Ihelle in der Währungsfrage durch ein selbständiges Vorgehen Deutschlands zu erreichen, ober Deutschland und England hätten sich bisher besonders zurückhaltend in der Bewegung zu Gunsten des Silbers gezeigt, während die meisten der übrigen Nationen sich günstig für die Doppelwährung aussprachen. Landwirthschaft und Industrie haben durch die Entwerthung des Silbers gelitten. In England ist die Stlberfrage in Fluß gekommen und aus diesem Anlaß sei die eingebrachte Resolution zu empfehlen.
Abg. Bamberger (dfr.) ist wegen der Währungsfrage ganz beruhigt und fürchtet nicht, daß die Wünsche der Bimetallisten sich verwirklichen. Selbst wenn Hr. v. Kardorff Ftnanzminister würde, er wagte es nicht, an der Währungsfrage zu rütteln. (Abg. v. Kardorff ruft: O doch!) Trotz der Sisttrung der Stlberverkäufe hat sich die Goldwährung bet uns als gut erwiesen und man sollte keine Experimente auf ein doch höchst discutabeleS Problem hin vornehmen. Die Verantwortlichkeit für die Folgen könnte kein gewissenhafter Mensch übernehmen. Auch die vielfach geäußerte Befürchtung eines Rückganges der Goldproduction ist neuerdings durch die Goldfunde in Südafrika, Indien und Südamerika beseitigt, wo man die Goldgewinnung bergmännisch treibt. Die Silberbewegung in England hat ihren Grund in den indischen Verhältnissen, wie wir sie ähnlich in Deutschland nicht kennen. Es ist sehr unklug, wenn man England in seinen angeblichen Bestrebungen für die Silberwährung unterstützen will, das schon heute laut zu verkünden. Auch an formellen Mängeln leidet der Text des Antrages, der namentlich unklar läßt, wann die Regierung die gewünschte Erklärung an England erlassen soll. Der Antrag ist eine offene Liebeserklärung an England, aber wenig zurückhaltend und wenig schamhaft.
Staatssecretär v. Maltzahn: Die Währungsfrage ist keine politische Parteifrage, sondern lediglich eine Frage der Zweckmäßigkeit. In den deutschen Münzverhältnissen liegt kein Grund vor, das Währungssystem zu ändern. (Lebhafte Zustimmung.) Der Ausfall der englischen Silber-Enquete in England kann für uns keinen Anlatz geben, auf eine Aenderung unserer Währung Bedacht zu nehmen, lieber die Stellungnahme zu der Resolution kann sich die Regierung erst schlüssig machen, wenn die Re- folution vom Reichstage angenommen sein wird.
Abg. Dr. v. Bennigsen (nt.) kann dem Antrag in der vorliegenden Fassung nicht zusttmmen. In unseren Währungsoerhältnissen liegt kein Grund vor, zu solchen Schritten zu drängen. Wie sollte der deutsche Reichstag dazu kommen, mit einem solchen Beschluß eine in England eingetretene Bewegung zu unterstützen? Der Antrag würde ein ganz unrichtiges Licht auf unsere Zustände werfen. Wir haben alles Jn- tereffe daran, in unserer ausgezeichneten monetären Lage abzuwarten, wie sich die Dinge in anderen, weniger günstig fitutrten Ländern gestalten.
Abg. v. Kardorff (Rchsp.): Wir sind von unseren bimetallistischen Freunden in England befragt worden, wie denn diese Bewegung bei uns läge. Das veranlaßte uns, den Antrag einzubringen. Rach der heute hier stattgehabten Debatte wird die Bewegung in England wohl einen lebhaften Charakter annehmen. Die Doppelwährung ist das Fundament, auf dem die Landwirthschaft noch einmal gesunden kann, sonst geht sie rettungslos zu Grunde. — Redner zieht seinen Antrag zurück.
Abg. Dr. Meyer, Halle (dfr.) wundert sich, daß Herr v. Mirbach eine ironische Aeutzerung ernst genommen, die er (Redner) gemacht. Unrichtig sei die Theorie, daß Geld nur eine Elle sei; richtiger sei, daß Geld, als die vorzüglichste Waare sich am besten als Münzmetall eigne. Warten wir die Sache nur ab, vielleicht kommen wir noch dazu, daß die Bimetallisten sich beruhigen.
Abg. Dr. Frege (kons.) tritt für eine Aenderung der Goldwährung ein, giebt aber zu, daß die Form des Antrages zu Bedenken Anlaß gebe. Die Entwerthung des Silbers sei namentlich der Landwirthschaft verhängnißvoll geworden.
Die Währungsdebatte wird hierauf geschlossen.
Im weiteren Verlaufe der Etatberathung wir vom Abg. v. Christen (kons.) um einen, den Tabakbauern günstigeren Modus der Flächenbesteuerung beim Tabaksbau gebeten.
Staatssecretär v. Maltzahn hält eine solche Neuregelung für schwierig.
Abg. Schulz, Lupttz (Rp.) bittet der Saccharinfabrikaton die nöthige Aufmerk- famkeit zuzuwenden, damit diese nicht die Zuckerfabrikation schädige.
Die Abgg. v. Kardorff (Rp.) und Graf Stolberg (kons.) treten diesen Anschauungen bei.
Staatssecretär v. Maltzahn und v. Bötticher erwidern, daß die Regierung -er Sache ihre Aufmerksamkeit zuwende, daß aber das Saccharin absolut keinen Nährwerth besitze.
Abg. v. Staudy (kons.) führt Klage über die Belastung der kleinen ostpreußifchen Brennereien in Folge des neuen Brantweinfteuer-Gefetzes.
Staatssekr. v. Maltzahn. Ohne eine gesetzliche Aenderung ist Abhülfe nicht zu schaffen. — Der Etat wird bis einschließlich des Special-Etats der Zölle und Verbrauchssteuern erledigt. — Hiernächst vertagt sich das Haus auf Freitag 1 Uhr. Tag.-Ordn.: Fortsetzung der dritten Etatsberathung. Geschästssprache bei den @e; richten in Elsaß-Lothringen. Antrag Rickert: Militärgerichtsreform. — Schluß 5V, Uhr.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspovderrr-Bureau.
Berlin, 7. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Namen der bei Apia gefallenen Ofsiciere und Mannschaften nebst der Angabe der Schußverwundungen Im Ganzen gab es 14 Todte, 31 Schwer- und 9 Leichtverwundete. Don letzteren sind mehrere wieder hergestellt. Bei Abgang des Berichts von Apia am 4. Januar war der Zustand sämmtlicher Verwundeten ein befriedigender, theils ein sehr guter. In den meisten Fällen war die Hellung innerhalb vier Wochen bestimmt voraus- tzusetzm.
Wien, 7. Februar. Ein Armeebefehl des Kaisers sagt: Es habe seinem tiefbetrübten Herzen unendlich wohlgethan, in den Tagen schwerer Prüfung von dem teere, der Kriegsmarine und den beiden Landwehren neue Beweise unverbrüchlicher reue, rührender Anhänglichkeit und pietätvoller Hingebung empfangen zu haben. Wahrhaft würdig und herzlich haben die Angehörigen meiner bewaffneten Macht die Gefühle der Trauer und des Schmerzes um meinen theuren Sohn ausgedrückt. Aus den entferntesten Marken des Reichs eilten die Vertreter der bewaffneten Macht herbei um dem theuren Dahingeschiedenen in Pietät die letzte Ehre zu erweisen und zu manifestiren, daß Leid und Freud meines Hauses in der bewaffneten Macht allezeit lauten Widerhall findet. Der Kaiser entbietet Allen seinen innigsten Dank. Nach wie vor schlage sein Herz warm für jeden Einzelnen. Mit Stolz blicke er auf sie auch in Zukunft hinab und bleibe ihnen seine ganze Liebe und Fürsorge gewahrt.
Wien, 7. Februar. In der heutigen Gemeinderathssttzung theilte der Vice- burgermelfter mit, daß der Kaiser Mittags den Bürgermeister Uhl mit den Stellvertretern empfing, welche ihm das Beileid der Stadt Wien darbrachten. Der Kaiser nwiderte mit thränenerstickter Stimme, innigft auch Namens der Kaiserin und seiner Schwiegertochter dankend: „Mein Sohn war ein guter Wiener; wir sind ja auch ein Volk, eine Familie."
v — Der russische Oberst Roschow legte am Sarge des Kronprinzen Namens des Sewski - Regiments einen silbernen Lorbeerkranz mit einer Widmung des Regiments nieder.
,, . ~ Tisza wurde um 1% Uhr in längerer Audienz vom Kaiser empfangen und dinirte heute bei Kalnoky.
Wien, 7. Februar. DaS officiöfe „Correspondenzbureau" versendet folgendes Telegramm: „Die Meldungen verschiedener ausländischer Blätter bringen die Namen von den höchsten österreichischen Adelsfamllien, wie Auersperg, Schwarzenberg rc angehörigen Persönlichkeiten in Verbindung mit der erschütternden Katastrophe'von Meierling. Wir sind in der Lage, aufs Bestimmteste zu erklären, daß die Meldungen in jeder Beziehung auf vollkommen grundlosen Erfindungen beruhen.
„rr — Das belgische Königspaar ist heute Nachmittag um 4 Uhr 15 Min. nach Brussel zurückgereist. Auf feine ausdrückliche Bitte begleitete kein Mitglied der kaiserlichen Familie dieselben zum Bahnhof. Der Abschied vom Kaiser, der Kaiserin und -er Kronprinzessin-Wittwe erfolgte in der Hofburg. Prinz Philipp und Prinzessin Louise von Coburg begaben sich mit dem Königspaar zum Bahnhofe, wo die herzlichste Verabschiedung stattfand. Auch der belgische Gesandte mit seiner Gemahlin waren am Bahnhöfe.
*•**•'?• Februar. Der Kriegsminister hat roegen des vom Obersten Senard veröffentlichten Tagesbefehls, betreffend die angebliche Weigerung der deutschen Botschaft,
, dem Stabsarzt seines Regiments zu einer Reise nach Straßburg ein Paßvisa zu ertheilen, die Einleitung einer Untersuchung angeordnet.
c^dariS, 7. Februar. Nach einer aus Hanoi an den Marineminifter gerichteten Depesche griff General Desbordes am 2. Februar die Dörfer Din-tein-tong und Chochu an. Der Angriff erfolgte in einer Entfernung von 11 Kilometer von Chochu. Die Aufstandifchen gaben entmutigt successive sämmtliche Stellungen auf. Drei europäische Sodaten wurden leicht verwundet. Der Feldzug wird als beendigt angesehen.
Pari-, 7 Februar. In der gestrigen boulangistischen Versammlung kündigte V ergo in an, Boulanger werde nicht zögern, die Auflösung der Kammern Namens der Seine-Wähler zu verlangen. Die Versammlung nahm den Antrag an, eine große Versammlung zu veranstalten, zu der alle Seine-Deputirte eingeladen werden sollen, um Rechnung abzulegen über die Ausübung ihres Mandats.
London, 7. Februar. Aus Clonmel wird gemeldet: Der parnellitische Depu- "rte Condon wurde wegen Verletzung des irischen Ausnahmegesetzes zu 2 Monaten Gefängniß mit Zwangsarbeit verurtheilt.
., 8tom, 7. Februar. Der Papst und das diplomatische Corps, sowie zahlreiche Fremde wohnten dem Traueramte bei, welches heute anläßlich des Jahrestages des Todes Pius deS Neunten in der Sixtinischen Kapelle stattfand.
. Madrid, 7. Februar. Der Senat lehnte mit 66 gegen 53 Stimmen den Antrag auf Erhöhung der Eingangszölle für Getreide und Vieh ab.
k m d.ArSdnrg, 7. Februar. Der „Petersburger Zeitung" zufolge hatte der Kaiser • LVr? 00 Tolstois wegen Einführung oberster Chefstellen für die einzelnen Pro- vinzialdistricte genehmigt.
m “ Gerüchtweise verlautet, die Aburtheilung der wegen des Eisenbahnunfalls bei Borkt Angeklagten, darunter die des Generals Stternval, würde demnächst in einer besonderen Session des Senats erfolgen.
Lokales.
Gießen, 8. Februar. In der am 6. d. M. stattgehabten Vorstandswahl deS Kriegeroereins Gießen wurden gewählt als erster Präsident Herr Postsecretär Mayer, zweiter Präsident Herr Stationsassistent Margolf, als Kassier Herr Kaufmann Dort. Als Ausschußmitglteder wurden gewählt die Herren: Verwalter Dietz, Kaufmann Flimm, Werkführer Grüneberg, Verwalter Keller, Metzger Löwenstein, Steuercommisfariatsaehilfe Möbus, Schutzmann Ochs, Kaufmann Pistor, Stationsafststent Schad und Spengler Schneider.
Vermischtes.
Gießen, 7. Februar. Wie das „Frankf.Jour." schreibt, werden für die Verlegung des Guterbahnhoss der Main-Weser Bahn auf die Westseite des Bahnkörpers rc. in einer dem Abgeordnetenhause zugegangenen Vorlage 1,300,000 Jt gefordert.
or ,? ohl'Göns, 7. Februar. Der langjährige hiesige Bürgermeister, Herr A. Seitz, ist gestern Abend nach schwerem Leiden gestorben. In dem Verstorbenen verliert unsere Gemeinde ihren von allen Einwohnern geliebten ersten Vertreter, der, mit allen Obliegenheiten seines Amtes wohl vertraut, ein allgemein geachteter und werthgeschätzter Mann des ganzen Amtsgerichtsbezirks Butzdach, sowie seiner vorgesetzten Behörde in Friedberg war. Außer seinen sonstigen vielen Ehrenämtern, welche Herr Seitz begleitete, gehörte auch derselbe dem Verwaltungsrathe des Sparkassenbezirks Butzbach und des Mathtldenstists Friedberg-Butzbach an. Friede seiner Asche!
Darmstadt, 7. Februar. Die von dem am 31. December v. I. zum Tode verurtheilten Jean Müller eingelegte Revision ist nach hierher gelangter officieller Mittheilung am 31. v. Mts. vom Reichsgericht verworfen worden und wird die Hinrichtung Müller's nunmehr zum Vollzug kommen, da Se. Kgl. Hoheit der Großherzog schon vor seiner Abreise nach Rußland erklärt haben soll, daß er von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch machen werde. — Dem Vernehmen nach hat die Mutter des zum Tode verurtheilten Mörders Jean Müller ein Gnadengesuch ein- reichen lassen.
Charlottenburg, 4. Februar. Von einer „schneidigen" Frau Hauptmann meldet die „Neue Zeit" von hier. Die Dame wurde, als sie Abends aus einer Gesellschaft kam, von einem jungen Herrn belästigt, der es wagte, sie bis zu ihrem Wohnhaufe zu verfolgen. Dort faßte die Dame den Verfolger, nachdem sie die Hausglocke gezogen, unerwartet beim Genick und hielt ihn, trotz allen Sträubens, so lange fest, bis der Bursche ihres Gemahls das Hausthor geöffnet hatte. Dem Krieger überlieferte dann die Dame den Gefangenen mit dem Befehle, demselben einige derbe Ohrfeigen zu verabreichen. Der Bursche kam dem Befehle mit Sorgfalt nach.
— (Erkennung von echtem Silber und Neusilber.) Man wendet für diesen Zweck eine fall gesättigte Lösung von doppeltchromsaurem Kali in reiner Salpetersäure von 1,2 specifischem Gewichte an. Nachdem die zu prüfende Oberfläche mit starkem Weingeist gereinigt worden, um einen etwa vorhandenen Firnißüberzug zu entfernen, bringt man mittelst eines Glasstabs einen Tropfen von obiger Flüssigkeit daraus und spült dann die benetzte Stelle unmittelbar hierauf noch mit etwas Wasser ab. Bei vorhandenem Silber ist nun ein deutlicher blutrother Fleck (chromsaures Silberoxyd) sichtbar. Auf Neusilber färbt sich der Tropfen braun.
— (Der Herr Bürgermeister als Nachtwächter.) Der Vorstand der kleinen Gemeinde Grandval im Canton Bern beschloß, daß das Amt des Nachtwächters der Reihe nach von jedem der fünfzig Gemeindebürger auszuüben sei, damit eine Besoldung nicht mehr ausgegeben zu werden brauche. Der Gemeindevorsteher glaubte allerdings durch seine hohe Stellung von der persönlichen Dienstleistung ausgeschloffen ru sein; das war jedoch ein Jrrthum und die einzige Rücksicht, welche ihm gegenüber Platz griff, war, daß man ihn, sammt den übrigen Honoratioren, den Pfarrer, den Lehrer und den Apotheker, an die Spitze der Liste stellte und ihm gleich in der ersten Nacht die Attribute der neuen Winde, Spieß und Horn, übergab.
Kirchliche Anzeigen der Stadt Gießen.
Evangelische Semeinde.
Gottesdienst.
5. Sonntag nach Epiphanias, den 10. Februar: Vormittags 9</r Uyr: Pfarrer Dingeldey.
Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Schlosser.
Kinderkirche, Vormittags 11 Uhr, Pfarrer Schlosser.
, Montag den 11 Februar, Abends 8 Uhr, in der Kleinkinderschule,
1. Mos. Kap. 24, Eliesers Brautwerbung um Rebekka für Isaak. Gottes Führung auf dem Wege. Pfarrer Dr. Naumann.
Missions stunde am Donnerstag, den 14. Februar, Abends 8 Uhr, in der Kirche: die Bedeutung der gegenwärtigen Lage in Ostafrika vom Standpunkte des Evangeliums Pfarrer Schlosser.
Am Sonntag den 17. Februar, Beichte und heiliges Abendmahl im Abendgottesdienst.
Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 10- bis 16. Februar besorgt Pfarrer Dingeldey.
Katholische Gemeinde.
5. Sonntag nach Epiphania.
SamStag: Nachmittags um 5 Uhr und Abends um V»8 Uhr Gelegenheit zur hl. Beichte.
Sonntag: Morgens um Ve7 Uhr Austheilung der Kl. Communion und
Gelegenheit zur hl. Beichte; um Uhr Frühmesse; um s/4io Uhr Hochamt mit Predigt- — Nachmittags um 3 Uhr Christenlehre und Andacht.
Gottesdienst in der Synagoge.
~ Freitag Wend 4« Uhr, SamStag Morgen 8«» Uhr, Samstag Mittag 3" Uhr, ö«mstag Abend 5".


