Nr. 290.
1889.
Donnerstag den 12. December
Der -ittzeuer Anjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
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Gießener Anzeiger
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darauf aufmerksam, daß die staatlichen Stratzenbaubehörden nur beim Vorhandensein eines zwingenden Bedürfnisses beziehungsweise eines erheblichen VerkebrSintcresseS, sowie bei einer Unmöglichkeit oder erheblichen Schwierigkeit, mit dem staatlichen LtraßenaufsicktSpersonal vorher in geeignetes Benehmen zu treten, sich veranlaßt sehen. Schneebeseitigungskosten, welche durch eigenmächtiges Vorgehen anderer Beamten entstanden sind, auf den Straßenunterhaltungsfond zu nehmen.
Bei eintretenden heftigen Schneeverwehungen aus den Staatsstraßen haben Sie daher mit dem Staatsstraßen-Auf- sichttzpersonal in Verbindung zu treten, eventuell auch das betreffende Großherzogliche Kreisbauamt von dem Nothftande zu benachrichtigen und deffen Ermächtigung zur etwa noth» 'wendigen Selbsthilfe einzuholen, jedenfalls aber demselben sofort von den getroffenen Maßregeln Nachricht zu geben.
v. Ga gern.
Amtlicher Theil.
Gikheo, am 7. December 1889. Kkttkffklld: Die Fahrbarmachung der Kreisstraßen bei Schneefall.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Nachdem sich bei den auf Grund unseres Amtsblatts Nr. 4 vom 20. December 1883 vorgenommenen Cchnee- räumungsarbeiten auf den Kreisstraßen im letzten Winter verschiedene Mißstände ergeben haben, sehen wir uns veranlaßt, unter Aushebung jener Bestimmung 'Nachstehendes zu verfügen.
Die Fahrbarmachung der Kreisstraßen bei Schneefall erfolgt wie bisher auf Rechnung des Kreises, und unter spe- cieller Aussicht und Verantwortung der Bczirksbauaufseher und Straßeawarte zunächst in der Reihenfolge, daß diejenigen Kreisstraßen, welche die Verbindung der Ortschaften mit den Staatsstraßen, den Eisenbahnstationen und dem Wohnort des nächsten Arztes Herstellen, sowie diejenigen, auf welchen Posten verkehren, in erster Linie und erst in zweiter Linie diejenigen Kreisstraßen geräumt werden, welche mehr dem localen Verkehr dienen und von untergeordneter Bedeutung sind.
Tie hierzu erforderlichen Hilfsarbeiter sind von den Be> zirksbauaussehern und Straßenwarten -anzunehmen; das StraßenaufsichtSpersonal ist aber angewiesen, hierbei nöthigen- fcüls — namentlich bei größerem Bedarf an Arbeitskräften — Ihre Mitwirkung in Anspruch zu nehmen und erwarten wir von Ihnen, daß Sie solche in vollem Maße eintreten lassen. Die von dem Straßenaussichtspersonal ausgestellten Lohnzettel werden Sie auf Ar^ordern zur vorlagsweiseu Auszahlung auf die Gemeindekaffe anwetsen.
Danach werden in Zukunft nur noch die jlosten derjenigen Schneeräunmugen auf die Kreiskaffe übernommen, welche von unseren mit der Unterhaltung der Kreisstraßen betrauten Organen angeordnet worden sind; es sei denn, daß bei ganz außergewöhnlich heftigen Schneeverwehungen die Unmöglichkeit vorlüge, mit dem KreiSstraßen-AufsichtSpersonal in Verbindung zu treten und Sie dadurch zur Selbsthülfe geradezu genöthigl finb; in diesem Falle werden Sie uns aber möglichst rasch von den getroffenen Maßnahmen in Kennt- niß setzen.
v. ©ogern.
Gießen, am obigen. Betreffend: Schneebeseitigungen auf den Staatsstraßen. Das Großherzoqliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
In Folge Auftrages des Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, Adtheilung für Bauwesen, machen wir Sie
Feuilleton.
Hessische Dichter der Gegenwart.
Von Dr. Ella Mensch.
VIII. sNackdruck verboten.)
In den Rahmen unserer Betrachtungen gehört unftreitiig auch das Bild eines Mannes, der allerdings in erster Linie Denker und Forscher und in zweiter Dichter ist, nämlich das von Moritz (Saniere, welcher 1817 zu Griedel in der Wetterau das Licht der Welt erblickte und seit einer langen Reihe von Jahren in München eine Professur für Aesthetik bekleidete.
CarriöreS sämmtliche Werke, erschienen bei Brockhaus in Leipzig, sind neun Bände stark. Unter seinen Schriften zur Philosophie des Schönen und zur Geschichte der Kunst stehen obenan die große „Aesthetik", welche den gewaltigen Wissensstoff nicht nur mit encyclopädischer Gründlichkeit, sondern auch in klarer, anregender Vortragsmanier behandelt, und „Die Kunst im Zusammenhang der Culturentwickelung". Schon der Titel des letzteren Werkes zeigt, von welchem Gesichtspunkte Carriöre bei der ästhetischen Betrachtung des Weltbildes ausgeht. Höchst erfreulich berührt in diesen Büchern den Leser der Umstand, daß er überall aus die feinfühlige Beobachtung der concreten Knnsterscheinungen trifft, nirgends auf öde Scholastik und tobten Formelkram. Carriöre hat es wohl begriffen, daß im Zeitalter der Jn- duction und des Experiments auch die Welt des Schönen mehr gezeigt als gelehrt werden soll, und daß sich diese Fülle des _ Materials unmöglich in feste, steife Kategorien bannen läßt.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 9. December. Der Toast, mit welchem der Kaiser bei der am 9. December stattgehabten Gala-Tafel denjenigen des Großherzogs erwiderte, lautete: „Ich besuche zum ersten Male Darmstadt als Kaiser, nachdem es mir vergönnt gewesen, oft und lange hier zu weilen, und ich spreche Ihnen meine ganz besondere Freude darüber aus, daß Sie mich gewünscht und hierher eingeladen haben. Freilich mischt sich zu dem Gefühle. ,ber Freube eine Erinnerung bankbartrüber Wehmuth, wenn ich der schönen Zeit gebende, ba ich so glücklich war, zwei Jahre meines Lebens, die ich wohl zu den schönste» und erinnerungsreichsten zählen kann, in Ihrem Hause zu verweilen und zu verkehren. Ich habe in Ihrem Hause eine Aufnahme gefunden — nicht als Vetter und Verwandter, .sondern ich bin hier als Sohn des Hanses aufge wachsen und behandelt worden, und ich kann versichern, daß die Stunden, die ich in Ihrem Hause, im Kreise Ihrer Kinder und Familie habe verleben dürfen, für mich die angenehmsten meiner Jngenderinnerungen finb. Der Geist, der aus dem Heffenvolk mir entgegengeschlagen, ist derselbe altbewährte deutsche Geist, den das Hessenvolk immer gezeigt hat: für große Aufgaben empfänglich und beseelt für das Ganze des Vaterlandes. Der eherne Löwe, der an dem stillen Waldsaume des bois de cusse ruht über den Gebeinen der Gefallenen, berichtet der Mit- und Nachwelt, daß Hessens tapfere Soldaten und Offiziere unter Ew. königlichen Hoheit bewährter und tapferer Leitung für das Wohl und die Einigkeit des Vaterlandes stritten, siegten und fielen. Daß dieser Geist, der die Hessen damals zur Einigkeit des Vaterlandes mit gegen den allgemeinen Feind trieb, auch fernerhin im Volke lebe, sich ausbilde und entwickele, daß im festen Vereine aller Völker und Fürsten unser großes deutsches Vaterland einig, mächtig und stark sei nach innen und außen, das ist
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Bei seiner Ergründung von Wesen, Aufgabe und Ausdrucksmittel der verschiedenen Künste wird Carriöre nicht blos geleitet durch ein scharfes und klares Urtheil, durch einen Schatz gediegener Kenntnisse, sondern auch wesentlich durch die eigene poetische Anlage, die es ihm leicht macht, Geistes- und Phantasiegebiete zu beschreiben, in welchen er selber die Wege und Stege kennt. Der Dichter ist gewiß nicht immer ein guter Kritiker, taugt sogar nur in den seltensten Fällen als solcher. Was unsere großen Poeten über dichterische Schöpfungen der Vor- und Mitzeit geäußert haben, ist oft so einseitig und schief, daß wir gerechtes Bedenken tragen mußten, aus solchen Aussprüchen eine Literaturgeschichte herzustellen. Aber es fft doch ein Unterschied, ob derjenige, welcher durch die hehren Ruhmeshallen der Kunstgebilde unser Führer sein will, nur Gast in diesen Reichen ist oder selbst an der Mahlzeit der Götter Theil genommen, mit des eigenen „Geistes Licht" den Wnnderbronnen schaute, aus welchem Begeisterung und selige Schaffensfreude quillt. Dem geheim- nißvollen Proceß, der sich in der Seele des schöpferischen Genius bei Hervorbringung eines Kunstwerkes vollzieht, kann in Wahrheit doch nur der nachgehen, welcher selbst eine intime Fühlung mit diesem Vorgänge gewonnen hat.
Es läßt sich nicht gut annehmen, daß der Autor der gehaltvollen Geibelmonographie nicht selbst an der kastalischen Quelle getrunken hätte. Freilich fällt das 1883 veröffentlichte Bändchen Lyrik zu den Werken ästhetischen, philosophischen und religiösen Inhalts nicht schwer ins Gewicht, nur insofern, als es u. E. doch den Lebensgrund auf-- deckt, auS welchem die gestimmte schriftstellerische Thätigkeit Carriöres ihre Nahrung zieht. In seiner Schrift über Geibel findet sich der Satz: „Der Lyriker singt, was seine eigene Seele bewegt. Da scheint ein Gedicht klein gegenüber einer
mein innigster Wunsch, und sollte jemals uns die schwere An sorderung gestellt werden, noch einmal für unser geeinigtes Varerland zu streiten, so bin ich fest überzeugt, daß der hessische Stahl sich in Ihrer Hand ebenso scharf, schneidig und hart erweisen wird, wie im Jahre 1870."
Darmstadt, 10. December. Am Schlüsse der gestrigen Gefechtsübung vor Seiner Majestät dem Kaiser sprach sich Allerhöchstderselbe nach einer kurzen Kritik außerordentlich lobend über die Haltung der Truppen auS. Dann ritt Se. Majestät auf das 2. Bataillon des 4. Großh. Hess. Infanterie-Regiments (Prinz Karl) Nr. 118. zu und erinnerte in einer warmen Ansprache daran, daß es ihm am Jahrestage der Schlacht von Chambord, in welcher das 118. Regiment sich rühmlichst ausgezeichnet habe, vergönnt gewesen sei, Truppen des Regiments zu sehen. Am Ehrentage des Regimentes erinnere er sich gern der großen Thaten hessischer Tapferkeit und hoffe fest, daß dieselbe unerschütterlich sein und bleiben werde in entscheidenden Stunden. Unterdessen hatten sich die Truppen znm Parademärsche ausgestellt, den die Infanterie in Kompagnie-Kolonne, die Artillerie und Kavallerie in Bat terie- resp. Schwadronenfront im Trabe ausführte. Seine Königliche Hoheit der Großherzog führte Sr. Majestät dem Kaiser das 1. Großh. Infanterie - (Leibgarde) Regiment Nr. 115 vor.
Darmstadt, 10. Dee. In Allerhöchstem Auftrage erließ der Gr. Staatsminister Finger folgende Bekanntmachung:
Se. Königliche Hoheit der Großherzog haben mit lebhafter Freude wahrgenommen, welch' warme und tief empfundene Huldigungen Seinem hohen Gaste, des Deutschen Kaisers Majestät, bei Gelegenheit Allerhöchstdessen Besuches am Grobherzoglichen Hofe nicht allein von der Bevölkerung der Städte Darmstadt, Worms und Groß-Gerau, in welchen Se. Majestät länger ober kürzer zu verweilen geruhten, sonbern von ber Bevölkerung aller Lanbestheile, soweit ihr nur eine Betheiligung möglich war, insbesonbere von bcn ans allen Gauen herbeigeströmten Kriegervereinen bargebracht worben finb. Zu Ihrer hohen Befriebigung haben Se. Kgl. Hoheit sich hierburch in ber Ueberzeugnng bestärkt gefunden, wie tief und kräftig der Gedanke ber Einigung unseres Deutschen Vaterlanbes unter einem Kaiserlichen Oberhaupte in bcn Herzen Seines treuen Hessischen Volkes Wurzel gefaßt hat. Es ist ber Wille Sr. Königl. Hoheit bes Großherzogs, baß Vorstehenbes zur Allgemeinen Kenntniß gebracht unb babei zugleich bem herzlichen Danke Ausbruck gegeben wird, welchen Se. Königl. Hoheit allen Gemeindevorständen, Vereinen und Corporationen, sowie allen Einzelnen, welche an jenen Huldigungen in welcher Art immer sich betheiligt haben, zu erstatten Sich gedrängt fühlen.
Frankfurt a. M., 10. Dec. Herr Oberbürgermeister Dr. Miquel sandte an die Redactionen der Frankfurter Blätter mit bem Ersuchen um Veröffentlichung folgenbe Kund-
Jlias, einem Don Quixote, aber de - Lyriker dichtet nicht blos ein einzelnes Lied, sondern verkündet uns von der Jugend bis zum Alter in melodischen Worten, was fein Innerstes erfüllt, und in der Sammlung seiner Gedichte bietet er uns die Entwickelung eines ganzen Lebens mit seinen Erfahrungen und seinen Geschicken, mit seinen Gefühlen und Ideen . . ." Diese Worte lassen sich auch auf Carriöres Poesie anwenden. Der Leitstern, unter welchem sie in die Welt zog, war der Name seiner verstorbenen Frau Agnes. In der Vorrede zu dem Büchlein sagt der Verfasser selbst, daß er erst nach dem Tode seiner unvergeßlichen Gattin darauf verfallen sei, für einen Kreis intimer Freunde die Gedichte zusammenzustellen, in welchen ausgesprochen ist, was die Verklärte ihm war und bleibt. Diesen Jugendliedern schließen sich dann Gedankendichtungen an, die den Jdeenkreis bezeichnen, in welchem er und seine Gattin sich bewegt haben. Man kann also sagen, der erste Theil trägt streng persönlichen, der andere unpersönlichen Charakter. In den Liedern, welche von Glück und Leid der Liebe fingen, macht sich neben dem wahren, frischen und unmittelbaren Gefühl, in welchem ja all solche Gesänge, wofern sie zum Herzen bringen sollen, wurzeln müssen, ein feiner Sinn für Maß unb Formenschönheiten geltend. „Der Natur nachlässig rohe Töne" finden an Carriöre keinen Freund, aber ebensowenig die akademische Glätte, die Knnstdrechslerei, die so lange an den Worten schnitzt und seilt, bis sie um ihre ursprüngliche Kraft kommen. In den Gedankendichtungen treffen wir auf die Lebensmächte, die Carriöres ganzes Streben und Schaffen bestimmen- sie geben uns gleichsam Einblick in die Werkstatt seiner Gedanken- arfreit. Wir verfolgen an ihrer Hand das Werden des festen unverrückbaren Mannesideals, wie es u. a. in der herrlichen „Elegie" seinen Ausdruck gesunden: „Sei du selbst!


