Nr. L8L Mittwoch den 7. August 1889,
Cioti’lwttöt ^lit »einer
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schul st raße 7. ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-. W ^^^^^?LZZLich2W ö°K
ZMWIWWW»WI»»MWMM^!M»«»WW»IWWMWIWW»M»WWWWM»IIM»»»MWMW«W»MMVN«»»»«»W»M»WWV^III I Willi J |—gga|
Amtlicher HHeiL
Betressend: Die BÜdung der Schöffen- und Schwurgerichte. Gießen, am 2. August 1989.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir beauftragen Sie. mit der Aufstellung der Urlisten der zum Amte eine- Schöffen oder Geschworenen bestellbare« Personen zu beginnen und diese Listen nach vorgängiger achttägiger Offenlegung sammt den etwa erhoben werdenden Reclamationen mit Begleitbericht spätesten- bis zum 13 October I. I. an die zuständigen Amtsgerichte einzusenden.
Die Spruchlistcn der Geschworenen haben, wie bereits in unserem Ausschceiben vom 20. April 1835 (Anzeiger Nr. 92) bemerkt wurde, in mehrfachen Fällen die Namen von Persvnen enthalten welche das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet, oder das 65. bereits überschritten hatten und sind hierdurch in den Schwurgerichtssitzungen den Fortgang der Verhandlungen hemmende Weiterungen veranlaßt worden. Derartige Vorkommniffe können nur durch eine genaue Beobachtung der tnnsichllich der Ausstellung der Urlisten der Schöffen und Geschwornen bestehenden Bestimmungen vermieden werden- Wir machen Ihnen daher die sorgfältigste Beobachtung der Vorschriften in § 1 und 3 der Verordnung vom 14. Mai 1879 (Reg -Bl. S. 213) zur Pflicht. Hiernach sind die in den §§ 32, 33 und 34 des Gerichtsversassungsgesetzes (s. NeichSg.-Bl. von 1877, S. 47) bezeichneten Personen nicht in die Urlisten auszunehmen, wählend bei den in § 35 daselbst Genannten der Grund, warum sie ablehnen können, in der Spalte „Bemerkungen" der Liste anzugeben ist. In allen Fällen, in welchen Zweisel darüber bestehen, ob eine in die Urliste auszunehmende Person das 30. oder 65. Lebensjahr vollendet habe, wollen Sie sich durch eine Anfrage bei derselben, oder in sonst geeignet scheinender Weise genau über deren Alter vergewiffern- Sie dürjen aber auch nicht Personen, welche Sie für ungeeignet zum Amte eines Schöffen oder Geschworenen halten, bei denen aber die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, aus der Liste weglaffen, z. B> weil sie arm, oder zu alt sind. Sie wollen vielmehr diese Personen ebenfalls in die Liste ausnehmen, Ihre Ansicht aber unter „Bemerkungen" oder im Begleitberichte angeben.
Da- zur Ausstellung der Listen erforderliche Formular wird Ihnen k. H. zugesandt werden.
I. V.: Jost, Regierungsrath.
Politische Rundschau.
Gießen, 6. August.
Alle Berichte über den Empfang Kaiser Wilhelm- und des deutschen Geschwaders in England lassen erkennen, welchen günstigen Eindruck der Kaiserbesuch schon jetzt jenseits des Canals heroorgerufen hat und daß das hochbedeutsame Ereigniß sicher zur noch engerem und innigerem Verknüpfung der Deutschland und England verbindenden freundschaftlichen Bande führen wird. Dies trat namentlich auch bei dem Feftvanket hervor, welches die Offiziere des bei Spithead zusammengezogenen britischen Geschwaders — dessen für Sonnabend geplant gewesene Revue vor Kaiser Wilhelm infolge des eingetretenen schlechten Wetters bekanntlich verschoben werden mußte — ihren Kameraden vom deutschen Kaisergeschwader am Abend des 3. August in der Victoriahalle zu Soutlsea (Portsmouth) gaben. Es waltete hierbei der denkbar herzlichste und kameradschaftlichste Ton vor, durch welchen sich das ganze Fest zu einer erhebenden Verbrüderung zwischen der deutschen und der englischen Marine gestaltete. Am Schlüsse der Tafel brachte der commandirende General Sir Edmund Commerell drei Toaste aus, welche der Königin Victoria, dem Kaiser Wilhelm und „unseren Gästen" galten. Auf letzteren Toast antwortete Admiral Kall Namens der deutschen Gäste wie Namens der ganzen deutschen Flotte mit einem warmen Trinkspruch auf die britische Marine; seine Betonung der Waffenbrüderschaft zwischen England und Deutschland rief unter den FefttheUnehmem großen Enthusiasmus hervor. — Kaiser Wilhelm empfing am Sonnabend in Osborne auch den Lordmayor von London und erwiderte auf dessen Bitte, der Stadt London die Ehre seines Besuches zu schenken, daß fein jetziges Verweilen in England nur den Charakter eines Familienbesuches trage, daß er sich jedoch Vorbehalte, London bei nächster Gelegenheit zu besuchen.
Der angekündigte Aufruf des Berliner Emin-Pafcha-Comiiv- zur weiteren finanziellen Unterstützung des Unternehmens, Emin Pascha durch die Expedition des Herrn Peters zu „befreien", ist nunmehr erschienen. Man kann diesem Appell an den Geldbeutel des deutschen Volkes indessen nur mit gemischten Empfindungen gegenüberstehen ; wenn es sich einerseits um ein Unternehmen handelt, welches ursprünglich gewiß die sympathische Theilnahme der deutschen Nation beanspruchen durfte, so ist doch anderseits nunmehr erwiesen, daß die Expedition Dr. Peters' sich keineswegs der Billigung der deutschen Reichsregierung erfreut und daß außerdem die Erreichung ihres Zweckes mehr und mehr problematisch erscheint. Denn stünde man in den Berliner Regierungskreisen der Peters'schen Expedition wirklich fördernd und wohlwollend gegenüber, bann hätten sich doch schwerlich jene unliebsamen Zwischenfälle ereignen können, welche gerade in letzter Zeit der Expedition an der ostafrikanischen Küste begegneten; zugleich aber erscheint es immer zweifelhafter, ob die Expedition noch zu Emin Pascha stößt und selbst dann ist der Werth des Unternehmens noch nicht so unbestritten. Hat doch Emin Pascha selber erklärt, auf feinem Posten ausharren zu wollen und die verworrenen Meldungen über fein Zusammentreffen mit Stanley lassen keineswegs erkennen, daß Emin Pascha seinen Entschluß definitiv geändert habe. Zu welchem Zweck nachher Dr. Peters trotzdem zu Emin gelangen will, bleibt daher vorerst unerfindlich.
In Italien herrscht eine gewisse Erregung darüber, daß bei den Unruhen auf Kreta auch ein italienischer Matrose gelobtet worben ist. Nach ben vorliegenben Melbungen scheint es inbessen, als ob ber Getöbtete, welcher ber Besatzung ber Handels- brigg „Anna" angehörte, burch eigenes Verschulden bei ben Unruhen um's Leben gekommen fei.
Die „Niforma", bas Organ Crispi's, bementirt formell bie Gerüchte von einer zwischen Italien und Rußland eingetretenen Spannung unb von ber angeblichen Weigerung ber russischen Regierung, ben Milttärbeoollmächtigten Italiens an ben Ma- nöoern in Krasnoje-Selo theilnehmen zu lassen. Die betreffenben Gerüchte waren vor einiger Zeit ziemlich bestimmt aufgetaucht; um so besser, wenn sie sich jetzt nicht bewahrheitm.
Irankreich.
Paris, 3. August. Von ben heutigen Morgenblättern enthält nur ber „Matin" eine ausführliche telegraphische Beschreibung der bei Ueberführung.ber Gebeine Carnots in Magbeburg veranstalteten Feierlichkeiten. Was hierbei besonbers interessirt, ist bie rückhaltslose Anerkennung, bie dem Verhalten ber Behörden unb ber Bevölkerung Magdeburgs gezollt wird und sich manchmal bis zu einer gewissen warmen Dankbarkeit steigert, wie sie auch in ber Rebe Poubelles Ausdruck fand.
Die Feierlichkeit — so schreibt ber „Matin" — verlor auch keinen einzigen Augen- blick ihren großartigen unb roürbigen Charakter. Wer biefem benfroürbigen Vorgänge beigewohnt hat, wirb es nie vergessen, wie bie von Kugeln burchlöcherten preußischen Fahnen sich vor bem Sieger von Wattignies neigten. Alle Häuser ber Straßen, burch welche ber Zug ging, waren überfüllt von Menschen; nicht nur bie Fenster mären biebt gebrängt von Zuschauern, fonbern auch bie Wälle verschwanden geradezu unter ben Menschenmassen. Der Einbruch war großartig, rührenb unb bie Haltung ber Bevölkerung war achtungsvoll unb feierlich. Der allgemeine Einbruch, ben unsere Lanbsleute hier empfingen, geht bahin, baß biese Feierlichkeit, wenn sie auch nicht bie schmerzlichen Erinnerungen ber Vergangenheit, bie Frankreich von Deutschlanb trennen, verwischte, doch gleichmäßig bie beiden großen Nationen ehrt, bie angesichts eines ruhmreichen Tobten ihre Zwistigkeiten vergessen, um sich gegenseitig ihre Achtung zu beweisen.
Die in Magbeburg anwesenden Vertreter der französischen Presse haben die „Magdeburger Zeitung" gebeten, ber Bevölkerung ihren Dank auszusprechen für bie freunbliche Aufnahme, bie ihnen bereitet worben ist — was abermals beweist, wie tief bebauerlich es ist, baß ber Franzose sich nur so schwer zu einer Trennung von seinen Bouleoarbs entschließt unb sich dadurch bes einzigen Mittels beraubt, anbere Völker richtig beurteilen zu können. Offenbar waren bie Herren mit ganz anberen Erwartungen nach Magdeburg gekommen unb was uns selbsiverstänblich scheint — bie roürbige Haltung ber Bevölkerung — war für sie eigentlich eine Überraschung, wie es sie auch überraschte, ben Gasthof, ber bie französischen Vertreter beherbergte, mit französischen Fahnen geschmückt zu sehen. Wir haben eben keine „halboerrückten Dichter" unb keine Patriotenliga, unb wenn wir sie hätten, würben sich bei uns boch keine Massen finden, um ihnen zu folgen. Die in Magbeburg anwesenden Franzosen werden das jetzt roiffen, sie werden, nach ben ersten Depeschen zu urteilen, bas auch ihren Lanbsleutm nach ihrer Rückkehr erzählen, es wirb bas auch für eine gewisse Zeit seinen Einbruck nicht verfehlen, aber boch nicht ausreichen, um bas alte, aus Voreingenommenheit unb Unwissenheit entftanbene Bilb von ber „Brutalität" ber Deutschen zu zerstören. So ist es benn auch gar nicht überraschenb, baß bieselben Blätter, bie mit roarmen Worten über bie Feierlichkeit in Magbeburg berichten, dicht daneben einen Brief des Revancheschriftstellers Hector Malot veröffentlichen, ber sich über mangelhafte Höflichkeit italienischer Zollbeamten beklagt unb mit ben Worten schließt: „Wie mag es nur möglich sein, daß bie einst so höflichen unb liebenswürbigen Italiener jetzt so preußisch geworben sinb!" (K. Z.)
Kvgland.
PortSmouth, 4. August. Der Kaiser, von bem Prinzen von Wales begleitet, inspizirte bas Abmiralschiff „Howe". Die britische Flotte segelt am Dienstag ab.
CoweS, 4. August. Der Kaiser machte gestern, nachdem bie Witterung günstiger geworben war, in ber Jnterimsuniform eines britischen Abmirals bem Prinzen unb ber Prinzessin von Wales einen Besuch auf ber flacht „Osborne". Nach bem Thee kehrte er nach Osborne House zurück, wo eine Abenbtafel von 44 Gebecken statt- fanb. Im Laufe bes gestrigen Tages hatten Graf Herbert Bismarck unb ber Botschafter Graf Hatzfeldt mit Lorb Salisburv längere llnterrebungcn. Heute wohnte ber Kaiser mit ber Königin unb allen Mitgliedern der Königsfamilie bem Gottesbienst in ber ^chloßkapelle von Osborne bei. Nachher empfing ber Kaiser eine aus ben Herren Schröder, Ernsthausen, Felix Semon unb Professor Lange bestehenbe Aborbnung der Deutschen Lonbons, welche von bem Botschafter vorgestellt würbe. Der Kaiser nahm eine prachtvoll ausgestattete Ergebenheitsabresse an unb bankte für bie funbgegebenen loyalen Gesinnungen. Nach bem Lunch begab sich ber Kaiser mit bem Prinzen Christian von Schleswig unb bem Abmiral Schroder an Bord der „Alberta", wo auch der Prinz von Wales und dessen Sohn Albert Victor erschienen; er besuchte sodann die britischen Kriegsschiffe „Howe", „Jmmortalilä", „Hero", „Medea", „Serpent" und „Sharpshooter", welche verschiedene Typen zeigen und besichtigte genau die charakteristischen Eigenschaften der Schiffe, wobei die Ehrenwachen falutirten. Abends fand Familientafel in Osborne statt. Heute Vormittag besichtigt der Prinz von Wales


