Ausgabe 
10.7.1889
 
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SBäre oon allen Setten die nöthige Energie und Bereitwilligkeit, Mittel zur Dispo-- ftieClCnu «^bitig entwickelt worden, so wäre wahrscheinlich heute schon die mithin^Aladenbach-Salzboden-Odenhausen-Lollar tn's Dasein getreten, Gießen zugelenkt, während die Bahn nunmehr, wie ziemlich Münirn Sri? ?fbWU0Ärt werden wird, ganz entgegen den

u in6 J ? ""b t)er Dörfer tm Salzbödenthale. Zur

Mni? re?C8 ^brkehrs auf Burg Staufenberg (wo bekanntlich ein neuer Wirth Hüpn en ®itbt ohne alle Frage die neue Haltestelle wesentlich bei-

a % ^arbffi ^L"?;usen und gewiß auch von Gießen aus wird man, um den anmuthig freundlichen Blick von Staufenberg's Höhe aus zu genießen, sich ganz vonviegend der neuen Haltestelle, sobald sie eröffnet ist, tm Kommen und Gehen be-

<_ O Mainz, ? Juli. (Mainzer Musikfest.) Samstag um 11V, Uhr langte der Gletzener Akademische Gesangverein in Mainz an und begab sich so ort zu einer »Vor- und Arrangirprobe" in die Stadthalle. 6

mnr 2^? man beim Betreten dieses gewaltigen Gebäudes erhielt,

5^1 letzt, wo die Zuschauerplätze voll g unbesetzt waren, ein ganz großartiger. D" on sich ungemein prachtvolle und schone toaal war mit Fahnen reich geschmückt

Der mächtige, nahezu achthundert Personen starke Ehor und das aus ungefähr 152 ^t0lCb/rn Abstehende Orchester nahmen sich auf der Rtesentttbüne ganz pompös ;us. Noch bevor man einen Ton gehört hatte, überkam einen das Gefühl, daß man -rer völlig Ungewöhnliches zu erwarten habe. b

-fc Zunächst begrüßte Herr Oberbürgermeister Dr. Oechsner, der zugleich Ehren- prasident des Festcomitös ist, die erschienenen Vereine und Künstler tm Warnen der S awUrn?rA8 aSmi t<8, sorderte die Mitwirkenden auf, nicht nur in Bezug auf die Musik sich'anstrengen und das Beste geben zu wollen, sondern auch hinsichtlich der vorgesehenen Festlichkeiten eine möglichst große Leistungsfähigkeit an den Tag zu legen.

Eine kurze Ansprache hielt sodann der mit stürmischem Beifall und Tusch empfangene Herr Capellme.ster Friedrich Lux. Bei der ihm bekannten Vorzüglichkeit der anwesenden Vereine, meinte er, sei er von dem Gelingen des Festes von vornherein überzeugt. In diesem Sinne rufe er den Mitwtrkenden sein Glückauf zu. ^um Aus­drucke der Freude über das Wiedersehen schlug er zuerst den Chor aus den Jahres- gesungen" umrde^^^ b<r n st ba" vor, der auch mit Feuer und Begeisterung

Nachmittags um 3 Uhr war Generalprobe für die Jahreszeiten Sie verlies außerordentlich flott und aut. Das Haus war völlig ausverkauft.

Heber das sich an die Generalprobe anschließende wundervolle Abendfest in der Neuen Anlage wird spater im Zusammenhang berichtet werden. Nur das mag eben Won 6ejagt lein: Wir bedauern von ganzem Herzen Diejenigen, die die Gelegenheit rnfiihhiMt ° w? 0en Kunstgenuß zu verschaffen und die Liebens­

würdigkeit und Gastlichkeit der Mainzer kennen zu lernen.

* * *

... . Dcr erste Festtag bracht- HaydnsJahreszeiten". In Gießen hat der Akademstche G-sang°-retn. von Herrn Musikdtrecior F-ichner forgfältig und vorzüglich dn0eubt, st- -'st Winter vor einem Jahre ausgesührt. Von der unendlich viel gewaltigeren Wirkung, die das Werk macht wenn dem Dirigenten solch ein Ehor und Orchester, Hit 'i\ ^lugung steh , tarnt sich nur der eine Vorstellung bilden, der dcr Aus- ^uus lelbst be gewohnt hat. Wie kommt da der Gewitterchor zu mächtigem 2luä= brück! Wi- packt es uns mit hinreißender, una>td-rstehlicher Gewalt, wenn° wir saft tausend Menschen jubeln Horen:

Laßt uns fröhlich sein! Und juhe, juhe, juh Aus vollem Halse schrci'n. lieber die Jahreszeiten selbst hat derGießener Anzeiger" vor anderthalb Jahren einen ausmhrlichen Bericht gebracht. Es erscheint gleichwohl nicht unangebracht, einige kurze Bemerkungen in dieser Hinsicht vorauszuschicken.

m Text zu den Jahreszeiten hat Haydn's Freund van Swieten nach Thomson's Gedichtthe seasons gefertigt Der Componist stand schon in beträchtlichem Alter, Ä8 an die Arbeit ging. Aber daß er sich bis in seine hohen Jahre seine ganze U<ab §niUb«0rklt b^umhrt hat, dafür sind eben die Jahreszeiten der kla,sischste Beweis. Wir finden in der ganzen Musik kein zweites Werk, das so, wie sie, ländlichem Leben und ländliche Sitte schilderte. Zumal die beiden letzten Theile ^Oratoriums, vor Allem der Jagd- und Weinchor, zeigen eine geniale Kraft und blühende Gesundheit. Manches Einzelne mag uns heute weniger geschmackvoll erscheinen wie die weitgehende Tonmalerei namentlich. Aber das ist sicher: So lange es noch em wirkliches, unblasirtes Musikoerständntß gibt, wird unser herrliches Oratorium leben unbaiS eine Quelle reinsten Genusses angesehen und gefeiert weiden. Auf der anderen eelte waren gerade diese Einfachheit, diese natürliche, naive Frömmigkeit die dem Werke seinen ganz eigenartigen Retz verleihen, schuld daran, daß man es auf Musiksesten selten zur Darstellung gebracht hat. Wie wir uns haben sagen lassen findet es sich jetzt zum ersten Male auf dem Programm der mtttelrheinischen Musikseste Es war also rin Versuchten man unternahm. Und sein Erfolg konnte zweifelhaft Mch-in-n. Daß er in Wahrhei, über die Maßen glänzend gelungen ist, haben wir schon oben angedeutet.

. t Der erste Dank für die unvergleichlich schöne und großartige Aufführung gebührt dem hochverehrten Herrn Kapellmeister Lux. Er hat die Vorbereitungen seit Monaten V leitet. Er hat nicht allein das Orchester und den Chor, dessen Dirigent er ist etn- geubt, sondern sich auch fortwährend mit den Herren Directoren der übrigen Vereine die Auffassung und Wiedergabe wichtiger und schwieriger Stellen verständigt.

Wie der Geist über den Wassern" yat er über der ganzen Vorarbeit geschwebt

Seinen Bemühungen entsprach die Frucht, die sie zeitigten. Die Leistung des ^^bsters war, von einigen einfachen unvermeidlichen Unebenheiten abgesehen tadellos. Jedem, auch dem kleinsten Winke seines Leiters gehorsam folgend, war es - w^e es immer sein sollte und leider so selten ist - ein Instrument in ier Hand des Dirigenten, das dieser mit virtuoser Meisterschaft handhabte. V

. A Ei" Deiches Öilt D0" dem Chor. Mit der denkbar exaktesten und correctesten technischen Ausführung paarte sich hier volles Verständniß und vollkommenes Ein­dringen in den Geist des Tonwerkes. Wenn man aus dem vielen Vorzüglichen einiaes ganz besonders Hervorstehende namhaft machen soll, so wird man wohl den Jagd- Gewitter-, Schlutzchor und vornehmlich das grandiose Weinlied nennen dürfen

Es ist hier am Platze Herrn Musikdirector Fclchnep Dank und volle Aner- keunun0 für die außerordentliche Sorgfalt, die er in seinem Verein aus das Studium derJahreszeiten und der übrigen Chorgesänge verwandt hat, auszusprechen.

Von den Solisten kommt weitaus in erster Linie Fräulein Elisabeth Letsinaer (Sopran) aus Berlin. Es ist die bekannte Sängerin, die ihrer Zeit tn Paris in der flroBen Oper wegen ihrer einfachen und natürlichen Stngwetse nicht durchdrang und S-j£°l0e b"oon lange den Gegenstand heftiger Erörterungen in der Presse bildete Nicht zu verwechseln ist die Dame mit der früheren Darmstädter Hofopernsängerin Frl. Lotstnger, die nunmehr Fürst Alexander von Battenberg geheirathet hat. Es ist keineswegs überflüssig, das zu bemerken. Hörten wir doch thatsächlich in Mainz einen brr w -0cnU0 darüber versteinern konnte, daß die Gräfin Hartenau noch öffentlich singe! Was nun aber damals in Paris an Frl. Letsinaer gesündigt worden ist, das hat man in Deutschland wieder gut zu machen versucht? Doch sind d^ Triumphe, die die Dame allenthalben feiert, keine einem alberner?Chauvinismus entwachsenden sondern wohl verdiente. Frl. Letsinger ist eine geniale Sängerin An ihr gibt es nichts zu tadeln. Eine mächtige und dabei ungemein süße und sympathische Stimme eignet ihr. Aussprache und Intonation entsprechen den höchstgehenden An- jprüchen, namentlich die letztere entziehen sich jeder Kritik. In meisterhafter Weise ver­steht die Sängerin den Intentionen des Tondichters gerecht zu werden. Ihre Dar­stellung der Hanne war eine so gleichmäßig schöne, daß wir davon absehen das eine oder andere ausdrücklich anzumerken. '

. Sin ganz hervorragender Künstler ist Herr Franz Krolop aus Berlin (Basis Seine Auffassung ist eine vornehme, zurückhaltende. Alle die Uebertreibungen zu denen der Simon Uillu verleitet, hat er durchaus vermieden. Seine Partie war die undank- barste des Abends, Um s° ehrenuoller Ist der «etsall, den Herr z"°l°p wiederÄ bethörter Meiisch " Schönheit war I-in Vortrag In der Arie:Erblicke hier, - r^era^r!!U im Eunde, Herr Lorenzo Riese aus Dresden (Tenor), besitzt ein rorzugliches Stimmmalerial. Er verdient, wie die beiden anderen Solisten, höchstes

grö6tenUnre»taen' fclnn f°nft durchaus lobenswerlhen Leistung gegenuber^das

Beziehung so befriedigend verlaufen, wie man es nur wünschen kann. Vivat segnens! Spr 8-3ulJ. Besser und schöner, als es geschehen ist, konnte unser Wunsck

der rwtte Festtag möge dem ersten nichts nachgeben, nicht tn Erfüllung geben.

^a8t.i$r?0r?mm bbs zweiten Concertes war ein äußerst retchhalttaes Die erste ^ bildete die von Friedrich Lux componirte unL^ feiner ®«ien kolS fh?h ^Üvuoertüre, ein sehr interessantes und packendes Werk. Das^)rwester

, Durch den Wechsel der Personen wurde auch eine Aenderung des Programms benmkw/rhf ?? Etnzeloorträge anlangt, die den Festtheilnehmern aut

S cb»lcn Zöthen Zetteln mitgetheilt wurde. Fräulein Spieß sang ? et "jNit Myrthen und Rofcn" von Robert Schumann,Das Diäöcben und tC g!11!? » d'Albert,Liebestreu" von Johannes Brahms und das

Haydn scheLiebes Mädchen, hör' mir zu!" Die Auswahl svrtckit für g* Sftfc -'Utt.S Fraulein Spieß auszeichnet, mit Worten abschildern n0roete DOn

aus re pastore oon Mozart entfaltete Fräulein Elisabeth ßeiün0er aüe bie ^rrUchen Eigenschaften, die wir bereits gestern an ihr bewunderten. AS ClÄttÄSunb **"*l" «""»«i- « «äs Ka,-b------- Bei Herrn Riese wollen wir nur feststellen, daß sich unsere Ansicht die moderne Domäne, oollaus ganz bestätigte. An dem Vorlage des Liebesliedes aus der Walküre wußten wir nichts auszusetzen

^^?/?^es Interesse gewann der Abend durch die Aufführung des ^änbel= DSse Schöpfung gehört unter diejenigen des Altmeisters, die aus einer früheren Schaffensperiode stammend schon darum der Vergessenheit anheimzusallen insonderheit den jüngeren größeren Werken Händels gegenüber einen schweren ?UE Äat /in großes Verdienst damit erworben, daß er das fcerrlitfe 3utülate, baä nicht nur ben Musikkenner durch den ungewöhnlich sorgfältigen np?amnJnrCffiCh 0^^^" vuch auf den Laien einen unmittelbaren

gewaltigen Eindruck macht, auf s Programm etzte. Das schwierige Werk wurde mit staunenswerther Exactheit ausgeführt.

Krone des Festes bildete zweifellos die neunte Symphonie. Die gigantische Tondichtung ist so recht für Musikfeste geschaffen. Sie erheischt, wenn sie im Sinne Beethovens zu Gehör gebracht werden soll, einen besonders starken Chor und ein eben- 'Olctzes Orchester. Beides war hier vorhanden. Der machtvolle Vortrag des Riesen­werkes brachte denn auch eine unbeschreibliche Wirkung hervor. Als die letzten Töne »?aren, brach ein Beifall sondergleichen los. Wohl Jeder, auch der Un­musikalischste und Nüchternste, fühlte sich hingerissen. Auch in ihm wird eine Ahnung von dem göttlichen Lichte, das diese Schöpfung durchleuchtet, aufgedämmert sein.

Mit dem Jubelchor aus ben Jahreszeiten hatte das Fest begonnen, mit bem §reubend?or aus der neunten Symphonie schloß es ab. Unvergeßlich werden allen Theilnehmern diese einzig schonen Tage des rein ft en Genusses, der herrlichsten Freude otooen. Ungern kehren wir vom schönen Rhein zur täglichen, nüchternen Arbeit zurück. Aber die Erinnerung an die wunderbaren musikalischen Offenbarungen, die uns in dem goldenen Mainz zu Theil wurden, der Gedanke an all' das Schöne unb Liede das wir hier erfahren durften, wird fort unb fort in uns lebendig bleiben. '

Mainz, 8. Juli. Der Großherzog verläßt mit ben Prinzessinnen Alix und 3rene unb dem Gefolge, wie nunmehr bestimmt festgesetzt ist, übermorgen, Mittwoch Nachmittag Mainz. Zwei Tage werden die Herrschaften in Darmstadt verweilen und sich alsdann nach Seeheim begeben. Im August beabsichtigt der Großherzog, der heute seine Massagekur bei Dr. Mezger in Wiesbaden beendigt hat, mit dem Erbprinzen von Hessen auf einige Wochen nach England zu gehen.

Das hiesige Kreisamt erläßt soeben än die Bürgermeistereien des Kreises Mainz in Sachen der sNaßregeln gegen die Reblauskrankheit ein An.sschreiben, worin mitgetheilt wird, daß neben ben zur Verhütung der Krankheit bereits getroffenen An­ordnungen für die einzelnen Weinbau treibenden Gebiete des Großherzogthums Bezirks- sachoerftändige zu bestellen seien. Deren Aufgabe soll im Allgemeinen sein, der Weinbau treibenden Bevölkerung Verständniß für die Reblausfrage zu verschaffen und den Lokal­commissionen mit Rath und Belehrung zur Seite zu stehen.

. Das zweitälteste Stationsgebäude in Deutschland, das Stationsgebäude mit den Wartesalen der ehemaligen Taunusbahn in dem nahen Kastel, wird übermorgen von der Erde verschwinden, um alsbald einen Neubau folgen zu sehen. Das Stations­gebäude wurde in seiner heutigen Gestaltung bereits Im Jahre 1839 also vor öO Jahren hergestellt; dasselbe war fast ein Jahr fertiggestellt, bis der Betrieb der Taunusbahn bekanntlich die zweitälteste Bahn in Deutschland - zwischen Frankfurt und Kastel eröffnet wurde.

Handel und Verkehr.

Gießen, 9. Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter, pr. Pfd» Jf* 1,10-1,15, Hühnereier 1 St. 6, 2 St. 11 H, Enteneier 1 St. 6-7 X 2 St. H, Gänse­eier 10-11 Käse pr.St.4-8 Käsematte pr. St. 3 H, Erbsen pr. Liter 18 Linsen pr. Liter 30 H, Tauben pr. Paar JL 0,600,70, Hühner pr- St. 0,901,20, Hahnen pr. St. JL 0,85-1,20, Enten pr. St. ji. 2,002,40, Ochsenfleisch pr. Pfd.

Kuh- und Rindfleisch 4856 Schweinefleisch 5664 Hammelfleisch 5066 Kalbfleisch 50 H, Kartoffeln pr. 100 Kilo JL 5,506M, Zwiebeln per Gentner JL 7,009,00, Milch pr. Liter 12-18 H, Weißkraut pr. St- X Kirschen pr- Pfd. 2025

Wöchentliche Neberficht öer Soöessälle in der Stadt Gieße«.

27. Woche. Vom 30. Juni bis 6. Juli 1889.

Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsziffer: 21,9 v/«.

_ Kinder

Es starben an: Zusammen: Erwachsene: tm vom

Gehirnentzündung 1

Gehtrntuberkulose 1

Lungenentzündung 2

Lungenschwindsucht 1

Bright'scher Krankheit 1

Entzündung der Vorsteherdrüse 1 (1)

Altersschwäche 1

1. Lebensjahr: 2.15. Jahr:

1

1

2

1

1

1 (1)

1

Summa: 8 (1) 6 (1) 2

Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von Auswärts nach Gießen gebrachte Kranke ko mm en».

Wärmegrade der Lahn und der Luft gemessen nach Reaumur am 9. Juli zwischen 11 unb 12 Uhr Mittags: Wasser 16 Grab, Luft 19 Grab.

L. Ehr. Rübs am en, Turn- und Schwimmlehrer.