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Willen zu beseitigen sein müßte. Auch die Einführung einer einheitlichen Zeitrechnung konnte der Staarssecretär des Reichs Postamts in die Hand nehmen.

Bayr. Bundesbevollm. Gras Lerchen seid. Die bay­rische Regierung hat keinen Antheil an den Einilahinen des Reiches aus der Postverwaltung- es ist dies verfassungsmäßig bestimmt. Ohne den Verkauf besonderer Briefmarken würde Bayern seine Einnahme nicht so erzielen können. Es ist des halb weder durchführbar noch nöthig, eine Aenderung dieses Verhältnisses herbeizusühren.

Abg. Dr. Hartmann (cons.). Ganz unbedeutend sind die finanziellen El^cbniff' der Postverwaltung nicht- man muß dieselben wohl inÄ.luge fasten. Zu billiges Porto ist auch nicht nöthig, man wird sonst zu sehr mit Drucksachen über­schwemmt. Der Antrag Dinger ist in dieser Form unan- nehmbar.

Abg. Bürklin (ntl.) wünscht ebenfalls die,Beseitigung der Verkehrsbcschränktlngen, die sich auS den Reservatrechten ergeben und die Redner in der Pfalz kennen gelernt hat. Ebenso, wie die Frage der Helmzier in Bayern durch die Intervention der bayrischen Krone gelöst ist, ebenso wird vielleicht die Briefmarkenfrage gelöst, ohne daß dadurch die Meservatrechte berührt werden.

Abg. Stumm (Rp.) ist in Bezug aus Einheitszeit ein Gegner des Abg. Wörmann. Die billigen Drucksachen über­schwemmen das Land und wirken für kleine Gewerbebetriebe nachtheilig; das Porto sollte man eher höher als billiger stellen.

Abg. Schnlv-Lupitz (dfr.) bittet das Strafporto ab­zuschaffen, da die Beamten mit Vorliebe darauf achten, Straf­porto zu erheben, wenn die Sendung auch nur eine Kleinig­keit über das volle Gewicht hinausgeht.

Abg. Schrader (dfr.) meint, daß es doch so unerhört nicht sei, wenn Bayern auf seine Reservatrechte in der Post- markensrage verzichte, da es ja auch bei der Branntwein­steuer auf seine Reservatrechte verzichtet habe.

Der Titel wird hieraus bewilligt, der Antrag Baumbach dagegen in beiden Theilen abgelehnt.

Bei Tit. 24Für 45 Telegraphistinnen 48 150 Mk." bemerkt Direktor im Reichsposlamt Dr. Fischer auf eine Anregung des Abg. B a u m b a ch (dfr.), daß es nicht in der Absicht der Postverwaltung liege, im Fernsprechverkehr männ­liche Personen durch weibliche Beamte zu ersetzen. Es sind versuchsweise in Berlin 10 junge Damen im Fernsprechdienst angestelll worden, weil man bemerkt hat, daß die hohen Stimmlagen für den Fernsprechverkehr besser vernehmlich sind als tiefere Stimmen. ES sollen nun Erfahrungen gesammelt werden. In keinem Falle sollen Entlassungen männlicher Beamter stattfinden, im Gegentheil wird die feste Anstellung der Beamten erfolgen können, wenn sie die erforderliche Dienstzeit hinter sich haben. Von einer Massen-Entlassung kann um so weniger die Rede sein, als ja fortwährend neue Beamte gebraucht werden.

Der Titel wird bewilligt.

Zu den Tir. 25 bis 28 liegt vor ein Antrag Siiigcr (Soc.): das Minimalgchalt der Postunierbeamten von 800 auf 8.50 Mk. und das Durchschnittsgehalt der Landbriefträger von GdO auf 700 Mk. zu erhöhen.

Abg. Richter (dfr.) beantragt, den Reichskanzler zu ersuchen, zu erwägen, ob nicht der Wohnnngsgeldzuschuß der unteren Beamten, den Theucrungsverhältnissen entsprechend, einer Erhöhung zu unterziehen sei.

Ein Aiitrag v. O w (Rp.) beantragt: Der Reichskanzler wolle in Erwägung ziehen, ob sich nicht eine Gehaltserhöhung für die unteren Beamten empfehle.

Die Abgg. Singer und Richter befürworten ihre Anträge, letzterer beantragt, die sämmtlichen drei Anträge an eine Commission zur Vorberatlmng zu verweisen.

Das Haus vertagt die weitere Debatte auf Mittwoch 12 Uhr. Schluß 5 Uhr.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Dureau.

Berlin, 10. December. Wie dieNord. Allg. Ztg." meldet, nahmen an dem gestrigen Diner bei dem Staats- ministcr Grafen Bismarck die Botschafter Italiens, Oestcr- rcich-Ungarns, der Türkei, Frankreichs und Spaniens, sowie die Gesandten Dänemarks, Japans und Chiles, ferner der Botschafter Prinz Reuß und andere Mitglieder des diplo­matischen Corps und des auswärtigen Amtes Theil.

Berlin, 10. December. Soeben ist ein zur Vorlage an den Bundesrath und Reichstag bestimmtes Weißbuch zur Ausgabe gelangt, welches die deutschen Schweine-Einfuhr­verbote gegen Dänemark, Schweden und Norwegen, sowie gegen Rußland, Oesterreich-Ungarn rc. und die von Seiten Englands, Frankreichs, Belgiens und Hollands gegen die deutsche Vieh-Einfuhr bezw. Durchfuhr ergriffenen Sperr- maßregeln zum Gegenstände hat. Die am 25. v. M. erfolgte Zurückziehung des zu Gunsten Oberschlesiens gewährten Ein­fuhr-Dispenses für Steiubrucher Schweine, sowie die Frage des Erlasses der Schleswig-Holstein-Ordre ist eingehend be­

rücksichtigt. Das Weißbuch enthält 123 Actenstücke, darunter \ statistische Ausweise über die Verbreitung der Maul und Klauenseuche in Deutschland und den östlichen Nachbarländern, ' ferner mehrere Gutachten des Kaiserlichen Gesundheits- Amtes und veterinärärztlicher Autoritäten. Die neueste MonatS-Uebersicht über den Stand der Maul- und Klauen seuck.e in Preußen läßt eine erhebliche Abnahme der Seuche j erkennen.

Potsdam, 10. December. Sc. Majestät der Kaiser ist heute Morgen 9 Uhr 23 Min. mittelst SonderzugcS aus : der Station Wildpark cingetroffen und hat sich von dort direct nach dem Neuen Palais begeben. Das kaiserliche Gefolge ist mit demselben Zuge nach Berlin weitcrgcfahrcn.

Dortmund, 10. December. Der im Juni von der Zeche | Kaiserstuhl" entlassene Bergmann Schröder wurde bei ; seiner heutigen Anmeldung zur Wiederaufnahme ab morgen wieder eingestellt. Die Aufnahme des einen der Strikc- fübrer durch die ZecheKafferstuhl" wird überall als ein Zeichen der Wiederkehr des Friedens aufgefaßt.

München, 10. December. Kammer der Abgcord n e t en. Bei der heutigen Berathung des Etats des Mini steriums des Innern führte der Abgeordnete Walter (clerical) Beschwerde darüber, daß ein Geistlicher Seitens einer Polizei dircction durch die einem Schriftstück hinzugefügte Bemerkung, derselbe habe den Aufruf zum bayerischen Katholikentage mit unterschrieben, gleichsam censurirt worden sei. Der Minister des Innern, Frhr. v. Feilitzsch, antwortete, daß weder das Cultusministerium, noch das Ministerium des Innern, noch auch die Polizeidirectionen eine Ueberwachung der Geistlichen ausübten- sollte dies in irgend einem Falle vorgekommeu fein, so sei es ohne Vorwissen der Regierung geschehen.

Wien, 10. December. Der Dichter Ludwig Anzen grubcr ist in vergangener Nacht gestorben.

Bern, 10. December. Die vereinigte Bundesver s a m m l u n g wählte zum Bundespräsidenten für das Jahr 1890 Ruchonuct (Waadt) radikal mit 149 von 154 Stimmen, zum Vicepräsidenlen Welti (Aargau) liberal-conservativ mit 144 von 162 Stimmen.

Sofia, 10. December. Die ©ob ran je genehmigte in der gestrigen Sitzung mit großer Majorität den Vertrag, betreffend die Anleihe von 30 Millionen, nachdem Stambulow dem Mitgliede der Opposition, Kitantschew, entgegentretenb erklärt hatte, die Cotirung der Anleihe im Auslande sei ein Beweis des Vertrauens in die Zahlungsfähigkeit Bulgariens.

Konstantinopel, 10. December. In letzter Zeit sind einige hundert der bei dem Ausbruch von Unruhen nach Athen und dem Piräus geflüchteten kretensischen Familien freiwillig nach der Heimath zurückgekehrt, wodurch die böswillig verbreiteten Nachrichten über die Unsicherheit auf Kreta und die schlechte Behandlung der Christen Seitens der türkischen Einwohner und der türkischen Behörden widerlegt werden.

Konstantinopel, 10. December. Der Ferman, betr. Kreta, enthält 11 Paragraphen. Die wichtigsten darunter sind folgende: Die Dauer der Verwaltuugspcriode des Gou­verneurs wird nicht länger beschränkt sein - die Zahl der Mitglieder der Nationalversammlung wird auf 57 verringert, von denen 35 Christen und 22 Muselmanen fein sollen - die Mitglieder der Versammlung werden je 5 in einer Gemeinde gewählt - die Versammlung tritt in der Hauptstadt Kandia zusammen- die Gensdarmerie, welche bisher nur aus Ein­geborenen bestand, soll in Zukunft unter den Bewohnern der anderen. Provinzen des Reiches rccnitirt werden, jedoch sind die Eingeborenen nicht ausgeschlossen. Das aus dem Zehnten hervorgehende Einkommen soll unter, den Bewohnern der Dörfer ausgepachtet werden, nach dem Durchschnittseinkommen von 6 Jahren, und zwar von drei - fruchtbaren und drei weniger fruchtbaren.

CocaU» und provinsicUcs-

Gießen, 11. December.

* Militärisches. Lieutenant Seelbach vom 116. Re- I giment, commanöirt bei der Unteroffizierschule in Jülich, wurde zum Prcmierlieutenant befördert.

* Der plötzliche Umschlag der Witterung nach vorher­gegangenem reichlichen Schneefall hat die zur Abfuhr des Schnees getroffenen Anordnungen auf eine Probe gestellt, nach welcher vorauszusehen ist, daß es bei künftigen be­deutenden Schneefällen auch gelingen wird, die Straßen so weit zu säubern, daß sie ohne Gefahr und Aufenthalt passirt werden können. Ein anschauliches Bild der Straßensäuberung wurde uns gestern und heute geboten- förmliche Colonnen hoch mit Schnee beladener Wagen bewegten sich aus der Stadt hinaus, viele Arbeiter waren mit Wegräumen des Schnees beschäftigt, und bevor 2 mal 24 Stunden nach dem Schneefall verstrichen sein werden, wird von demselben inner­halb der Stadt nichts mehr übrig sein. Diese Art der Reinigung, vorausgesetzt, daß die Hausbesitzer auch ferner hübsch vor ihrer eigenen Thüre kehren" und somit die Ab­fuhr erleichtern helfen, wird gewiß allenthalben Anerkennung finden.

Theater. Eine eingehende Besprechung des Schwaben streichs muß auf morgen znrückgcstellt werden. Heute bc schränken wir uns daraus, auf die letzte Aufführung der famosenMadame Bonivard" am Donnerstag hinzu- weisen. Diese seltene Schwiegermutter, die am liebsten ihre Tochter nach und nach an die ganze Männlichkeit Frankreichs verheirathet hätte, um jedes Mal bei der Ehescheidung die im Eheeontract von vornherein als Schmerzensgeld für den Fall der Trennung ausbedungenen 100,000 Francs einzu säckeln, wirkt ebenso komisch wie der unglückselige Schwieger söhn, der. nachdem er ein Mal schlimme Erfahrungen in Be zug auf Schwiegermütter gemacht hat und diese iiunmehr wie das Feuer flieht und meidet, sich urpötzlich im glücklichen Besitz zweier Oiepräsentantinnen dieser Spezies des Menschen gcschlechtes sieht. Als französischem Stück fehlen der Madame Bonivard natürlich auch mehrfache Ehescheidungen nicht, deren Behandlung ohne zu verletzen mit viel drastischem Witz durch geführt ist. Kurz, wer ein Mal einen Abend recht herzlich lachen will, der versäume nicht, die zum letzten Mal gebotene Gelegenheit, das von Paul Lindau alsDas lustigste aller Stücke" bezeichnete Lustspiel zu sehen, wahrzunehmen. Es wird ihn um so weniger gereuen, als die Darstellung imNeuen Theater", wie wir auS eigener Anschauung ver­sichern können, eine durchaus abgerundete und flotte, in jeder Beziehung völlig befriedigende, und in einigen Rollen treff liche ist.

Lauterbach, 10. December. Herr Lehrer Wolf dahier wurde zum Oberlehrer der hiesigen Schulen ernannt und vorigen Montag in sein Amt eingewiesen.

Schlitz, 10. December. Bei der am 5. d. Mts. ubge haltenen Treibjagd wurde ein Keiler im Gewichte von 178 Pfund geschossen. (L. A.)

Vermischtes.

Darmstadt, 10. December. Se. Majestät der Kaiser- Hat den hiesigen Stadtarmen zu Händen des Herrn Ober­bürgermeisters Ohly 2 000 JL überwiesen, lieber die Vcr theilnng des Geldes wurde sich bereits in der gestern Abend stattgefundenen Sitzung der städtischen Armenverwaltung schlüssig gemacht.

Worms, 10. December. Die Adresse, welche die Arbeiter Deputation von hier dem Kaiser bei dessen Hiersein über reichte, hat folgenden Wortlaut:Euere Majestät begrüßen unterthäiiigst die Arbeiter von Worms. Unser Herz ist freudig erregt, da Euere Majestät in unserer Mitte weilt und wir Gelegenheit haben, die Versicherung der Treue und Anhäng­lichkeit unserem erhabenen Kaiser selbst zu geben. Besonders wollen wir dem innigsten Danke Ausdruck verleihen für die Fürsorge, die Euere Majestät, daS Vcrmächtniß des hochseligen Kaisers Wilhelm I. hochhaltend, stets für den Arbeiterstand bekundet. Weise Gesetze sind zu unserem Schutze erlassen worden und wir haben die feste Zuversicht, daß in aller Zu­kunft das Wohl des deutschen Arbeiterstandes von der höchsten Stelle im Reiche auS, von unserm Kaiser befördert wird."

Frankfurt a. M., 10. December. Die 13er Husaren, deren Verlegung nach Saarburg in Lothringen für den 1. April k. Js. in Aussicht genommen war, bleiben hier, resp. in Bockenheirn und Mainz. Bei der zu Ehren des Kaisers im Palmengarten gestern Abend veranstalteten Tafel ließ der Kaiser dem (Somnmnbenr der Husaren, Oberstlieutenant v. Vissing, einen Zettel überreichen, auf welchen die Worte geschrieben waren:Ihr Regiment bleibt in seiner allen Garnison. W. R."

Der ungeheure Menschenandrung, der am gestrigen Tage des Kaisereinzugs in den Straßen unserer Stadt herrschte, ist leider nicht ganz ohne ernste Folgen geblieben. Auf der Zeil wurde das Gedränge derartig, daß einer der am Straßenrande stehenden Bäume lammt dem eisernen Schutz­gitter total umgerissen wurde. Ein kleines Kind, welches an dem Baume gestanden, wurde, anscheinend leblos, von starker Hand gefaßt, schwebend durch die Luft aus dem brandenden Gewoge getragen. Neben dem Schellenberg'schen Laden wurde der Menschenstrom in den durch den Neubau nebenan mit seinem Gerüst entstehenden Winkel getrieben und hier scst- gebannt. Herr Schellenberg, um den wirklich ernsthaft Be­drängten aus ihrer gefährlichen Lage zu helfen, öffnete seine Ladenthür und im Nu waren seine Localitäten von Menschen gefüllt, unter denselben etwa 10 Bewußtlose. Eine un­beschreibliche Aufregung herrschte - an ärztliche Hilfe war nicht zu denken und erst nach geraumer Zeit konnten die Leute, die sich wieder erholt hatten, durch die hinteren Thüren ent­lassen werden. Und diese ©eenen, wobei in dem Schellen­berg'schen Geschäft die verschiedensten Maaren beschädigt und zertreten wurden, wiederholten sich im Laufe des TageS viermal. In den anderen Straßen herrschte trotz des un­geheuren Verkehrs, soweit sich dies bis jetzt überschauen läßt, musterhafte Ordnung.

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