Ausgabe 
5.11.1889 Zweites Blatt
 
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1889.

Nr. 258. Zweites Blatt. Dienstag den 5. November

Der

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ständige Zollfreiheit, für andere Positionen dagegen Erhöhungen des jetzigen Zolles vor, die Mindereinnahme infolge dieser Zollveränderungen werden im Ganzen auf 31/3 Millionen ! fronen geschätzt und ist es nicht unwahrscheinlich, daß die radicale Mehrheit des Folkething die Zollvorlage zum Anlaß ür neue Angriffe auf das Ministerium Estrup nimmt.

Fürst Ferdinand von Bulgarien ist am Samstag nach mehrwöchentlicher Abwesenheit aus seinem Lande wieder in Sofia eingetroffen, also noch rechtzeitig genug, um am nächsten Tage die Sobranje eröffnen zu können. In Wien hat der Fürst vor Antritt der Heimreise noch ein Gespräch mit einem einer dortigen Freunde gehabt, in welchem-er versicherte, bei einer Auslandsreise keinerlei politische Zwecke verfolgt zu haben. Im weiteren Verlaufe des Gespräches äußerte sich Fürst Ferdinand sehr zuversichtlich über die weitere Entwickelung der bulgarischen Verhältnisse und gedachte er schließlich der anerkennenden Worte des Kaisers Franz Josef über Bulgarien.

stantinopel hervor, derselbe schaffe neue Bürgschaften des Friedens für das Wohl und das Gedeihen unseres Volkes und Landes, wofür Deutschland dem Kaiser von Herzen dankbar sei.

Friedrichsruh, 2. November. Graf Kalnoky ist hier- selbst kurz nach 12 Uhr eingetroffen und vom Legationsrath Brauer beim Verlassen des Waggons begrüßt worden. Fürst Bismarck kam dem Grasen auf dem Bahndamm entgegen, die Herren begrüßten sich, schüttelten sich wiederholt herzlichst die Hände und gingen nach dem Bahnhofs-Perron zurück. Das anwesende Publikum grüßte mit dreimaligem Hoch, wo für die beiden Staatsmänner durch Verneigen dankten. Die Herren fuhren alsdann nach dem Schloß. Der Besuch Kalnokys soll, wie es heißt, bis Montag dauern.

Staßfurt, 3. November. In der herzoglich Anhaltischen neuen Schachtanlage Hierselbst wurden die Arbeiter von einer Ansammlung von Schwefelwasserstoffgasen überrascht. Sieben Arbeiter wurden getödtet, zwei schwer verletzt.

Alle AnnonccN'Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 1. November. Das Großh. Regierungsblatt, Beilage Nr. 26, enthält u. A.:

Oeff ent liehe Anerkenn nyg einer edlenThat. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem Ober­förster Otto Weber zu Grebenhain in Anerkennung der von demselben mit Muth und Entschlossenheit und unter eigener Lebensgefahr vollbrachten Rettung des zweijährigen Carl Vogler aus Grebenhain vom Tode des Erttinkens die Rettungs­medaille zu verleihen geruht.

Dienstnachrichten. Am 9. Oetober wurde der von dem Herrn Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grasen zu Erbach-Schönberg auf die Lehrerstelle an der katholischen Schule zu Seckmauern präsentirte Schul­verwalter Johann Gruber daselbst für diese Stelle bestätigt- am 11. Oetober wurde dem Schulamtsaspiranten Conrad Lust aus Zell eine Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Hammelbach übertragen- am 12. Oetober wurde dem Schul- amtsaspiranten Georg Lenhardt aus Götzenhain eine Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu Dietzenbach, am 18. Oetober wurde dem Schullehrer Heinrich Gunschmann zu Hungen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Langen, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten August Listmann aus Rixfeld die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober- Schmitten, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Joh. Knaupp zu Langwaden eine Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Egelsbach übertragen - am 22. Oetober wurde dem Schulverwalter Joseph NeeS zu Gernsheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Heusenstamm übertragen.

Am 15. Oetober wurde dem Pfarrverwalter Wehrheim zu Sauer-Schwabenheim die kathol. Pfarrstelle daselbst, an demselben Tage wurde dem Caplan Jäger zu St. Christoph in Mainz die kath. Pfarrstelle zu Waldmichelbach mit Wirkung vom 23. Oetober an, dem Dr. Franz Engelhardt zu Seligen­stadt wurde die kath. Pfarrstelle zu Heppenheim mit Wirkung vom gleichen Tage an übertragen.

Dienstentlassungen. Am 24. October wurde der Lehrer an der Gemeindeschule zu Lich Carl Döring auf fein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. November an, seines Dienstes entlasten. 3

Durch rechtskräftiges Erkenntniß des Provmzialausschuffes der Provinz Oberhesten vom 13. April ist dem Johannes Haas zu Gießen das demselben am 23. Juni 1842 ertheilte Patent als Geometer zweiter Klasse entzogen worden.

Concurrenzeröfsnungen. Erledigt .sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Osthofen mit einem nach dem Dienstalter sich bemestenden Gehalte von 10001600 Mk. Eine Lehrer- stelle an der ev. Schule zu Gimbsheim mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 10001500 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Zwei mit ev. Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Gemeindeschule u Arheilgen mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 10001200, bezw. 1300 Mk. Zwei Lehrer­stellen an der Volksschule zu Gießen, von denen die eine mit einem evangelischen, die andere mit einem katho­lischen Lehrer zu besetzen ist, mit einem Anfangsgehalte von je 1200 Mk.

Berlin, 2. November. Se. Majestät der Kaiser und König haben dem Reichskanzler das nachstehende aus Wdiz-Palais vom heutigen Tage, Vormittags 11 Uhr datirte Telegramm zugehen lassen: Konstantinopel bei schönem Wetter soeben erreicht. Unbeschreiblich schöner Anblick. Wilhelm I. R.

Berlin, 2. November. DieNordd. Allg. Ztg." hebt I anläßlich des Besuches des Kaisers und der Kaiserin in Kon­

polittsche Uebersrcht.

Gießen, 4. November.

Das deutsche Kaiserpaar ist nunmehr am Endpunkte seiner Orientfahrt in Konstantinopel, angelangt und der Besuch in der Hauptstadt des OsmanenreicheS giebt der ganzen Kaiser­reise einen überaus interessanten Abschluß. Schon die That- sache an sich, daß ein Herrscherpaar von der hohen Stellung Kaiser Wilhelms und seiner erlauchten Gemahlin am Hofe des Sultans erscheint, ist ein so seltenes und bemerkenswertes Ereigniß, daß der Kaiserbesuch in Konstantinopel bereits hier­durch die Aufmerksamkeit in besonderem Grade auf sich zieht. Außerdem tritt derselbe auch durch seine politische Färbung, die er im Gegensatz zu dem Aufenthalte Kaiser Wilhelms in Athen aufweist, hervor und wenngleich die Ausdehnung der Kaiserreise von Griechenland nach der türkischen Hauptstadt auf den ersten Blick anscheinend nur den Charakter eines Vergnügungsausfiuges trägt, so ist doch dessen politische Be­deutung nicht zu läugnen. Auf dieselbe weist auch der dem deutschen Kaiser gewidmete und überaus sympathisch gehaltene Begrüßungsartikel des officiösen türkischenTarik" hin, in welchem die langjährigen herzlichen Beziehungen zwischen Deutschland nnd der Pforte betont werden und in dem die Erwartung ausgesprochen wird, daß die Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Sultan zur Befestigung dieses Verhält­nisses beitragen werde. Selbstverständlich kann aber von irgendwelchen politischen Abmachungen bei der Monarchen- zusammenkunft von Stambul nicht die Rede sein, dieselben liegen den Absichten, welche Kaiser Wilhelm nach Konstantinopel führten, vollständig fern und auch in den türkischen Negierungs­kreisen trägt man sich mit keinerlei aussichtslosen politischen Plänen hinsichtlich dieses Ereigniffes. Den hohen Reisenden hat sich mit dem Besuche in der alten Kaiserstadt am Bosporus eine ganz neue und originelle Welt erschlossen, denn sie be­finden sich hier an einer Stätte, wo sich Abendland und Morgenland so eigenartig vereinen, wie wohl kaum noch auf einem zweiten Punkte der Erde. Daneben ist bekanntlich Kon­stantinopel berühmt durch seine landschaftliche Umgebung, während in geschichtlicher Beziehung sein Name ja so vielerlei Erinnerungen weckt, wie nur noch wenige andere Städte Eu­ropas. Die Meeresfahrt des Kaiserpaares durch die ent­zückende griechische Inselwelt und die Dardanellen ist bei prachtvollstem Wetter verlaufen - der Kaiser selbst meldete die am Freitag Abend erfolgte Durchfahrt durch die altberühmte Meeresstraße der Dardanellen dem Fürsten Bismarck durch ein kurzes Telegramm. Die Ankunft der allerhöchsten Herr­schaften in Konstantinopel dürfte Samstag gegen Mittag er­folgt sein. Soweit bekannt, gedenken die Kaiserlichen Maje­stäten an diesem Dienstag von Konstantinopel auS die Heimreise über Italien anzutreten und wird die Ankunft in Berlin für Len 15. November erwartet.

Das Arbeitsmaterial für den Reichstag erweist sich reich­licher, als nach der Thronrede geschloffen werden konnte. Dies erhellt auch aus der am 31. October abgehaltenen Wochen­plenarsitzung des Bundesrathes, in welcher u. A. die neuen Vorlagen, betr. die weitere Ausprägung von Einpfennig- Stücken, und betr. die Einrichtung einer Reichspostdampferlmie nach Ostafrika, den zuständigen Ausschüßen überwiesen wurden. Weiter ist aus der Sitzung noch zu erwähnen, daß der Bundes­rath das neue Bankgesetz genehmigte.

Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky traf am Samstag Vormittag, von Hamburg kommend, woselbst er in Streits Hötel übernachtet hatte, in Friedrichsruh zum Besuche des Fürsten Bismarck ein- die Begrüßung zwischen .beiben Staatsmännern trug einen sehr herzlichen Charakter. Fast die gesummte europäische Tagespresse widmet dem Er­scheinen Kalnokys in Friedrichsruh unter Hervorhebung des .Umstandes, daß der Reise Kalnokys der Gegenbesuch des Czaren am Berliner Hofe vorauöging, eingehende Betrachtungen. Dieselben laufen überwiegend darauf hinaus, daß die Minister- tegegnung von Friedrichsruh ein neues Friedenszeichen bedeute und da§ ihrige zur weiteren Aufhellung des politischen Hori­zontes beitragen werde. Das WienerFremdenblatt" selbst, das Organ Kalnokys, spricht sich in ähnlichem Sinne aus und betont hierbei, unter Hinweis auf die Wiederherstellung des ungetrübten Verhältnisses zwischen Deutschand und Rußland, die Besprechungen der beiden Staatsmänner würden nur den in der deutschen Thronrede ausgedrückten Friedenshoffnungen entsprechen.

In der dänischen Volksvertretung ist vom Minister- präsidenteil Estrup, der zugleich das Finanzportefeuille mit inne hat, eine neue Zoll-Vorlage eingebracht worden. Die­selbe schlägt bei einigen Positionen des Zolltarifs Ermäßigungen und für Kohlen, Kaffee, Thee, Reis und Salz sogar voll­

verinischtes.

dt. Ren-Ulrichstein, 1. November. Monatsbericht pro October 1889 der Arbeiter-Colonie. Ende October 1889 sind in der Colonie stellen- resp. arbeitslos 93 Mann. Dieselben, vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 23, Regierungsbezirk Wiesbaden 15, Regierungsbezirk Cassel 18, Provinz Pommern 3, Rhein­land 5, Westpreußen 1, Großherzogthum Baden 1, Provinz Brandenburg 1, Schlesien 3, Hannover 3, Westfalen 1, Sachsen 1, Ostpreußen 1- Königreich Sachsen 3, Württem­berg 2, Bayern 8, thüringische Staaten 2, freie Stadt Ham­burg 2.

* Hiervon waren Anstreicher 2, Arbeiter 38, Barbier 1, Bäcker 4, Bergmann 1, Bildhauer 1, Bötticher 1, Buch­binder 1, Buchdrucker 1, Cigarrenmacher 1, Drahtzieher 1, Elfenbeinschnitzer 1, Färber 2, Gärtner 2, Goldarbeiter 2, Häfner 1, Kaufmann 3, Leinweber 1, Maurer 2, Metzger 1, Sattler 1, Schreiber 1, Schreiner 2, Schriftsetzer 1, Schorn­steinfeger 1, Schneider 4, Schuhmacher 6, Steindrucker 1, Tapezierer 2, Weber 2, Weißbinder 1, Zimmerleute 2.

Seit Bestehen der Colonie wurden ausgenommen 1301. Abgegangen sind 1208. Im October wurden entlassen 13, und zwar in Arbeit durch die Colonie 2, auf eigenen Wunsch 9, in die Familie zurück 9. Verpflegungstage im October 2017. Gearbeitet wurde an 1005 Tagen, incL 305 für fremde Rechnung.

Königsberg L Pr., 31. October. Eine Zwangsvoll- streckilng seltener Art ist demGesell." zufolge in den letzten Tagen gegen einen in der Umgebung unserer Stadt wohnenden Speisewirth zur Anwendung gebracht worden. Der Gerichts­vollzieher pfändete nämlich u. a. auch das von dem Wirth seinen Gästen soeben Vorgesetzte Mittagsmahl. Er eröffnete allerdings den Gästen, daß er bereit fei, ihnen nach erfolgter Abpfändung die Speisen zu verkaufen.

Eisenbahupoefie. Wer noch der Meinung ist, daß die Eisenbahnen mitarbeiten an der Vernichtung der Poesie, den wird folgende Geschichte in Versen, welche dieDeutsche Verkehrszeitung" mittheilt, eines Besseren belehren. Eine Dame in der Provinz Sachsen sandte dieser Tage ein junges Hündchen nach Posen. In der Sorge, daß dem kleinen Reisenden die weite Reise Schaden bringen möchte, bemerkte sie auf dem Behälter:

Damit der Hund

Auch ganz geiund

Bei Ober-Rathes Töchterlein

Trifft elS lebend'ges Thierchen ein,

So bitt' ich Jeden, der die Hunde liebt, Daß er dem Hunde etwas Millich giebt. v. E.

Ein Beamter der Bahnpost bemerkte hierunter:

An Milch in jedem Bahnpoitwagen es gebricht, Bier wollte der verwöhnte Racker nicht. Doch gierig nahm der kleine Schlucker, Ost Zuckerwasier, aber ohne Zucker.

Und Wasser ist gesund! Der kleine Kerl soll in bestem Wohl­befinden an Ort und Stelle angelangt sein.

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Literatur und Aunst.

Nr. 32, IV. Band, der Naturwissenschaftliche« Woche«« schrist, Redacteur Dr. H. Potoniö, Verlag von Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung in Berlin, hat folgenden Inhalt. Heber den Thiersang der Utricularien. (Mit 3 Abb ldungen.) - W. Potoniü: Ein Laut-Bildzeichensystem. (Mrt 1 Tafel.) Eigen­bewegung bei Mikrokokken. Perubalsam. Wo-u dienen die Rücken- und die Bauchfloffen der Fische? - Reiherhorste in Ost­preußen. Aluminiumfabrikation. Literatur.