Das Kutherfestspiel von H. Herrig.
IV.
Auch die Bllderstürmescene, in der Luther plötzlich unter die aufrührerischen Massen, die Bauern, die Schwarmgeister, die Bilderstürmer tritt und sie mit seinem wichtigen Wort, mehr aber noch mit dem soeben verdeutschten Neuen Testament zur Besinnung bringt, ist wie von dramatischer Lebendigkeit so von tiefer innerer Wahrheit. Die Scene verkündigt uns mit überzeugender Kraft di- Macht des Evangeliums als die wahrhaft erhaltende Kraft, als das Heilmittel gegen soziale Schäden jener Zeit und aller Zeiten. Was der Dichter hierbei den Reformator über die Macht des Evangeliums, über das christliche Leben nach reformatorischer Auffassung sagen läßt, Luthers bekannte große und wichtige Gedanken über diese Dinge, das ist so richtig erfaßt und so treffend wiedergegeben, daß hier wenigstens die Schlußworte Luthers in dieser Scene erwähnt werden sollen:
So haltet an der Wahrheit fest, Daß nie ihr Gottes Wort vergeßt Denn dieses ist der sichre Grund Auf dem er schloß den neuen Bund, Der Fels, auf dem die Kirche steht, Die nicht in Ewigkeit vergeht......
Doch nun laßt uns nicht müßig stehn, Ein jeder an sein Tagewerk gehn; Thu' nur mit rechter Lieb ein Ding, Da ist auf Erden nichts gering, Denn Jeder wird den Andern nützen, Und Gott bei seinen Thun ihn schützen, Der Satan aber muß ihn fliehn. Gebet und Arbeit ärgert ihn!
So dient dem Gott mit diesen beiden, Da wird die böse Lust uns meiden. Und wirkt Ihr, was den Menschen frommt: Das saure Tagwerk eurer Händ Schafft auch in Gottes Regiment, Still wirkend, daß sein Reich uns kommt. Gott dienend denn und eures Gleichen Folgt mir, legt ab des Aufruhr's Zeichen.
Läßt es sich schöner und schlichter sagen, welches der Beruf der Kirche und welches die evangelische Anschauung über den Werth des irdischen Berufs ist? Wir stimmen den Worten des Rathsherrn zu, wenn er nach jener Rede Luthers und nach dem Chorgesang: „Vater unser im Himmelreich" sagt:
Das klang so wahr, so gut, so schön; Muß jedem wohl zu Herzen gehn.
Endlich die letzte Scene. Melanchthon führt einen Scholar aus Ingolstadt, der eigentlich ein Gegner Luthers ist, über den er viel Schlimmes gehört hat, in das Haus des Reformators ein.
Sehet Euch selber den Luther an, Ein bess'res Urtheil fället dann!
Bei diesen Worten öffnet sich der Vorhang der Hinterbühne, und ein entzückendes Bild zeigt sich unsren Augen: Luther im Kreise seiner Familie, am Abend seines Lebens. Da sitzt der große Reformator, nach all den gewaltigen Kämpfen, im Frieden des häuslichen Feierabends, selbst Feierabend seines Lebens haltend, älter und schwächer geworden. Vor sich aufgeschlagen die Bibel, seine tägliche Speise, um ihn rm Kreise Käthe, seine Frau, und Hans, Martin, Paul und Margarethe, seine Kinder. Magdalene, sein liebes Töchterlein, ist schon nicht mehr unter der Schaar der Kinder. Zu der Freude im Ehestande hat sich bittrer Schmerz gesellt.
Der Herr nahm uns ein Töchterlein, Auch sie war so züchtig und fein! Die wohnt nun beim Herr Jesu Christ Wo Lene ein glänzendes Sternlein ist.
Es liegt über dem Bilde der ganze Frieden eines gesegneten, in Gottes Wort geheiUgten Familienlebens, und so sind auch die Worte, die in diesem Kreise gesprochen werden, von besonderer Wirkung. Was Luther über den Ehestand, über Kinder - erziehung, über die rechte Art, sein Leid zu tragen, sagt, das ist so tief und innig, so herzlich, daß wir verstehen wie gerade diese Scene die Gemüther der Gemeinde rührt, eine Predigt vom christlichen Familienleben an jedes christliche Haus uns'rer Gemeinde.
Wenn dann die Familie ihr Abendlted singt, zugleich für Luther wie ein Lied vom Sterben klingend und der Schatten des Abends senkt sich mehr und mehr über die Gruppe, während vom Sängerchor es wtederhallt: „Mit Fried' und Freud' fahr ich dahin" — dann hat das ganze Bild einen so sinnig herzbewegenden Abschluß, daß wir begreifen, wie gerade diese Scene überall zu Herzen gegangen ist.
Ehrenhold und Rathsherr erzählen von späterer Zeit und deuten in die große Gegenwart, in der wir leben. Mahnungen zur Demuth und zum Festhalten am Glauben folgen, Segenswünsche für Kaiser und Reich bilden den Abschluß. Erhoben und ergriffen stimmen wir in den Schlußgesang der Gemeinde ein:
Nun danket alle Gott!
t O ! 4 I t t
Gießen, 30. Mai. sLutherfestspiel.j Wir machen unsere Leser darauf aufmerksam, daß die Programme mit dem Texte der Gesänge zum Lutherseftspiel von heute ab in der Ferber'schen Universitäts-Buchhandlung ä 20 per Stück ru haben sind. 4
. ^Gießen, 30. Mat. Der Fuhrknecht Johs. Brück von hier kam gestern in der Nahe von Garbentetch unter seinen mit Frucht schwer beladenen Wagen. Hierbei wurde er derart schwer verletzt, daß er in die Klinik verbracht werden mußte, woselbst er diese Nacht an seinen Verletzungen gestorben ist.
Vermischtes.
uT M., 28. Mai Im Freien deutschen Hochstift sprach gestern
Vormittag Herr Oberbürgermeister Dr. Miquel über den Entwurf zum neuen deutschen Civilgesetzbuch. Redner führte etwa Folgendes aus: Unserer Zeit sei es vorbehalten gewesen, an die Schaffung eines neuen einheitlichen deutschen bürgerlichen Ge etzbuches heranzutreten, ein Versuch, der jetzt zum ersten Male in der deutschen Geschrchte gemacht worden sei. Der Entwurf, welcher nach langer mühevoller Arbeit nunmehr vorliege, werde hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit in Kraft treten, was um so mehr zu wünschen sei, als in gesetzgeberischer Hinsicht augenblicklich ein Stillstand eingetreten sei. Ueberall, wo man eine Lücke in dem bestehenden Gesetz erkannt, habe man mit Rücksicht auf das in Aussicht stehende allgemeine deutsche bürgerliche Ciotl- Gesetzbuch von der Schaffung eines neuen Gesetzes abgesehen.
Redner beleuchtete sodann die großen Schwierigkeiten, welche sich der Schaffung ernes solchen einheitlichen Rechts entgegmstellen, dabei der großen Verdienste des verstorbenen bayerischen Ministers v. Fäustle um das Zustandekommen des nun vorliegenden Werkes gedenkend. Nachdem die Compelenzfrage entfchieden gewesen, seien die deut chen Regierungen eifrig an's Werk gegangen und hätten zunächst eine Commission rsiedergesetzt an deren Spitze der damalige Präsident des Reichs-Oberhandelsgerichts Wirklicher Geheime Rath Pape stand und welcher als Mitglieder angehörten die Herren: KaiserlicherAppellationsgerichtsrath, jetzige Reichsgerichtsrath Derscheid, Großherzogllch badischer Ministerialrath Dr. Gebhard, Königlich preußischer Geheime Ober-Justizrath Johow, Königlich württembergtscher Obertrtbunals-Vicepräsident
Kubel Koniglrch preußischer Geheime Ober-Justizrath und vortragende Rath ?//urlbaum ll. Königlich preußischer Appellationsgerichts- Eh Geheime Justizrath Dr. Planck, Komgltch bayerischer ordentlicher Professor der Rechte Dr v. Roth, Königlich bayerischer Ministerialrath, jetziger Oberlandesgerichts- prasident Dr v Schmitt, Königlich sächsischer Oberlandesgerichtspräsident, Wirklicher Geheime Rath Dr. d. Weber, und Königlich sächsischer Geheime Rath und ordentlicher Professor der Rechte Dr v.Windscheid. Das letztgenannte Mitglied sei mit Rücksicht auf feine Berufsgeschafte aus der Commission ausgetreten, zwei andere Mitglieder feten verstorben.
Uuiverfttäts -G-ronik.
, — Aus Amsterdam, 28. ds., wird der „F. Z." geschrieben: Gestern feierte
?er berühmtesten Gelehrten, welche Holland zur Zeit besitzt, Franz Cornelius nber QnV?Lc^or Physiologie und Augenheilkunde an der Universität ST WH ®CblirSÖk .Dem Unterrichtsgesetze zufolge muß jeder Professor, sobald er dieses Alter erreicht hat, sein Amt niederlegen, und so wird leider auch Donders akademische Thatigkeit alsbald ein Ende nehmen. Die vielen Freunde und Verehrer, welche Donders in Holland wie im Auslande besitzt, benutzten diesen Tag für eine großartige Feier zu Ehren des berühmten Gelehrten.
Gesetzbuch zerfallt in 5 Theile, nämlich: Allgemeiner Theil. Reckt d-r Schuldverhaltnifse, Sachenrecht, Familienrecht und Erbrecht. 9 Die Commission übertrua ^Abarbeitung ie eines dreier Theile an einzelne Redactoren, welche mit der ersteren in Einklang zu blerben suchten. Das Jahr 1881 sah das neue deutsche CioilaefTT.T in seinen einzelnen Theilen vollendet und verblieb nun noch die lekte anerbfnnc^ fpS schwierige Ausgabe, der Vereinigung dieser Theile zu einem^einheitlichen Ganzen9 Eine T ^Mem Zwecke eingesetzte Subcommission erledigte sich bis Ausgang 1887 dieser Arbeit, so daß heute der Gesetzentwurf der Kritik vorliegt 9 9 cr
- Ä m^enn m°n von der Zusammensetzung der Commission auf das weitere Gedeihen des Werkes schließen durfte, dann lasse sich demselben nur ein günstiges Prognoftikon fteflen, denn die Zusammensetzung sei eine glückliche gewesen. Selbstredend9 umfasse Ärgerliche Gesetzbuch nicht alle Rechte, sondern nur den wesentlichsten derselben. Er erinnere nur an das Bergrecht, Jagd-, Wasser- und Arar^eckt ? Rechte sei im Absterben begriffen, und es habe daher nicht verlohn!' diese zu codtsiciren, ein anderer Theil sei noch zu wenig geklärt gewesen, um sie jetzt LK Ä bas ueue Ge etzeswerk aufzunehmen. Dauernd indeß würden die letzterwähnten wohl mcht ausgeschlossen werden können. v “
An der Hand des römiscken Rechts sei das nunmehr vorliegende Werk bearbeitet worden, sei es doch keineswegs Aufgabe der Commission gewesen, ein neues Recht zu b^ubbn- sondern das Vorhandene in deutsche Sprache zu bringen, Abgestorbenes aus!
5e™tn,es?Ud,t ^nen klaren Ausdruck zu finden. Recht b Tn9 Werkes wenn man einen Blick auf die bestehendm Rechtsverhältnisse werfe, welche eine wahre Musterkarte darböten. Da hätten wir neben bc5«?CT Unb römischem Recht das Landrecht, den Code Napoleon, bie Partikular^ C°k o # OrnClTn?: Uneben eine ungezählte Menge von Landesrechten. Diese Partikular- und Lokalrechte seien die ewige Krankheit, von der Goethe spreche. Solche Zustände erforherten aus dringenden praktischen Gründen der Abhülfe, um so mehr als das Recht ÄÄ.nur eine materielle, sondern auch eine ideale Bedeutung habe; die Einheit des Rechts komme gleich nach der Einheit der Sprache. Der Vortragende legte bann bar " Beziehung bas neue Civilgesetzbuch zum Reichs-, Laub- und Gewohnheits- s 1 K unb ^0"nnt dabei zu dem Resultat, daß das Reichsrecht nur unwesentlich durch neue Gesetzeswerk berührt werde, daß hingegen das gesammte Partikula^ r^cht, soweit es durch das neue Gesetz codificirt- sei, in Wegfall komme und daß das Gewohnheitsrecht fortan keine Rechtsquelle mehr sein könne und als solche ausscheide "eiteren Ausführungen zu, daß das Werk an vereinzelten
86 F hier und dort sich eine Schwere im Ausdruck bemerklich JTl?« bezeichnet es aber im großen Ganzen als eine vorzügliche Grundlage für die H^n*Un9sCTe§hTb<äUU deutschen Ctvtlgesetzbuches. In der Sprache sei es durchaus Es Ä gewöhnlichen Lebens und Verstandes sich anschließend.
Es sei ein durchdachtes, logisch consequentes Werk, dessen Fassung man eine glückliche nennen durfi, was nicht ausschließe, daß bet der Prüfung noch Einzelnes verbessert nrTfbtHAp9naQbhCmaberF.9u/ifi T* @eIlun0 gekommen, mußten auch die Männer des praktischen Lebens gehört werden, was seines Erachtens der Sache nur zum Vortbeil SÄ” Ä 3nbe6 dürfe bie Kritik nicht übersehen, daß einzelne Punkte und Rech7^zÜrückt?etm müssen^ ®cbanten Einheitlichkeit des bürgerlichen
c. ^^irgenhs seien die Gewohnheiten zäher als im Cioilrecht und bei den Männern d^. das Cioilrecht handhaben. Eine große Resignation auf liebgewordene Gewohnheiten und ^jbeen sei Zwar nothtg, namentlich auch im Reichstage sowohl seitens der Einzelnen wie der Parteien, damit das Gesetz zu Stande komme. Hier handele es sich aber* nicht um eine Parteifrage, sondern um die Schaffung eines einheitlichen Rechtes für alle
*Tb FZ“?- bicle§ ßro6e lasse ihn das Beste hoffen. Eine enbloc- Annahme des Entwurfs sei weder zu erwarten, noch zu empfehlen. Es werde eine Kommission eingesetzt werden müssen zur Prüfung des Entwurfs, aber immer wieder sei lU Ä^"ken, daß man es in dem vorliegenden Werke mit einem N"d zu thun habe das sehr schwierig aufzuziehen sei und deshalb um so mehr der Liebe und des Wohlwollens bedürfe. y ucr
c. r FT.^"anales Rechtsbewußtsein sei der größte Kitt des Staates und es dürfe dieser Arbeit nicht ergehen, wie derientgen jenes Gelehrten, der fortgesetzt an seinem Werke besserte, bis er att wurde und es in den Papierkorb wanderte. In allgemeinen Tadel möge sich namentlich die Kritik nicht ergehen, sondern bestimmte Vcrbesserunas^ Vorschläge machen. 11
rt1l8 deutsche Rechtsauffassung habe bei dem vorliegenden Entwurf eine ganz au§0iebi0e Berucksichti0un0 0efunden, was namentlich bie Paragraphen über bie näh>r- lidje Gewalt b-wi-I-n, die dem Staate -in Recht gäben Kinder Lnd Frauen^ ,uch7tz n' gegenüber einem Manne, der unwürdig sei, die väterliche Gewalt aus.uübem ^nsbe' sonderc seien auch die Rechte der Frauen ausgedehnt worden und es stehe zu hoffen daß auch die Germanisten sich mit dem neuen Gesetzbuch versöhnen würden " '
Bei diesem Gesetzeswerk, so schloß Redner, möge man beweisen, daß man das gr°6e Gaye verstehen und demselben subjektive Anschauungen untcrzüordnen gelernt nationale EMwicklimg stln?" Bestehung & Segen ssrdst
. - Di- Mineraliensammlung des Fürsten von Waldeck auf Schloß Schaum-
butfl, die mit ihren 1400 Nummern eine der umfassendsten und in sachmännischm kmise^angebotcn bekanntesten ist, wird in einem holländischen Handelsblatte zum Ler-
Literarische«.
-m. t-T< deutsche« »eifer von «arl dem «rotze« bi» Friedrich III.
RHrohCr”S 8«*ir “tn’ercy, ^chichie wissen, floßt Hcrmaim Gr,mm im neuesten Heit der »Deutschen Rundschau". Er hat leider nur zu sehr recht. Das Volk m seinen großen Massen weiß so gut wie nichts von seiner ruhmvollen zweitausenb- lahrigen Vergangenheit. Außerorbentlich gering selbst ist bie Kenntniß der Geschichte unseres Vaterlanhes in den gebtlbefen Kreisen ber Nation; denn noch immer hat bie Aiechische unb römische Gesuchte ben Vorrang in den höheren Schulen. Von diesem Gedanken ausgehend, hat dte Verlagshandlung von Friedrich Pfeilstücker in Berlin W soeben ein vornehm ausgestattetes Kunstblatt erscheinen lassen, welches in Streuer Ausführung nach Siegeln, Denkmälern, Münzen, Stichen und Gemälden die Bildnisse sammtlicher 54 deutscher Kaiser auf einem Blatt darstellt, in feiner reichen ^b^kllung in Farben-, G^ld- und Lichtdruck ein prächtiger Wandschmuck für jedes deutsche Haus, für den Salon sowohl wie für das einfache Bauernhaus. Ohne begleitenden Text wurde aber das schöne Bild seinen Zweck nur halb erfüllt haben- der Verleger hat deßhalb eine volkslhümlicke deutsche Geschichte dazu schreiben lassen,'kurz gedrungen, das Wesentlichste zusammensassend, nicht betonend, was die beiden christlichen Confessionen trennt, sondern was sie eint. - So sahen sie aus, unsere sagen- verherrltchten Kaiser, und so haben sie gewirkt, das beides soll dem Beschauer und dem Leser lebenhig vor die Seele treten. Nicht zurück steht unsere große Geschichte hinter der Griechenlands und Roms. Möge dies Bild und Buch dazu beitragen, ihr den äßeg zu bahnen in jedes deutsche Haus und so den deutschen Nationalsinn kräftigen, dessen wir hemte dringender bedürfen als jemals. Der äußerst billige Preis von 3 für das Bild und 40 H für das Buch erleichtert in dankenswerther Weise die Anschaffung.
Wärmegrade der Lahn und der Luft,
nach Reaumur gemessen zwischen 11 und 12 Uhr.
Luft im Schatten 16, Wasser 15 Gr.
Gießen, den 30. Mai 1888. Rübsamen.


