Nr. 178 Zweites Blatt.
Samstag den 3. August 1889.
Anzei
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bnreaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. . v
Rußland und Oesterreich.
Fast noch mehr als von den Beziehungen Deutschlands zu Frankreich wird von dem diplomatisch-militärischen Schachspiele, wie es nun seit einigen Jahren zwischen Rußland und Oesterreich stastfindet, die politische Lage Europas beherrscht. Ein großes Glück ist es dabet für die Erhaltung des Weltfriedens, daß sich Oesterreich durch die russischen Rüstungen und Truppenanhäufungen nicht einschüchtern läßt, sondern mit Ruhe seine Gegenmaßregeln trifft. So hat nun ohne großes Aufsehen Oesterreich noch ein drittes Armeekorps und zwar dasjenige, welches bisher mit dem Hauptquartiere in Brünn lag, nach Galizien vorgeschoben und seine dortigen Truppen auf circa 30,000 Mann verstärkt, desgleichen ist durch einige scheinbar unbedeutende Neu- einrichtungen die Kopfzahl und Schlagfertigkeit der österreichisch-ungarischen Bataillone erhöht werden. Jnstinctiv fühlt man nun in Oesterreich wie in Rußland heraus, daß man in der bisherigen Richtung die militärisch - diplomatischen Schachzüge nicht noch weiter treiben kann, ohne einen äußerst gefährlichen gegenseitigen Argwohn heroor- -urufen. Oesterreich hat sicher keine Neigung, in der kostspieligen und bedenklichen Art, wie es Rußland für gut befunden hat, den größten Theil seines Heeres in die Grenzprovinzen oorzuschieben und dort dauernd liegen zu lassen, eher würde dann Oesterreich und wahrscheinlich auch Deutschland den wachsenden russischen Truppenanhäufungen gegenüber, wenn dieselben eine gefahrdrohende Höhe erreichen sollten, mit einer vollständigen Mobilmachung antworten. Das Bedenkliche dieser diplomatisch- militärischen Schachzüge scheint man nun in russischen Regterungskreisen auch ein- yesehen zu haben und osfictöse russische Zeitungen bemühen sich, den Argwohn, welchen die russischen Truppenanhäufungen zumal in Oesterreich erweckt haben, zu zerstreuen. Eine Petersburger Correspondenz macht da ohne Umschweife darauf aufmerksam, daß Rußland mit keiner einzigen Großmacht verbündet sei, während Rußland an seiner Westgrenze zwei verbündete Großmächte habe und nöthigenfalls gegen beide gewappnet sein müsse. Schon dieser Umstand erheische ganz außerordentliche mililärische Maß- cegeln seitens der russischen Heeresleitung. Dann würde im Auslande auch den geographischen und klimatischen Verhältnissen Rußlands bet Beurtheilung seiner Truppenverschiebungen zu wenig Rechnung getragen. Rußland sei gar nicht im Stande, wie andere Großmächte, seine mobilen Heereskörper binnen 14 Tagen an der Grenze aufzustellen, wenn die einzelnen Armeekorps auf alle Provinzen gleichmäßig oertheilt wären. Außerdem sei es in Südrußland wegen der Dürre im Sommer und in Nordrußland wegen der Kälte und den Schneemassen im Winter äußerst nachtheilig, dort große Truppenmassen einzuquartieren, Mannschaften wie Pferde fänden dort während der Dauer des Jahres keine genügende Verpflegung, man hätte deßhalb, um den daraus entstehenden Uebelständen vorzubeugen, mehrere Armeekorps in die westlichen Provinzen gelegt, weil sie dort nicht nur einem möglichen Kriegsschauplätze näherständcn, sondern auch bessere Verpflegung und günstigere klimatische Verhältnisse fänden.
Man wird nun allerdings zugeben müssen, daß diese Angaben über die Verschiebung des größten Theiles der russischen Truppen nach den Westgrenzen nicht gerade aus der Luft gegriffen sind, und in vielen Punkten mit der Wahrheit übereinstimmen mögen, aber keineswegs kann man annehmen, daß durch diese Aufklärungen der Argwohn Oesterreichs in Bezug auf Rußlands Absichten beseitigt werden wird, denn es sind nun neun russische Armeekorps, welche in den westlichen Gouvernements stehen, und fast alle diese Armeekorps befinden sich auf halbem Kriegsfuße. Einer solchen schwerwiegenden Thalsache gegenüber nutzen beschwichtigende Worte nichts, da mußte Oesterreich auf der Hut sein und die nöthtgen Gegenmaßregeln treffen. Man hat auch noch nicht gehört, daß in Rußland auch nur eine einzige Division wieder aus den Westgrenzen zurückgezogen worden wäre, was Rußland doch hätte thun können, um einen deutlichen Beweis seiner Friedensliebe zu geben. Freilich versichern die russischen Regierungsblätter alle sechs Wochen, daß Rußland nur den Frieden wolle, aber andere der russischen Regierung nahestehende Zeitungen, wie der „Grashdanin", werden auch nicht müde, zu erörtern, daß Rußland mit dem Berliner Vertrag nicht auf die Dauer einverstanden sein könne, zumal er selbst von mehreren Balkanstaaten nicht gehalten würde. Auch der Dreibund Deutschlands, Oesterreichs und Italiens müsse aufgehoben werden, denn er errege alle Mächte. Rußland möchte natürlich den Bund zwischen Deutschland und Oesterreich gern aufgehoben sehen und dann womöglich Oesterreich matt setzen. Dieser Vorschlag findet aber in Deutschland keinen Beifall, denn die Gegnerschaft Rußlands und Oesterreichs ist der stärkste Kitt des deutsch-österreichischen Bündnisses.
Lokales.
Metze«/ 2. August. (Sitzung der Stadtverordneten vom 1. Augusts Anwesend : Herr Bürgermeister Gnauth, Seitens der Stadtverordneten die Herren Batst, Georgi, Hanstetn, Hoch, Homberger, Jughardt, Ad. Noll, Aug. Noll, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon und Wallenfels.
Der Versammlung wird durch den Herrn Vorsitzenden Mttthetlung gegeben über die Seitens des Großh. Ministeriums erfolgte Bestätigung des neulich veröffentlichten Statuts, betr. die Zusammensetzung der Stadtoerordneten-Versammlung; desgl. erhält die Versammlung Kenntniß von einem Schreiben des Herrn Dr. Gutfletsch, worin derselbe sein Fernbleiben aus den Sitzungen für die Monate Juli und August entschuldigt. — Die Rechnung über die wirklichen Einnahmen und Ausgaben des Realgymnasiums und der Realschule aus dem Jahre 1888/89 gibt zu einer Beanstandung keinen Anlaß. — Infolge einer Eingabe des Localgewerbvereins wird dem Baudeputations-Antrage gemäß die Herstellung der von demselben benutzten Räume im Schulhause am Asterweg beschlossen. — Dem Gesuche der Familtm Wilbrandt und v. Ritgcn um Erweiterung ihres gemeinschaftlichen Erbbegräbnisses resp. Ueberlassung des hierzu erforderlichen Geländes wird zugesttmmt. — Von den Gesuchen der Herren Fr. Welcker und B. Melior um Erlaubntß zur Anbringung von Firmenschildern wird nur dasjenige des Ersteren, dem Baudeputationsantrage entsprechend genehmigt, das des Letzteren, in Eonsequenz früher gefaßter Beschlüsse, da es sich um Neuanserttgung eines Firmenschildes handelt, abgelehnt. — Der in Rücksicht auf die Canalisatton einigen Bewohnern der Flügelsgasse gewordene ablehnende Bescheid auf ihr Gesuch um Entfernung eines Fluthgrabens daselbst hat die Gesuchsteller neuerdings veranlaßt, um die Erlaubniß zur Anlage einer Eementröhrleitung an Stelle des Fluthgrabens auf eigene Kosten etnzukommen. Das Gesuch wird widerruflich genehmigt. — Nach früherem Beschlüsse sollte die Anlage erhöhter Trottoirs am Neuenweg in der Weise ausgeführt werden, daß die Nordseite dieser Straße vom Metzger Keßler'schen Hause mit Unterbrechung der in den Neuenweg einmündenden Gassen, die Südseite vom Mannberger'scken Hause anfangend, mit Unterbrechung der Ecken am Steinberger- schm Hause, am Löwen, bet Sattler Spieß, bis zum Schulze'schen Hause am Kreuz Trottoir erhalten. Hiergegen haben mehrere dortige Einwohner Einspruch erhoben, indem sie mit der Anlage erhöhter Trottoirs die Hemmung ihrer Einfahrten befürchten, die schon jetzt so beschränkt seien. Die dieser Eingabe gegenüber aufgetauchte Frage, 1
ob nicht das öffentliche Interesse wenigstens die Herstellung eines Fußsteiges auf der einen Seile des Neuenwegs erfordere, hat die Baudeputatton zu beantragen veranlaßt, die Nordseite mit Cementbelag Herstellen zu lassen, da durch diese Anlage der größte Theil der in der Eingabe geltend gemachten Bedenken schwinden würde. Es wird demgemäß beschlossen, vorerst nur die Nordsette mit Cementtrottoir herzustellen, um wenigstens bei dem starken Verkehr auf dem Neuenweg den Passanten einen Schutz vor Fuhrwerken zu schaffen; die Baudeputation glaubt, daß mit Ausführung ihres Antrages sich bald Wünsche nach Trottoirherstellung auf der Südseite geltend machen würden, da ein Theil der Gesuchsteller schon während der Verhandlungen sich diesbezüglich geäußert habe. — Dem Gesuche der Herren W. Herbert, Alexander Mayer rc. um Herstellung erhöhter Trottoirs vor ihren Häusern in der Marktstraße wird Genehmigung crtheilt, die Herstellung soll mtüelft geriefter Plättchen erfolgen. Eine frühere. Trottoirherstellung an der zwischen Schulstraße und Schloßgasse gelegenen Strecke scheiterte an der Erklärung des früheren Besitzers der Engelapotheke, in eine infolge Höherlegung des Trottoirs eintretende Tieferlegung seines Ladenetnganges nicht zu willigen. Der jetzige Inhaber der Apotheke hat sich dagegen bereit erklärt, den Fußboden des Ladens der Trottoirhöhe entsprechend zu erhöhen. — Die neulich erthetlte Genehmigung zur Trottoirherstellung vor den Häusern des Herrn I. Bernhardt in der Ludwtgstraße soll einem Gesuche entsprechend auch auf das nebenanliegende Haus des Herrn Seipp ausgedehnt werden, zu einer hier nöthig werdenden Ueberbrückung der Gosse wird Genehmigung ertheilt. — Die übrigen Punkte der Tagesordnung, betr. eine Anzahl Gesuche um Erlaubntß zur Ableitung von Wasser in städtische Canäle, finden nach den Anträgen der Baudeputation Erledigung.
Gieße«, 2. August. Von der Köntgl. Eisenbahn-Direction Hannover erhielten wir folgende Zuschrift: Ermäßigte Rückfahrkarten für gewerbliche Arbeiter nach Berlin betr. Die zur Erletchlerung des Besuches der Unfall-Verhütungs-Ausstellung in Berlin für gewerbliche Arbeiter und Arbeiterinnen am 20. Juli er. eingeführten sechstägigen Rückfahrkarten dritter Klaffe nach Berlin zum einfachen Fahrpreise der vierten Wagenklasse, werden vom 3. August er. ab täglich ausgegeben. Die Beförderungsbedingungen bleiben die bisherigen. Das Nähere ist bei den Btllet-Expeditionen zu erfahren.
Vermischtes.
— Auf mehrere Unsitten des brieflichen und geschäftlichen Verkehrs macht die „Chemiker-Ztg." aufmerksam, die Beachtung verdienen: 1) Das Streben, in Geschäftsbriefen sich möglichster Kürze der Schreibweise zu bedienen, hat vielfach dahin geführt, den Wohnort des Absenders derart zu verstümmeln, daß es schwer, ja mitunter unmöglich wird, denselben mit Sicherheit festzustellen. H'burg läßt ebensogut auf Harburg als auf Hamburg, M'burg auf Magdeburg und Marburg schließen. Daß L'hall: Leopoldshall, K'lautern: Kaiserslautern bedeuten soll, muß erst errathen werden. Der Absender darf nicht dem Empfänger zumuthen, daß derselbe sich durch den Poststempel Aufklärung über den Wohnort des ersteren verschafft, ganz abgesehen davon, daß der Poststempel häufig schwer entzifferbar ist. 2) Ebenso nimmt die Unsitte mehr und mehr überhand, die Namensunterschrift so undeutlich wie nur immer möglich zu schreiben. 3) Eine weitere, von uns bereits früher gerügte Unsitte im Geschäftsleben ist es, bei Bezahlung durch die Post das Porto in Abzug zu bringen. Diese Gewohnheit ist derart eingewurzelt, daß viele Leute hiermit im größten Recht zu sein glauben. Wir haben unlängst das durch uns von einem namhaften Juristen erwirkte Gutachten über den Portoabzug bei Zahlungen durch die Post veröffentlicht („Chem.-Ztg." 1887, 11, 1367) und wollen dasselbe hier nochmals wiedergeben: „Diese Gepflogenheit kann nicht als statthaft erachtet werden. Vielmehr ist es in der juristischen Praxis von jeher unbestritten gewesen, daß bet Brtngschulden der Schuldner die Kosten der Zahlungsbewirkung zu bestreiten hat. Es können die Geschäftsleute, welche das Porto abziehen, sich in keiner Weise auf eine berechtigte Usance berufen. Der Portoabzug bet Postanweisungen kann nur als grober Unfug bezeichnet werden". 4) Eine vielfach verbreitete Unsitte ist es ferner, wenn kleinere Zahlungen durch Einsendung fremdländischer Briefmarken abgemacht werden. Diese Marken können natürlich als solche vom Empfänger gar nicht verwendet werden. Jeder kann wohl unbedingt beanspruchen, sein Guthaben in landesüblicher Münze oder der letzteren gleichstehenden Werthobjecten, nicht aber in Briefmarken zu erhalten, für welche man im Lande selbst gar keine Verwendung hat und deren Umtausch mit erheblichem Verlust verknüpft ist. 5) Häufig kommt es vor, daß Briefe, welche Einlagen enthalten, nicht genügend frankirt sind. Der Empfänger hat dann den doppelten Betrag als Strafporto zu Zahlen. Eine Briefwaage ist überall sehr billig zu beziehen und sollte eine solche zu den auf jedem Schreibtische befindlichen Gegenständen gehören. 6) Ist man schon kein Freund davon, sich im gewöhnlichen Leben Sand in die Augen streuen zu lassen, so muß man es sich erst recht verbitten, wenn dies in plumpester Manier dadurch geschieht, daß beim schnellen Oeffnen eines gefalteten Briefbogens im wahrsten Sinne des Wortes Sand in die Augen fliegt. Manche Leute haben nämlich immer noch die häßliche Gewohnheit, über den eben beendeten Brief den Inhalt einer Sandstreubüchse zu schütten. Dieser Unfug sollte doch unterbleiben. 7) Eine nicht minder große Unsitte ist es, briefliche Mtttheilungen mit Kopirtinte zu schreiben, dabei aber das Koptren zu unterlassen. Wird ein derartig geschriebener Brief gefaltet und gepreßt, so klatschen sich die gegenüberliegenden Flächen des Briefpapieres ab und verursachen ein Verklexen der Schrift bis zur Unleserlichkeit.
Literarisches.
— Wassersport/ 1888—89, Nr. 44. Inhalt: Regatta- u. s. w. Termine. Officielle Mitlherlungen der Clubs. — Unter Rudern: Kieler Regatta. Wanderpreis von der Lahn, Gießen. Nachklange von der Hamburger Regatta. Nennungen zur Klagenfurter Regatta. Nachrichten. — Unter regeln: Regatta der SC. „Rhe", Königsberg (Zoppot). Hamburger Nacht „Argo" (Schluß) mit Abbildungen. Nachrichten. — Unter Schwimmen: Meldungen zum Schwtm.-C. „Poseidon". Nachrichten. — Unter Eislauf: Nachrichten. — Briefkasten.
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