Nr. 16» Freitag den 18. Januar 1889;
(Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeit.
Bekanntmachung.
Es wirb hierdurch zur Kermtniß der Interessenten gebracht, daß der Vorstand der Tiefbau-Berufs-Genoffcnschaft den Herrn Kreisingenieur Gnauth zu Gießen
zum Stellvertreter des Vertrauensmann» und Beauftragten ernannt hat.
Gießen, am 14. Januar 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 17. Januar.
Der Kaiser traf am DienStag Abend gegen 6 Uhr in Bückeburg ein, von der Bewohnerschaft der schaumburg-lippe'schen Residenz festlich und freudigst empfangen. Am Mittwoch und Donnerstag jagen der Kaiser und Fürst Adolf Georg in der Umgegend von Bückeburg, worauf der erstere in der Nacht zum Freitag nach Berlin zurückkehren wird.
Aus den Commissionen beS Reichstage» ist zu melden, daß die Commission für das Genossenschaftsgesetz am Dienstag ihre erste Sitzung abhtelt, während die Commission für die Alters- und Invalidenversicherung am Montag in die Einzel- berathung der Vorlage eintrat. Zu dem grundlegenden Paragraphen 1 wurden nicht weniger als sechs Abänderungsanträge eingebracht, deren Berathung vermuthltch mehrere Sitzungen beanspruchen wird. Auch die Bugdetcommission hielt am Montag eine längere Sitzung ab.
Das preußische Herrenhaus hielt am Dienstag seine erste Plenarsitzung ab. Cs wurden die verschiedenen Commissionen gewählt und an dieselben gingen dann nach kurzer Debatte die Vorlagen, betr. die allgemeine Landesverwaltung u. s. w. in der Provinz Posen und betr. die Erleichterungen bet Grundstücksoerkäufen in einzelnen Theilen von Hannover. Die nächste Sitzung des Herrenhauses ist unbestimmt.
Die Thronrede bei Eröffnung des preußischen Landtages hat durch ihren friedekündenden Ton auch außerhalb der Grenzen Deutschlands den besten Eindruck gemacht. Die Wiener Blätter feiern in geradezu begeisterten Artikeln ausnahmslos die Rede, in welcher sie sämmtlich eine eminente Friedenskundgebung erblickten; auch die Londoner Blätter drücken ihre hohe Genugthuung über die Friedensworte Kaiser Wilhelms aus.
Die amtlichen Meldungen über das Befinden des KSnigS von Holland lauten augenblicklich wieder etwas günstiger. Die Nacht zum Dienstag verbrachte König Wtl- helm ruhig und befand er sich am Dienstag Morgen den Umständen nach ziemlich gut; im Laufe des genannten TageS brachte der König sogar einige Zeit außerhalb des Bettes zu und erledigte einige Arbeiten. Dennoch bleiben bedenkliche Rückfälle nicht ausgeschlossen und es erhält sich daher im Haag das Gerücht von einer bevorstehenden Regentschaft der Königin Emma.
Die Aufsehen erregende Nachricht von der Umwandlung der 20 im europäischen Rußland bestehenden Schützenbataillone in ebensootcle Regimenter wird russischersetts möglichst abzuschwächen versucht. Wenigstens bezeichnet die „Nordische Telegraphen- Agentur" diese Maßregel als eine längst geplante und sogar im Laufe der letzten Jahre schon zur Ausführung gelangte. Der bezügliche Erlaß des Czaren hätte lediglich die Eintragung des Etatsbestandtheiles- der genannten Truppenthetle in das Retchsbudget bezweckt.
Von den Russen ist eine außerordentliche Gesandtschaft unter Führung des famosen .freier, Kosaken" Atschirroff an den Negus von Abyssinten geschickt worden. Welche Ziele dieselbe verfolgt, ist noch nicht bekannt, jedenfalls ist es aber bemerkenswert, daß die Mission auf ihrer Reise bis Suakin überall von den französischen Con- Wn amMch begrübt wurde. «le gedenkt in Cbot, dem französischen Hasen an der Rothen-Meereskufte, zu landen. Ob sich der dem Gouverneur von Obok zugegangene Befehl seiner Regierung, die Landung bewaffneter Haufen nicht zu gestatten, auf die Schaar Atschinoff's bezieht, muß noch dahingestellt bleiben.
. „Auf der Landenge von Panama, wo wegen des Kraches der „Panama- Gesellschaft Unruhen beoorstehen sollen, herrscht nach neuerlichen Berichten völlige Ordnung. Die Gesellschaft gedenkt 4000 Arbeiter, die unbeschäftigt waren weil zwei Bau-Unternehmer die Arbeit eingestellt hatten, unverzüglich aufs Neue einzustellen
englische und französische Kriegsschiffe sind in Panama angekommen, da trotz' der friedlichen Wendung der Dinge der Ausbruch von Unruhen doch nicht unmöglich ist. Auch das Eintreffen mehrerer Kriegsschiffe der nordamerikanischen Union in Panama ist angekündigt.
Vnttschlarrd.
m. Saniiar. An die zweite Kammer der Stände ist Seitens des
Ministeriums des Innern und der Justiz folgendes Ansinnen gerichtet worden: „Nachdem zufolge Beschlusses des Bundesraths vom 21. Januar 1888, die Veröffent- jidjung be§ *n erster Lesung festgestellten Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs ?r Deutsche Reich nebst Begründung erfolgt war, hielt sich die Großh. Regierung für verpflichtet, in ähnlicher Weise, wie dies seitens benachbarter Bundesstaaten geschah, eine Begutachtung des Gesetzentwurfs durch praktische Juristen des Landes zu dem Zwecke anzuordnen, um einerseits etwaige Abänderungsvorschläge für die zweite Lesung .E^wurfs, andererseits die bei Einführung des bürgerlichen Gesetzbuchs gebotenen Maßnahmen der Landesgesetzgebung vorzuberetten. Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs wurde deßhalb unterm 11. Juli 1888 eine Mitgliedern bestehende Landescommission eingesetzt, welche zur Zeit mit der einzelner Theile des Entwurfs beschäftigt ist und demnächst zu 6etnetn= Anordnungen machen Ausgaben für ?^.^/beiten, Beschaffung literarischer Hilfsmittel, Tagegelder und Reisekosten der tÄÄÄ"^Etglteder und dergleichen erforderlich, welche die Regierung nach vorläufiger Berechnung auf 4000 A veranschlagen zu sollen glaubt. Da diese Kosten im
Hauptooranschlag der Staats - Einnahmen und -Ausgaben für die Jahre 1888—1891 nicht vorgesehen sind, so beehrt sich das unterzeichnete Ministerium, mit Allerhöchster Ermächtigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, an die Stände des Groß- herzogthums und zunächst an die zweite Kammer das Ansinnen zu richten: Der Großh. Regierung zur Bestreitung der Kosten, welche die Begutachtung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das Deutsche Reich durch eine besondere Commission verursachen wird, einen Bettag von 4000 A aus Staatsmitteln zur Berfüguna zu stellen." ° ■
— Herr Prälat Dr. Habicht ist, wie man uns mittheilt, seit 14 Tagen an einer Lungen- und Halsentzündung erkrankt. Derselbe befindet sich jedoch, wenn auch die Genesung nur langsam vorwärts schreitet, wieder auf dem Wege der Befferung.
16. Januar. Der „Reichsanzeiger" publicirt Folgendes:
„Aus Ihren Bericht vom 13. dss. Mts. beauftrage Ich Sie, den Bundesregierungen und dem „Reichsanzeiger" die amtlichen Miltheilungen zu matten welche erforderlich sind, um den Regierungen und den Reichsangehörigen ein eigenes Urthetl über das Verhalten der Reichsjusttzoerwaltung in der Untersuchungssache wider den Professor Geffcken zu ermöglichen. Zu diesem Zweck bestimme Ich, daß die Anklageschrift gegen oen Dr. Geffcken im „Reichsanzetger" veröffent- licht und nebst den Anlagen derselben dem Bundesrath behufs Verwerthuna im Sinne Ihres Berichtes mitgetheilt werde.
Berlin, den 13. Januar 1889.
Wilhelm I. R.
An den Reichskanzler."
von Bismarck.
In dem hier angezogenen Berichte weist der Kanzler auf die Entstellungen hin, welche ein Theil der Presse des In- und des Auslandes in der Geffcken'schen Sache begangen, wodurch das Bedürfniß entstanden sei, die Möglichkeit eines eigenen durch die reichsfeindliche Preffe nicht gefälschten Uriheils beim Volke zu schaffen. Aus der umfangreichen Anklageschrift geht hervor, daß Kaiser Friedrich sowohl Herrn v. Stosch wie Gustav Freytag gegenüber ausdrücklich erklärt hat, daß das Tagebuch nicht vor einer langen Reihe von Jahren veröffentlicht werden könne, weil zu viel Politische» darm sei, daß Geffcken sich zur deutsch-conservativen Partei zahlte, aber, wie aus seiner Correspondenz mit Herrn v. Roggenbach hervorgeht, dem Reichskanzler auf allen Gebieten und persönlich auf das feindlichste gegenübersteht. Die Briefe Roggenbach's an Geffcken vom 24. August und 6. September v. I. ergeben, daß der Erstere Geffcken zu einer Denkschrift für Kaiser Wilhelm II. angeregt hat. Roggenbach hat später Be denken gehabt, als ihm der Entwurf vorlag; er hat denselben nach der Verhaftung Geffcken s dem Verthetdiger desselben übergeben. Die Concepte zu dem Erlaß Kaiser Friedrichs an den Reichskanzler bei der Thronbesteigung und der Aufruf „An mein Volk" haben sich bet Geffcken gefunden, welcher sich als den Verfaffer beider Aktenstücke bezeichnet. Auf Veranlassung des damaligen Kronprinzen hat Herr v. Stosch im Jahre 1885, als Kaiser Wilhelm in Ems schwer erkrankte, diese Kundgebung vorbereiten wollen und ist zu diesem Zwecke mit Geffcken auf seinem Gute in Oestrich am Rhein zusammengetroffen, wo die Proklamation besprochen wurde, ©tffrfen hat biefelbe versaßt und v. Stosch dieselbe im August 1885 dem Kronprinzen auf der Mainau überreicht. Der in der Geffcken - Roggenbach'schen Correspondenz wiederholt genannte beiderseitige Bekannte und Verttaute Morier ist früher der englischen Botschaft in Berlin attachirt gewesen und jetzt Botschafter in Petersburg. <F. I.)
Berlin, 16. Januar. Aus Kiel geht der „Voss. Ztg." die Meldung zu, daß von dort am 23. Januar ein Ersatz - Commando von 30 Mann unter Führung de» Unterlieutenants Funke von Bremerhaven nach Apia abgeht. Die Ankunft soll am 1. April erfolgen.
, Köln, 16 Januar. Wie die „Köln. Ztg." vernimmt, reichte Justizmintfter v. Friedberg wegen Alters und Kränklichkeit sein Abschiedsgesuch ein.
Telegraphische Depeschen.
Wolff S telegr. Correspondenz -Bureau.
Bückeburg, 16. Januar. Der Kaiser, bei Fürst und der Erbprinz begaben sich, ^ute Vormittag 91/- Uhr zur Jagd nach dem Forstrevier Baum, wo ein für die drei Fürstlichkeiten eingestelltes Jagen auf Hirsche veranstaltet wurde. Der Kaiser fuhr mit dem Fürsten im offenen Wagen. Auf dem Schloßhofe bildeten 600 berittene Bauern in Nationaltracht — langen weißen Röcken, niedrigen schwarzen Hütm auf mit Blumen geschmückten Pferden — in den Straßen Vereine, Schulen und dieKnapp- chaft mit ihren Fahnen Spalier. Um 12 Uhr findet ein Jagdfrühstück auf dem Jagdschlösse statt, wozu auch das Gefolge und die übrigen Gäste geladen sind. Nachmittags wird eine Jagd auf Hirsche veranstaltet, an welcher auch das Gefolge und die Gaste thetlnehmen.
, r. . derlin, 16. Januar. Auf der Tagesordnung der morgigen Bundesrathssttzimg beslndet sich eine Vorlage, betteffend das gerichtliche Verfahren gegen Geffcken. Die Veröffentlichung erfolgt auf Befehl des Kaisers in Folge eines Berichts des Reichs- kanzlers vom 13. Januar. Die Vorlage enthält den Beschluß des Gerichts, die Anklageschrift nebst den Zeugenauslagen.
c» x colonialpolitische Vorlage steht nicht auf der Tagesordnung der morgigen Bundesrathssitzung.
»^derlin, 16. Januar. Das Abgeordnetenhaus wählte heute das bisherige Präsidium wieder. Präsident von Köller, erster Vicepräsident von Heeremann, zweiter Vicepräsident von Benda.
m 2o*>- 16. Januar, Vormittags. Ossieiell. Das Befinden deS KövtgS
ist etwas bester.


