Nr. 4. Samstag den 5 Januar 1888.
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeil.
Gießen, den 31. December 1888.
Betreffend: Das Reichsgesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
ÄN Großherzogliches Polizeiamt Gießen und die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinde« des Kreises.
Unter Bezugnahme auf unser AuMreiben vom 20. Februar 1886 (Anzeigeblatt Nr. 46) sehen wir der Einsendung der vorschriftsmäßigen Auszüge aus der von Ihnen zu führenden Tabelle über die im Jahr 1888 vorgenommenen Untersuchungen von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen bis zum 15. Januar l. I. entgegen.
v. Gagern.
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Politische Ueberstcht
Gießen, 4. Januar.
Die erste Woche des neuen Jahres hat eine Reihe politischer Kundgebungen gezeitigt, die, an den Jahreswechsel anknüpfend, nur geeignet erscheinen, die Hoffnungen auf Erhaltung des Weltfriedens zu verstärken. Namentlich sind seitens des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza beim parlamentarischen Neujahrsempfange sehr friedens- zaversichtliche Aeußerungen gefallen und aus gleichem Anlasse hat auch König Humbert von Italien seiner Friedenszuversicht Ausdruck verliehen. Ferner sind infolge des Jahreswechsels sehr herzliche Glückwunschtelegramme zwischen Kaiser Wilhelm und König Humbert, sowie zwischen dem Reichskanzler Fürsten Bismarck und dem italienischen Ministerpräsidenten Crispi, weiter zwischen letzterem und dem Staatssecretär Grafen Herbert Bismarck ausgetauscht worden, welche Kundgebungen ebenfalls vertrauensvolle Ausblicke in die Zukunft eröffnen. Schließlich ist auch die Neujahrsansprache des Präsidenten der französischen Republik in durchaus friedlichem Tone ge- balten und unter dem Eindrücke all' dieser guten Neujahrsbotschaften kann die politische Arbeit überall mit frischem Muthe wieder ausgenommen werben.
Das neue Jahr hat in seinem Anfänge als die bemerkenswertheste Nachricht im Bereiche der innerdeutschen Angelegenheiten diejenige von der laut königlichem Erlasse auf den 15. Januar festgesetzten Einberufung des preußischen Landtages gebracht. Da der Reichstag am 9. Januar seine durch die Weihnachtspaufe unterbrochenen Arbeiten wieder aufnimmt, so bringt der sechs Tage hierauf erfolgende Zusammentritt des preußischen Landtages das parlamentarische Leben zu seiner vollen Entfaltung, nur wird sich das meiste Interesse nach wie Gor auf den Reichstag con- centriren. Denn was den preußischen Landtag in seiner neuen Session erwartet, sind keineswegs gesetzgeberische Ausgaben allerersten Ranges und sicht überhaupt nur eine ckurze und geschäftsmäßige Session zu erwarten. Der Reichstag dagegen tritt jetzt erst in den wichtigsten Thetl seiner Thätigkett ein, nur daß dieselbe vorwiegend die Commissionen beschäftigen wird, in erster Linie die Commission für die Altersversicherungsvorlage, ferner die Budget-Commission und weiter die Commission zur Borberathung des Genossenschastsgesetzes. Das Plenum des Reichstages wird in den nächsten Wochen zumeist durch die Specialbetathung des Etats in Anspruch genommen werden, doch richtet sich darüber hinaus die Aufmerksamkeit bereits der angekündigten ostafrikantschen Vorlage entgegen, und werden sich an dieselbe unzweifelhaft wichtige colonialpolttifche Debatten knüpfen, die vor Allem den Standpunkt der Negierung wie des Parlamentes hinsichtlich der wetteren in Ostafrika zu ergreifenden Maßregeln genau barlegen dürften.
Das vor einiger Zett eingeretchte Entlasfungsgesuch des Vorsitzenden Des braunschweigischen Slaatsministeriums, Grafen v. Görtz-Wrisberg, ist nunmehr vom Prlnzregenten Albrecht abgelehnt worden. Man kann dem Lande Braun- schweig nur Glück dazu wünschen, daß ihm eine so verdiente Persönlichkeit, wie Graf v. Görtz-Wrisberg, an der Spitze seiner Regierung erhalten bleibt.
Aus Deutsch-Ostasrika brachte die erste Woche des neuen Jahres die Kunde von einem abermaligen blutigen Zusammentreffen zwischen den Deutschen und den arabischen Aufrührern, dessen Schauplatz die Hafenstadt Dares-Salam gewesen ist; doch liegen über den Verlauf des Kampfes noch keine Einzelheiten vor. Sonst hat der ostafrikanische Telegraph zum Jahresanfänge noch die Nachricht vom Eintreffen eines griechischen Händlers in Suaktn gemeldet, der vor zwei Monaten aus Chartum entwichen ist und nach dessen Berichten man in Chartum von der angeblichen Gefangennahme Emin Pascha's durch die Mahdisten nichts weiß, im Gegentheil sollten die Streitkräfte des Mahdi zweimal durch die Truppen Emin Pascha's geschlagen worben sein.
Als bebeutsamstes Ereigniß, welches bie ersten Tage bes Jahres 1889 in ber auswärtigen Politik gezeitigt haben, erscheint bie am Mittwoch in ber Großen serbi scheu Skupschtina mit gewaltiger Mehrheit, mit 494 gegen 73 Stimmen, erfolgte Annahme des neuen Verfassungs-Entwurfes; 3 Skupschtina-Mitglieder enthielten sich der Abstimmung und 17 waren abwesend. Die der Abstimmung vorangehende Dis- cufsion verlief ungemein sachlich und selbst der Berichterstatter der Minderheit, der Deputirte Macksimooic, erkannte die Vorzüge der neuen Verfassung an, meinte aber, daß dieselbe in Bezug auf persönliche und politische Freiheiten noch Manches vermissen lasse, was das serbische Volk wünsche. Der Redner der Mehrheit, Rlbaraz, beschränkte sich dem gegenüber darauf, zu bemerken, baß König Milan bas Recht habe, bie unver- änberte Annahme bes Entwurfes zu verlangen, woran sich ber Minister bes Aeußern, Mjiatovic, mit einer begeisterten Rebe schloß, in welcher er für möglichst einstimmige Annahme des Entwurfes plaidirte, burch welche bas serbische Volk einen Beweis seiner politischen Reife geben würbe. Diese einhellige Annahme ber neuen Verfassung ist nun zwar nicht erfolgt, aber doch genehmigte die Skupschtina dieselbe mit gewaltiger Mehrheit. König Milan darf also mit diesem Beschlüsse der serbischen Volksvertretung vollkommen zufrieden fein. Am Donnerstag wurde in feierlicher Schlußsitzung der Skupschtina die neue Verfassung unter lebhaftem Beifalle proclamirt und beginnt hiermit eine ganz neue Epoche in der Entwickelung Serbiens.
Ein weiteres erwähnenswerthes Ereigniß ber Jahreswenbe von ber Balkan Halbinsel wirb aus Bukarest gemeldet, wo ber russische Gesandte Hitrowo seine Abberufung erhalten hat. Den NerMer,'Rußlands in der rumänifchen Hauptstadt umgibt ein ziemlich zweideutiges R^ytze, Nun es ist ein offenes Geheimniß, daß Hitrowo eines der hauptsächlichsten Werkzeuge ber panslavistffch-russischen Actionspartei auf der Balkanhalbinsel war. Die rumänische Regierung toll nicht wenig erfreut darüber fein, daß dieser diplomatische Wühlhuber nun endlich auf Nimmerwiedersehen geht.
Deutschland.
Berlin, 1. Januar, lieber bie diesjährigen Kaisermanöoer soll, wie es heißt, eine Allerhöchste Entscheidung getroffen fein. Auf keinen Fall dürfte ein Manöver vor dem obersten Kriegsherrn bet dem 1. Armeecorps stattfinden, da ein solches erst 1887 abgebalten ist; auch wohl nicht bei dem 5. und 6. Corps. Wenn die Reihenfolge, wie früher, eingehalten wird, so würde das 10. und 9. Corps die Auszeichnung treffen, vor dem Kaiser zu manövriren. Die letzten Kaisermanöoer in Hannover und Schleswig- Holstein fanden 1881 statt; ihnen folgten 1882 die Manöver in Schlesien und im Föntgreich Sachsen.
Berlin, 2. Januar. Nach dem im Reichs-Gesundheitsamte angefertigten Bericht über die Verbreitung von Thierseuchen im Deutschen Reiche für das Jahr 1887 find in diesem Zeiträume für bie aus Anlaß ber Bekämpfung bes Rotzes getöbteten 1305 Pferbe 401 297.05 ober durchschnittlich für ein Pferd 307.15 gezahlt worden. Auf Preußen entfallen 1052 entschädigte Pferde, auf Bayern 85, Württemberg 55. Nur je ein Pferd ist entschädigt in Hessen, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Sondershausen, Hamburg; keines in Hohenzollern, Oldenburg, Sachsen-Meiningen, Schwarz- burg-Rubolftadt, Waldeck, Reuß ä. L., Reuß j. L., Schaumburg-Lippe, Lippe, Lübeck und Bremen. Aus Anlaß der Bekämpfung der Lungenseuche sind für 2852 Stück Rindvieh- 478567.78 JL, somit durchschnittlich für eines 167.80 JL gezahlt worden. Auf Preußen entfallen 1974 entschädigte Stück Rindvieh, davon allein 1521 auf die Provinz Sachsen, auf Bayern 364, Braunschweig 270, Sachsen-Weimar 102 und auf Anhalt 94.
— Die privaten Erhebungen der Zuckerindustriellen haben ergeben, daß der Anbau von Rüben im Jahre 1888 ein stärkerer gewesen ist, als ber im vorigen. Die amtlichen Feststellungen bestätigen bies. Ader trotz ber größeren Menge wirb bie Zuckergewinnung eine um etwa 400 000 Doppelcentner niebrigere sein als im Vorjahre, benn infolge der starken, frühzeitig eingetretenen Fröste ist die Ausbeute aus ber Füllmasse bieses Mal eine unter dem Durchschnitt ber letzten Jahre ftehenbe.
— Die Mittheilungen, baß ber Gesundheitszustanb des Reichskanzlers Fürsten Bismarck nicht befriedigend sei, treffen nicht zu. Augenscheinlich liegt ein Mißoer- ständniß vor, denn die Frau Fürstin Bismarck ist feit einigen Tagen unpäßlich. Im Uebrigen soll ber Reichskanzler nach wie vor an der Absicht festhalten, in ber ersten Hälfte des Januar nach Berlin zu kommen.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Korrespondenz-Brrrearr*
Berlin, 3. Januar. Bei ben Majestäten finbet heute ein größeres Diner statt, zu bem die Generalfelbmarschälle, bie kommandirenben Generale unb anbere Notabili- täten geladen sind.
Berlin, 3. Januar. Es bestätigt sich, baß ber frühere Minister v. Putikamer ben schwarzen Ablerorben empfing unb bem im Januar ftattfinbenben Ordenskapitel beiwohnen werde.
— Der „Reichsanzeiger" publicirt eine königliche Verordnung, durch welche der Landtag auf ben 14. Januar etnberufen wirb.
Berlin, 3. Januar. In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde Dr. Stryck mit 76 von 81 Stimmen zum Vorsitzenden unb Dr. Langerhans mit 89 von 107 St. zum Stellvertreter bes Vorsitzenden wiedergewählt. Betreffs bei Petition ber freireligiösen Gemeinbe um Wiedergewährung von Gemeinbeschulräumen zur Ertheilung von Religionsunterricht an Kinber der freireligiösen Gemeinde wurde nach längerer Debatte der Antrag des Ausschusses mit 48 gegen 39 Stimmen angenommen, daß es die Würde unb bas Ansehen ber Gemeinbeschulräume nicht gestatteten, baß daselbst Gott geleugnet unb ber König nicht geehrt werbe, und baß deßhalb über die Petition zur Tagesorbnung überzugehen fei.
Berlin, 3. Januar. In der heutigen Sitzung des Ausschusses des Emin- Pascha-Comilä's wurde die Commandirung Wißmann's zum auswärtigen Amte mit- getheilt. Das Comit6 nahm mit Bedauern davon Kenntniß, da es hierdurch demselben unmöglich gemacht ist, den ersten Theil der Emin-Expedition auszuführen. Trotzdem beschloß bei Ausschuß eine ungestörte und sofortige Ausführung der Expedition zu sichern. Der Ausschuß vergrößerte sich durch die Wahl folgender Personen: Abgeordneter Graf Arnim (Muskau), Graf Mirbach (Sorquttten), Robbe, Wörmann unb Geh. Regierungsrath Simon.
Puri-, 3. Januar. Der Handelsminifter theilte heute im Minifterrathe den Tod des letzten Ueberlebenden der UeberlebungS-Genoffenschaft (Tontine) Lafarge, ge-


