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Nr. 22«. Samstag den 21. September 1889.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraße 7. ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher TheiL

Betreffend: Zulaflung der Sächsischen Vieh-Versicherungs-Bank zu Dresden zum Geschäftsbetriebe im Großherzogthum Hessen.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Seitens Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz zum Geschäftsbetriebe im Großherzogthum Hessen zugelaflene Sächsische Vieh-Versicherungs-Bank zu Dresden sich verpflichtet hat, in allen Streitigkeiten aus Verficherungsverträgen im Großherzogthum Hessen sowohl bezüglich des laufenden wie des künftigen Versicherungsgeschäftes als Klägerin und auch als Beklagte vor den Großherzoglich Hessischen Gerichten Recht zu nehmen, und zwar, sofern die Sächsische Vieh-Versicherungs-Bank als Beklagte erscheint, je nach dem Verlangen des Versicherten entweder bei dem Gerichtsstand des diesseitigen Generalagenten für das Großherzogthum Hessen oder des Agenten, welcher die betreffende Versicherung vermittelt hat.

Gießen, am 18. September 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____________________________________________________ v. Gagern.

Politische Äundschau.

Gießen, 20. September.

Die Kaisertage in Hannover haben nach den rauschenden Festlichkeiten, die in der hannöverischen Hauptstadt zu Ehren der Anwesenheit des Katserpaares und seiner fürstlichen Gäste stattfanden, seit Montag wieder ihre ernstere Seite durch die unter den Augen des allerhöchsten Kriegsherrn in der Gegend von Springe vor sich gehenden Manöver des 7. und 10. Armeecorps herausgekehrt. Kaiser Wilhelm nimmt auch bei diesen Waffenübungen seine militärischen Pflichten außerordentlich streng und im Bewußtsein dessen, daß er über kurz oder lang berufen sein wird, Millionen deutscher Streiter hinaus auf das blutige Feld der Ehren zu führen, will der jugendliche Monarch selbst Führer und Leiter auch schon bei dem Krtegssptel im Frieden sein. Am Montag wie am Dienstag führte der Kaiser selbst das oberste Commando bei den großen Eaoallerte-Uebungen der genannten beiden Armeecorps und alle Berichte bekunden, daß dieselben unter dem persönlichen Eingreifen des kaiserlichen Kriegsherrn einen wirklich glänzenden und imponirenben Verlauf nahmen. Die gewaltigen Attaken der vereinigten Reiterregimenter des 7. und des 10. Armeecorps haben dargethan, daß große Cavallerie- Massen, von einer energischen und geschickten Hand geleitet, selbst heute noch, nachdem die Feuerwaffen so sehr vervollkommnet worden sind, im Anstürme gegen feindliche In­fanterie bedeutende Wirkungen erzielen können und daß diese Leistungen unter dem persönlichen Oberbefehle des Kaisers erzielt wurden, kann die Bedeutung der Cavallerie- Uebungen in Hannover nur erhöhen. Die kriegerischen Uebungen wurden am Mittwoch durch einen Ruhetag für die Truppen unterbrochen, welchen der Kaiser auf dem Jagd­schlösse bei Springe zubrachte.

Von den bei den hannöverischen Manöoern um den Kaiser versammelten Fürst­lichkeiten bat sich als erster der Grotzfürst-Thronfolger von Rußland wieder verabschiedet. Derselbe verließ am Dienstag Abend Jagdschloß Springe, woselbst er der einzige Gast des Kaisers gewesen war, und kehrte über Altona und Kiel nach Kopen­hagen zurück. Der Verkehr zwischen dem Kaiser und seinem russischen Gaste trug nach privaten Berichten den Charakter großer Ungezwungenheit und Herzlichkeit und dies deutet darauf hin, daß wenigstens in den persönlichen Beziehungen zwischen den erlauchten Kaiserhäusern von Deutschland und Rußland keine Veränderung etngetreten ist. Daß der russische Thronerbe dem Kaiser Wilhelm ein Handschreiben des Czaren überbrachte, hat allseitige Bestätigung erfahren und dürste der Vorgang zweifellos mit dem für den 26. oder 27. September angekündigten Gegenbesuch des Czaren in Potsdam Zu­sammenhängen.

In den BrrrideSrathSarrsschüsten hat in der abgelaufeuen Woche die vorbe­reitende Thätigkeit für die herrannahende Retchstagssession begonnen. Es sind denselben bereits eine Reihe von Specialetats des Reichshaushaltsetats pro 1890/91 zugegangen und soll von ihnen der Etat des Reichsamtes des Innern schon vollständig ferttggestellt sein. Was die durch die Tagespresse gehende Mittheilung anbelangt, daß für das nächste Etatsjahr erhebliche Mehrforderungen für die Marine zu erwarten seien, so soll dem allerdings so sein und würde der nächstjährige Marine-Etat mindestens 54 Millionen Mark betragen, während der diesjährige Etat 42 Millionen aufweist. Hinsichtlich der Mehr­forderungen für militärische Zwecke verlautet noch nichts Zuverlässiges, vermuthltch dürften dieselben indessen nicht sonderlich belangreich sein.

Die kürzlich stattgefundenen Landtagswahlen im Fürstenthnm Rentz j. Linie haben für alle drei Wahlkreise der Stadt Gera infolge des Eingreifens der Soctaldemocratie Stichwahlen nöthig gemacht. In den beiden ersten Kreisen haben zwischen den nationalliberalen und den freisinnigen Candidaten engere Entscheidungen stattzufinden, während sich im dritten Wahlkreis ein Freisinniger und ein Socialdemocrat gegenüberstehen.

In Oesterreich war das politische Wocheninteresse vorwiegend den Ausgleichs­oerhandlungen zwischen den Vertrauensmännern des deutsch-böhmischen Volkes und den Vertretern des böhmischen conservativen Großgrundbesitzes zugewendet. Es sollten hierdurch die deutschen Abgeordneten zur Rückkehr in die Prager Landstube bewogen werden und bildete die Grundlage der Verhandlungen der Vorschlag der feudalen Unter­händler, eine Versammlung von deutschen und czechtschen Vertrauensmännern nach Wien einzuberufen, um hier unter der Aegtde der Regierung über den Ausgleich weiter zu berathen. Der Executiv-Ausschuß der deutsch-böhmischen Landtagsabgeordneten hat auf diesen Vorschlag indessen mit der Erklärung geantwortet, die Deutsch-Böhmen müßten so lange eine Beschickung der gedachten Conferenz ablehnen, als nicht die Regierung eine veränderte, den Anliegen des deutsch-böhmischen Volkes grundsätzlich entgegenkommende Haltung annehme. Zugleich weist die deutsche Erklärung auf die projectirte böhmische Köntgskrönung hin und betont, die österreichische Regierung müsse zuvor eine unzwei­deutige Erklärung gegen diesen Lieblingsplan der Czechen abgeben, ehe an weitere Aus- gletchsverhandlungen gedacht werden könne. Rach dieser Kundgebung der Führer des deutsch-böhmischen Volkes dürften alle ferneren Bemühungen eines nationalen Ausgleiches I in Böhmen überflüssig sein, da die Regierung des Grafen Taaffe die deutscherseits |

. von ihr gewünschten Garantien und Erklärungen sicherlich nicht geben wird. Bei j den am 17. September unter Stimmenthaltung der Deutschen stattgefundenen Land- tagsstichwahlen in Prag wurden durchgängig die altczechischen Candidaten gewählt, j doch erzielten die jungczechischen Candidaten bedeutende Minderheiten.

Berlin, 19. September. Die Postverwaltung hat, der . gv. . " zufolge, I in diesem Jahre die üblichen außerordentlichen Unterstützungen an die unfet Beamten vielleicht mit Rücksicht auf den ungewöhnlich frühen Eintritt der kühleren Jahreszeit jetzt schon verabfolgen lassen. Bei der Vertheilung ist außer den Gehaltsbezügen noch die Zahl der Familienmitglieder, die zu unterhalten sind, in Betracht gezogen.

Die Anwendung des Fesselballons zu militärischen Zwecken hat sich bei den Manöoern des 6. französischen (Ost-) Corps vollständig bewährt. Der Generalstabschef, General Boisdeffre, stieg mit dem Ballon auf und verweilte in demselben während der ganzen Dauer der Uebungen, wobei er mittelst der Feldtelegraphen-Abtheilung dem Manöverleiter die genauesten Angaben über alle Bewegungen der feindlichen Colonnen zu machen in der Lage war. Auf Grund dieser gemachten günstigen Erfahrungen soll nun der Ballondienft zu Kriegszwecken in der französischen Armee auf umfassendstem Fuße organisirt werden.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Korrespondenz -Brrrearr«

Osterwald, 19. September. Der Kaiser traf um 8</t Uhr bier ein und begab ! sich mit den fremden Fürstlichkeiten zu Pferde zur Avantgarde des 7. Corps, das aus \ drei Straßen von Paderborn in beschleunigtem Anmarsch ist, um das 10. Corps an­zugreifen, das sich bet Nordstemmen sammelt.

Mehle, 19. September. Nach einleitendem kurzen Aoantgardengefecht erfolgte der Aufmarsch des zehnten Armeecorps am Sonnenberge. Der Kaiser hielt mit dem Generalftab auf dem Sonnenberge und beobachtete den Aufmarsch der Truppen durch das Fernrohr. Anfangs entwickelte sich ein heftiger Artillertekampf von je 20 Batterien, sodann erfolgten Zusammenstöße der Infanterie. Das Gefecht dauerte bis V/2 Uhr. Nach der Kritik wurden die Truppen beider Corps ausetnandergezogey, worauf sie Biwaks bezogen. Der Kaiser und Graf Waldersee kehrten nach Springe zurück.

Kiel, 19. September. Die deutsche Plankton-Expeditton ist auf dem Dampfer National" nach einem heute hier aus Teneriffa etngelaufenen Telegramm am 10 d. M. in Ascension eingetroffen. Am Bord befand sich alles wohl.

Königsberg, 19. September. In der heutigen Sitzung der Corporation der Kaufmannschaft wurde der Antrag des Vorsteheramtes der Kaufmannschaft angenommen, von der Staatsregierung eine Garantieerklärung zu fordern betr. des Baues einer Fahrrinne durch das Haff zwischen Königsberg und Pillau.

Baden, 19. September. Der Unterftaatssecretär im Reichsamt des Innern, Dr. Eck, ist gestern hier gestorben.

Pest, 19. September. Das heutige Manöver des vierten Armeecorps bei Foth begann Vormittags um neun Uhr und endigte gegen Mittag. Der Kaiser wohnte demselben bei, begleitet von den Erzherzögen Albrecht und Wilhelm, den Ministern Kalnoky und Fejeroary, sowie dem deutschen und dem italienischen Militärattache Zwei bulgarischen Offizieren, die sich auf der Durchreise nach Paris augenblicklich hier aufballen, wurde auf ihren Wunsch hin gestaltet, dem Manöver beizuwohnen. Nach Beendigung desselben kehrte der Kaiser nach Goedelloe zurück.

Kopenhagen, 19. September. Der König, der Kronprinz und Prinz Eugen von Schweden trafen heute Vormittag von Fredensborg hier ein und reisten Nachmittags dorthin wieder zurück. Der Zar und der König von Dänemark begleiteten die Kaiserin Friedrich nach Hllsingoer und kehrten dann nach Fredensborg zurück, nachdem Kaiserin Friedrich noch Kronborg besichtigt hatte. Die griechische Königsfamtlie reist am Sonntag ab.

Paris, 19. September. Nach der gestrigen Truppenrevue in Saint-Michel hielt General Miribel eine Ansprache an die Officiere, in der er hervorhob, Frankreich habe, gestützt auf seine Armee und nachdem es die ihm zukommende Stellung wieder errungen, nichts und Niemanden mehr zu fürchten. Freycinet beglückwünschte die Truppen und betonte, mit einer solchen Armee sei Frankreich in Sicherheit und in der Lage, Respekt einzuflösen. Freycinet traf gestern Abend wieder in Paris ein.

Rom, 19. September. Wie dieRiforma" meldet, empfing Crtspi gestern den französischen Botschafter Mariani, welcher im Auftrage Spuller's dessen tiefes Be­dauern über das nichtswürdige Attentat und seine besten Wünsche für die baldige Genesung Crispl's aussprach. Spuller sei durch seine Wahlreise gehindert gewesen, schon früher über das Befinden Crtspt'S Erkundigungen etnzuziehm. Crispi bat Mariani, Spuller für seine große Aufmerksamkeit zu danken.

Rom, 19. September. DieAgencia Stefani" meldet aus Aden: Gerücht­weise verlautet, Melenik werde sich auf dem historischen Berge Mannagascha, wo die früheren äthiopischen Kaiser gekrönt wurden, zum Kaiser krönen lassen.

Das Befinden Crispt's bessert sich fortwährend, nur die Bewegung des Kiefers ist noch etwas schmerzhaft, alle Nadeln sind von der Wunde entfernt.

Von den anläßlich der Arbeiterunruhen im Anfang Februar Verhafteten sind nunmehr 33 vor das Schwurgericht verwiesen.

Rom, 19. Septeuiber. DieOpinione" versichert, daß keine der an der lateinischen Münzunion beteiligten Regierungen geneigt sei, dieselbe zu kündigen.