Ausgabe 
31.10.1888
 
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Nr. 2SS Mittwoch den 31. October 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

teureftttt Schulftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis ^.rteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Dl 3 t bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf;

9.

Telegraphische Aepesche«.

»oM's telegr. Larrefpoubenr - Buren«.

Berlin, 29. October. Das von Sr. Majestät dem Kaiser an den russischen Minister des Auswärtigen, Herrn v. Giers, zu dessen 50jährigem Dtenstjubiläum ge­richtete Glückwunschtelegramm hatte nach derNordd. Allg. Ztg." folgenden Wortlaut: Ich ergreife mit ganz besonderer Befriedigung den Anlaß, welchen Mn der Jahrestag bietet, welchen Ew. Excellenz heute feiern, um Ihnen Meine herzlichen Glück­wünsche zu übersenden und in Ihnen einen sicheren und aufrichtigen Vermittler der officiellen und persönlichen Beziehungen, welche Mich mit Meinem theueren Freunde und nahen Verwandten, Sr. Majestät dem Kaiser Alexander, verbinden, zu begrüßen.

gez. Wilhelm.

Der Minister von Giers antwortete:

Tief gerührt von dem huldvollen Zeugniß des Wohlwollens, das Ew. Kaiser­liche Majestät mir an dem heutigen Tage zu übersenden geruht haben, bitte ich Ew. Majestät um die Erlaubniß, die Huldigung meiner tiefen Dankbarkeit zu Ew. Majestät

Deutschland.

Darmstadt, 29. October. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Aller-

o. Mts., bezw. 24. ds. Mts. den vormaligen Königlich Preußischen

Regierungs-Baumeister Hermann Jmroth zu Eltville zum Wasserbauinspektor mit

Politische Rundschau.

Gießen, 30. October.

Ueber den für November signalisirten Gegenbesuch deS Kaisers von Rußland am Berliner Hofe lauten die Nachrichten noch ziemlich widerspruchsvoll. Während man auf der einen Seite mit Bestimmtheit behauptet, der Ezar werde etwa in der Zeit zwischen dem 10. und 15. November nach Berlin kommen, um sich dann von hier aus nach Kopenhagen behufs Theilnahme am 25jährigen Regierungsjubiläum des Königs von Dänemark zu begeben, will man auf der andern Seite wissen, die Ezarenreise nach Berlin werde vorläuftg nicht stattfinden, da der Ezar seinen Aufenthalt im Kaukasus verlängert habe. Letzteres trifft aber jedenfalls nicht zu, denn die russischen Majestäten befinden sich bereits auf der Heimreise aus dem Kaukasus, auf welcher sie am Montag in Sebastopol eingetroffen sein dürften, um alsdann die Weiterfahrt nach Petersburg vermuthlich ohne größeren Aufenthalt unterwegs fortzusetzen. Es konnte somit der russische Kaiser allerdings noch ganz gut vor dem 15. November in der deutschen Reichshauptstadt sein und wenn am Berliner Hofe bislang noch keine Anzeige von einem Besuche des Czaren eingegangen ist, so ist hiermit selbstverständlich durchaus nicht gesagt, daß der Besuch überhaupt jetzt unterbleibt.

Die Aeußerungen schmerzlichen Unwillens, welche Kaiser Wilhelm beim Empfange der ihn zur Heimkehr beglückwünschenden Deputationen der Stadt Berlin wegen der Preßerörterungen über intime Angelegenheiten der kaiserlichen Fa­milie hat fallen lassen, erregen begreiflicher Weise in weiten Kreisen Aufsehen. In officieüer Fassung liegen indessen die Worte des Monarchen noch nicht vor, daher auch über deren Hauplftelle einigermaßen verschiedene Lesarten coursiren. Nach der einen hätte er von einemThelle der vaterländischen Presse" gesprochen, durch dessen Er­örterungen über die inneren Angelegenheiten seiner Familie sich der Kaiser verletzt fühle, nach der anderen Lesart aber soll der Herrscher direct dieBerliner Presse" dieser verletzenden Discussion bezichtigt haben. Jedenfalls ist der Kaiser deswegen ernstlich verstimmt und seine Verstimmung erhellt auch daraus, daß er sich die Herren der Deputation nicht vorstellen ließ und auch ihrem Führer, dem Oberbürgermeister v. Forckenbeck, die Hand nicht reichte. Darüber, was der Kaiser eigentlich gemeint, sind ebenfalls verschiedene Anschauungen verbreitet, jedoch kann es wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß der Kaiser auf die Erörterungen einer Anzahl Blätter über das Tagebuch Kaiser Friedrichs und über die Krankheit desselben anläßlich der Mackenzie- schen Brochüre zielte.

Zu einer großartigen Kundgebung gestaltete sich die am Samstag in Köln stattgefundene Volksversammlung in Sachen der afrikanischen Gelavereifrage.* Die angesehensten Persönlichkeiten der Stadt, unter ihnen der Oberpräsident und der Erzbischof, sowie die Spitzen der Civil- und Militärbehörden waren in der Ver­sammlung anwesend und sprachen in derselben Realgymnasiallehrer Hespers, Premier­lieutenant Wißmann und Missions-Jnspeclor Fabri über die afrikanischen Tagesfragen. Zum Schlüsse nahm die überaus stark besuchte Versammlung eine Resolution an, welche die Unterdrückung des afrikanischen Sclaoenhandels als die Pflicht aller christ­lichen Staaten, besonders aber Englands, Deutschlands und des Congostaates bezeichnete und das Vertrauen der Versammlung ausdrückt, es werde die Reichsregierung die Ehre der deutschen Flagge und die deutschen Interessen wirksam zu schützen wissen; außerdem spricht die Resolution die Ueberzeugung aus, daß die einmüthige Unter­stützung des Volkes ohne Unterschied der Partei und Confession und die thatkräftige Mitwirkung des Reichstages einem solchen Vorgehen nicht fehlen werde.

Die am Samstag erfolgte Eröffnung der bulgarischen Sobrarrje lenkt den Blick wieder mehr der bulgarischen Frage zu, die seit längerer Zeit schon ein recht be­schauliches Stillleben geführt hatte. Indessen möchte auch jetzt noch zu bezweifeln fein, daß die bulgarische Angelegenheit nun wieder etwas mehr in Fluß kommen werde; wenigstens sind am diplomatischen Horizont Europas noch keinerlei Anzeichen zu ent­decken, welche darauf hindeuteten, daß nachhaltigere Pourparlers zwischen den (Kabinetten wegen Bulgariens bevorftünden. Ebensowenig scheint aber auch auf irgendeiner Seite Neigung zu bestehen, gewaltsam in dieser heikeln Angelegenheit vorzugehen und was die neuerlichen Truppenverschiebungen in Rußland anbelangt, so ist nicht recht ersichtlich, wie sie direct mit der bulgarischen Affaire zusammenhängen sollen, da es sich bei jenen dem Vernehmen nach lediglich um die längst geplante Verlegung der kaukasischen Di­vision nach der Weftgrenze Rußlands handelt. Die Bulgaren selbst aber werden sich wohlweislich hüten, der Entwickelung der Dinge vorzugreifen, wie dies schon die politisch so farblos wie möglich erscheinende Rede des Fürsten Ferdinand bei Eröffnung der Sobranje bekundet. Die Bulgaren wünschen eben weiter nichts, als in Ruhe ge­lassen zu werden und dasvereinigte Europa" thut ihnen einstweilen auch wirklich diesen Gefallen, aber daß dies nicht immer fo bleiben wird, liegt auf der Hand!

In Athen haben die Festlichkeiten und Feierlichkeiten anläßlich des 28jährigen RegierungSjubiläumS des Königs Georg noch vor dem eigentlichen Jubiläums­tage, dem 31. October begonnen. Als ihren Beginn kann man bereits die am Sams­tag erfolgte Eröffnung der griechischen Deputirtenkammer betrachten, da die Eröffnungs- botfchast des Königs eingehend Bezug auf das Regierungsjubiläum nimmt. Weiter empfing König Georg am Montag in feierlicher Audienz die Abgesandten der fremden Mächte, welche ihm die Glückwünsche der betreffenden Regierungen überbrachten. Sämmttiche seefahrenden Nationen Europas haben Schiffe ihrer Kriegsmarine nach dem Piräus, der classischen Hafenstadt von Athen, entsendet, um officiell die Flaggen der betreffenden Länder beim Regierungsjubiläum des griechischen Herrschers zu zeigen. Auch nach dem 31. October werden In der griechischen Hauptstadt noch eine Reihe von Festlichkeiten stattfinden, welche alle an das seltene Ereigniß anknüpfen, an welchem die griechische Nation in allen ihren Schichten den freudigsten und .lebhaftesten Antheil nimmt.

dem Amtssitze zu Mainz, mit Wirkung vom 1. November d. I., zu berufen, bezw. zu ernennen^ ^^uringenieur Moritz Reinhardt zu Darmstadt, gleichfalls mit Wirkung vom 1. November, zum Kreisbaumeister zu ernennen und die Ermächtigung ertheilt, demselben die commissarische Verwaltung der Stelle eines Wasserbauinspektors des Wasserbauamts Worms zu übertragen;

den Kreisbaumeister Friedrich Jäger zu Darmstadt zum Kretsbaumelsttr deS Kreisbauamts Groß-Gerau zu ernennen.

Darmstadt 29. October. Wegen des Ablebens Ihrer Durchlaucht der Fürstin von Waldeck und Pyrmont, geborene Prinzessin von Nassau, ist auf Allerhöchsten Be­fehl eine Hoftrauer bis zum 5. November l. I. einschließlich angeordnet worden.

Hamburg, 28. October. Alle ©irafeen, welche der Kaiser morgen passiren wird, sind auf das Reichste und Prächtigste geschmückt und von vielen Tausenden von Menschen durchwogt, welche die Dekoration besichtigen. Die am Alsterbassin und dessen Umgebung befindlichen Laternen sind in Gasfackeln umgewandelt, welche Tageshelle verbreiten. Ueberall herrscht bereits eine erwartungsvolle festliche Stimmung. Die Vertreter der hiesigen Zeitungen und der auswärtigen Presse unternahmen heute mit sämrntlichen Barkassen und mit dem DampferPatriot", die auch an der morgigen Fahrt theilnehmen, eine Fahrt auf dem Zollkanal und demjenigen Thelle der Elbe, welchen der Kaiser bei der morgigen Umfahrt passiren wird.

Hamburg, 29. October. Bei aufheiterndem Wetter traf der Kaiser mit seinem Gefolge präcis 12 Uhr auf der Haltestelle bei der Lombardsbrücke ein, woselbst die Senatskommission, bestehend aus den Bürgermeistern Versmann und Petersen und den Senatoren Hachmann, Oswald und dem Senatssekretär Roeloff, sowie der Minister Bötticher und der Kommandeur der hiesigen Besatzung zum Empfang versammelt waren. Der Kaiser begrüßte die Bürgermeister mit einem Händedruck, schritt die auf- gestellte Ehrenwache ab und begab sich in die reich dekorirte Alsterlust, woselbst er das Frühstück einnahm. Pünktlich um 12^ Uhr wurde das Alsterschiff bestiegen und die Außenalster durchfahren, woselbst die Dampfer- und Ruderflotille manöverirte. Unter der Lombardsbrücke hindurch fuhr der Kaiser nach dem Jungfernstieg, roofelb die Offiziere der Landwehr und der Reserve Aufstellung genommen hatten. Dort be­stieg der Kaiser einen vierspännigen Waaen in Begleitung des Bürgermeisters Vers­mann, im zweiten Wagen saßen Moltke und Bürgermeister Petersen, im dritten Bötticher und Gras Herbert Bismarck. Die Fahrt ging durch die via triumphahs, die dicht von Menschen besetzt war, zur Brookthorsbrücke, wo die Schlußsteinlegungs-Fererlich- keit stattfinden sollte. Der Kaiser nahm Platz auf dem mit einem Baldachin gekrönten Thron, umgeben von Moltke und den Adjutanten. Rechts nahm der Bundesrath und die Reichstagsmilglieder, links die Bürgerschaft und der Senckt Ausstellung. Die Tri­bünen, dicht besetzt von den geladenen Gästen, boten einen prächtigen Anblick. Nach ein« Musikfanfare hielt Versmann eine Ansprache, in der er dem Kaiser für seine Hierherkunft dankte, welche der heutigen Feier erst die rechte Weihe verleihe. Hierauf verlas er die Urkunde zur Feier der Schlußsteinlegung der Zollarbeiten und ersuchte den Kaiser diese Legung oorzunehmen. Der Kaiser that dies in feierlicher Weise. Dann folgten Moltke. Bötticher, Graf Bismarck, die Bundesrathsmitglieder, Senat und Bürgerschaft. Sodann hielt Hauptpastor Dr. Hirsche die Weiherede, welche der Kaiser entblößten Hauptes anhörte. Unter den Klängen der Nationalhymne verließ der Kaiser mit Gefolge die Tribüne, um auf der Dampfbarkasse zunächst den Zoll­kanal zu besichtigen. Bei der neuen Harburger Brücke bestieg er einen größeren Dampfer, der die Elbe bis Altona abwärts befuhr. Der Kaiser unterhielt sich ein­gehend mit beiden Bürgermeistern; er erschien ernst, war aber sichtlich gut gelaunt. Die Feststimmung wurde durch keinen Mißton getrübt.

Auch die Elbfahrt des Kaisers verlief überaus glänzend; der neue Hafen mit seinen Hunderten großer, beflaggter Schiffe, deren Mannschaften in Parade auf den Raaen standen, machte einen imponirenben Eindruck. Um zwei und dreiviertel Uhr langte der Kaiserdampfer, begleitet von drei großen Dampfern und zahllosen kleinen Fahrzeugen, in Sankt Pauli bei der Landungsbrücke an. Der Kaiser bestieg einen vierspännigen Galawaaen und fuhr längs der Elbseite. der sogenannten Wasser­kante, zum 9teuen Wall und Jungfernstieg. wo er im Palais Jänisch abstieg und bis 5 Uhr verblieb, verschiedenen Personen Audienz ertheilend. Dann verfügte sich der Kaiser nebst Gefolge nach der Kunsthalle, woselbst ihn der (Senat in vollem Ornate empfing. Die Kaisertafel umfaßte sechzig Couverts im Makartsaal, die Marschall­tafel 240 Couverts im Galileisaal. Der Kaiser, in sehr animirter Stimmung, wechselte mehrfach Scherzworte mit Herbert Bismarck. Bürgermeister Petersen toastete auf den Kaiser. Dieser dankte, indem er betonte, Hamburg sei ihm keine unbekannte Stadt und er denke mit besonderem Vergnügen an zwei Besuche zurück, einmal, als seine Eltern seinen Bruder nach Kiel begleiteten, zum zweiten Male als er mit seinem Großvater hier gewesen sei. Beide Male werde ihm der Empfang unvergeßlich bleiber. Er sehe den heutigen Jubel als ein Erbstück seines seligen Großvaters an. Wenn ec nach Norden zu feiner hochgeliebten Flotte fahre, führe der Weg ihn durch Hamburgs Mauern. Er habe feine Reise unternommen im Interesse des Friedens, der Industrie und des Wohlstandes des Vaterlandes. Der heutige Tag sei ein hochbedeutender, und das heute vollendete Werk sei das erste besondere Ereigniß seiner Regierung auf dem Gebiete der inneren Politik. Er hoffe, Gottes Segen werde darauf ruhen, und Ham­burg werde weiter aufblühen. - Um sieben Uhr fuhr der Kaiser mit dem Gefolge über den Jungfernstieg nach dem Dammthorbahnhof, woselbst die Abreise nach Fried- richsruh erfolgte. Als der Kaiser mit dem Bahnzug über die Lombardbrucke fuhr, wurde ein prachtvolles Feuerwerk abgebrannt. Gegen sechs Uhr entstand ein leichter Regen, der später stärker ward; dennoch gestaltete sich die Illumination zu einer glänzenden. (ü- Ztg--