Nr. 284. Zweites Blatt. Donnerstag den 5. December
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1889.
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. December. Nach der dem Reichstage zugegangenen Uebersicht der Ergebnisse des Heeres- ergänzungsgeschästs für das Jahr 1888 sind in den alphabetischen und Nestantenlisten 1,405,183 Mann geführt worden. Davon sind als unermittelt in den Restantenlisten geführt 42/284, ohne Entschuldigung ausgeblicben 115,969, anderweit gestellungspflichtig geworden 325,885, zurückgestellt 492,581 , ausgeschlossen 1245, ausgemustert 45,548, dem Landsturm ersten Aufgebots überwiesen 91,524, der Ersatzreserve überwiesen 86,205, der Marine - Ersatzreserve überwiesen 407 (davon 368 aus der seemännischen, bezw. halb- seemännischen Bevölkerung und 39 aus der Landbevölkerung), ausgehoben 161,247, überzählig geblieben 27,458 und freiwillig eingetreten 14,830. Von den Ausgehobenen wurden für das Heer 158,453 (darunter 154,273 zum Dienst mit der Waffe, 4180 zum Dienst ohne Waffe) und 2794 für die Marine (darunter 1217 aus der Landbevölkerung, 1577 aus der seemännische« und halbseemännischen Bevölkerung) bestimmt. Es sind ferner vor Beginn deS militärpflichtigen Alters freiwillig eingetreten in das Heer: 12,326, in die Marine 779. Wegen unerlaubter Auswanderung sind ver- urtheilt von der Landbevölkerung 20,638, von der seemännischen und halbseemännischen Bevölkerung 487, noch in Untersuchung von der Landbevölkerung 15,274, von der seemännischen und halbseemänuischen Bevölkerung 306.
Ausland.
Manchester, 2. December. In der heutigen Versammlung des liberalen Vereins hielt Gladstone eine Rede, in welcher er an den Rücktritt des Ministeriums in 1880 erinnerte, welches es dem Auslände gegenüber unter Duldung der Unterdrückungen an Sympathie habe fehlen lassen. Die parlamentarische Opposition müsse dem Ministerium gegenüber Langmuth üben und den Handlungen desselben eine wohlwollende Auslegung geben. Auch die jetzige Opposition sei in den letzten drei Jahren von diesem Grundsätze geleitet. Ueberdies glaubte dieselbe im ganzen Vorgehen des Ministeriums eine Annäherung an die Prinzipien der englischen Politik erblicken zu müssen. Jndeß sei zu beklagen, daß Salisbury die beiden Posten des Premiers und des Staats- secretärs des Auswärtigen in seiner Hand vereinige. Für die liberale Partei sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo sie bezüglich der auswärtigen Angelegenheiten die nämliche Wachsamkeit anwenden müsse, die in den Jahren 1876 bis 1880 j
von ihr geübt worden sei. Anläßlich der Vorgänge aus Kreta sei eine große Unzufriedenheit entstanden, während sich in Armenien Dinge zugetragen, woraus die Aufmerksamkeit des englische» Volkes gelenkt werden müsse. Er hoffe, daß die Regierung diese Thatsachen, wobei es sich um das Eigenthum, um Menschenleben und um die Ehre der Frauen handele, nicht beschönigen und sich weder durch Apologien noch Ausflüchte, nach welchen die Dinge als innere Angelegenheiten behandelt würden, Hinhalten lassen werde.
Vermischtes.
— lieber die Schädlichkeit der Katzen äußert sich Herr Dr. Böcker zu Gröbers in einer der letzten Nummern des zu Frankfurt a. d. O. bei Trowitzsch erscheinenden „Practischen Rathgebers im Obst- und Gartenbau" aus Grund langjähriger eigener Erfahrung in dem Sinne, den auch das Reichsgericht als berechtigt anerkannte, indem es das Abschießen der in fremden Gärten umherwildernden Katzen für straffrei erklärte. Dr. Böcker schreibt:
„Alles Wegfangen der gefiederten Sänger in der Zugzeit zum Zwecke des Verkaufs als Stubenvögel hat nicht den hundertsten Theil so verderblichen Einfluß auf den Bestand unserer besten Sänger, Nachtigallen, Grasmücken u. s. w., als das Rauben der Katzen. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß in Dörfern nur eins von hundert aller Gehecke der niedrig bauenden Sänger hoch kommt! Die Katzen schleichen die ganze Nacht in den Gärten umher, spioniren bald jedes Nest aus und sangen die Alten aus dem Neste. Entgeht ihnen wirklich einmal ein Nest in der ersten Zeit, so fällt es ihnen bestimmt zum Opfer, sobald Junge darin sind, da diese das Nest durch ihren Unrath oder durch ihr Zirpen verrathen. Der ganze Bestand der insecten- fressenden Sänger rekrutirt sich aus den wenigen Gärten, die mit aller Sorgfalt von Katzen rein gehalten werden, aus Fasanerien, wo dies ja auch der Fall ist, und aus den von Wiesen umgebenen Wäldern. Hält man von einem gebüschreichen größeren Garten die Katzen mit aller Energie fern, so wird man die Freude haben, den Garten mit Singvögeln baldigst bevölkert zu sehen.
Ich kann hier aus Erfahrung sprechen. Als ich vor 9 Jahren nach meinem jetzigen Wohnort, einer von den nächsten Dörfern ein bis zwei Kilometer abliegenden Zuckerfabrik, kam, fanden sich sowohl in meinem zwei Morgen großen, als auch in dem sechs Morgen großen Garten meines Nachbars, welche beide parkartig angelegt und mit vielem Gebüsch versehen sind, nur ein Amsel paar, einige Hänflinge
und viele zerstörte Nester vor. Als ich meine Verwunderung aussprach, daß keine Nachtigall und nur so wenig andere Sänger da waren, wurde mir gesagt, daß sich die Vögel nur kurze Zeit hier aushielten und wahrscheinlich aus Mangel an Nahrung weiterzögen. Mir wollte der Grund nicht recht einleuchten, auch führten die vielen zerrissenen Nester eine nur zu beredte Sprache. Ich stellte mich nun im Frühjahr Abend für Abend aus den Katzenanstand und schoß in dem Jahre einige zwanzig Katzen, was zur Folge hatte, daß die Nachtigall und zahlreiche andere Singvögel blieben, und nur wenig Nester den Katzen zum Opfer fielen. Dies Verfahren setzte ich Jahr für Jahr fort und vertilgte jährlich etwa 15 Katzen, welche von den umliegenden Dörfern gestrolcht kamen, da auf der Fabrik keine Katzen gehalten wurden. Jetzt mache ich mir die Sache bequemer; ich habe in die die Gärten umgebende Mauer Löcher brechen lassen und sogenannte Lauffallen davor gestellt. Hierin fängt sich jedes Raubthier unfehlbar. Es hatten sich in diesem Frühjahre bereits 11 Katzen gefangen, welche unerbittlich getödtet wurden. Meine Mühe hat sich in kaum glaublicher Weise belohnt, denn in dem letzten Jahre haben in unseren Gärten ihre Brut groß gebracht: 3 Paare Nachtigallen, 2 Paare Mönche, 3 Paare graue Grasmücken, 2 Paare Sperbergrasmücken, 4 Paare Weißkehlchen, 3 Paare Müllerchen, 2 Paare Wendehals, 2 Paare Gartenroth- schwänzchen, 7 Paare Fliegenschnäpper, 12 Paare Bachstelzen , 1 Paar Kohlmeisen, 25 Paare graue Hänflinge, 35 Paare grüne Hänflinge, 1 Paar Buchfinken. Zusammen 102 Paare Singvögel. Dieses Jahr wird der Bestand dem Anscheine nach noch größer.
Solche Zahlen beweisen wohl zur Genüge, welchen unendlichen Schaden die Katzen der Vogelwelt zusügen; man kann es daher keinem Gartenbesitzer verdenken, wenn er mit allen Mitteln das Raubgesindel zu vernichten sucht. Ein Freund von mir, welcher in seinem Parke dieses Jahr Fasanen aussetzte, hat in den Lauffallen einige zwanzig Katzen gefangen. Jetzt wundert er sich nicht mehr, weßhalb sich m seinem Parke in anderen Jahren keine Singvögel halten wollten. Dieses Jahr hat er genug. Die Katze gehört in das Haus und in die Gehöfte - bleibt sie dort und fängt Mäuse, so ist sie ein Hausthier, — strolcht sie im Freien umher, so bringt sie nur Schaden und ist als Raubthier zu vernichten. Der Nutzen der Katzen wird wohl in den meisten Fällen überschätzt. Wir haben auf den zur Fabrik gehörenden Gütern nicht mehr Mäuse und Ratten, seitdem wir die Katzen abgeschafft haben. Dasselbe ist bei vielen meiner Bekannten
Feuilleton.
Das Mchtenmachen der Kinder.
Von A. vom Rhein.
Die fröhliche selige Weihnachtszeit, das schönste Fest der Christenheit, welches so viel herzinnige Freude, so viel unschuldvolles Glück, so zahlreiche jauchzende glückliche Kinder- gesichtchcn hervorzaubert, treibt auch eine verderbliche Blüthe, die des Fürchtenmachens der Kinder. Kein Monat im Jahre hat wie der December etwas dem Nikolaus und dem Christkindchen Aehnliches aufzuweisen, und wie oft speciell die Namen „Nikolaus" und „Knecht Ruprecht" als Schreckgestalten benutzt werden, brauche ich nicht besonders zu sageu. Das Christkindlein an sich wird schon viel seltener grausig ausgemalt und nur mitunter, wenn die lieben Kleinen ihre Neugier absolut nicht bezwingen wollen, sagt einmal die Mutter oder die Tante: „Das Christkindchen guckt Dir die Augen aus" oder einen ähnlichen Unsinn. Ja Unsinn! Ich muß eß so nennen, nicht weil der Satz und fein Inhalt mir diese scharfe Bezeichnung auspreßt, sondern, weil dies Fürchtenmachen von den schrecklichsten Folgen begleitet sein kann. '
Der „Nikolaus", das Hauptschreckgespenst, macht nicht nur vor dem 6. December seine Runde, sondern marschirt munter mit dem Christkindcheu Arm in Arm bis zum heiligen Abend- es ist besonders der Helfer in der Noth, wenn es gilt, Kinder von etwas abzuhalten, weil seine Gestalt selbst größeren Kindern Furcht einzuflößen pflegt.
Eltern aber, die auf solche Weise ihren Kindern Gehorsam beibringen oder sie von etwas abhalten wollen, begehen ein großes Unrecht, weil sie das Nervensystem ihrer Kinder aufs Empfindlichste schädigen können. Die Erwiderung, daß es geschehe, um den Kindern am Weihnachtsabend eine um so größere Freude zu machen, kann ich nicht als eine genügende Entschuldigung gelten lassen.
Ich werde wohl kaum mit diesen Zeilen die schreckliche und fast allgemein verbreitete Unsitte, vom „schwarzen Mann", dem „Butzemann" oder ähnlichen Schreckgestalten zu den Kindern zu reden, ausrotten können, aber ich will sie doch nach Kräften bekämpfen und hoffe umsomehr auf Erfolg, als dieses Blatt allgemein gelesen wird.
Bei Tage mag das Wort „schwarzer Mann", „Nikolaus" uni) dergleichen manchmal auf die Kinder keinen Eindruck machen, desto mehr aber bei Abend und Nacht. Lasset Euch also, Ihr Mütter, durch die scheinbare Gleichgültigkeit Eures Kindes am Hellen Tage nicht verleiten, recht gräuliche Gestalten auszumalen, in der Meinung, das Kind fürchte sich nicht. Bei lichtem Tage sieht Alles freundlicher aus, bei craffer Dunkelheit dagegen überschleicht selbst den unerschrockensten Mann — ich will nicht sagen ein Gefühl der Angst oder Furcht, sondern des Unbehagens, der Unsicherheit. Und dieses Gefühl, das uns Menschen — ich darf wohl sagen ohne Ausnahme — von Geburt aus innewohnt und sehr erklärlich ist, ist bei dem Kinde, welches noch nicht alle Dinge wie der Erwachsene begreift und erkennt, viel stärker ausgeprägt. Es werden darum, sobald es Abend wird und völlige Dunkelheit herrscht, Eure Schreckgestalten von neuem vor seinem geistigen Auge auftauchen, es wird sich fürchten und einen dunkeln Raum allein nie, in Gesellschaft eines Erwachsenen nur ungern betreten. Wird es gezwungen, allein ins Dunkle zu gehen — ein solcher Zwang wäre übrigens, wenn die Eltern die Furcht gepflegt haben, eine schreiende Ungerechtigkeit und Härte! — so wird es das zitternd und bebend thun, sein ganzes Nervensystem geräth in Aufregung, und wenn nun zufällig sich ihm eine Gestalt in den Weg stellen sollte, so ist 10 gegen 1 zu wetten, daß das Kind vor Angst in Krämpfe fällt, die vielleicht zeitlebens Spuren zurücklassen.
Bedenkt also wohl, Ihr Eltern, besonders Ihr Mütter, was Ihr auss Spiel setzt, wenn Ihr Euren Kindern Furcht einflößt!
Ich kenne ein kleines Mädchen, das viertel- und halbe- stundenlang das Köpfchen nicht mehr zu erheben wagt, wenn vom Nikolaus die Rede ist, und es schlägt nur Jemand, der dicht und erkennbar neben ihm steht, das Kleid über den Kopf. Das Kind zittert bann wie Espenlaub und ist todten- bleich vor Angst. Und dieser Effect ist durch das einmalige Erscheinen des Vaters als Nikolaus, der den Kindern Nüsse und Aepsel wirft, hervorgebracht worden- der Vater, der es herzlich gut meinte, bereut feine Handlung jetzt bitter und gibt sich alle Mühe, dem Kinde klar zu machen, daß es einen Nikolaus nicht gibt. Vorläufig aber kann das Kind feiner Furcht nicht Herr werden. Es hat eben den Nikolaus gesehen und nun will es ihm absolut nicht in den Kopf, daß es einen Nikolaus nicht geben soll.
Von den zahlreichen Unannehmlichkeiten, daß z. B. die Kinder nicht zu Bett gehen wollen, daß Jemand bei ihnen bleiben muß bis sie einschlafen, welche alle durch das Fürchtenmachen hervorgerufen werden, will ich gar nicht reden - diese Dinge scheinen mir gering im Vergleich zu der gesundheitlichen Frage.
Ich kann cs den Eltern nicht warm genug ans Herz legen, dem Kind statt Furcht stets Muth einzuflößen, es ins Dunkle zu führen, ihm Alles zu zeigen und zu erklären, aber natürlich nicht, nachdem man erst Gespenster hat erscheinen lassen, sondern vom ersten Augenblick an. Zwar wird ein Kind, das man nie Furcht hat kennen gelehrt, ganz von selbst muthig sein — insoweit man natürlich bei einem so jungen Geschöpf von Muth überhaupt reden kann — aber es ist besser, man thut in der Beziehung lieber etwas zu viel, denn das Gegentheil. Eltern, die ihre Kinder zu erziehen wissen, brauchen übrigens keinen „Butzemann" und „Nikolaus". Ihr Wort muß genügen und wenn's nicht anders geht, so nehme man lieber den Stock und verschaffe seinen Worten Respect, als man erzwinge den Gehorsam durch den „Butzemann und Consorten".
Fort darum mit der gefährlichen Unsitte des Fürchtenmachens der Kinder. -----------


