Nr. 244. Samstag den 19, Oktober 1889.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes.
Bekanntmachung.
Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß der Vorstand der Tiefbau-Berussgenossenschast zu Berlin den Herrn Baurath Großh. Kreisbaumeister Wiessel in Darmstadt zum Vertrauensmann und Beauftragten für die Provinz Oberhessen und den Herrn Kreisingenieur Stahl in Gießen zu dessen Stellvertreter bestellt hat.
Gießen, am 14. October 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
.__\_________________________________________v. Gagern.__
Bekanntma ch u n g.
Wegen Neubedielung der Lahnbrücke bei Heuchelheim ist dieselbe vom 21. l. M. ab auf kurze Zeit gesperrt, was hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird.
Gießen, den 17. October 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen-
v. Gagern.
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Gießen, 18. October.
Das deutsche Kaiserpaar hat gestern Abend seine große Reise anläßlich der Theilnahme an den Hochzeitsseierlichkeiten in Athen (27. October) angetreten. Es ist die erste Reise, welche die Majestäten im Verein über des Reiches Grenzen hinaus unternehmen und ihre Veranlassung bildet das bevorstehende freudige Familienfest am griechischen Hofe, welches durch die eheliche Vereinigung des Kronprinzen Constantin von Griechenland und der Prinzessin Sophie von Preußen bestimmt ist, zum ersten Male eine enge Verbindung zwischen dem deutschen Kaiserhause und der griechischen Königsfamilie anzuknüpfen. Die Südlandsfahrt des deutschen Katserpaares hat demnach mit der Politik an und für sich nichts zu thun und trotzdem spielen auch in sie gewisse politische Momente und Erwägungen hinein, die sich schon daraus ergeben, daß der Zusammenkunft der kaiserlichen Majestäten mit dem italienischen Königspaare in Monza bei Mailand, woselbst die hohen Reisenden die erste größere Station machen, Herr Eri?pi, der leitende Staatsmann Italiens, auf spectelle Einladung seines Souverains beiwohnen wird. Daß ferner der Besuch Kaiser Wilhelms am Athener Hofe eine Annäherung zwischen Deutschland und Griechenland zur Folge haben, wird, dürfte kaum zu bezweifeln sein und was endlich den die Reise abschließenden Besuch des kaiserlichen Paares in Constantinopel anbelangt, so charakterisirt er sich äußerlich zwar als ein bloßer Vergnügungsaueflug, aber trotzdem wird er sicherlich das setnige zur Verstärkung der ohnehin schon so freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei beitragen. Die Ankunft des Kaisers und der Kaiserin in Monza sollte am 19. October Vormittags 11 Uhr, die Weiterreise von da nach Genua behufs Einschiffung an Bord der Yacht „Hohenzollern" am Nachmittag des 20. October erfolgen.
Ein für das deutsche Volk pietätvoller Gedenktag ist aus dieser Woche mit dem 18. October zu verzeichnen, an welchem der unvergeßliche Kaiser Friedrich sein 58. Lebensjahr vollendet haben würde. In vielen Schulen und Lehranstalten wird dieses Tages gedacht und hierbei nochmals an all' das erinnert, wodurch der edle kaiserliche Dulder für immer im Herzen des deutschen Volkes fortleben wird.
Der Reichskanzler Fürst Bismarek reiste in Begleitung seiner Gemahlin am Mittwoch von Berlin nach Friedrichsruhe zurück, er wird also bet der am nächsten Dienstag erfolgenden Reichstagseröffnung nicht zugegen sein.
Als das bemerkenswertheste Wochenereigntß in der inneren Politik präsentiren sich die Erneuerungswahlen zum sächsischen Landtag, bet denen 22 Abgeordnete der Carlellparteien, 2 Fortschrittler (nationale Fortschrittspartei), 2 Deutschfretsinntge (Anhänger Eugen Richters) und 3 Soctaldemokraten gewählt wurden. Die letzteren haben, Dank der Lauheit und wohl auch Zersplitterung ihrer Gegner, zwei Mandate erobert, Ltmbach-Land, welches sie den Fortschrittlern, und Slollberg-Land, welches sie den Eonservatioen abnahmen; die soctaldemokrattsche Fractton in der zweiten sächsischen Kammer ist demnach auf 7 Mitglieder angewachsen. Die Eonservatioen ihrerseits gewannen für den an die Socialdemokraten verloren gegangenen Sitz von den Freisinnigen ein Mandat (4. ländlicher Wahlkreis); es sind die einzigen durch die Wahlen bewirkten Verschiebungen im parlamentarischen Besitzstand der Parteien im sächsischen Landtag.
In der auswärtigen Politik nahm diesmal, abgesehen von den Erörterungen über den Czarenbesuch in Berlin, die Programmrede Crispis in Palermo die allgemeine Aufmerksamkeit an erster Stelle in Anspruch. Die Rede, in welcher der italienische Ministerpräsident in meisterhafter Weise seine Ktrchenpolttik, seine auswärtige Politik und schließlich seine Colonialpolttik verthetdigte, hat in Italien wie im Auslande einen großen Eindruck gemacht. Das letztere bekunden die eingehenden und überwiegend sehr beifälligen Auslassungen der ausländischen Blätter über die Rede, von dem Eindrücke derselben in Italien selbst aber zeugt die enthusiastische Aufnahme, welche die Worte Crispis im ganzen Lande gefunden haben, während der leitende Staatsmann außerdem durch ein Beglückwünfchungstelegramm des Königs Humbert besonders ausgezeichnet wurde. Am Schlüsse desselben ladet der König Crisvt ein, zu ihm nach Monza zu kommen und da diese Einladung in Bezug auf den Besuch des deutschen Katserpaares in Monza erfolgt ist, erhellt hieraus noch besonders di^Crispi von seinem Monarchen zu Theil gewordene Auszeichnung.
Darmstadt, 17. October. Zum Präsidenten der Ober-Rechnungskammer wurde Gey. Ovrr Rt-chnungsralh Lorbacher ernannt.
Darmstadt, 17. October. An Stelle des vor kurzer Zeit verstorbenen Ober- stabsaudlleurs Etgenbrodt wurde der Großh. Oberlandesgerichtsrath Hetnzerltng I dahier zum Präsidenten des Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftuna für das Großherzoa- I jhum Hessen gewählt. I
Straßburg i. E., 16. October. „E!ne gute Verwaltung ist besser wie das schönste polttrfche Programm." Im letzten Berichte wurde gesagt, die reichsländische Regierung habe die Behandlung des Landes nach diesem Grundsatz eingerichtet. Und einer guten Verwaltung entspricht die große Fürsorge, welche dem materiellen Wohlergehen der Bevölkerung zugewendet wird. So sollen, wie es heißt, vier verschiedene Gesetzesvorlagen in der Vorbereitung sein, welche insbesondere der landwirthschaftlichen Bevölkerung, die hier zu Lande bedeutend überwiegt, zu Gute kommen würden. Als wichtigstes geplantes Gesetz wird das genannt, welches bestimmt sein soll, die wucherischen Vtehleihgeschäfte zu untei drücken. Diese hier allgemein üblichen Geschäfte werden von den betreffenden Viehhändlern etwa in folgender Weise betrieben: Der Händler stellt den Bauern gegen einen anscheinend sehr mäßigen Preis, den der Bauer natürlich schuldig bleibt und hoch verzinsen muß, ein Stück Vieh, eine tragende Kuh in den Stall, mit der Bedingung, daß nach einer gewissen Zett das Stück bezw. Kuh und fccb verkauft und der Gewinnst gethetlt werden soll. Das sieht sich auf den ersten Blick ganz gut an. Der Bauer hat die Nutznießung an Milch und Dünger und schließlich noch Gewinnst. In Wirklichkeit ist er aber unter allen Umständen der Betrogene; denn die gewissenlosen mit allen Salben geschmierten Viehhändler verstehen es, immer so zu mantpultren, daß sie allein den Profil einstecken. Das weiß hier Jedermann und doch lassen sich unsere Landleute von dem verderblichen Brauche nicht abbrtngen, der in vielen Fällen dem sicheren Ruin entgegenführt. Es gibt hier Mengen von Bauern, die den ganzen Stall voll Vieh haben, von denen ihnen, bei Lichte besehen, eigentlich kein Stück gehört. Es gibt hier ganze Dörfer, in denen die Bauern in Wirklichkeit nichts mehr ihr eigen nennen können und wo sie nur für ihre Herren, die „Geschäftsleute", wie sich die Sorte Wucherer hier nennt, frohnden. Das hängt mit dem unseligen Vorurtheil zusammen, kein Geschäft unmittelbar zu machen. Hier kaust kein Nachbar vom Nachbarn die elendeste Ziege, „es muß ein Händler dazwischen stecken." — Bezeichnend ist übrigens die Art und Weise, wie der „Geschäftsmann" dem Bauern den Augenblick anzeigt, wo er die ihm längst uni den Hals gelegte Schlinge zuzieht. Die Mütze auf dem Kopf, die kurze Pfeife im Munde, tritt er in die Stube und setzt sich auf den Tisch; das heißt denn so viel, wie: „Jetzt ist's aus mit Dir, jetzt herunter von Haus und Hof." Den ersten Anfang zum späteren gänzlichen Ruin bildet, wie schon erwähnt, in den meisten Fällen das Vtehetnstellen. Die Parcellirung ist im Elsaß bis auf das Aeußerste gediehen; es gibt hier unglaublich kleine Güter, die außerdem noch aus einer ganzen Anzahl minimaler Stücke bestehen, welche im ganzen Gemeindebann verthetlt sind. Vieh brauchen die Leute, baar Geld haben sie ketns, Credtt auch nicht, da hilft denn der Vteheinsteller aus. Wenn das Gesetz, welches bestimmt ist, dem verderblichen wucherischen Treiben der Vteheinsteller ein Ende zu machen, zu Stande kommt, so ist damit der Landwtrthschaft mehr geholfen, als wenn ihr alle Jahre so und so viel Millionen aus Staatsfonds zugewandt werden. — Eine Folge der allgemeinen Parcellirung ist auch der Mangel an Feldwegen; viele Besitzer können zu ihren Grundstücken nur gelangen, wenn sie über fremden Grund und Boden htnweggehen; das gibt natürlich viel Unzutiäglichkeiten. Ein neues Gesetz soll da abhelfen, indem es die Bildung von Genossenschaften zur Anlage von Feldwegen regelt. Seit Jahr und Tag hat hier die Erneuerung des Katasters begonnen und mit dem Fortschretten dieser Arbeit muß die Anlage von Feldwegen Hand in Hand gehen. Weitere Gesetze sind, wie es heißt, in Vorbereitung, betreffs Uedernahme des Schadenersatzes für am Milzbrand gefallenes Vieh auf Staatsfonds, ferner betreffs Einrichtung einer allgemeinen Rindvieh-Versicherung und betreffs Regelung des Hufbeschlagsgewerbes.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Korrespondenz -Brrrean»
Berlin, 17. October. Der Kaiser und die Kaiserin machten Nachmittags der Kaiserin Friedrich einen Abschiedsbesuch. Sie gedenken Abends 11 Uhr die Reise nach Mailand über München und den Brenner in einem Sonderzug anzutreten.
Berlin, 17. October. Der Kaiser richtete an den Magistrat folgendes Handschreiben: Es ist mir angenehm gewesen, wahrzunehmen, wie während der Anwesenheit des Kaisers von Rußland die Ordnung in den Straßen vermöge Entgegenkommens der Bevölkerung bei Ausführung der polizeilichen Anordnungen übei all eine musterhafte gewesen ist, so daß ungeachtet des großen Verkehrs und der nothwendigen polizeilichen Einschränkung desselben kein Unfall zu beklagen war. Ich spreche dem Magistrat hierüber meine besondere Befriedigung aus.
Berlin, 17. October. Der Bundesrath stimmte heute den Ausschußberichten betreffend die Etatsentwürfe der Verwaltungen des Reichsheeres und der Marine zum Reichshaushaltsetat für 1890/91 zu.
Berlin, 17. October. Den „Berl. Pol. Nachr." zufolge hätte der Bundesrath in seiner heutigen Sitzung erhebliche Abänderungen des Reichshaushaltsetats für 1890—91 sowohl bezüglich der Zolleinnahmen und Verbrauchssteuern als auch bezüglich der Ausgaben für die Heeresverwaltung beschlossen.
Potsdam, 17. October. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin traten Abends 11 Uhr 5 Minuten mittelst Sonderzuges von der Wtldpaikstation die Reise nach Monza an.


