Ausgabe 
1.11.1889 Zweites Blatt
 
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Freitag den 1. November

1889.

Zweites Blatt.

Nr. 255.

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politische Uebersicht.

Gießen, 31. October.

Die glanzvollen Festlichkeiten, welche sich in der griechischen Hauptstadt an die Vermählung des Kronprinzen Konstantin mit Prinzessin Sophie von Preußen knüpften, haben nunmehr ihr Ende erreicht und auch die fürstlichen Hochzeitsgäste sind zum Theil bereits wieder von Athen abgereist. Das deutsche Kaiserpaar, dem in Griechenland und speciell in dessen Haupt­stadt Athen eine so enthusiastische Aufnahme bereitet worden ist, reiste heute ab, um sich im Piräus nach Konstantinopel einzuschiffen, der Kaiser wiederum an Bord des Panzerschiffes Kaiser", die Kaiserin auf der DachtHohenzollern". Die übrigen Schiffe des deutschen Geschwaders, nämlichDeutsch­land",Friedrich der Große",Preußen",Irene" und AvisoWacht", segeln am gleichen Tage nach der Insel Mytilene an der kleinasiatischen Küste ab. In der türkischen Hauptstadt, wo man die Bedeutung des bevorstehenden Kaiserbesuches für die politische Stellung der Türkei wohl zu würdigen weiß, sind die umfassendsten Vorbereitungen zu einem möglichst festlichen Empfange der deutschen Majestäten getroffen und werden dieselben außerdem schon am Eingänge der Dardanellen von einem großen türkischen Geschwader an diesem Freitag begrüßt werden. Von Konstantinopel aus begiebt sich das Kaiserpaar über Venedig nach Monza zu einem nochmaligen Besuche der italienischen Königssamilie, die Ankunst in Venedig erfolgt am 11. November.

Die Aufsehen erregende Nachricht, wonach der freisinnige Reichstagsabgeordnete v. Stauffenberg sein Mandat niederge­legt haben sollte, bestätigt sich nicht und werden hiermit auch alle an den Vorgang geknüpften Betrachtungen in der Tages­presse hinfällig.

In der bayerischen Abgeordnetenkammer sanden am Diens­tag und Mittwoch große Debatten über die Vorlage, betr. den Malzaufschlag statt, welche über die Bierproduction Bayerns manche interessante Daten ergaben.

Das soeben veröffentlichte November - Avancement der österreichisch ungarischen Armee ist dadurch besonders interessant, daß es die Namen von fünf Erzherzögen aufweist. Es sind Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich-Este, der künftige Thronfolger, und Erzherzog Eugen, welche von Majoren zu Oberstlieutenants befördert wurden, ferner Erzherzog Leopold Salvator, der vom Hauptmann zum Major avancirte, endlich Erzherzog Franz Salvator, der vom Oberlieutenant zum Rittt meister aufrückte und der bisherige Lieutenant Erzherzog Ferdinand, welcher zum Oberlieutenant ernannt wurde. Von sonstigen bemerkenswerthen Ernennungen des November-Avan­cements sind noch hervorzuheben diejenigen der Feldmarschall-

Lieutenants Baron Rheinländer, Graf Grünne und Waldstätten zu Feldzeugmeistern.

Serbien hat durch die zum Theil schon erfolgte Einwan­derung montenegrinischer Familien, welche durch die in Mon­tenegro herrschende Hungersnoth zum Verlassen des Landes gezwungen worden sind, einen der Regierung nicht sehr will­kommenen Bevölkerungszuwuchs erhalten, den die Regierung indessen schon aus Gründen der Humanität dulden muß. Bis jetzt sind ca. 1380 Personen von Montenegro nach Serbien abgegangen, wo sie in diesen Tagen eintreffen, um in den hierzu bestimmten Districten angesiedelt zu werden. Die Aus­wanderer müssen auf ihrem Wege bosnisches Gebiet durchziehen und hat sich hierbei die bosnische Landesverwaltung ungemein entgegenkommend gezeigt, so daß der Fürst von Montenegro dem österreichischen Ministerpräsidenten in Cettinje, Oberst v. Millinkovic, seinen innigsten Dank für dieses Entgegenkommen ausdrückte.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. October. Einer Anzahl aus Berlin aus- gewiesener Socialisten ist, ohne Zuthun derselben, die Rückkehr nach Berlin wieder sreigestellt worden. In einem Falle hat sich, wie der Berichterstatter mittheilt, ein bereits zurückgekehrter Ausgewiesener vom Polizeipräsidium Auskunft darüber erbeten, ob sein ferneres politisches Ver­halten einer besonderen Censur unterliege. Darauf veranlaßte ihn die Polizei zur Unterschrift eines Reverses, in welchem er verspricht,nicht politisch zu agitiren". In mehreren Blättern wird die eingetretene mildere Behandlung mit den bevorstehenden Verhandlungen über das Socialistengesetz in Verbindung gebracht.

vermischtes.

Stenographisches. Seit einer Reihe von Jahren wird das stenographische Bureau des Reichstags aus Steno­graphen gebildet, welche theils nach dem Stolze'schen, theils nach dem Gabelsberger'schen ^System ausgebildet sind. Da in Norddeutschland das Stolze'sche System überwiegt, so sind die Gabelsbergianer meist Mittel- und Süddeutschland ent­nommen worden. Das ist auch diesmal geschehen. So sind von München drei Gabelsberger'sche Stenographen an den Reichstag abgegeben und das Königl. sächsische stenographische Institut in Dresden hat ebenfalls drei solche dahin entsandt, nämlich die Mitglieder Dr. Fröhliger und Dr. Neupert, sowie den Hilfsstenographen Studenten Höfer.

Nächst der durch Einschnürung der Athemorgane erzwungenenWespentaille" ist der moderne Damenschuh der schwerste Frevel der Frauenmode gegen die Gesundheit. Neuer­dings hat zwar die Höhe der Stelzen unter der Sohle etwas

Memento mori!

Ein Gedenkblatt für Allerheiligen und Allerseelen.

1. und 2. November.

Nie an Güter dieser Erde

Soll Dein irrend Herz sich hängen, Aufwärts, aufwärts mußt Du schäum, Will die Erde Dich bedrängen!

Niemals sollst Du, Mensch, vergessen, Daß ein Gast Du nur auf (Srben Denn auS Staub bist Du gewordm, Und zu Staube wirft Du werden!

Wenn die Natur den letzten Scheidegruß dem Jahre bietet, bevor sie in das Leichentuch sich hüllt und erstarrend der Wieder-Auferstehung des Frühlings entgegenschlummert, wenn der Herbst todtbringend allem Blumen-, allem Blätterschmuck der Erde mit rauhem Fuße über die immer kahler und öder werdenden Gefilde schreitet, dann wird im sinnbildlichen Einklänge mit dieser äußeren Vergänglichkeit des Irdischen auch das große Fest gefeiert, das die Staubgebo­renen begehen zu Ehren ihrer Todten!

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern bei Cultur- und Naturmenschen hat der Brauch es vorgeschrieben, daß die Verstorbenen irgend eine letzte Ruhestätte, in irgend einer Form, mit irgend welchen Zeremonien erhielten, eine Sitte, von der selbst die Rohesten und Wildesten keine Ausnahme zu machen pflegten seit altersgrauer Zeit, denn so grundver­schieden auch dasWie" dieser Bestattung, so unendlich auch die Art der Trauer und der Feier war und ist, Eines blieb das gleiche: der leitende Gedanke nämlich oder die un­klare Empfindung, daß der Mensch, der seine Todten ehrt und mit Pietät für diese Sorge trägt, sich selber ehrt.

Und diese Sorge, diese Pietät rang bei dem Christen- thum nach einem erhöhten, nach einem inneren, religiösen zu dem äußeren Ausdruck, und in Harmonie mit dem begin­nenden Todesschlummer der Natur, durch den trotzdem der

lichte, hoffnungsgrüne Frühling winkt und schimmert, setzte die Kirche das allgemeine, große Todtenfest des Herbstes ein, für die ersten beiden Tage seines Hauptmonats: November, zur Erinnerung und zur Gedächtnißseier für alle Abgeschie­denen und zum Gebete für die armen Seelen!

So zieht zu Allerheiligen und Allerseelen denn Jahr für Jahr der Gottesacker sein allerschönstes, buntfarbiges, glanz­volles Festkleid an, so, wie sonst zu keiner andern Zeit des ganzen Jahres, und die Menschen ziehen auch hinaus, wie sonst an feinem andern Tage, ihre Gaben darzubringen zum Schmuck der Gräber ihrer entschlafenen Lieben. Alles eint sich, Theil zu nehmen an der ernsten, schönen Feier, die ernst­mahnend ihr gewaltiges, so oft vergessenes:Memento mori! gedenke des Todes! jedem Staubgeborenen entgegenruft:Gedenke, o Mensch, daß du Staub bist!"

Und gar vielfach und vielverschieden wird diese Feier bei den einzelnen Nationen, in den einzelnen Gegenden begangen, obwohl im Grunde der Character und Zweck des hohen Festes ja überall derselbe ist.

Ruft man in den vlämischen Städten, wenn man an Allerheiligen sich begegnet, sich den Wunsch zu:Ein glück­liches, hohes Fest!" so begeht man den Abend dieses Tages dafür desto stiller, begeht ihn im engsten Familienkreis, .still betend für die Todten und ihre armen Seelen- im westlichen Flandern aber pflegt die Jugend am Vorabend des Aller­seelentages draußen an der Hausthüre kleine Altäre aufzu­bauen, d. h. sie schmückten einen Schemel oder Stuhl durch ein Cruzisix oder Muttergottesbild, nebst etlichen brennenden Lichtern zu einem solchen, und erbitten von Denen, die des Weges kommen, ein Scherflein:ZielenbrodjeSeelen- brodchen", wie sie in ganz Vlämisch-Belgien am Allerseelen­tage Sitte sind, und zwar vom feinsten, weißen Mehl ge­backen, verziert mit einem Kränzchen - in Antwerpen kommt I Safran noch hinzu, als eine Art Symbol für die Flamme

abgcnommen, auch werden sie nicht mehr so gar weit nach ter Fußmitte gerückt. Wie es scheint, haben sich doch nach­gerade die mannigfachen üblen Folgen der Sache allzu fühl­bar gemacht. Man hat endlich begriffen, daß diese sich nicht aus kleine Unannehmlichkeiten, wie Leichdorn, eingewachsene Nägel, Krampfadern, Unsicherheit des Ganges, Verstauchungen, Sturz u. s. w. beschränken, sondern daß durchaus auch ver­schiedene sehr peinliche und gefährliche Unterleibskrankheiten hervorgerufen oder gefördert werden und daraus hin einiger­maßen eingelenkt, keineswegs aber hinlänglich eingelenkt, auch nicht überall- hier und da blüht und wuchert das alte Un­wesen noch üppig. Vom hygienischen Gesichtspunkte aus soll nun hier nicht weiter capucinert werden, theils weil es schon von allen Dächern gepredigt wurde, theils weil die Mehr­zahl unserer Modedamen nun einmal über Mahnungen der Hygiene gähnend und achselzuckend zur Tagesordnung zu schreiten pflegt. Was sagen denn aber die Grazien dazu, deren Gebote jenen Damen doch wohl nicht gleichgiltig sein dürften? Klar am Tage liegt es, daß eine Fußbekleidung, deren Absatz auffallend nach vorn gerückt ist, nur dem ersten, flüchttgsten Blicke kleiner erscheint, dieser Schein aber also- bald verschwindet und an seiner Statt die kurzsichtige Eitel­keit der Besitzerin in voller Größe und Glorie hervortritt. Die verfehlte Spiegelfechterei von Dame und Schuster ver- räth, daß beide den betreffenden Fuß für zu groß halten und von ihm etwas Hinweglügen möchten, ebenso daß durch die hohen Stelzen der Figur etwas hinzugelogen werden soll. Derkleine Gernegroß" und sein Gegenstück, beide un­schön und lächerlich. Wie oft soll es wiederholt werden, daß Schönheit auf Ebenmaß beruht und jedes Ueberschreiten der­selben Carricatur wird.

Blankenburg, 28. October. Ein fideler Attentäter hat seit einiger Zeit hier sein Wesen. Der Collecteur Meyer pflegt an Sonn- und Feiertagen ein Schild mit der Auf­schriftHeute geschlossen" an seine Comptoirthür zu hängen. Das Schild wurde am Freitag Abend von der Thüre des Geschäftslocals entwendet, zwar fand man dasselbe am anderen Morgen wieder, jedoch nicht am Geschäftslocale des Herrn Meyer, sondern an der Eingangsthür des hiesigen Gym­nasiums. Die Folge davon war natürlich, daß die Schüler vor der Schulthüre umkehrten und nach Hause gingen. Dergleichen Streiche sind in letzter Zeit mehrfach vorge- gekommen. So fand man neulich das Aushängeschild eines Kaufmannes mit der Aufschriftff. Bücklinge, marinirte Häringe" u. s. w. an der Thür des Kreisdirectionsgebäudes angehängt, sowie an der Thür des hiesigen Gefängnisses ein Placat mit der Ausschrift:Hier sind Sommerwohnungen zu vermiethen."

des Fegfeuers - ebenso wie dort vorm Abendläuten an Aller­seelen kein Fenster, keine Thüre laut zugemacht werden darf- auch sind nach frommem Brauch die Kuchen heiß zu effen, und bei jedem ein Gebet für die armen Seelen im Fegfeuer zu sprechen.

In Oesterreich heißt man diese Weißbrode und Kuchen: Seelchen, Seelstücke, heilige Stritzel", und in Tyrol, wobei Seelstücke als Pathengeschenke an die Kinder vertheilt werden (als übliche Form für die Knaben die Gestalt von Pferden oder Hasen, für Mädchen die von Hennen tragend), bleiben die Kuchen, die beim Abendessen übrig sind, auf dem Tisch stehen, und der Tyroler sagt, brennende Kerzen herumstellend: Das gehört den armen Seelen!" In manchen Dörfern wird sogar eingeheizt für die Allerseelennacht, wegen der Seelen, diekalte Pein" leiden, und am Tage selbst sind die Friedhöfe so reich geschmückt, daß man meint, es sei nicht Herbst, sondern blumenbunter Frühling- dreimal zieht die Procession dann singend und betend umher zwischen den Grab­hügeln, und die kleinen Wachslichter auf denselben brennen so lange, bis der feierliche Zug vorüber ist, worauf im Passeirthal, der bekannten schönen Heimath des schlichten Bauernhelden Andreas Hofer, die Namen der Verstorbenen in der Kirche von der Kanzel verlesen werden, was oft lange Zeit in Anspruch nimmt, denn es wird viel Werth daraus gelegt, daß die einzelnen Namen recht deutlich zu vernehmen sind. In Kärnten und Steiermark aber zieht man, nachdem Nachmittags die Procession stattgefunden, Abends nochmals hinaus auf den Gottesacker, um Kerzen auf den Gräbern an­zuzünden und bis Mitternacht zu beten.

In Böhmen besucht man am Allerseelentag erst eine Messe für die Abgeschiedenen, und dann besucht und ziert man ihre letzten Ruhestätten mit Blumen, Kränzen, brennen­den Lichtern- auch kommt es manchen Ortes vor, daß man Abends zuvor, zu Allerheiligen also, kalte Milch mit