republikanischen Congreffes behufs Aufstellung eines gemeinsamen Candidaten gegenüber Boulanger statt. Von 370 abgegebenen Stimmen erhielt der ultraradicale Präsident i»eS Generalrathes des Seine-Departements, Destillateur Jaques, 234, die gemäßigten i Republikaner Hooelaque und Vaquerie 69, resp. 58 und die übrigen neun Stimmen zersplitterten sich. Jaques ist somit als alleiniger Candidat der Republikaner gegenüber Boulanger aufgestellt worden, während dieser, außer auf die Stimmen der eigenen Anhänger, vor Allem auf diejenigen der Bonapartisten zählen kann, die sich für die Pariser Ersatzwahl offen auf die Sette des Ex-Generals gestellt haben; die Stellungnahme der anderen monarchistischen Gruppen für Boulanger soll dagegen wieder etwas zweifelhaft geworden sein. Auf alle Fälle darf man aber dem Ergebnisse der Pariser Ersatzwahl mit großer Spannung entgegensehen.
Am letzten Sonntag haben in Frankreich abermals zwei Ersatzwahlen zur Kammer stattgefunden. In Amtens wurde der Royalist General Montandon mit -€0,693 Stimmen gewählt, indeß sein republikanischer Gegner Ehauvon 53,457 Stimmen erhielt und in Larochelle siegte der Boulangist Duport mit 49,327 Stimmen gegen den Republikaner Lemerier, auf welchen nur 39,878 Stimmen fielen; der Boulangtsmus kann also einen neuen Wahlerfolg verzeichnen.
Die Nachrichten über Emin Pascha wechseln in geradezu wunderbarer Weise mit einander ab, denn jetzt kommt wieder eine ganz düster gefärbte Meldung aus Afrika. Dieselbe wird über Suakin übermittelt und besagt, daß daselbst ein sudanesischer Deserteur eingetroffen sei, welcher berichtete, daß ein in Handub, dem Standquartier Osman Dtgma's, aus Chartum mit Briefen des Chaltfen Abdallah angekom- mener Bote erzählt habe, der egyptische Pascha der Aequatortalprovtnz befände sich mit anderen Offizieren beim Mahdi in Gefangenschaft. Der Bote fügte hinzu, daß dieser Pascha, in dessen Begleitung sich noch ein anderer Weißer befände, vermuthlich Emin sei und gut behandelt werde. — Das nächste Mal wird nun wohl der afrikanische Telegraph zu melden wissen, daß sich Emin Pascha noch frisch und munter auf seinem Posten befindet!
Der Zusammenbruch der Panama-Gesellschaft hat erklärlicher Weise auch auf die Arbeiten am Panama-Canal zurückgewirkt. Dieselben vermindern sich täglich und steht ihre gänzliche Einstellung zu gewärtigen, wodurch Tausende beschäftigungslos werden würden. Die columbische Regierung befürchtet Unruhen und richtete an die Consuln der auswärtigen Mächte ein Rundschreiben, in welchem sie erklärt, jede Verantwortlichkeit abzulehnen, falls die Aufrechterhaltung der Ruhe sehr energrsche Maßregeln nothwendig machen sollte.
Deutschland.
Darmstadt, 7. Januar. sErfte KammerJ Von dem für diese Woche beabsichtigten Zusammentritt der ersten Kammer ist nachträglich abgesehen worden. Die Kammer wird sich voraussichtlich erst, nachdem die zweite Kammer getagt haben wird, versammeln.
Berlin, 7. Januar. Der Kaiser begab sich gestern mittelst der No'.dbahn über Gransee nach Liebenberg, woselbst heute und morgen auf den Besitzungen des Grafen Philipp Eulenburg große Jagden stattfinden. Morgen Nachmittag gedenkt der Monarch nach Berlin zurückzukehren.
Berlin, 7. Januar. Der Beschluß des Reichsgerichts in der Geffcken'schen Sache, r-atirl vom 4. Januar, lautet:
Beschluß: In der Strafsache gegen den Geheimen Justizrath Professor a. D. Dr. jur. Friedrich Heinrich Geffcken aus Hamburg wegen Landesoerraths
hat der Erste Strafsenat des Reichsgerichts in seiner nichtöffentlichen Sitzung vom 4. Januar 1889 auf den Antrag des Oberreichsanwalts, in Erwägung,
daß zwar nach dem Ergebnisse der Voruntersuchung hinreichende Verdachtsgründe für die Annahme vorltegen, daß der beschuldigte rc. Geffcken im September 1888 durch die in Berlin erscheinende Zeitschrift „Deutsche Rundschau", Heft 1, October 1888, in einem Artikel mit der Ueberschrift „Aus Kaiser Friedrichs Tagebuch 1870—71", insbesondere in den in der Anklageschrift des Oberreichsanwalts unter I, 1-15, II, 1—2, III, 1—2, IV, 1—5, V, VI, 1—3 hervorgebobenen Stellen, Nachrichten, beren Geheimhaltung anderen Regierungen gegenüber für das Wohl des Deutschen Reiches erforderlich war, öffentlich bekannt gemacht hat,
daß jedoch für die Aufnahme des Bewußtseins des beschuldigten rc. Geffcken, daß der fragliche Artikel Nachrichten der bezeichneten Art enthalte, genügende Gründe nicht vorhanden sind,
beschlossen:
1) den beschuldigten rc. Geffcken hinsichtlich der Beschuldigung des Landesoerraths ^Strafgesetzbuch § 92, Ziff. 1) außer Verfolgung zu setzen,
2) bte Haft des Beschuldigten aufzuheben,
3) die Kosten des Verfahrens der Reichskasse aufzuerlegen.
Leipzig, den 4. Januar 1889.
Das Reichsgericht, Erster Strafsenat.
gez. Dr. Wernz. v. Geß.
Belgien.
Brüffel, 7. Januar. Laut „Etoile beige" hat der Besuch der gestern hier eingetroffenen Prinzessin Clementine von Coburg den Zweck, die Vermählung des Fürsten Ferdinand von Bulgarien mit der Prinzessin Henriette von Belgien zu vermitteln. (F. I.)
Afrika.
Suakin, 6. Januar. (Meldung des Bureau Reuter.) Ein aus Handub etn- getroffener Deserteur meldet, daß ein Bote, der aus Khartum mit Briefen des Khaltfen eingetroffen sei, ihm erklärt habe, ein egypttscher Pascha und andere Officiere, welche aus der Aequatorialprovinz gekommen seien, befänden sich als Gefangene bei dem Khalifen. Der Bote fügte hinzu, man nehme an, daß der Pascha, in dessen Begleitung kein anderer Weißer sich befand, Emin sei; derselbe werde gut behandelt.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs lelegr. Correspondenz-Bureau.
Coblenz, 7. Januar. Das Eisenbahnbetriebsamt theilt mit: Wegen Eisganges ist der gesammte Trajectoerkehr zwischen Bingerbrück und Rüdesheim seit heute Morgen unterbrochen.
Crefeld, 7. Januar. Das Rheintraject zwischen Griethausen-Welle der Strecke Cleve Zeoenaar ist von heute ab wegen des Eisganges für den Verkehr gesperrt. Die Reisenden nach und von Holland müssen über Cleve-Nymwegen oder rechtsrheinisch über Oberhausen-Emmerich fahren.
Wien, 7. Januar. Eine Deputation des russischen Regiments, dessen Oberftinhaber Kaiser Franz Josef ist, traf, wie die „Presse" meldet, unter der Führung eines Generals heute hier ein, um dem Kaiser die Glückwünsche dieses Regiments zum 40- t jährigen Jnhaberjubtläum zu überbringen. I
v ™ 7- Januar. Der „Temps" bedauert, daß der republikanische Congreß '
den Präsidenten des Generalraths der Seine, Jacques, als Candidaten für die Ersatz- * wähl im Seine-Departement ausgestellt hat, empfiehlt aber gleichwohl, für Jacques und i damit gegen den' boulangistischen Cäsarismus zu stimmen. Die „Liberts" erklärt sich j gegen die Wahl Boulanger's wie gegen diejenige Jacques'. Erstere bedeute die Dikta- r tur, letztere die Anarchie. Das „Journal des D6bats" äußert sich im nämlichen Sinne i und empfiehlt Wahlenthaltung. Die Mehrzahl der republikanischen Blätter jedoch i unterstützt Jacques' Candidatur.
— Präsident Carnot begab sich heute mit dem deutschen Botschafter Grafen Münster und anderen distinguirten Persönlichkeiten zur Abhaltung einer Jagd nach 1 Rambouillet. — In den Departements Herault (am Mittelmeer) und Ostpyrenäen ist : durch anhaltende starke Regengüsse und dadurch hervorgerufene Ueberschwemmungen an Jtn Häusern, Straßen, Garten und Feldern großer Schaden angerichtet.j
Haag, 7. Januar. Das Befinden des König? ist seit ben letzten Tagen unverändert. Eine unmittelbare Lebensgefahr liegt nicht vor.
Neapel, 7. Januar. Aus dem Krater des Vesuv steigen heute außergewöhnlich große Rauchsäulen auf. Auch machen sich darin weißglühende Massen bemerkbar, uü bis zum Fuße des südöstlichen Kegels ergießt sich ein Lavastrom.
Petersburg, 7. Januar. Bei der Station Krassnopawlowska der KurSk- Azow'schen Eisenbahn in bet Nabe von Charkow wurde heute der Schlitten der Prinzessin Lieven bei der Ueberfahrt über das Geleise von einem Zuge zerschmettert. Der' Kutscher fand seinen Tob, inbem ihm beide Füße abgefahren wurden. Die Prinzessin verlor das Bewußlsein und stürzte zwischen die Schienen. Der Zug ging über dieselbe hinweg, ohne sie sonst zu verletzen.
Belgrad, 7. Januar. Der König dankte dem Ministerium für die bet der Revision der Verfassung gewährte Unterstützung und für die bei Vornahme der Wahlen betätigte Unparteilichkeit. Er fügte zugleich bezüglich des von demselben eingereichten Demissionsgesuchs hinzu, dieser Schritt gereiche dem Ministerium um so mehr zur Ehre, als dasselbe nach dem parlamentarischen Brauche bis nach der Erledigung der Wahlen zur kleinen Skupschtina im Amte habe verbleiben können. Er nehme davon Akt, daß die Minifter demissionirten, ersuche dieselben jedoch, bis zur endgiltigen Ent- scheidung im Amte zu verbleiben.
Lokales.
Gießen, 8. Januar. Tagesordnung für die Stadiverordneten-Sitzung am Donnerstag den 10. Januar 1889, Nachmittags 4 Uhr.
1. Die Stellung der Sladtrechnung vom Jahre 1887/88.
2. Die pachtweise Benutzung der städtischen Bleichen.
3. Die Verpachtung der Wieseckböschungen.
4. Gesuch des Octroierhebers Rühr um Anbringung einer Hausthür an siiner Dienstwohnung.
5. Gesuch des Dr. Mahla in Chicago um Ueberlassung eines Begräbnißplatzes.
6. Gesuch des Gastwirths Karl Rühl in Wieseck um OctroirüaVergütung.
7. Die Verwendung von Fichtenzapfen.
8. Ausfteinung der Grenze zwischen der Stadt und dem Gütercroeditor August Zöckler.
9. Beschaffung von Räumen für die Stadtknabenschule.
10. Preise für städtische Gas- und Wasserlettungsarbeiten.
11. Die Errichtung einer Desinfectionsanftalt.
12. Die Baufluchtlinie am Asterweg.
13. Erhöhung städtischer Trottoirs in der oberen Ludwigstraße.
14. Gesuch des Emil Kalbfleisch um Erlaubniß zum Bauen am Schiffen- dergerweg.
15. Desgk. des Wilhelm Wilke am Wieseckerweg.
16. Gesuch der Hch. Dedus Wwe. um Bauerlaubniß, hier die unterirdische Wasserabführung.
17. Die Pflasterung eines Zugangs zur Dampfmolkerei.
18. Den durch den Garten des Kupferschmieds Zimmer ziehenden Fluthgraben.
19. Die Brücke in der Bleichstraße.
20. Die Erbauung eines Schlachthauses.
21. Anschaffung von Lederhelmen für die Gießener freiwillige Feuerwehr.
Gießen, 8. Januar. sEisverein.) Der Eisoerein beabsichtigt nächsten Samstag, oen 12. I. M., ein Abendfefr abzuhalten. Die Eisbahn soll durch den Vollmond magisch beleuchtet werden. Die Kapelle Krautze wirb ben musikalischen Theil übernehmen. Alles Nähere wirb noch burch Anzeigen bekannt gemacht werden.
Vermischtes
Darmstadt, 4. Januar. sPostpersonalnachrichten.j Den Poftdirecioren Weberstedt in Darmstadt und Marizy in Mainz ist der Rang der Rothe vierter Classe beigelegt, sowie dem Ober-Postcommissarius Rosenhagen in Darmstadt der Character „Rechnungsrath" verliehen worden; der Tclegraphenamtskassirer v Albedyll in Darmstadt ist zum Telegraphendirector, der Postfecretär Rispel In Ridda zum Postmeister, der Poftassistent Goldmann in Darmstadt zum Bureauassistent ernannt worden. Versetzt wurden: dcr Postoerwalter Wagner von Altenstadt (Hessen) nach Grünberg (Hessen) unter gleichzeitiger Ernennung zum Postassistenlen, der PostassistenL Röhmer von Düren (Rheinland) nach Viernheim, der Postassistent Heß von Gießen nach Michelstadt.
Friedbergs 7. Januar. Die Lühn'sche Apotheke ist um ben Preis von 120,000 Jü in die Hände des Pharrnaceuten Georgi übergegangen.
— Frankfurt, 7. Januar. Heute Vormittag ertrank im hiesigen Winterhafen ein Matrose, der beim Abdrücken eines Schiffes mit dem Fahrbaum ausglitt und in's Wasser stürzte.
— In der Turnhalle des hiesigen Turn- und Fechtclubs hat der Vereinsdiener dieses Clubs, Marhäus Hardt, in Der Rächt oom SamStag zum Sonntag seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Das Motiv der unseligen That scheint darin zu suchen zu sein, daß Hardt's Ehefrau vor etniger'Zeit wegen Geistesstörung in eine Irrenanstalt gebracht werden mußte.
— Der Unfug, Jack den Bauchaufschlitz er wenigstens in seinen Briefen nachzuahmen, hat sich nun auch hierher verpflanzt. Mehrere Dienstmädchen in der Ober- und Unterlinbau sind durch Briefe erschreckt worden, in denen ihnen angekündigt wird, daß sie noch in diesem Jahre ihr Leben lassen müßten. Unserer Polizei wird es hoffentlich gelingen, diesen „seltsamen Spaßvogel" zu ermitteln. Man glaubt, der Briefschreiber sei ein Mensch, der den Dienstmädchen mehrfach auf Schritt und Tritt gefolgt ist.
— Im Frankfurter Ctadtwalde wurde gestern Abend von einem Riederräder Musiker dir Leiche eines erfrorenen Mannes aufgefunden. Aus seinen Papieren ergab sich, daß bet Tobte ein Schuhmacher aus Neuenhain im Kreise Homburg war.
— Samstag Abend fand in der „Rosenau" zwischen Mitgliedern des htesigen Gefängniß-Vereins und Vertretern der Presse eine Besprechung statt, in welcher man eine Verständigung darüber zu erzielen hoffte, inwieweit die Presse die Namen der Verurthetlten bei Gerichtsreferaten weglassen wolle und könne. Die Anregung ging vom Gefängniß-Veretn aus, der sich der entlassenen Gefangenen, der Familien der Jnhaftirten während der Haftzeit annimmt und sich insbesondere bemüht, den aus dem Gefängniß Entlassenen eine neue Stellung zu verschaffen, sie auf bessere Bahnen zu lenken. Dabei tritt ihm allerdings die Namennennung in den Zeitungen häufig sehr erschwerend in den Weg. Auf der anderen Seite läßt sich aber auch nicht leugnen, daß mancher Mensch weniger eine achttägige Haftstrafe als die Veröffentlichung seines Namens scheut, auch dient bte Namennennung in nicht wenigen Fällen wenigstens insoweit als Warnung, als beispielsweise ein Schlachter, der einen wegen Unterschlagung bestraften Burschen in feinen Dienst nimmt, demselben nermknswerthe Geldsummen nicht anvertrauen wird. Wird ihm aber von der ersten Strafthat des Burschen nichts bekannt — und alle entlassenen Gefangenen kann der Gefängniß-Verein, der allerdings die Dienstherren über das Vorleben unterrichtet, nicht placiren — so muß er glauben, er habe einen gänzlich unbescholtenen Mann vor sich, schenkt ihm das größte Vertrauen und wird dann möglicherweise um eine große Summe geschädigt, denn alle Eist- beftraften bessern sich wahrlich nicht. Dagegen kann auch nicht geleugnet werden, daß durch Nennung des Namens eines Verurtheilten häufig nicht nur dessen ganzes Leben, sondern auch das seiner Angehörigen vernichtet worden ist. Nach langem Meinungsaustausch verständigte man sich dahin — eine bindende Zusage wurde von den Vertretern der Presse nicht gegeben — daß die Namen nur in den Fällen genannt werden sollen, in denen solches im öffentlichen Interesse oder ein gemeinschäbliches Vergeben bezw. Verbrechen — als Wucher, Kuppelei, Nahrungsmittelfälschung rc. vorliege. Die Redactionen der hiesigen Zeitungen werden von dem Ergebnitz der samstägigen Be- rathung in Kenntniß gesetzt und dann ein definitives Resultat zu entelen versucht. Sobald die Frankfurter Presse mit gutem Beispiel oorangegangen, wird Der Gesängniß- Veretn der Presse der Umgebung denselben Wunsch zu erkennen geben.
Hanau, 5. Januar. Unser Landrath Graf von BiSmarck wird uns nun that- sächlich in allernächster Zeit verlassen, wer dessen Nachfolger werden wird, ist noch nicht bekannt geworden. Unser scheidender Landrath hat es verstanden, sich in Stadt und Land die Achtung und Liebe allseitig in hohem Grade zu erwerben, dies beweisen die mannigfachen Abschiedsfeierlichkeiten, welche zu Ehren des Scheidenden veranstaltet


