiamts Darmstadt, Regierungsrath Conrad von Grolmann zum Kreisrath des Kreises Alsfeld, mit Wirkung vom 1. Juni d. I. an, zu ernennen;

, ?.n d^I^den T^e den Staatsanwaltsgehilfen bei dem Landgerichte der Provinz Oberhessen Johannes Prinz in Gießen seines Dienstes zu entlassen. 5

. 19. Mai. In der Presse war die Ansicht zum Ausdruck gelangt, daß

in dem ^>trtkerevier an der Ruhr die Voraussetzungen für die Verhängung des Be- lagerungSzustandes fehlten. Demgegenüber wird in derRordd. Allg. Ktg." darauf W^wlesen daß nachdem seit Begum des Strikes in Westfalen zahlreiche schwere Widersetzlichkeiten gegen die Obrigkeit oorgekommen sind, die Arbeiter sich zusammen- gerottet haben und über die Polizeiorgane, sowie über das Militär mit Steinwürfen und Revoloerschussen hergefallen sind, nachdem wiederholt Blut geflossen und außerdem vertchiedentlich das Eigenthum der Kohlenzechen, insbesondere die Maschinenanlagen bedroht worden ist, es feinem Zweifel unterliegen könne, daß die gesetzliche Grundlage !US Verhängung des Belagerungszustandes oorliegt. Wenn die Regierung trotzdem

öamrs4' ^unt ,X851 bir?ler nicht zur Anwendung gebracht habe, so sei dies jedeiifalls aus Opportunitatsruckstchlen geschehen und nicht um dessentwillen, weil sie über ihre Berechtigung dazu zweifelhaft war.

Deutscher Reichstag.

71. Plenarsitzung. Montag, den 20. Mai 1889, 1 Uhr.

Die Generaldebatte zur dritten Berathung der Alters- und Jnvaliden-Versicherung wird fortgesetzt.

Abg. v. Helldorf (conf.) glaubt, daß die Vorlage den Großgrundbesitz viel schwerer belasten wird als den kleinen Grundbesitz. Das Gesetz werde namentlich deß- wegen einen heilsamen sozialen Einfluß üben, weil der Staat hier als Wohlthäter auf­tritt. Ein weiteres Hinausschieben des Gesetzes macht dasselbe, insoweit über seine einzelnen Bestimmungen noch Streit besteht, nicht besser. Die Verwaltungsbestimmungen sind im Allgemeinen gut. Es ließe sich ja vielleicht darüber streiten, ob die Berufs- genossenschaften nicht mit herangezogen werden konnten; aber so absolut nöthig erscheint 0iCI??c niSt Der Reichskanzler hat am Sonnabend die Debatten wieder auf den richtigen Boden zurückgeführt. Er hat begriffen, daß es sich bei der gegenwärtigen Bewegung der Arbeiter handelt nicht blos um einen Kampf gegen die tausendjährige Grundlage unserer sozialen Ordnung, sondern auch um einen Kampf gegen die Sitt- ke". In Deutschland ist die Bewegung entstanden, durch welche die evangelische Kirche geschaffen und auch die katholische Kirche reformirt wurde. Hoffentlich wird es deutschen Reiche gelingen, die Ausläufer der französischen Revolution zu bekämpfen und die sozialen und wirthschaftlichen Verhältnisse neu zu reguliren, ebenso, wie ihm bfc Neuregelung der Mitlschen Verhältnisse gelungen Ift. - In diesem Sinne bitte ich Sie, die Vorlage anzunehmen.

. >> rBebei (Soz.) wendet sich gegen die Ausführungen des Fürsten Bismarck und seine beleidigenden Aeußerungen. Die Sozialdemokratie werde sich weder durch Kaiser noch Kanzler von ihrem Wege abbringen lassen. Die Erregung von Unzufrieden­heit fei ein Vorwurf »den man jeder Partei, auch namentlich den Agrariern machen rönne, ahne Unzufriedenheit keine Fortentwickelung. Revolutionen zu machen überlaffe ef «o11 /?"Eglich preußischen Lockspitzeln. Die ganze soziale Gesetzgebung Jet indirect ein Werk der Sozialdemokratie, ohne diese wäre die Vorlage nicht gemacht worden. Die Sozialdemokratie werde fort kämpfen und siegen.

Abg Dr. Miquel (nl.) wird für das Gesetz stimmen. Die Vorlage ift ein ^deutendes organisches Gesetz, dessen Umfang und Erfolg noch gar nicht abzusehen ist. Die Arbeiter haben aber noch mehr zu fordern und deshalb kann man von einem- l$ UB Meier Gesetzgebung nicht reden. Auch auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes, der Wohnungsverbesserung bleibt noch viel zu thun. Völlig befriedigen kann man Niemanden, das war auch nicht der Zweck des Gesetzes. Wer den Zweck des Gesetzes will, muß auch die Mittel wollen und wer die Mittel höher stellt als den Zweck, gefährdet diesen. Von diesen Gesichtspunkten aus muß man auch den Reichszuschuß billigen, der |

auch eine Forderung der ausgleichenden Gerechtigkeit ist und ohne den das Gesetz nicht zur Verabschiedung gelangen würde. Das Gesetz ist eine organische Fortentwickelung der früheren sozialen Gesetze, es muß nothwendig alle Arbeiter umfassen und es ist nur durchführbar mit einem Reichszufchuß. Das Gesetz wird zu weiteren Schritten auf dem sozialgesetzgebcrischen Wege führen. Ein Nichtzuftandekommen des Gesetzes würde viele getäuschte Hoffnungen schaffen und die Unzufriedenheit der Arbeiter mehren.

Abg. Dr. Zßtnbrborft (Ctr.): Mit der Vorlage betreten wir nicht blos den Boden einer neuen staatlichen. Ordnung, sondern auch einer neuen Moral. Die Meinungsverschiedenheit im Centrum aus Anlaß der Vorlage ist nicht größer als bei anderen Fractionen. Das Centrum bleibt nach wie vor in allen anderen politischen Fragen einig. Von der Beruhigung, die durch dies Gesetz geschaffen werden soll, ift nichts zu spüren. Man ruft durch dies Gesetz nur Hoffnungen wach, die nicht erfüllt werden können. Wenn wir nicht klar sehen über die Folgen des Gesetzes, so müssen wir es liegen lassen. Redner bekämpft den Reichszuschuß. Es sei nicht recht, zur Unterstützung Einzelner Gelder aus der Reichskasie zu nehmen. Das Gesetz wird Un­zufriedenheit erregen, denn die Leute zahlen zu viel und bekommen zu wenig. Wenn gesagt ist, man solltekeine Sprünge machen", indem man gegen das Gesetz stimmt, so sage ich, wer für das Gesetz stimmt, der macht ein Salto mortale!

_ Abg. Fürst Hatzfeldt-Trachenberg (Rp.): Wenn man mit dem Princip des Gesetzes einverstanden ist, dann ift eine Opposition gegen dasselbe wegen der Einzel­heiten nicht mehr Ueberzeugungstreue, sondern Starrsinn. Die Landwirthschaft hat nach den Zuwendungen, welche ihr die Gesetzgebung im letzten Jahrzehnt gemacht, kein Recht,, sich über die Lasten dieses Gesetzes zu beklagen.

Abg. Rickert (bfr.): Noch kein Mensch hat davon geredet, woher für diese Gesetzgebung die Mittel genommen werden sollen. Das Gesetz ist noch nicht fertig und fdpn kündigt Herr Miquel an, das sei nur der Anfang einer weiteren socialen Gesetz­gebung; Herrn v. Boetticher wird bei diesem Gedanken vielleicht schwül und er überläßt vielleicht die Vorarbeiten für die weitere sociale Gesetzgebung dem Herrn Miquel. Zum. Eingreifen liegt für den Staat kein Anlaß vor. Das Auftreten des Kanzlers, der hier die einzelnen Parteien abkanzelt wie die Schulknaben, gefährdet das Ansehen der Verfasfung; seine gehässigen Angriffe sind ungerecht. (Der Präsident hält den Ausdruck ,/gehässig" nicht für zulässig, der Kanzler habe von einer früheren Partei des Hauses gesprochen.) Wohin soll es denn kommen, wenn das sd weiter geht? Dann erlösen Sie uns doch und bestimmen Sie, daß so lange Bismarck lebt, in Deutschland die Dictatur gilt. Wir werden unsere Meinung geltend machen und wenn uns zehn Bismarcks gegenüberstehen. Wir werden die Vorlage ablehnen, aber wenn Sie daS Gesetz angenommen haben werden, dann wollen wir die Consequenzen ziehen und eine Steuerreform verlangen, durch welche die wohlhabenden Klassen stärker herangezogen werden.

i i nc. ®te Generaldebatte wird hierauf geschlossen und die Specialdebatte auf Dienstag 11 Uhr vertagt. Außerdem steht die Wahlprüfung des Abg. Henneberg (natl.) auf der Tagesordnung.

Schluß 6 Uhr.

Die Reise des Königs von Italien nach Deutschland.

r , f , Berlin, 20. Mai. Die Herrichtung der Straßen, welche der König von Italien bei seinem Einzug passirt, zu einer einzigen großen Feststraße naht sich der Vollendung. Vor dem Anhalter Bahnhof sind hohe fahnengeschmückte Masten, auf dem Askantfchen Platze ein vierthürmiger gekuppelter Triumphbogen mit Velarten, welche die Initialen ü und W tragen, zur Seite des Triumphbogens ist ein Podium, wo die italienische Colome Aufstellung nimmt. Am Potsdamer Platze steht auf hohem Postamente die KolossalstatueBerolina", welche den einziehenden Gast des Kaisers begrüßt; am Brandenburger Thore befinden sich reichgeschmückte hohe Kandelaber, Blumenkörbe tragend, durch Laubgewinde verbunden; vom Pariser Platz bis zum Denkmal Friedrichs» des Großen sind einander gegenüberstehende Träger electrtscher Lampen durch Lanzen Ketten und dichtes goldenes Netzwerk bogenartig verbunden; auf dem Netzwerk werden große Kränze mit grünweißrothen Blumenbüscheln angebracht. An der Einmündung der Friedrichstraße empfängt den Gast eine otersäulige Ehrenpforte mit Opferpfannen. Das Hauptportal der Univerfilät ziert ein rothes Velarium, wovor Athene steht hier stellt sich die Studentenschaft der Universität auf gegenüber fesselt uns die nach der A-nzze von Reinhold Begas ausgeführte Kolossalgruppe einer den Frieden hütenden Verbindung: Italia mit Germania darstellend. Am Opernhausplatz ist ein sechsseitig pitzig gegiebeltes Zelt aufgeschlagen, wo verschiedene Redner der Akademie und anderer Körperschaften Aufstellung nehmen werden; an der Schloßbrücke liegen verankerte, durch Masten, Netze und Guirlanden verbundene, überall mit Flaggen und Fahnen geschmückte