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Nr. 184. Erstes Blatt. Donnerstag dm 13. Juni

1889.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzkigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Dur^die^Post^be^

Amtlicher Hßeit.

Betreffend: Kreis,Lehrereonferenz Gießen, 12. Juni 1889.

Die Großherzogliche Krris-Schul-Commission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Die aus Montag den 17. ds. Mts. in Stein's Garten hier anberaumte Kreis-Lehrerconferenz muß wegen eingetretener Hindernisse auf

Montag den 24. ds. Mts., Vorwittags 10 Uhr, verschoben werden.

Sie wollen hiervon die Lehrer Ihrer Gemeinde sofort in Kenntmß setzen.

v. Gagern.

Betressend: Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1889.

Bekanntmachung.

Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1889 wird im Kreise Gießen .

Montag den 17. Juni im Rathhause zu Sich, Vormittags 8V3 Uhr,

Dienstag den 18. Juni in dem früheren Hofgerichtsgebäude (Brandplatz) zu Gietze», Vormittags 8 Uhr,

Mittwoch den 19. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr,

Freitag den 21. Juni im GasthausZum Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr, « £ a fr

Eg haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Jnsanterie-Brigade in säwwtlichen AuShebui-gsort«» zu gestellen:

a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen; / fomcit denselben eine besondere Ladung zugeht;

b. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Milrtarpfuchtrgen; \

c. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen; , , . - ,

d« die von der Ersatz-Commisston als tauglich und einstellungssähig erkannten Milttarpfllchttgen, emschließllch derjenigen aus frühsten Jahrgängen^.

e. die von den Truppentheilen zur Dispofition der Ersatz-Behörden entlaßenen Soldaten,

f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen. , , rx . r r.,

Den Großherzoqlichen Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Mllüärpfllchtrgen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen stnd. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen Die Militärpflichtigen stnd außerdem anzuwelsen, lhre Loosungsscherne

5 r Die zur Beurtheilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.

Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon benchtttch anzuzeigen und ist, wenn em Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist. f

Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober-Ersatz-Geschäfle selbst anwesend zu sein und stch darum zu bemühen, daß bie Militärpflichtigen rechtzeittg^zur^lle^sind^ 1889. Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.

Jost, Regierungsrach.

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Politische Rundschau.

Gießen, 12. Juni.

Seit Sonntag Abend weilt der Schah Nastr-ed-din von Persten als Gast des Kaisers in der Reichshauptstadt, nachdem der Perserfürst schon auf seiner ersten, vor einer längeren Reihe von Jahren unternommenen Rundreise durch Europa dem Berliner Hofe einen Besuch abgestattet hatte. Am Sonnabend, den 8. Juni, reiste der Schah von Warschau ab und wurde er auf der Grenzstation Alexandrowo Namens des Kaisers Wilhelm vom General der Infanterie o. Grolman begrüßt und von diesem nach Thorn geleitet. Hier war auf dem Bahnhofe eine Ehrencompagnie des 21. Regiments nebst der Regtmentsmusik ausgestellt, welche bei der Ankunft des Schah die persische Nationalhymne anstimmte, während von den Festungswällen Salutschüsse ertönten. Bet der Ankunft in Berlin, welche in der sechsten Nachmittagsstunde des ersten Pfingstfeiertages erfolgte, war großer militärischer Empfang des Schah auf dem Bahnhofe, woselbst auch der Kaiser feinen fürstlichen Gast zum ersten Male begrüßte, um ihn dann nach seinem Absteigequartier im Schlosse Bellevue zu geleiten. Am zweiten Feiertage Vormittags machte der Schah der Kaiserin in Schloß Friedrichskron seine Aufwartung, worauf er sich mit den Majestäten nach Potsdam begab; später unternahmen die allerhöchsten Herrschaften von hier aus eine Dampferpartie nach Eharlottenburg; für den Abend war der Besuch des Berliner Opernhauses in Aussicht genommen. Am Dienstag war großes Artillerie-Exerciren in Tegel vor dem Schah anbefohlen, worauf ihm zu Ehren Galatafel im Weisen Saale des Königlichen Schlosses ftattfinden sollte. Am heutigen Tage gedachte der persische Monarch wieder abzureisen. Der ungewöhnlich ausgezeichnete Empfang, welchen Nassr-ed-dtn diesmal in Berlin ge­funden hat, wird allseitig sehr bemerkt und vielleicht haben diejenigen nicht Unrecht, welche behaupten, daß sich an diesen Besuch engere Beziehungen zwischen Deutschland und Persien knüpfen würden und zwar zunächst in handelspolitischer Beziehung.

Noch ein anderer fürstlicher Besucher traf zu den Psingstfeiertagen am kaiserlichen Hofe ein, der Herzog von Edinbnrg, begleitet von seinem Sohne. Die englischen Gäste trafen am Montag in der zehnten Vormittagsstunde in Potsdam ein, vom Kaiser, welcher zu Ehren des Herzogs Admiralsuniform trug der Herzog von Edinburg ist bekanntlich Commandant des englischen Miitelmeergeschwaders am Bahnhofe empfangen und dann zu Wagen nach dem Stadtschlosse geleitet.

Fürst Bismarck ist noch am Pfingstsamstag nach seinem hinterpommer'schen Landsitze Varzin übergesiedelt, um hier voraussichtlich einen längeren Aufenthalt zu nehmen und mit dieser Uebersiedelung hat die allsommerliche Ruhepause in der Innern Politik sozusagen ihren ofstciellen Anfang genommen. In der That liegt auch auf genanntem Gebiete absolut keine Nachricht von einiger Bedeutung vor und scheint es, daß nach dem langen und anstrengenden parlamentarischen Winterfeldzuge nunmehr in den inneren Tagesfragen eine um so nachhaltigere Erschöpfung eingetreten ist.

, Dafür beschäftigt sich die deutsche Presse um so angelegentlicher mit zwei in die aus­wärtige deutsche Politik htnetnspielende Angelegenheiten, der Affaire Wohlgemuth und der Samoa-Confere nz, obwohl beide Themata schon längst nichts mehr NeueK sind. Was den Fall Wohlgemuth anbelangt, so hat sich hierüber ein ziemlich lebhafter Notenwechsel zwischen Berlin und Bern entwickelt, der jedoch nicht vermochte, in beit Anschauungen der deutschen wie der schweizerischen Regierung über den bedauerlicheit Zwischenfall irgend eine Annäherung herbeizuführen. Im Gegentheil, Die Berliner Regierungsblätter führen auf Grund desselben eine Sprache gegen die Schweiz, welche ungemein drohend und feindselig klingt und es ist daher kein Wunder, wenn auch die schweizer Blätter in sehr scharfem Tone erwidern. Die ganze leidige Angelegenheit ist aber wahrlich nicht darnach angethan, um eine tiefere Verstimmung zwischen Deutschland und der Schweiz zu rechtfertigen und man kann nur dringend wünschen, daß die un­angenehme Affaire endlich von der politischen Tagesordnung verschwindet. Bezüglich der Samoa-Eonferenz weist die Tagespresse auf den allerdings befremdlichen Umstand hin, daß die amerikanische Regierung die Conferenzbeschlüsse noch immer nicht ratificirte, obwohl man in Washington zur Orientirung hierüber genügend Zeit hatte. Es scheint fast, als ob zwischen der deutschen und der nordamerikanischen Regierung doch noch nicht eine völlige Uebereinsttmmung hinsichtlich der künftigen Gestaltung der Ver­hältnisse auf Samoa erzielt worden wäre, nur wird man das Wettere hierüber abzu­warten haben.

Aus Dentfch-Ostafrika kommt die erfreuliche Kunde von einem neuen Siege der Wißrnann'schen Truppe über die aufständischen Araber. Arn Freitag nahnt Hauptmann Wißmann die von den Rebellen besetzten Plätze Saadani und Uwindjt mit Sturm, nachdem das deutsche Geschwader vorher die feindlichen Stellungen be­schossen hatte. Auf deutscher Seite blieb ein Mann tobt, ein Unteroffizier und ein Zulu, wurden schwer, ein Offizier, ein Unteroffizier und sechs Schwarze leicht verwundet. Die Verluste des Feindes sind noch unbekannt, doch sollen sie beträchtlich sein. Saadani. und Uwindji wurden als zwei Hauptsitze der Empörung verbrannt.

Ueber den jüngsten Sieg des Hauptmanns Wißmann über die aufständischen Araber berichtet eine Depesche aus Zanzibar ergänzend: Von den deutschen Schiffen waren bei der Zerstörung Saadanis betheiligtLeipzig",Moewe",Pfeil" und Schwalbe". Die CorvetteCarola" ist gegenwärtig bei den Seychellen-Inseln ab­wesend. Der Verlust des Feindes wird auf etwa 400 Mann geschätzt. Das zerstörte Eigenthum ist fast alles britisch-indischen Händlern gehörig. Admiral Deinhard hat vom Sultan das Großkreuz des Ordens vom Strahlenden Stern erhalten. Die Capt- tulation von Pangani wird als fraglich betrachtet.

In Frnnkreich hat es für die Anhänger Boulan ger's diesmal ziemlich be­wegte Pfingsten gegeben. Das für den Pfingstsonntag in Angoulöme angesagte große Boulangisten-Bankett wurde polizeilich untersagt und fanden in genannter Stadt 24 Verhaftungen von 93oulangiften wegen der Rufe:Es lebe Dörouldde!"Es lebe