— In Rom ist jetzt das erste im altdeutschen Stil gehaltene Deutsche Bierlokal eröffnet worden. Es ist ein angenehm ausgestattetes Lokal am Corso, welches ein speculattver Wiener denr Gott Gambrinus geweiht und „Gambrinushalle" gelaust. Die lange, glänzend erleuchtete Halle ist mit humoristischen Bildern geschmückt und in dem braungetäfelten Bterstübchen int Hintergrund sind hübsche Wandmalereien angebracht. Zahlreiche altdeutsche Bierkrüge rc., das an der Decke schwebende Aufschneide- messer nicht zu vergessen, vervollständigen das künstlerische Mobiliar, während ein vorzügliches Münchener „Bürgerbräu" ausgeschenkt wird.
— In einen Budikerkeller an einem der belebtesten Pferdebahnhalteplätze Berlins stürzte dieser Tage eilig ein Schaffner der Ringbahn und ruft dem dienenden Ganymed zu: „LuiS, jeden se mich ’n bisken wat Pikantes, aber rasch, ick habe nich ville Zett!" „Wie wärt’ mit sowas?" meinte Louis und deutete auf einen marinierten Hering, welcher, inmitten einer Zwiebelsauce schwimmend, einsam auf einem Teller sein Dasein vertrauerte. Der Schaffner streifte den Sauren mit einem flüchtigen Blick und sagte: „Nee, der Junge is mich zu alt." „I wo", entgegnete Louis, „der Hering is janz frisch!" „Unsinn", erwiderte der beharrliche Gast, „’n janz alter Knabe, sag ick Sie!" 9hm mischte sich der über die Herabsetzung seiner Waare entrüstete Budiker in das Gespräch und rief vom Buffet her: „Und ick sage Sie, der Hering is janz frisch. Ick selbst habe ihn heute morjen aus det Faß jenommen und verbitte mir —" „Pst! Männeken, regen se sich nich uff", unterbrach unser Schaffner den Erregten, indem er auf das untere Ende des umstrittenen einstigen Meerbewohners deutete, „der Hering is’n oller Bekannter von mir, denn wie ick vor vierzehn Tage zum letzten Male die Strecke fuhr, hab ick ihn hier mit meine Kupirzange den Schwanz gelocht!" Sprach’s und verschwand unter schallendem Gelächter der Gäste aus dem Lokal.
— sWas würde bei einer allgemeinen Theilung Hera us f o mmen?) Als der Sultan Abdul Medschid eines Morgens zum Gebet die Stufen der Moschee emporstieg, trat ein Bettler an ihn heran. „Großmächtiger Herr, glaubst Du auch, was der Prophet sagt?" — Der Sultan lächelte: „Ja, das glaube ich." — „Nun wohl, Mohammed sagt, wir seien Alle Brüder. Gieö mir also, mein Bruder, das Theil, welches mir von Deinem lieberRu6 gebührt. — Abdul Medschid besann sich kurz und gab dem Bettler einen Piaster. Der aber behielt das Geldstück in der Hand, betrachtete es lange und sagte endlich: „Aber, mein Bruder, das ist nicht recht getheilt, denn dieses Geldes hast Du doch wohl fünfzig Millionen." — Da hob der Sultan warnend die Hand und sagte: „Höre! behalte, was ich Dir gegeben habe und sei zufrieden, denn ich habe einhundertfünfzig Millionen Brüder, und wenn die alle kommen, um mit mir zu thkilen, so müßtest Du zweiDriuel wieder herausgeben. Salem aleikum." — Damit ging er in die Moschee; der Bettler aber mußte das Ding begriffen haben, denn er nickte still vor sich hin, steckte seinen Piaster ein und ging seines Weges. — Eine ähnliche Anekdote wird aus dem Jahre 1848 von Rothschlld erzählt. Auch mit ihm wollte ein „Bruder" theilen. Rothschild, der guter Laune war, drückte dem Bruder einen Thaler in die schwielige Hand nut den Worten: „Hier ist Dein Theil, mehr kommt nicht auf Dich." — Was käme aber heraus, wenn die Theilung allgemein ausgeführt würde, d. h. wenn man die Reichen ihres Einkommens beraubte und dasselbe auf die Unbemittelten vkrtheilte? — In Deutschland gibt es etwa 15 Millionen Steuerzahler, davon gehören aber 12 Millionen oder 80 Procent zu der Klaffe, die sich gegebenen Falles zum Theilen berechtigt halten konnte. Die Zahl der Reichen, d. h. der Leute, die ein durchschnittliches Einkommen von 25,000 JL haben, macht aber nur etwa 85,000 aus. Deren jährliches Einkommen (2125 Millionen) auf obige 12 Millionen vertheilt, ergäbe für jeden jährlich 177 JA. Das wäre nun zwar ein nicht zu verachtender Zuwachs. Wie aber würde voraussichtlich damit verfahren? Es ist nur zu bekannt, daß Alles, was nicht mit saurem Schweiß verdient wird, gar nicht gewürdigt wird. Da heißt es hernach in den allermeisten Fällen: wie gewonnen, so zerronnen. Für das allgemeine Beste käme aber dabei nicht nur nichts heraus, es erwüchse ihm im Gegeniheil ein Nachtheil, der so empfindlich wäre, daß er sich so leicht nicht wieder gutmachen ließe. Erstens würde, wie leicht begreiflich, die Arbeitslust der Armen dadurch bedeutend abgeschwächt, das sogenannte Proletariat dadurch also wesentlich vermehrt, die öffentlichen Lasten in demselben Maße vergrößert werden, während auf der anderen Seite ein großer Theil der Steuern in Wegfall käme. Dann jene 85,000 mit ihrem Einkommen von 2125 Millionen bringen ungefähr den dritten Theil der Einkommensteuern auf. Man braucht nicht Finanzminifter gewesen zu sein, um zu begreifen, daß dies den Untergang des Staatswesens bedeutete. Wer sollte die Einbuße leiden? Alle Zweige, und feiner würde es wollen noch können. Die Armee- und Marine-Berwaltung? Das würde " ts wehrlos machen? Die Schuldzinsen? Die müssen bezahlt werden. Die Volksbildung und die Wissenschaften? Wir würden nichts mehr lernen! Das wäre es, was bei einer allgemeinen Theilung herauskäme.
— Wie unsere Altoorderen die Fastnacht in ausgelassener Fröhlichkeit gefeiert, berichtet u. a. ein uns vorliegendes halbvermodertes Manufcript von 1518, nach welchem in diesem Jahre der letzte Faschingstag in Zwickau vom Kurfürsten Friedrich dem Weisen besonders großartig geieiert wurde. Der Fürst hatte 8 andere Fürsten, 10 Grafen, 3 Bischöfe und viele Rstter, Gelehrte und Rathsherren ansehnlicher, sächsischer und thüringischer Städte eingeladen und große Veranstaltungen zur Vergnügung getroffen. Dazu gehörte u. A. die Aufführung der Komödie „Eunuchus" deS Terenz auf dem Rathhause, in welcher zu „größerer Ergötzlichkeit" der SLloß- kaplan eine Zugabe eingereicht hatte, welche darstellle, wie sich sieben Weiber um einen Mann zankten und schlugen. Die hohen Gästen erluftigten sich an diesen Schauspielen ebenso vortrefflich wie an dem Spiel der zwanzig oennuminten Fleischhauer, die einen verkleideten Menschen auf eine Kuhhaut setzten und so lange in die Höhe schnellten, „bis er ganz äusser Äthern gemessen". — Ein origineller Fastnachtsbrauch herrschte auch im Zabergau in Württemberg. Es war die sogenannte „Wetberzeche" und bestand in Folgendem: Am Fastnachtsmorgen kamen die Frauen der Stadt auf dem Rathhause zusammen und hielten unter dem Vorsitz der Frau Pfarrerin Gericht, wobei alle im abgelaufenen Jahre vorgekommenen Ordnungswidrtgketten in Küche und Hauswesen besprochen und die für schuldig befundenen Frauen verurtheilt wurden. Wer z. B. der Unsauberkeit bezichtigt wurde, mußte seine Kinder oder sein Küchen- geschtrr vor den Richtern im Rathhause säubern u. s. w. Nach der Sitzung aber begann der Festschmaus, wobei der Bürgermeister und der Schultheiß als Kellner und Aufwärter fungtrten, während alle übrigen „Mannsbilder" streng ausgeschlossen waren. Wie einige Chronisten vermelden, wurde von den Weibsen weidlich gegessen und
getrunken, wahrend unter den Fenstern des Rathhaufes Musikanten lustige Weisen auf- fptelten. Das Geschrei und Gekreisch der schmausenden Damen soll oft nicht gering gewesen sein und die Musik bisweilen übertönt haben. — Anno Domini 1583 verfertigten die Fleischer in Königsberg eine 596 Ellen lange und 434 Pfund schwere Wurst und trugen sie zu Fastnacht „unter freudigem Gesang" in der Stadt umher. Außer den sonstigen Jngrevienzien, so zu einer rechtschaffenen Wurst gehören, waren dazu 36 Schweineschinken verarbeitet worden. Am Abend fand ein großes Wurst- picknick statt. — Als dann der 30jährige Krieg kam, machte sein Elend ollen Lustbarkeiten ein Ende und an die Stelle der luftigen Fastnacht trat ein dreißig Jahre wahrender trauriger Aschermittwoch.
Universität- -Ghronik.
c« titel' 28. Februar. Der Professor der Philosophie an der hiesigen Universität, August Krohn, ist gestern in Wiesbaden gestorben.
— Die Verhandlungen des Cultusministeriums mit dem zur Zeit in Berlin anwesenden Sanitätsrath Dr. Pelmann, Director Der rheinischen Prooinztal-Jrren- a c l tu Grasenberg bei Düsseldorf, haben sicherem Vernehmen nach das Ergedniß gehabt, daß Dr. Pelmann, dem von der rheinischenProvinztal-Verwaltung die Leitung der Provinzial-Jrrenanstalt zu Bonn übertragen wird, gleichzeitig als Nachfolger deS Professors Nasse die Stellung eines Docenten für Jrrenheilkunde an der Universität Joonn erhält. Die Ernennung wird in kurzer Zeit erfolgen und in der Rheinprovinz freudig begrüßt werden.
Ländwirthschaftliche Nachrichten.
t (Nachdruck verboten.)
— sLaue,kraut vor dem Verderben zu schützen.) Sauerkraut, welches zu verderben droht, indem sich die Oberfläche mit Schimmel überzieht, der sich immer wieder erneuert und einen schlechten Geschmack verursacht, kann man dadurch vor dem Verderben schützen, daß man auf die obenauf stehende Flüssigkeit langsam etwas Branntwein gießt und dies jedesmal wiederholt, wenn Sauerkraut aus dem Fasse genommen wird. In der Regel genügt es aber, wenn dies drei- bis viermal geschieht und soll der Sauerkohl darnach einen angenehmen weinsauren Geschmack bekommen und sich bann auch wett längere Zeil halten.
— sAmerikanische Bratäpfel.) Sehr schmackhaft sind die auf folgende Weise zubererteten Aepsel, und da die Methode in Amerika allgemein im Gebrauch ist, so ist em Versuch damil wohl auch hier zu empfehlen. Man nimmt dazu säuerliche Aepsel, schalt sie und entfernt die Rernbäuier, ohne sie zu theilen. Dann stellt man sie in tti:e Pfanne, füllt die Kernhauslöcher mit braunem Zucker und legt eine kleine Schnitte Sutter oben auf, so stellt man sie in einen heißen Backofen. Auch kann man die Aepsel in vier Theile fdnietben und in einer mit Butter bestrichenen Pfanne braten, nachdem man sie mit braunem Zucker bestreut hat, doch werden sie in dieser Weise nicht so gut und schmackhaft wie bei der erst angegebenen Methode.
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Amtlich« Prüfung der Lichtstärke des Leuchtgase».
Februar 1889: 19 Kerzen.
Buchner.
Kirchliche Anzeigen der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Gottesdienst.
Sonntag Estomihi, 3. März:
Vormittags 9f/> Uhr: Pfarrer Dingeldey.
Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Schlosser.
Kinderkirche, Nachmittags 2'/z Uhr, Pfarrer Schlosser-
. m Btbelstunde: Montag den 4. März, Abends 8 Uhr, in der Kleinkinderschule, Mos. W 27, Jakob entwendet Isaaks Segensspruch; Gottes Walten über der Sünde der Menschen. Pfarrer Dr. Naumann.
1. Passionsandacht am Mittwoch den 6. Marz, Abends 6 Uhr, in der Kirche. Pfarrer Dr Naumann- y '
Am Sonntag den to März, Beichte und heiliges Abendmahl im Vormittagsgottesdienst.
Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 3- bis 9- März besorgt Pfarrer Dlngekbey.
Samstag:
Sonntag:
Katholische mtinit.
Sonntag Quinquagesimä.
^adKtitt?gg um 5 Uhr und Abends um V*8 Uhr Gelegenheit zur hl. Berchte-
Morgens um '/«7 Uhr Austeilung der hl- Communion und Gelegenheit zur hl. Beichte; um V88 Uhr Frühmesse; um »/jo Uhr Hochamt mit Predigt- — Nachmittags um 3 Uhr Christenlehre und Andacht-
Gottesdienst in der Synagoge.
Samst?g°Ab°n?K" Uhr. ®am§tafl ättorflcn 8“ U6r- S-mstag Mittag 3» Uhr
Allgemeiner
Anzeiger.
BekanntwÄchnng.
„Die zur Masse des BogelSberger - Bergwerk - Verein- gehörenden circa 40 Muthungen auf Eisenerze, in den Kreisen Alsfeld, Büdingen, Gießen, Lauterbach und Schotten belegen, worauf noch der gesetzliche Stempel zu bezahlen ist, werden Donnerstag den 7. März 1889, Nachmittags 3 Uhr, auf Großh- Amtsgericht Gießen (Zimmer Nr. 12) zur Versteigerung, mit sofortigem Zuschlag, gebracht
Gießen, 28. Februar 1889. 1634
A. v. Jungenfeld, Concursverwalter.
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