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Nr. 241. Mittwoch deu 16. October 1889

G'chmer iln;eiflcr

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Schulstr-ß- 7. Erscheint tägttchHuSnahm- des Montlgl

AmIkicherHHeit.

Betreffend: Maßregeln gegen das Zigeunerunwesen. Gießen, den 10. October 1889.

Das Großhcrzogliche Kreisamt Gießen

an bi« Srotzh<rzog»ich«n ® ürgtrmtifUteitn bt» Kreis«».

es ist wiederholt vorgekommen, daß umherziehende Zigeuner, welche sich nicht im Besitze eines Wandergewerbescheins befanden, sich dadurch Leaitimations- papiere zu verschaffen wußten, daß sie bei der Behörde ihres jeweiligen Aufenthaltsortes vorgaben, ihre Legitimationspapiere verloren zu haben und sich von dieser Behörde eine Beschemigung über den Verlust ausstellen ließen und letztere sodann vielfach mit Erfolg als Legitimation benutzten.

Um diesem die Ausbreitung des Zigeunerunwesens fördernden Mißstande abzuhelfen, untersagen wir Ihnen strengstens die Ausstellung derartiger Zwlschenlegitimatronspapiere, weisen Sie vielmehr an, die Zigeuner behufs Erneuerung ihrer etwa verloren gegangenen Papiere stets an diejenige Behörde m verwerfen, welche dre Paplere ausgestellt haben soll. v a 1 8

Als werterer Uebelstand wird empfunden, daß Zigeuner sich noch häufig im Besitze von Wandergewerbescheinen befinden, welche denselben nach den Bestimmungen der §§ 57 ff. der Gewerbeordnung hätten versagt werden sollen. Zur Feststellung solcher Fälle wollen Sie in allen Fällen, in welchem Ihnen von Zigeunern Gewerbescheine vorgezeigt werden, denselben die genaue Namepangabe der Inhaber, Ort und Zeit der Ausstellung und den Namen der aussteüenden Behörde entnehmen und an uns unverzüglich berichten, damit wir in den Stand gesetzt werden, eine Meinungsäußerung der betreffenden Behörde einzuholen und auf die Zurücknahme oder demnächstige Versagung des Gewerbescheins hinzuwirken.

______________________________v. Gagern.______

Betreffend: Den Besuch von landwitthschastlichen Schulen. Gießen, am 12. October 1889.

Das Großhcrzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise».

arr Unter Bezugnahme auf die in den Kreisblättern 209, 212 und 217 enthaltenen Bekanntmachungen, betreffend die landwirthschastlichen Schulen zu Alsfeld bezw. Büdingen und Friedberg, beauftragen wir Sie, sich darum zu bemühen, daß diese Schulen durch möglichst viele junge Leute aus Ihren Gemeinden besucht werden und insbesondere diejenigen jungen Landwirthe, von welchen Sie annehmen, daß dieselben die nölhiqen Mittel und die erforderliche Zntelliaenr haben, zum Besuch der Schulen persönlich anzuregen. *

__ v. Gagern.

WolitLfche Mundschsa

Gießen, 15. October.

Den im Allgemeinen sympathischen Kundgebungen der unabhängigen Peters­burger Blätter zur Berliner Katserbegegnung schließt sich jetzt auch dasJourn. de St. Petersb." an. Das officiöse Blatt betont den warmen Empfang, den Kaiser Alexander in Berlin gefunden und nimmt hieraus Anlaß, auf die langjährigen, niemals verläugneten herzlichen Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg und deren hohen politischen Werth hinzuweisen. DasJournal" spricht weiter die feste Hoffnung aus, daß der Czarenbesuch in Berlin zur Befestigung des Friedens und zur Wohlfahrt der beiden Nachbarvölker dienen werde und hebt schließlich die dem Fürsten Bismarck durch Kaiser Alexander bezeugte besondere Aufmerksamkeit hervor. Man wird diese von dem Organe des russischen Ministers des Aeußern geäußerten Hoffnungen wohl als dem Wunsche des Leiters der auswärtigen Politik Rußlands entspringend bezeichnen dürfen, daß die deutsch-russischen Beziehungen wieder in bessere Bahnen etnlenken möchten; ob eine derartige Wendung wirklich noch möglich ist, dürfte die nächste Zukunft lehren.

Dte Jungczechen haben im böhmischen Landtage ihren Adreßantrag eingebracht, der voraussichtlich zu einer Debatte über die Angelegenheit der böhmischen Königskrönung führen wird. Allerdings wird in dem jungczechischen Adreßentwurf das Wort Köntgs- krönung nicht geradezu ausgesprochen, aber er ersucht unrer Hervorkramung der seit 1527 eingetretenen staatsrechtlichen Momente um Erneuerung der Selbstständigkeit der Verwaltung Böhmens und hierbei ist natürlich auf die Königskrönung gezielt. Der Oberstlandmarschall (Präsident) erklärte, er werde den Antrag zur geschäftsordnungs­mäßigen Behandlung stellen, aber es ist kein Zweifel, daß die feudal-altczechische Mehr­heit den Antrag ablehnen wird, nur dürfte dies nicht ohne heftige Auseinandersetzungen zwischen Jungczechen und Altczechen abgehen.

In Kärnthen und Tyrol sind durch anhaltende Regengüsse Ueberschwemmungen hervorgerusen worden, welche vielerlei Schaden anrichteten.

Der italienische Ministerpräsident CriSpi traf in Begleitung seiner Minister- collegen und zahlreicher Abgeordneten am Sonntag Nachmittag in Palermo ein, von der Bevölkerung der reich beflaggten sictlianischen Hauptstadt jubelnd begrüßt. Crtspt dankte von dem Balkon desHo!el des Palmes", woselbst er Absteigequartier genommen hat, für den ihm bereiteten Empfang und betonte, sein einziges Bestreben sei, dem Vaterlands zu dienen und Italien groß und glücklich zu machen. Es ist das erste Mal, daß Erispi seit seiner Verwundung durch Eaporalt nunmehr wieder öffentlich auftrttt, und der begeisterte Empfang, den der leitende Staatsmann Italiens in Palermo gefunden hat, gestaltet sich durch die Umstände zu einer bemerkenswerthen Kundgebung für ihn und seine Bestrebungen.

Auf das Verhältniß zwischen Rußland rrnd Bulgarien wirft ein aus Sofia gemeldeter Vorfall ein neues bezeichnendes Licht. Der russische Fürst Dolgorukows traf in den ersten Tagen der vergangenen Woche, begleitet von einigen Freunden, in Sofia ein, um hier einige Tage zu verweilen. Fürst Dolgorukow wollte diese Gelegenheit benutzen und in der Kathedrale von Ssfia ein Requiem für Kaiser Alexander II. ab­halten lassen, was aber die bulgarische Regierung nicht gestattete, Infolgedessen der Fürst am Samstag nach Belgrad abretste. Der Vorgang verdient in mancher Beziehung noch Aufklärung, jedenfalls ist aber der Umstand, daß dem Fürsten Dolgorukow, obwohl er doch nur in privater Eigenschaft in Sofia weilen konnte, die von ihm beabsichtigte pietätvolle Handlung seitens der bulgarischen Regierung untersagt wurde, charakteristisch für die fortdauernde Spannung zwischen Sofia und Petersburg

Das Wiedersehen zwischen der Königin Natalie und ihrem Sohne, dem jugendlichen Serbenkönige Alexander, hat nun am Samstag endlich doch stattge- funben, nachdem die telegraphische Erlaubniß Milans hierbei am Samstag Morgen aus !

Paris in Belgrad eingetroffen war. Darüber, daß Natalie die von ihr geforderten Verpflichtungen vorher etngegangen wäre, weiß der Belgrader Telegraph bezeichnmder Weise kein Wort mttzuthetlen! Uebrigens wird die am Sonntag eröffnete Skupschttna- Session wohl bald Klarheit in dieKönigin-Frage" bringen, da bezügliche Beschlüsse seitens des Skupschtina zu gewärtigen sind. In der Eröffnungssitzung der Skupschttna fühlte Luka Petrovic den Altersoorsitz; es wurde die Ausloosung in die Sectionen und die Wahl der Wahlprüfungscommission mit Ranko Tajsic als deren Vorsitzenden vorgenommen. In Belgrad gehen Gerüchte über eine bevorstehende Neubildung deS serbischen Cabinets um, wobei dem Vernehmen nach der Führer der radicalm Partei Serbiens, Patisch, eine hervorragende Rolle spielen würde.

][ Darmstadt, 14. October. Im Grobherzoglichen Residenzschlosse, wo augen­blicklich Die gesammte Großherzogliche Familie, mit alleiniger Ausnahme der Prin­zessin Elisabeth, Großfürstin Sergius von Rußland, vereinigt ist, fand gestern Nach­mittag eine Familientafel statt, an welcher Se. Königliche Hoheit der Grotzherzog, Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, Ihre König!. Hoheit die Prinzessin Heinrich von Preußen, Seine König!. Hoheit der Erb- großherzog, Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Alix, sowie Ihre Großh. Hoheiten die Prinzen Heinrich und Wilhelm, endlich noch Prinz Albert zu Holstein tbetlnahmen. Die Mutter des letzteren, Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein, traf mit ihren beiden Töchtern heute Vormittag ebenfalls zum Besuche der Großherzoglichen Familie ein. Die hohe Frau wird im Laufe des Nachmittags wieder abretsen; die Prinzessinnen- Töchter bleiben hier.

Berlin, 14. October. Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft hat, wie mit- getheilt wird, im Namen der 4000 Turnvereine mit etwa 400,000 Mitgliedern an den Bundesrath eine Eingabe gerichtet, in welcher um eine finanzielle Unterstützung der deutschen Turnsache von Seiten des Reiches gebeten wird. In der Bittschrift heißt es:Die deutsche Turnerschaft arbeitet seit 39 Jahren an der hohen Aufgabe, in möglichst weiten Kreisen des deutschen Volkes die Pflege planmäßig geregelter Leibes- Übung zu fördern und dadurch mit beizutragen, daß ein an Leib und Seele gesundes und frisches Geschlecht heranwächst, geschickt in der Stunde der Gefahr wehrhaft für das Vaterland einzutreten, gefestet für den am Mark des Volkes zehrenden Kampf ums Dasein und für den Kampf mit der immer wachsenden Genußsucht". Die erbetene Unterstützung soll zur Errichtung von Turnhallen verwendet werden, weil erfahrungsgemäß den Turnvereinen die staatlichen, bezw. gemeindlichen Schulturnhallen trotz aller Bemühungen verschlossen bleiben.

München, 14. October. (Ernährung der Soldaten.) DieM. N. 92.* schreiben: In der hiesigen Garnison werden zur Zeit Erhebungen darüber angestellt, ob die den Soldaten gereichte Nahrung ausreicht oder nicht. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß diejenigen Soldaten, die eines privaten Zuschusses entbehren, unmög­lich die verlangte körperliche Leistungsfähigkeit darbteten können. Die Aerzte sind angewiesen, nach den monatlichen Verbrauchstabellen der Küche die einzelnen Nahrungs­mittel auf Gehalt an Eiweiß, Fett, Kohlehydraten zu berechnen. Die Berechnung geschieht hauptsächlich nach den Werthen von Pettenkoser und Bott. Dabei ist, wie die Münchener Forscher oft betont haben, noch lange nicht ein Genüge geschaffen mit der Darreichung der berechneten Menge an Nahrungsstoffen, sondern es müssen Genutz- mtttcl gereicht, für Schmackhaftigkeit muß gesorgt werden, ebenso muß viel Wechsel in der Nahrung sein. Sobald diese Erhebungen beendet sind, soll je nach dem Ausfall derselben eventuell eine Vorlage an den Landtag gehen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Korrespondenz-Bureaus

Berlin, 14. October. Zu Ehren der Prinzessin Sophie fand heute Galatafel statt, woran alle Mitglieder der königlichen Familie und hier anwesende Fürstlichkeiten, alle Minister, Staatssecretäre, der griechische Gesandte Vlachos, die Generalität, die