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Nr. 283.

Mittwoch den 4. December

1889.

Der Lietzener An-eigcr erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Inmtrlenvkäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger.

vierteljähriger Zvounementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog» 2 Mark 50 Pfg.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Jamilienölätter.

Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Theil.

Gießen, am 2. December 1889.

Betr.: Lieferungen des Bedarfs an Materialien für die Bekleidungswirthfchaft der Truppenlhelle.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 4 November d. I. im Rückstand sind (Gießener Anzeiger Nr. 262), werden hieran mit Frist von acht Tagen erinnert.

Zutreffenden Falls sind die in Betr acht kommenden Industriellen namhaft zu machen.

v. Gagern.

politische Ueversicht.

Gießen, 3. December.

Staatssekretär Graf Bismarck hat sich aus einige Tage von Berlin nach Friedrichsruh zu seinem Vater begeben, ver muthlich zur mündlichen Berichterstattung über die jüngsten Vorgänge im Reichstage. Nach Andeutungen derST. Z." dürste Graf Herbert bei seinem gegenwärtigen Besuche in Friedrichsruh vom Kanzler auch die letzten Anweisungen über die Vertretung der Vorlage, betreffend die zu subventionircnde Dampferlinie nach Ostafrika, im Bundesrathe und dann auch im Reichstage empfangen. Die Vorlage soll dem Bundes­rathe bereits zu seiner nächsten Wochenplenarsitzung am Donners­tag zugehen und glaubt man in Berliner parlamentarischen Kreisen, daß der Entwurf noch vor den Weihnachtsferien auch an den Reichstag gelangen wird.

Die Wahlbewegung anläßlich der Neichstagswahlen beginnt sich immer schärfer bemerklich zu machen, obwohl über den Wahltermin noch gar nichts Bestimmtes verlautet. Aber be­greiflicher Weise wünscht sich keine Partei überraschen zu lassen und allseitig trifft man daher die entsprechenden Vor­bereitungen durch Abhaltung von Wahlversammlungen, Aus­stellung von Candidaten u. s. w. Sehr interessant scheint sich die Wahlbewegung in Berlin gestalten zu wollen, wo ja die Parteigegensätze von jeher mit am schärfsten auf einander zu prallen pflegten und diesmal dürfte der Kamps zwischen den Freisinnigen und den andern bürgerlichen Parteien be­sonders heftig entbrennen, wovon der officielle Beschluß der freisinnigen Partei, bei den bevorstehenden zwei Stichwahlen zur Berliner Stadtverordneten-Versammlung, bei denen sich socialdemokratischc und bürgerparteiliche Candidaten gegen­überstehen , für die ersteren zu stimmen, einen Vorgeschmack giebt. Es ist mehr wie wahrscheinlich, daß dieser Beschluß, welcher übrigens in angesehenen fortschrittlichen Organen der Provinzialpresse lebhaft gemtßbilligt wird, dem Berliner Frei­sinn eines oder das andere der vier Mandate zum Reichstage, welche er bislang noch zu behaupten vermochte, zu Gunsten der Socialdemokraten kosten wird, denn höchst wahrscheinlich dürfte es im dritten und fünften Berliner Retchstagswahlkreise zu engeren Entscheidungen zwischen Freisinn und Socialdemo- fraten kommen und bei der Erbitterung, welche der erwähnte Beschluß der Freisinnigen in den conservativen Kreisen der Berliner Bürgerschaft hervorgerufen hat, ist es nicht un­möglich , daß ein Theil der conservativen Wähler alsdann gegen den Freisinn stimmt.

Zn Esten waren am Sonntag wieder einmal gegen 3000 Bergarbeiter versammelt, um über die neuerlich zwischen den Grubenverwaltungen und den Belegschaften des Essener Reviercs entstandenen Differenzen zu berathen. Es handelt sich hierbei namentlich um die Wiederaufnahme wegen Be­theiligung an früheren Strikes entlassener Bergleute seitens der Grubenverwaltungen uub wurde zu diesem Behufe von der Versammlung eine siebengliedrige Commission gewählt, welche mit den Zechenvertretern unterhandeln soll. Für nächsten Sonntag ist eine weitere Versammlung der Berg­arbeiter in Essen anberanmt, in welcher man einen entschei­denden Entschluß fassen will.

Reuters Bureau" läßt sich aus Zanzibar über Kairo melden, daß die Ankunft Stanleys in Bagamoyo an diesem Mittwoch erwartet werde. Es ist an dieser Meldung auf­fallend, daß in ihr gar nicht Emin Paschas gedacht wird, dessen Name bislang in den ostafrikanischen Nachrichten doch immer zugleich mit demjenigen Stanleys genannt wurde. Fast möchte man aus jenem Umstande schließen, daß in der That ernste Mißhelligkeiten zwischen Emin Pascha und Stanley bestehen, die jetzt zu einer Trennung Beider noch unmittelbar vor ihrem Eintreffen an der ostafnkanischen Küste geführt haben.

Deutscher Reichstag.

27. Plenarsitzung. Montag den 2. December 1889, 1 Uhr.

Die zweite Berathung der B a n k g e se tz - N o v e l l e wird fortgesetzt.

Reichsbank-Präsident v. D e ch c n d weist die Vorwürfe zurück, welche die Abgg. v. Kardorff und Graf Mirbach gegen die ReichSbank erhoben haben und widerlegt deren Aus­führungen, daß die Bank von Frankreich besser situirt sei. Das Betriebscapital der Bank van Frankreich sei zwar um etwa 23 Millionen größer als das der ReichSbank, dafür sei aber das Capital der Bank von Frankreich festgelegt, während die Reichsbank frei über ihr Stamm-Capital verfügen kann. Der Baarbestand sei in beiden Banken gleich; wenn die Bank von Frankreich dabei einen größeren Silberwerth hat, als die Reichsbank, so sei das durchaus kein Vorzug. Auch im ge­schäftlichen Verkehr sei die Bank von Frankreich weniger leistungsfähig als die Reichsbank. Diese habe 240 Filialen, jene nur 131. Das Discomgeschäft in Frankreich sei schwieriger als bei un§; Lvmbardgeschäste macht die Bank von Frankreich gar nicht. Auch die Währung sei in Frank­reich nicht so gut, wie bei uns. Während unsere Goldmünzen stets vollwichtig sind, ist dies bei den französischen Goldmünzen nicht immer der Fall- dort taufen viele mankirte Münzen um und die Bank gibt dort nur ungern Gold ab, während bei uns die Währung im besten Stande ist.

Director im Reichsschatzarnt Aschenborn weist nach, daß die Beschaffung des Reichsbankcapitals durch 3 oder 31/2procentige Consols durchaus noch keinen höheren Gewinn bedinge, wie der Abg. Graf Mirbach behaupte. Dem Risiko, welches die Antheilhaber der Bank tragen, entspricht nicht der geringere Gcwinnbetrag, welchen der Antrag v. Huene bezweckt. Die Bank hat den Geldumlauf zu regeln, die Währung zu erhalten und dem Handel zu dienen,- dafür empfängt sie vom Reich das Notenprivilegium und eine gewisse Steuerfreiheit. An Noten laufen nicht über 96 000 000 Mk. um. Daß daraus kein großer Gewinn erfließt, ist sicher, denn die Banken, welche das Privileg der Notenausgabe be­saßen, haben aus dasselbe verzichtet.

Abg. Mooren (Ctr.) befürwortet seinen Antrag,daß es den Absichten des Reichstages nicht entspricht, wenn die Bankfilialen sich Steuerfreiheiten und Privilegien von den Communen bewilligen lassen". Er wollte jeder Begehrlichkeit und übermäßigen Fiscalität der Reichsbank entgegentreten- die preußische Bank, deren Nachfolgerin die Reichsbank ge­worden sei, war communalsteuerpflichtig - heute errichte die Reichsbank keine Filiale, aber lasse die bestehenden Einrich­tungen eingehen, wenn ihr nicht Steuerprivilegien zugesichert werden. Das fei den schwerbelasteten Gemeinden gegenüber nicht am Platze, um so weniger, als die Stadt Berlin 800000 Mk. Steuern von der Reichsbank bezieht.

Präsident der Reichsbank v. Deckend: Nun wenn die Anstalt an einem Orte so wenig Geschäfte macht, daß die Filiale nicht genügend rentirt, so bleibt uns nichts anderes übrig, als darnach zu streben, daß eine solche Filiale ein­geht oder Erleichterungen erhält. Wenn den Bankfilialen ein Hans geschenkt wird, so kommt das nicht den Bank- antheilhabern, sondern dem Reich zu Gute.

Abg. G amp (Rp.): Er habe eine Erweiterung'der Be­fugnisse der Bank für den Wechseldiscont vorgeschlagen und er glaube wohl, daß dieser Vorschlag bei einer bureau- kratischen Bankverwaltung Schwierigkeiten fände, weil die Verantwortung der Bank eine größere würde. Daß er (Redner) die Verwaltung der Bank einigermaßen kenne, gehe daraus hervor, daß er beim Präsidenten der Bank die Lom- bardirung landwirthschaftlicher Producte durchgesührt habe, entgegen dem Widerstreben einiger seiner Räthe, welche mehr auf dem Standpunkte des Abg. Bamberger stehen. Redner sucht dann seine Forderungen, Gewährung einer 6monatlichen Creditsrist für Wechsel und Ausdehnung deS Bankcredits auf kleine Handwerker zu begründen. Man habe ihm in der Presse vorgeworfen, daß er die Reichsbank zu einer Zufluchts­stätte für bankrotte Gutsbesitzer habe machen wollen; dieser Vorwurf fei unbegründet. Redner befürwortet eine ander­weitige Gestaltung der Bankverwaltung und namentlich eine Aenderung der Organisation des Centralausschusses, da in ihrer heutigen Gestalt die Bank das Großcapital in un­gerechter Weise bevorzuge. Dies geschehe auch durch das Notenprivilegium der kleinen Banken. An dem Gewinn dieser zur Notenausgabe berechtigten Banken sollte das Reich mindestens mitbetheiligt werden.

Präsident der Reichsbank v. Dechend: Langsichtigere Wechsel als über 3 Monate hinaus können nicht bei der Bank discontirt werden, auch die englische Bank discontire nur Wechsel von längstens 95 Tagen. Auf die wiederholten

Ausführungen des Vorredners immer wieder einzugehen, habe er keine Veranlassung. Es sei Neues absolut zur Sache nicht beigebracht.

Abg. Ur. Bamberger (dfr.): Acußcrungen der Presse gehören nicht in's Parlament - was die freisinnige Presfe über Herrn Gamp geäußert, sei nicht unzutreffend. Man kann angesichts dieser Debatte fragen, welches ist der Unter schied zwischen der Reichsbank und einem Bergwerk in Süd westafrika, und darauf antworten: Wenn Jemand die Ren tabilität eines noch nicht entdeckten MincnwerkS in Südwest afrika anzweifelt, so ist das ein reichsfeindliches Unternehmen; wenn Jemand dagegen die Existenz der ReichSbank, welche feit 15 Jahren ihre Aufgabe erfüllt hat, in Frage stellt, fo ist das eine verdienstliche Thätigkeit. Redner empfiehlt un­veränderte Annahme der Vorlage.

Abg. v. Kardorff (Rp.): In der Vergangenheit ist die Reichsbank ihren Aufgaben stets gerecht geworden, frag­lich fei, ob sie dies auch werde in Zukunft thun können. In der Debatte feien feine Angaben über die thatfächlichen Ver­hältnisse im Wesentlichen bestätigt und daraus folgere er die Notwendigkeit, die Bank so zu funtnren, daß sic ihren Auf­gaben in Zukunft gerecht werden könne. Ein Vergleich der Reichsbank mit der englischen Bank fei nicht zutreffend wegen den Hülfsquellen in den englischen Colonieen. Herr Bam­berger will ja nicht, daß wir uns in Afrika ein Indien schaffen. Gerade daß die freisinnige Partei die Vorlage unterstützt, sollte die Regierung doch bedenklich machen, da ine oppositionelle Stellung dieser Partei gegenüber der Wirth schaftspolitik der Regierung doch bekannt ist.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) anerkennt die Verdienste des Reichsbankpräsidenten, v. Dechend um die Retchsbank und hofft, daß er auch für die Organisation in Zukunft die beste Form finden werde. Redner wird für die unveränderte Vor­lage stimmen.

Abg. Graf Mirbach (conf.) stellt einige seiner Aeußc- rungen gegen Angriffe von der Linken und vom Bundesraths- tische richtig.

Abg. Frhr. v. Huene (Ctr.) befürwortet feinen An­trag : die Herabsetzung der höheren Divideilden-Grenze von sechs auf fünf Procent zu bestimmen.

Staatssecretär Dr. v. Boettich er bekämpft diesen An­trag, dessen Annahme Unzufriedenheit unter den Bankantheils- habern Hervorrufe.

Abg. Klemm (conf.) spricht für die unveränderte Vor­lage.

Die Debatte wird geschloffen.

Bei der Abstimmung wird zunächst der Antrag Huene in namentlicher Abstimmung mit 110 gegen 94 Stimmen abgelehnt und sodann die Vorlage unverändert angenommen, lieber die Resolution Mooren (Ctr.) soll .bei der dritten Lesung abgestimmt werden.

Nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr. Tagesordnung: Abkehrscheine der Bergleute, Fleisch und Getreidezölle.

Schluß 53/4 Uhr.

Neueste Nachrichten.

Wölfis telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 2. December. Das neue heute erschienene Weißbuch enthält die folgenden Berichte: 1) Gravenreuths vom 16. October über die Verhältnisse an der Küste- Buschiri habe mit den Mafitis in Dunda Stellung genommen. 2) Wiß- manns vom 13. Octobcr über seine Expedition nach Mwa- pwa- Nachrichten von Emin und Stanley. 3) Gravenreuths vom 1. November: Sieg über Buschiri und die Mafitis bei 9)ombo in der Nähe von Bagamoyo. 4) Wißmanns vom 1. November: Anlage der befestigten Station in Mpwapwa - Rückmarsch und Ankunft in Bagamoyo. Ferner 5) das Tele­gramm Wißmanns vom 9. November über die Besetzung Saadanis. 6) Das Telegramm Wißmanns vom 10. Nov. über die Einnahme der befestigten Positionen bei Waseguhha. 7) Das Telegramm Wißmanns vom 11. November über die Einnahme des Rebellenlagers nordwestlich von Pangani. 8) Das Telegramm Wißmanns vom 17. November über die Bestrafung von Kipumbwa und die Unterwerfung von ganz Useguhha.

Berlin, 2. December. Heute Mittag um 12 Uhr wurde das Museum für Naturheilkunde in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin, des Erbprinzen von Meiningen und Gemahlin, der Prinzessin Friedrich Carl, der Prinzen des Königshauses, sämmtlicher Minister, des Marschalls Blumenthal, des Grafen Walderfee und zahlreicher wissen­schaftlicher Notabilitäten eröffnet. Minister Goßler wies in längerer Rede auf die Bedeutung des Instituts und auf die Fürsorge der Hohenzollern für die Wissenschaft und die im