Ausgabe 
1.12.1889 Erstes Blatt
 
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Nr. 281 Erstes Statt.

Sonntag den 1. Decembcr 1888.

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2lmtlid?er Theil.

Bekanntmachung.

Der Verein zur Erbauung einer katholischen Kirche (St. Josephskirche) zu Mainz hat um die Erlaubniß nach­gesucht, behuss Vermehrung ver Mittel für den K.rchenbau, eine Verloosung von Werthgegenständen zu veranstalten.

Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver­loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 50,001) Loose ä 1 X ausgegeben werden dürfen, daß min­destens 45% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind und daß die Verloosung längstens bis zum 1. Juli 1890 stattfindet.

Dec Vertrieb der Loose im Großherzogthum ist gestattet. Gießen, den 27. November 1889.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v Gagern.

Gefunden: 1 Kinderschuh, 1 Springseil, 2 Schul­bücher, 1 Schirm, 1 Stück Plüsch, 2 Handschuhe, 1 Quaste.

Gießen, den 30. November 1889.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutscher Reichstag.

26. Plenarsitzung. Freitag den 29. November 1889, 1 Uhr.

Die Novelle zum B a n k g e s e tz wird in zweiter Lesung berathen. Es liegen drei Anträge vor: 1) vom Abg. Gras zu Stolberg - Wernigerode (cons.), welcher Ablehnung der Vorlage verlangt und um Vorlegung eines neuen Gesetz­entwurfs ersucht, durch welchen die Ncichsbank in den Besitz des Reiches übergeführt wird. 2) Vom Abg. Frhr. v. H u e n e (Ctr.) Es soll nach der Vorlage der Reingewinn der Bank nach Abzug einer Dividende von 3*/2 Procent des Grund­kapitals und einer Quote von 20 Procent zum Reservefond je zur Hälfte an die Reichskassc und an die Antheilseigner fallen- an die letzteren jedoch nur soweit, als deren Gesammt- dividende nicht sechs Procent übersteigt. Der Antrag Huene lvill nun statt dieser sechs Procent setzen fünf Procent. Endlich liegt vor der Antrag Mooren (Ctr.): Der Reichs­tag wolle erklären, daß cs nicht seinen Absichten entspricht, wenn die Reichsbank sich für ihr Zweigniederlassungen von beH bctheiligtcn Gemeinden Steuerbefreiungen oder andere Zuschüsse bewilligen läßt.

Abg. Gras Stolberg-Wernigerode bekämpft die Vor­lage vom wirthschaftlichen und finanziellen Gesichtspunkt. Der letztere sei der hauptsächliche. Schaffe man das Grundkapital der Bank durch Zl/zprocentige Consols, so werde sie 3^3 Millionen Mark Reingewinn abwerfen- werden 3procentige Consols znr Beschaffung des Grundcapitals verwendet, so wird der Reingewinn vier Millionen betragen. Dieser Gewinn ist bedeutend genug, daß man auf ihn Rücksicht nimmt. Warum sott die Bank nicht nach der Verstaatlichung ebenso kauf­männisch geleitet werden können wie jetzt? Dem Antrag könne man höchstens vorwersen, daß der Reichsgedanke darin zu stark zum Ausdruck komme.

Abg. v. Benda (natl.) wird für die Vortage stimmen. Mehr Entgegenkommen gegenüber der Landwirthschast könne keine Bank beweisen, als sie hier vom Bankpräsidenten bei der ersten Lesung der Vorlage in Aussicht gestellt sei.

Reichsbank Präsident v. Dechend: Es ist unrichtig, zu behaupten, daß die Bank nicht genug für die Landwirthschast gethan habe. Spiritus und Zucker seien belichen, sobald sie sich unter Stcuerverschluß befanden. Landwirthschaftlichc Pro- ducte seien mit 1215 Millionen beliehen. Aus dem Giro- Conko, dem Comptoir für Werthpapiere und allen anderen Einrichtungen der Bank habe die Landwirthschast Nutzen. Jndeß haben cs die Gutsbesitzer bisher unterlassen, sich ge­nossenschaftlich zu organisiren, sie würden dann auch Wechsel credit bei der Bank genießen. Die Antheilscheine sind zum nicht geringen Theil im Besitz kleiner Leute.

Abg. Frhr. v. Huene (Ctr.) behält sich vor, später ein­mal zur Verstaatlichung Stellung zu nehmen. Zur Zeit scheine die Verstaatlichung nicht gerathen. Er befürwortet dann seinen Antrag. Des einen Procent Zinsen weniger wegen werde wohl kein Antheileigner seinen Antheil verkaufen. Ueberhaupt eignen sie sich nicht zur Capitalanlagc für kleine Leute.

Staatssekretär v. B ö . r i ch e r bittet, beide Anträge (Graf Stolberg und Frhr. v. Huene) abzulehnen. Im Prinzip stehe die Regierung der Verstaatlichung gar nicht feindlich gegen­über- doch überwiegen zur Zeit diejenigen Gründe, welche gegen die Verstaatlichung sprechen. Es empfiehlt sich, an der bewährten Leitung der Reichsbank festzuhalten, was für später ja eine Aenderung nicht ausschlicßt. Der Antrag Huene werde allerdings dem Reich eine Mehreinnahme von l/2 Million Mark zuführen. Aber dieser Vortheil, so angenehm er ist, wäre doch nicht berechtigt, denn das Reich hat keinen Pfennig zum Capital der Bank hergegeben. So erheblich sei der Nutzen der Bankantheilseigncr nicht, daß sie aus eine Ermäßigung ihrer Dividende nach dem Antrag Huene gleichgiltig herab­blicken können. Er empfiehlt unveränderte Annahme der Vorlage.

Abg. Kardorff (Rp.) erörtert die Regelung des Geld Umlaufs und die Aufrechterhaltung der Währung durch die Reichsbank. Die Handelsbilanz dürfte für die Zukunft für uns sich sehr ungünstig gestalten, da Spiritus und Zucker auf dem Weltmärkte entwerthet sind. Dazu findet, namentlich durch die argentinische Goldanlcihe, ein starker Abfluß deutschen Goldes ins Ausland statt. Unter diesen Umständen wird die Bank mit ihrem Metallvorrath nicht in der Lage sein, die Währung aufrechtzuerhalten. Die Verdoppelung des Grund­capitals empfiehlt sich und auch für den Fall eines Krieges. Es wäre daher das beste, die Antheilscheine zu kündigen und die Negierung um Vorlage eines Gesetzes zu ersuchen, wonach die Bank Reichs-Institut wird.

Reichsbank-Präsident v. Dechend: Unsere Bank ist der französischen Bank gegenüber im Vortheil. Diese hat ihre Capitalicn festgelegt, wir haben unser ganzes Capital zur Verfügung. Für das nöthige Geld zur Aufrechterhaltung unserer Währung wird die Bank schon sorgen, sie wird darin unterstützt von dem Handelsstande, der sich als sehr tüchtig und patriotisch bewiesen hat. Eine Erhöhung des Grund capitals der Reichsbank würde die Bank nur in Verlegenheit setzen.

Abg. Dr. Mayer- Halle (dsr.): Die Bank ist kein Institut zum Zwecke der Kriegsrüstung- sie soll auch im Frieden Dienste leisten. Nach den gemachten Erfahrungen wird es der Reichsbank auch in Zukunft immer möglich sein, das nöthige Gold zur Aufrechterhaltung der Währung zu beschaffen, wie ihr das bisher möglich gewesen ist. Die ganze freisinnige Partei ist für die Vorlage.

Abg. Graf Mirbach (cons.): Die Agrarier haben nie etwas Anderes von der Bank verlangt, als was anderen Erwerbskreisen auch gewährt wird. Der Geschäftsverkehr zwischen der Bank und den Gutsbesitzern beschränkt sich aus solche Capitalisten, die nur nebenher Gutsbesitzer sind. Der Antrag Stolberg verlangt für die Agrarier keine weiteren Vortheile - die Agrarier können nur mehr von der Reichsbank erlangen, wenn sie sich zu Genossenschaften organisiren. In der Organisation verlangt der Antrag Stolberg gar keine Aenderung. Die Vortheile, die man von der Reichsbank als Privatinstitut im Falle eines Krieges verlangt, sind doch sehr zweifelhaft. Redner würde als militärischer Commandeur nicht so rücksichtsvoll handeln, wie es im Kriege 1870/71 in Frankreich geschehen ist. Ein Drittel der Antheil-Jnhaber sind Ausländer, das sei auch ein Nachtheil, denn dadurch gehen verschiedene Millionen ins Ausland. Beseitige man also das Privat-Capital aus der Reichsbank und gebe dem Reiche, was des Reiches ist.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Feuilleton

Aus der Keichshauptstadt.

Berlin, 28. November 1889.

Zum letzten Male wird in diesem Jahre der Weihnachts­markt auf dem Schloßplatze erstehen, und dann soll nie wieder die kleine Budenstadt sich um das mächtige Schloß erheben und Berlin wird um ein Uebcrbleibsel aus der alten guten Zeit ärmer geworden. sein.Eins schickt sich nicht für alle!" Für die Metropole paßt nicht mehr jener Kram­markt, der einst das Entzücken der Berliner war und den die Allerhöchsten Herrschaften sogar mit ihrem Besuche und ihren Einkäufen beehrten. Die Zeiten ändern sich! Die Buden­stadt erhob sich wohl alljährlich an derselben Stelle und zu der nämlichen Zeit, aber das Publikum, das sich in ihren Gassen umhertummelte, war nicht mehr dasselbe, das war ein anderes geworden, und wie groß auch der Trubel erschien, der an manchen Tagen aus dem Schloßplatze herrschte, es waren doch nurkleine Leute", welche sich da bewegten. Die Nothwendigkeit aber, ihre Einkäufe zum Christfest aus dem Weihnachtsmarkt zu besorgen, ist selbst für diese kleinen Leute geschwunden, seitdem glänzende Magazine zu 50 Psg.- biS d Mark-Bazaren sich umgewandelt haben, in welchen es unendlich viele ansprechende Sachen gibt für Groß und Klein. Da mag selbst nicht der gewöhnliche Mann in Wind und Wetter auf dem Markte sich umhertummeln, um bei dem unsicher flackernden Lichte einer Laterne Maaren auszusuchen, die er :m elektrisch durchleuchteten Magazin viel besser be- trachtcn und prüfen kann. Dennoch hätte man dem Weih- nachtsmarkt wenigstens von Seiten einer hohen Obrigkeit noch ,ll_ gelassen, wenn sich nicht Stimmen erhoben hätten, welche diese überflüssig gewordene Sache auch für eine dem ^erkehr nachtheilige Geschichte darstellten. Das Leben und treiben eines ganzen zur City gehörenden Stadtviertels ist

nach diesen Stimmen durch diese imvrovisirten Läden ge­hemmt und erschwert und darum vor allem soll dem Weih­nachtsmarkte auf die Bude gestiegen werden, die er zum letzten Male diesmal aufbaut. Und dabei dürste gerade jetzt die Stätte des Marktes, die Umgebung des Schlosses, die lang ersehnte und projcctirte Verbreiterung erfahren. DieSchloßfreiheit" soll wirklich fallen und der Plan, welcher so lange unter den stehen gebliebenen Häusern begraben lag, soll sich als Wirklichkeit aus dem Schutt der niedergerissenen Gebäude erheben. Man will dem Schloß seine Frei­heit geben und dieS ch l o ß fr ei h e i t" ihm zum Opfer bringen.

Auf 30 Millionen Mark ist dieses Opfer veranschlagt, aber man will es bringen. Doch nicht die Stadt beabsichtigt den Ankauf. Ein Consortium von Bankiers hat sich ge­bildet und das will die Häuser kaufen, niederlegen lassen und den freien Platz den Behörden zur bestmöglichen Verwerthnng überlassen. Sehr edel von den Geldleuten! Das hätten Sie ihnen gar nicht zugetraut, nicht wahr? Die Herren wollen sich wirklich verdient machen, aber nur nicht um die Stadl, sondern um sich selbst. Eine Lotterie soll veran­staltet und die Loose im Gesammtbetrage von 40 Millionen ausgegeben werden. Es würde mithin ein Ueberschuß von 10 Millionen bleiben und da kann man schon dem Schönheits- bedürfniß der Stadt entgegenkommen und sie von der durch­aus nicht hübschen Straße befreien. Die Lotterie ist hier wirklichdas Loos des Schönen auf der Erde" und gewinnen würden nicht allein die mit Glücksnummern gesegneten Menschen, sondern auch das Schloß und damit ein hervorragender Theil Berlins, und deßhalb darf man wünschen, daß das Project der Niederlegung der Schloßfreiheit durch eine Lotterie sich nicht als Niete erweist. Im Allgemeinen beginnt ja die Baulnst, und die Sucht niederzureißen, zu sinken. Es sängt an zukrachen", wenn auch glücklicherweise nicht mit den Neubauten selbst, so doch mit ihren Unternehmern. Die fertig gewordenen Häuser wollen sich nicht so schnell mit

Miethern bevölkern, wie der Unternehmer gehofft. Das Be- dürsniß für Wohnungen ist vorläufig gedeckt und außerdem sind in Folge des theueren Bauens die Miethen so hohe, daß nur auf wohlhabende Miether die Unternehmer gerechnet zu haben scheinen. Auf diesen Reichthum der künftigen Be­wohner ist auch beim Bau allein Rücksicht genommen worden. In gewissen Stadtvierteln sind die neuen Häuser mehr zum Residiren als zum Wohnen eingerichtet, mit solcher Pracht sind sie ausgestattct. Nun ist es eine tobte Pracht und wer vermag zu sagen, wann sie Leben gewinnt, besonders sobald der Krach, der ja noch droht und in einzelnen Fällen erst zum Ausbruch gekommen ist, allgemein werden und die an den zahlreichen Neubauten Betheiligten ihr Geld verlieren sollten. Das wäre ein schwerer Schlag für die weitesten Kreise der Bevölkerung, die bereits in der sogenannten guten Zeit zu leiden haben unter der Theuerung aller Art.

Eine Theuerung hofft man nun zu heben. In Folge der durch das Schweineeinsuhrverbot bewirkten hohen Fleisch­preise beabsichtigt eine Gesellschaft die rationelle Züchtung von Lapins (Kaninchen) im Großbetriebe. Es soll ein hier lebender Amerikaner seine Besitzungen in dem benachbarten Wannsee bedeutend vergrößert haben, um auf denselben die überaus fruchtbaren Thiere anzusiedeln. Die eigentliche Ver­waltung der Zuchtstation soll ein jüngerer Praktiker über­nehmen, welcher gelegentlich seines Besuches der Pariser Weltausstellung die Zucht und Zubereitung der Lapins ein­gehend studirt hat. Derselbe soll eine neue Methode ent­deckt haben, das etwas weichliche Fleisch, das in Frankreich ein beliebtes Nahrungsmittel ist, dem deutschen Gaumen schmackhafter zu machen. Um die Aufmerksamkeit der Haus­frauen auf dies neue billige Nahrungsmittel zu lenken, wird beabsichtigt, in verschiedenen Vereinen diesbezügliche Vorträge zu halten. Dem Berliner Markt möglichst schnell und billig die Nahrung zuznfiihren, sott schon ein für diese Zwecke be­sonders construirtes electrisches Boot nach den neuesten Er­fahrungen im Ban begriffen sein. Ich gluube doch, ehe