der Fall. Durch richtig angewandtes Gift erreicht man mehr als durch Katzen, zumal letztere selten Ratten fangen. Ich richte zum Schluß an alle Gartenbesitzer die Bitte, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß ihre Gärten mit Singvögeln bevölkert werden. Sie werden alsdann vergeblich nach Raupennestern suchen und der fröhliche Gesang unserer gefiederten Gehilfen wird jede Mühe reichlich lohnen."
Den obigen Mittheilungen lassen wir noch eine Nachricht aus Posen folgen, welche schließen läßt, daß auch dort die Katzen ihre Schuldigkeit nicht rhun. Die Stadt Posen steckt derart voller Ratten, daß schon zu behördlichen Vorkehrungen gegen die Plage aufgefordert wird. Der „Goniee Wielk" berechnet, daß die Ratten der Bürgerschaft mehr kosten als alle städtischen Armen zusammen. Das genannte Blatt nimmt an, daß in der Stadt circa 100,000 Ratten existiren und jede derselben täglich für 3 Pfg. verzehrt, resp. Schaden macht,- das macht jährlich für jede Ratte 10 Mk., für 100,000 Ratten also 1,000/300 Mk. aus, während die Armen der Stadt jährlich 200,000 Mk. kosten.
— Eine Entführungsgeschichte mit dem denkbar verblüffendsten Ausgang ist kürzlich in der brasilianischen Provinz Piauhy vorgekommen. Dort liebte ein Jüngling ein Mädchen, dessen Mutter, eine Wittwe, sich der Heirath widersetzte. Die Liebenden fanden Mittel, Briefe zu wechseln und schließlich forderte der junge Mann die Geliebte auf, sich von ihm rauben zu lassen. Er bestimmte eine Nacht für das dunkle Werk. Pünktlich ist er zur Stelle — das Haus thut sich auf — die bekannte Gestalt in dem langen Mantel, den sie gewöhnlich trug, tritt hervor, das Haupt verschleiert — sie winkt — er stürzt auf sie los — zieht sie mit sich zu seinem treuen Roß und hebt sie in den Sattel. Dann springt er selbst hinauf und bebend vor Wonne und Erregung sprengt er, die Angebetete im Arm, durch Nacht und Wind von dannen. Niemand spricht ein Wort während des stürmischen Rittes. Jetzt sind sie am sicheren Ort. Er hebt sie vom Pferde und entschleiert sie, um sie zu küssen. Aber entsetzt fährt er zurück — vor ihm steht seine wuthschnaubende — Schwiegermutter in spe. Sie hatte den Bries aufgefangen , ihre Tochter zu einem Bruder gebracht und dann dem frechen Räuber diese unangenehme Ueberraschung bereitet.
Locales und provinzielles.
Gießen, 4. December.
— Kunstverein. Die Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen des russischen Hofmalers Michael von Zichy. Man muß es dem Vorstande des hiesigen Zweiges des Kunstvereins für das Großherzogthum Hessen Dank wissen, daß er uns in der Ausstellung dieses Bilder-Cyclus einen Genuß ganz eigenthümlicher Art bereitet hat, denn es ist eine Special-Ausstellung von Werken eines einzigen und ganz eigenartigen Künstlers, und eines Künstlers obendrein, der den Meisten von uns bis dahin wohl nicht einmal dem Namen nach bekannt war. Zichy? Man wußte wohl von dem alten und berühmten magyarischen Grafengeschlecht dieses Namens; demselben gehört unser Maler jedoch nicht einmal an, ist überdies bürgerlicher Herkunft. Aber in Ungarn ist er auch geboren und zwar am 15. Ocrober 1827, mithin ein Altersgenosse unseres Arnold Böcklin, der nur um einen Tag jünger ist, beide also jetzt 62 Jahre alt. Russen und Magyaren sind sonst nicht die besten Freunde- aber Michael Zichy hat es „in Petersburg zum Hofmaler und, wie es scheint, auch zum Adel gebracht.
Zichy ist ein Schüler des 1865 verstorbenen bedeutenden Genremalers Ferd. Waldmüller in Wien, auf dessen Rath er auch 1847 eine Berufung als Lehrer der Großfürstin Katharina, einer Nichte des Kaisers Nikolaus, nach Petersburg annahm, wo ihn der französische Dichter und Kunstschriftsteller Theophile Gautier „entdeckte" und durch seine Kritiken zuerst in weiteren Kreisen bekannt und berühmt machte. Die Jahre 1850—1856 verbrachte Zichy wieder in seiner Heimath Ungarn und in Oesterreich, worauf er neuerdings nach Rußland berufen wurde, um die Krönungsfeierlichkeiten in Moskau durch seinen Pinsel zu verewigen, und alsdann die Bestallung als kaiserlich russischer Hofmaler zu erhalten, als welcher er von 1858 bis 1874 ihätig war. Zwischendurch machte er auf Einladung des Prinzen von Wales mehrfache Ausflüge nach England und Schottland. Als er den russischen Hof, mit den höchsten Orden geschmückt und Mitglied der Kaiser!. Akademie in St. Petersburg, verließ, nahm er in Paris seinen Aufenthalt, wo er mehrere ausgezeichnete Schüler heranbildete, um dann 1881 auf einen an ihn ergangenen Ruf Kaiser Alexander II. zum zweiten
Male nach Petersburg zurückzukehren, -woselbst er noch gegenwärtig lebt.
Zichy ist ein Historien- und Genremaler von hervorragender Bedeutung, ausgezeichnet durch geistvolle und beziehungsreiche Conception, Meister der Form und höchst effect- voll in der Farbengebung, in Composition und Colorit unverkennbar unter dem Einfluß der französischen Schule stehend. Als sein bestes und einfachstes Werk gilt das im Auftrag der ungarischen Regierung für das Pester Nationalmuseum gemalte Bild: „Kaiserin Elisabeth am Sarge Franz Deaks."
Das ist der ungarische Maler Michael Zichy (ein Bruder desselben, Anton, ist ein namhafter ungarischer Schriftsteller), in dessen künstlerisches Schaffen uns die hiesige Ausstellung von genau 80 seiner Gemälde und Zeichnungen einen überraschenden Einblick gewährt.
Betrachten wir sie uns etwas näher.
Wir nennen zunächst die 15 Kohlenzeichnungen zu des ungarischen Dichters Emerich Madach (f 1864) Hauptwerk: „Dre Tragödie des Menschen", welche in dialogischer Form eine Entwickelungsgeschichte der Menschheit von dem Sündenfall bis zur Neuzeit gibt. Hier hat also der ungarische Maler gewissermaßen den ungarischen Dichter illustrirt. Von der Erschaffung des Menschen und dem Bau der Pyramiden an führt uns hier der Maler den langen Passionsweg der Menschheit bis zur Guillotine und noch darüber hinaus. Es ist nur sehr zu beklagen, daß diese, wie die noch weiter zu erwähnenden Bitdercyklen ohne jeglichen erläuternden Com- mentar, ja sogar ohne jede Unterschrift, und doch aus sich selbst heraus nicht alle zu erklären' sind, wodurch der Genuß derselben bedeutend erschwert und beeinträchtigt wird.
Wir gehen weiter. Auf Pappe Grau in Grau gemalt (sogen. Grisaille) mit theilweise ausgesetzten braunen Tönen stellen sich uns fünf „Illustrationen zur österreichisch- ungarischen Monarchie, besonders aus der ungarischen Sagenwelt" vor. Was wir ohne Commentar aus diesen Bildern herauslesen können, das ist lediglich, daß sie Reiterzweikämpfe, eine Leichenbestattung, Todtenfeier und eine Hexenscene darstellen. Sie sind flott und mit großer Bravour, aber in einer Weise gemalt, als wenn sie bestimmt wären, durch die Photographie vervielfältigt zu werden.
Folgt nun eine Sammlung von 26 kleinen, unter Glas und Rahmen befindlichen Federzeichnungen zum „Panther- fell", einer Dichtung des uns unbekannten, dem Namen nach wohl italienischen Dichters Rustarelli, die durch ihre wundervolle technische Ausführung kaum unterscheiden lassen, ob wir hier Kohlenzeichnungen, Aqua-Tinta-Blätter, Kupferoder Stahlstiche vor uns haben. Die Lineamente und Schrasfirungen find so wunderbar sein und exact auf diesen Bildern ausgeführt, daß es fast unglaublich erscheint, so etwas mit der Feder auf Papier zu ziehen, und man schwören möchte, hier den Abdruck einer Metallplatte vor sich zu sehen.
Wir kommen zu dem letzten Bilder-Cyklus, der in gewissem Sinne die Perle der ganzen Zichy-Ausstellung bildet: 24 Bleistiftzeichnungen zu dem Roman „Prinzessin Mary" des berühmten russischen Dichters Lermontow. Thut sich in der vorhergegangenen Serie von Zeichnungen zum „Panthersell" die ganze Zauberwelt des Orient auf, so hierein Stück Leben aus der vornehmen russischen, namentlich der militärischen Welt, das sich auf dem Hintergrund äußerst charakteristischer Landschaftsbilder abspielt. Hier wie dort entbehren wir schmerzlich die Kenntniß der zu Grunde liegenden Dichtung, denn auch „Prinzeß Mary" ist uns sremd, und die auf jedem dieser 24 Blätter in russischer Sprache gegebene Erklärung kann uns auch nicht aus der Verlegenheit helfen; — aber immerhin eher noch können wir uns aus denselben einen Roman herauslesen als aus den Märchenbildern zum „Panthersell", den Faden der Erzählung enträthseln, welche aber allem Anschein nach „gut endet", denn die Liebenden „kriegen sich" am Schluß, indeß Lermontows russische Dichtung natürlich in Moll ausgeht, d. h. mit dem Tode des Helden, eines jungen russischen Offiziers, als dessen Gegner ein tscherkessischer Offizier erscheint, der sich feindlich zwischen ihn und seine Liebe — Prinzessin Mary — stellt. Diese Bleistiftzeichnungen gehören in der Reinheit ihrer Contur und der meisterhaften Führung des Stifts zu dem Schönsten, was wir seit Langem in diesem Genre gesehen haben, und eröffnen Jedem, der sich liebevoll in dieselben vertieft, eine Quelle großen und reinen Genusses. Man meint gar nicht, daß das Werke desselben Künstlers seien, welcher die großen Bilder ä la Wiertz geschaffen, und bedauert nur, daß diese armen Blätter so nackt und bloß und alles Schutzes von Glas und Rahmen bar mit Nägeln an die Wand geheftet sind!
, Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die als „Etudes des femmes“ bezeichneten, vortrefflich in schwarzer und rother Kreide ausgeführten weiblichen Actstudien, un* wir können eine Ausstellung verlassen, die uns einen bis dahin uns noch fremden Künstler kennen lehrte, und von der wir nur zu beklagen haben, daß sie in diesen trüben December- tagen und in einem an sich wenig geeigneten Locale stattfinden muß. Emil Pirazzi, Offenbach.
Universität» • Nachrichten.
— Die „deutsche Karl-Ferdinands-Unioersität" zu Prag versendet soeben ihren „Personalbestand zu Anfang des Studienjahres 1889/90". Darnach ftubtren dort gegenwärtig nur 22 deutsche Studenten, im letzten Sommer waren e5 21 gewesen.
— Der Professor der Theologie und Vorsteher des christlich- archaologtschen Museums zu Berlin Ferdinand Piper, ist, 78 Jahre alt, gestorben.
— Dr. Lazar Oppenheimer, bisher Prioatdocent des Strafrechts an der Universität Freiburg, ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden.
— Aus München schreibt man der „Frkf. Ztg.": Der älteste Neffe des Prinz-Regenten von Bayern, der einstige Thronerbe Prinz Rupprecht, besucht während des.Wintersemesters die hiesige Ludwig- Maximilians-Unioersität und die Technische Hochschule. In ersterer hat er drei College, in letzterer zwei belegt.
— Die Frtedrich-Wtlhelms-Universität in Berlin hat in diesem Winterhalbjahr einen nur mäßigen Zuwachs an Zuhörern im Ver- hältniß zum Vorjahr erhalten, was im Hinblick auf den bisherigen Ueberfluß an Studtrenden nicht beklagt wird. In Bezug auf die Universität äußerte neulich einer ihrer eifrigsten Förderer, zu normalen Zuständen in ihr würde mau erst wieder kommen, wenn die gegenwärtige Besuchsziffer von mehr als -5000 auf 3000 herunterginge, denn nur auf die letztere Zahl von Studirenden wäre die Hochschule nach Raum und Lehrkrätten zugeschnitten.
Straßburg. Die Zahl der Studtrenden der Kaiser-Wilhelms- Universität beläuft sich gegenwärtig auf 929; im vorigen Sommer Halle dieselbe 874, im letztoerflossenen Winter 881 betragen.
Literatur und lümft.
— Stanleys kühner Zug zu Emin Pascha, der Rückmarsch beider nach der Ostküste, Frankreichs neueste Besitzergreifungen im westlichen Sudan, die Ausbreitung der italienischen Schutzgebiete am Rothen Meere und an der Somaliküste, die riesigen Gebietsausdehnungen Großbritanniens zwischen Oranje und Sambesi, die Erweiterung des deutschen Länderbesitzes — diese und andere hochbedeutende Vorgänge, welche die Spalten der Zeitungen täglich mit neuen und neuesten Nachrichten füllen, concentrtren das Interesse der ganzen civtlisirten Welt auf den dunklen Erdtheil. Zur genauen Verfolgung der Tagesereignisse in Afrika können wir als das vorzüglichste Orientirungsmittel die im Verlage von Carl Flemming in Glvgau soeben in 33. Auflage neu erschienene General-Karte von Afrika, auf welcher alle geographischen Daten bis auf den neuesten Siand sauber und präcis nachgetragen sind, aus vollster Ueberzeugung empfehlen. Längst rühmlichst bekannt durch eine geradezu mustergtltige Ausführung, durch penible Genauigkeit und ebenso leichte Uedersichtlichkeit wie Handlichkeit verdient diese Karte von Afrika (Maßstab 1: 14,500,000) bei ihrem außerordentlich niedrigen Preise von 1 JL die weitgehendste und allgemeinste Beachtung.
Verfälschte schwarze Seide. Man verbrenne ein Müsterchen des Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu Tage: Aechte, rein gefärbte Seide kräuselt sofort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. — Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, namentlich glimmen die „Schußfäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff erschwert), und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegensatz zur ächten Seide nicht kräuselt sondern krümmt. Zerdrückt man die Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die der verfälschten nicht. Das Seidenfabrik-D'Pöt von G. Henne- berg (ft. u. K. Hoflief) Zürich versendet gern Muster von seinen echten Seidenstoffen an Jedermann, und liefert einzelne Roben und ganze Stücke porto- und zollfrei ins Haus. 8136
4,0 «R.
0,99 Par. Zoll. 1,97 „ „
Wöchentliche Aebersicht der Todesfälle in Gießen.
48. Woche. Vom 24. November bis 30. November 1889. Einwohnerzahl: 19 001 (incl. 1600 Mann Militär). Sterbltchkeitsziffer: 21,9 o/^.
Kinder Es starben an: Zusammen
Lungenschwindsucht 1 (1) Gehirnhautentzündung 1 Lufteintritt in die Brusthöhle 1
Diphtherie 2 (1)
Stimmritzenkrampf 1
Angeb. Ledensschwäche 2 ___
Summa: 8 (2) 3 (1) 3 2 (1)
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von Auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen im im-LJ—miiMmi ni!iim|Miiii"l|ii| miniinn mmnijjoit" -.'tjitjv Jin ilj.ihilijj
Temperatur in Meßen.
November 1889.
Niederste —
Mittlere +
Mittel früherer Jahre +
Höchste........+
Niederschlag an 10 Tagen
im Mittel früherer Jahre an 16 Tagen
: Erwachsene: tm vom
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr:
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