Mage zu Ztr. 18 des „flteßener Anzeiger".
Politische Rundschau
Gießen, 21. Januar.
Kaiser Wilhelm hielt am Freitag, fast unmittelbar nach der Rückkehr von den Bückeburger Hofjagden, zum ersten Male ein Capitel des Schwarzen Adlerordens als dessen derzeitiger Großmeister ab, nachdem vorher die Investitur (Einkleidung) der seit dem letzten Capitel neu ernannten Ordensritter stattgefunden hatte. Die gesammte Feierlichkeit ging ganz nach dem alten Ceremontell, wie das der Stifter des Schwarzen Adlerordens, König Friedrich I. von Preußen, eingeführt hatte, vor sich und bot in ihrer Gesammthett wie in den Einzelheiten ein außerordentlich glänzendes Bild dar. Die Einkleidung währte über eine Stunde und wurde die Reihe der 16 neuinvestirten Ritter vom Staatsminister v. Puttkamer beschlossen, worauf sofort das Capitel des Ordens im Capitelsaale des Berliner Residenzschlosses folgte, wobei, ebenfalls einem alten Brauche gemäß, die Thüren verschlossen wurden. Am Sonntag schloß sich an das Capitel das herkömmliche Krönungs- und Ordensfest, das höchste preußische Hof- und Staatsfest, an, mit welchem die Reihe der diesjährigen Winterfestltchketten am Berliner Hofe eröffnet worden ist; die letzteren werden sich jedoch wegen der noch andauernden Hoftrauer auf einen engen Kreis beschränken.
Die Vorlage über Ostafrika ist dem BundeSrathe am Freitag endlich zugegangen. Dieselbe beansprucht nur eine Summe von ca. zwei Millionen Mark und soll die Ausführung der zum Schutze der deutschen Interessen und der Bekämpfung des Sclavenhandels erforderlichen Maßregeln einem Retchscommtssar übertragen werden. Derselbe hat gleichzeitig die, nach einer ihm ertheilten besonderen Anweisung, dem Reichskanzler statutenmäßig zustehende Aufsicht über die deutsch^ostafrtkanische Gesellschaft und deren Angestellte in Ostafrika auszuüben. Der Reichskanzler wird ermächtigt, die erforderlichen Beträge nach Maßgabe des Bedürfnisses aus bereiten Reichsmitteln zu entnehmen. In der Begründung wird heroorgehoben, daß die leitenden Grundsätze der deutschen Colonialpolittk, wie sie 1884 und 1885 in amtlicher Erörterung die Zustimmung im Reichstage erhalten haben, auch gegenwärtig als die Richtschnur für das Verhalten der Retchsregterung bei überseeischen Unternehmungen Reichs- angebörtger bilden. Im Reichstage soll die Vorlage in der zweiten Hälfte dieser Woche zur Verhandlung gelangen und dürfte eine commissarische Berathung wohl nicht erst beliebt werden. — In seiner Donnerstagssitzung nahm der Bundesrath die Vorlage, betr. die Anklageschrift gegen Prof. Gcsfcken nebst Anlagen, lediglich zur Kenntniß.
Im preußischen Abgeordnetenhause sind die Gesetzentwürfe, betr. die Er- aöuzung des Volksschullastengesetzes und betr. die Abänderung des Stempelsteuergesetzes, etngegangen.
Der Rücktritt des preußischen Justizministers Dr. v. Friedberg wird von mehreren Seilen auf politische Gründe zurückgeführt, wobei man namentlich auf das rötliche Zusammentreffen dieses Ereignisses mit der Veröffentlichung der Anklageschrift gegen Pros. Geffcken hinweist. In wohlunterrichteten Kreisen bezweifelt man indessen, da» ein Zusammenhang zwischen beiden Vorgängen bestehe und ist der Meinung, baß Herr v. Friedberg unter ruhigeren Zuständen trotz seines Alters im Amte geblieben ®arc' _.oaß er es aber unter den obwaltenden bewegten Verhältnissen vorgezogen habe, feine Entlassung zu nehmen; auch sollen zu seinem schon seit einiger Zeit geplant ge- wesenen Rückkrittsentschlusfe die großen Anforderungen, welche infolge des bürgerlichen Strafgesetzbuches an das preußische Justizministerium herantreten werden, mit eingewirkt haben. Uebrigens nimmt sich die Demission Dr. v. Friedberg's nichts weniger als überraschend aus, wenn man erwägt, daß der zurückgetretene Minister 76 Jahre zählt, von denen er über 50 im Staatsdienste zugebracht hat. lieber seinen Nachfolger ist noch nichts Bestimmtes bekannt.
ätzten Nachrichten aus dem Haag geben der Hoffnung Raum, daß König Wilhelm von Holland den gegenwärtigen schweren Krankheitsanfall doch überwinden werde. Auch die Nacht vom Donnerstag zum Freitag verbrachte der erlauchte Patient gleich den letzten vorangegangenen Nächten recht gut und fand Dr Rosenstein am Frei- Mraftejixftanb des Königs befriedigend und das chronische Hebel nicht sonderlich verschlimmert.
, t Die Czechen scheinen von ihrer geistigen Bedeutung und ihren Culturzuständen eine hohe Meinung zu haben, wie die Freitagsdebatle des böhmischen Rumpflandtages uberdie Anträge auf Errichtung böhmischer Akademien beweist. Der ^Referent •Dr. Rieger fang hierbei das Lob seiner Nation mit voller Kehle und erinnerte an Jörnen, wie die Gelehrten Purkynge, Rokitanski, Schafarick und Palacky, der Geschichts- k- « • Tzechenoolkes, welche für dessen geistige Befähigung zeugten. Zwar wolle ^rch Die kleine czechische Nation nicht mit der großen deutschen Nation messen, meinte re ,lC0er rncinem Auflage von Selbsterkcnntniß, aber stolz erklärte'er, das Czechen- volk könne sehr wohl neben der deutschen Nation bestehen und brauche es mit seinen £ei|tungen auf allen Gebieten der Künste und Wissenschaften einen Vergleich mit den ff A z? scheuen. Dr. Rieger schloß mit der Versicherung, daß die |
„^chen bestrebt sein wurden, in Ehren als Culturfactor fortzuschreiten. Selbftvcrständ- I ud) wurden die Anträge auf Errichtung böhmischer, d. h. czechischer Akademien vom I
Landtage einstimmig angenommen. — Daß die Czechen im Allgemeinen geistig begabt und aufgeweckt sind, wird man deutscherseits nicht leugnen, aber die Ueberhebung ihrer gebigen und politischen Führer steht nicht im Verhältniß zu der wirklichen Bedeutung, welche den Czechen schon wegen ihrer verhältnißmäßig geringen Zahl zukommt und toi Kulturleben Europas werden sie sich mit einer untergeordneten Stelle begnügen müssen.
Vermischtes.
.. k r“ Noch der kleinen Sänger in Wald und Feld ist in der kalten Winters- zett sehr groß und ängstlich suchen dieselben nach einem Körnchen Futter. Die wiederholten Anregungen Futterplätze für die hungernden Vögeletn zu errichten, haben in vielen Orten Beachtung gefunden und auch bei uns ist diesbezüglich Vorsorge getroffen. Vor allen Dingen ist darauf zu achten, daß für die erscheinenden Vogelarten auch das Z u s a mmenft e Itan$a.u$e* wird. Zur näheren Ortentirung diene die nachfolgende q ?sfres'ser (gekochtes Fleisch, wenn andere namentlich Singvögel, nicht ^ben, auch Kartoffeln und Brod): 6taar, Dohle, Rabenkrähe, Nebelkrähe (L>aatkrabe), Elster, Eichelhäher, Tanncnbaher. ’
, , Körner fress er (mehlige und ölige Sämereien gemischt): Heckenbraunelle. Haubenlerche, Feldlerche,^Heidelerche, Alpenlerche, Gcauammer, Goldammer, Lerchen- sporner, Schneesporner, ^-chneefink, Buchfink, Bergfink, Berghänfltng, Krlemelfta Lein sink, Stieglitz, Hänfling, Gimpel, Hakengimpel, Rebhuhn. * 0'
. AJnJ,efAe"s u"d Körnerfresser (mehlige und ölige grobe Sämereien, Speck, gekochtes fleisch): Großer, mittlerer und kleiner Buntspecht, Spechtmeise ©uniüfmeife Tannenmeise, Haubenmeise, Kohlmeise, Schwanzmeise, Blaumeise. '
c O^^ten- nnd Beerensresser (geriebene Rüben, gekochtes Fletsch, Aepfel- und Zwelschenstuckchen): Seidenschwanz, Schwarzamsel, Ringamsel, Ziemer, Schnärr- drossel, Zippdrossel, Weindrossel, Feldlerche, Heideleiche.
, änfecCtS%fer (Nrehlwürmer, Ameisenpuppen, Fleisch): Eisvogel, Grün- ®iMf-pCdL' Schwarzspecht Baumläufer, Heckenbraunelle, Zaunkönig, Bachamsel, Wintergoldha^nchen, Bergstelze (Bachstelze). * w
?omachter Mann.) Ein früherer Schlächtermeister und nunmehriger Rentier in Berlin teieite am Mittwoch in glänzender Weife seine Hochzeit. Der Mann hat das seltene Gluck gehabt, viermal in verschiedenen Lotterten das große Loos zn gewinnen.
. ~ ^urnvater.j Frau: „Aber, lieber Mann, warum schreien denn
unsere Zwillinge heute so i - Mann: „Ich hab' met Hanteln tot finden können und da hab' i denkt, nimmst halt die zwei Kleinen dafür!"
Literarisches.
r r c — „Leipziger Tageblatt" schreibt: Als ein HaushaltSstück von ganz ob,atf, Meqer's Konversations.Lexikon (Biblto- graphisches Institut in Leipzig) bezeichnet werden, von dem soeben der 12. Band in der s^Ekannten prächtigen Ausstattung erschienen ist. Nicht weniger als 53 Jllustrations- tafeln (4 Städtepläne, 17 geographische Karten und 32 zum Theil in prachtvollstem Chromodruck ausgeführle Tafeln zu verschiedensten naturwisfenschaftlichen, technischen rc Artikeln), sowie 103 Holzschnitte erläutern aufs Zweckmäßigste d7n als musterhaft bekannten Text Somit liefert auch dieser neue Band den Beweis, daß das berühmte Werk in zeder Hinsicht den höchsten Anforderungen entspricht. ES bildet die vorzüglichste Grund age einer jeden Hausbibliothek und ist eine Schatzkammer unseres gejammten Wissens, deren Besitz jedem Hause nicht nur zur Zierde gereicht, sondern auch stets von größtem praktischen Werth und Nutzen sein wird. Dank den bequemen Zahlungsbedingungen, welche die Buchhändler für das Werk einräumen, ist dessen Erwerbung erfreulicherweise nicht mehr ein ausschließliches Vorrecht der Begüterten sondern auch den Unbemittelten möglich. '
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