Ausgabe 
31.5.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 12L Erstes Blatt. Donnerstag den 31. Mai jggg

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bnreaur Schulstraßc 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. $tei/ °ierteIjShrIich 2 Mark 20 Pf. mit Bring-rl-hn.

____.... . " Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

s Grokherzoglichcn Bürgermeistereien der Districts-Cinnehmerei Treis a. d. Vda.

ab in das Ha«S Nr. 1« d«r°Ludwig-st!-Erlegt werden wird. a d Lda. zu Gießen vom 1. Juni L I.

----------Gießen, den 29 Mm 1888. _________________ Stroh, Rendant.

12. Juni nehmen, immerhin werden sie aber gut thun, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.

Wenn der BoulangiSmuS mit schönen Reden tobt zu machen wäre, er müßte schon längst das Zeitliche gesegnet haben! So hat der französische Ministerpräsident Floquet auf einem Banket zu Laon wieder einmal tüchtig gegen die boulangistische Propaganda losgewettert und viel von der Kraft und der unerschütterlichen Ruhe der republikanischen Negierung geredet, ohne daß die letztere doch diesen schönen Reden gegen die Boulangisten die entsprechenden Thaten folgen ließe. Da machen es die Pariser Social-Revolutionäre anders, sie haben sich am Jahrestag der Pariser Commune auf dem Pöre Lachaise, dem berühmten Pariser Kirchhofe, tüchtig mit den Boulangisten herumgeprügelt, wobei es sogar zu Revoloerschüssen kam; die Communisten fassen eben Niemanden mit Glacsehandschuhen an!

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correfpondenr-Brrrearr.

Berli«, 29. Mai. Der Kaiser nahm den Vorbeimarsch der von dem Kron- prinzen vorgefuhrten Brigade ab, im offenen Wagen stehend, die Kaiserin ihm zur S^ e. Der Kaiser fuhr die Front entlang. Die Truppen defiltrten zweimal. Beim Schluß der Truppenbesichtigung küßte der Kronprinz die Hand des Kaisers und der Kaiserin. Der Kaiser erwiderte herzlichst mit einem Händedruck. Er drückte außer­ordentliche Zufriedenheit mit der Haltung der Truppen aus. Der Kaiser beaab sich wdann in das Arbeitszimmer. Die Kaiserin und die Prinzessinnen-Töchter ritten Margens nach Leget aus.

29. Mai. Der Kaiser hörte heute früh die Vorträge des Generals Winterfeld und des Oberstallmeisters Rauch, arbeitete von 11 Uhr ab mit Albedvll horte von 38/4 bis 4»/. Uhr den Vortrag des Reichskanzlers und empfing die Besuche des Prinzen Alexander und der Erbprinzessin von Meiningen. $

Ä ir Der Kaiser unternahm um 5 Uhr 20 Minuten im offenen Wagen mit der Kaiserin in Begleitung Mackenzie's und eines Flügeladjutanten eine Spazierfahrt Er kehrte um 68/4 Uhr zurück und blieb bis 7% Uhr im Park. Das Allgemeinbefinden ist günstig.

r DieNational - Zeitung" hört, der Kaiser habe das Gesetz über die Ver­längerung der Legislaturperioden des preußischen Landtages vor einigen Taaen unterzeichnet. u u 1

Berlin, 29. Mai. DasArmee Verordnungsblatt" veröffentlicht eine Cabinets- ordre, wonach bet dem Regiment der Garde-du-Corps und sämmtlichen Kürassier-Reat- mentern der Küraß für die feldmarschmäßige Ausrüstung in Wegfall kommt Die Regimenter werden mit Karabinern unter Wegfall des Revolvers bewaffnet t , TArmee-Verordnungsblatt" veröffentlicht das Vermächtniß Kaiser Wil­helms, sowie die Ermächtigung des Kaisers Friedrich zur Annahme von je 9000 jfc Ar das 1 und 2 Garde-Regiment das Alexander-Regiment, das Franz-Regiment, die Gardefüsiliere, das 3. und 4. Garderegtment, das Elisabeth-Regiment, das Augusta- Regiment, das Konig-Wilhelm-Grenadier-Regiment und das Leibgrenadier-Reaiment - ferner von je 6000 v*L für das 1. und 2. Garde-Feld-Artillerie- und das Garde-Fuß- Arttllerie-Regiment; von je 3000 «* für die Gardejäger, Gardeschützen und das Garde- du-Corps- und das Gardekurassier-Regiment; für das 1. Garde-Dragoner-, das Garde- Husaren-, das 1. und 2. Garde-Ulanen, das 2. Garde-Dragoner-, das 3. Garde-Ulanen- ^EZlment das Leib-Kürassier-, das 1. und 2. Leib-Husaren-, das 7. Husaren-Regiment und die Garde-Pioniere; endlich 12M) JL für das Eisenbahn-Regiment und 1500.* sur das Garde-Train-Bataillon. Der Krtegsmintster gibt ferner bekannt daß iedes Regiment dessen Uniform der Kaiser Wilhelm getragen, den im Nachlasse vorhandenen Ueberrock, das 1. Garde-Regiment und die Garde-du-Corps hierzu je einen Helm ersteres den Degen, letzteres den leichten Reiterpallasch mit Cartouche, das Kadettencorps den Jnfanteriedegen erhalten. v

ru r Die heute stattgehabte Generalversammlung der deutschen

Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger war sehr zahlreich besucht. Consul Meier (Bremen), welcher den Vorsitz führte, gedachte in einem warmen Nachruf des ver- ftorbenen Protektors der Gesellschaft, Kaisers Wilhelm. Auf Antrag be§ Stabtraths Scharf (Leipzig) würbe beschlossen, Se. Majestät ben Kaiser Friebrich um bie Ueber- nahme des Protektorats zu ersuchen. Der Jahresbericht, welcher eine günstige Ent- wickelung der Gesellschaft constatirt, unb bie Rechnung für 1887-88 würben genehmigt ebenso bas Generalbubget pro 1888-89. Die Anträge bes Vorftanbes, barunter ber- jenige betreffenb bie Erneuerung ber Lebensversicherung für bie Rettungsmannschaften, '"wie bie Anträge ber Bezirksvereine würben angenommen. Die nächste Jahres­versammlung soll in Bremerhafen abgehalten werben.

.. K dariS 29. Mai. DemJournal bes Debats" zufolge hat ber Arbeiisminister mit ber Ostbahngesellschaft Unterhanblungen eingeleitet, um bie Route ber nach bem Osten gehenden Züge der Bahn zu ändern unb auf biese Weise bie Reisenben bes Paß­zwanges in Elsaß-Lothringen zu entheben.

. ~ KelftNSfor- 29. Mai. Der finische Lanbtag beschloß bie Einführung der Todesstrafe für Mord.

., Mailand, 29. Mai. Die Abreise des Kaisers von Brasilien ist neuerdings verschoben, da derselbe Morgens an großer Erschöpfung leidet.

. ... deter-brrra, 29- Mai. Der Geschäftsttäger Hamburgs, Cassini, ist zum Ministerrefidenten für Oldenburg und die hanseatischen Städte ernannt worden.

j i deute veröffentlichtes Gesetz bestimmt, daß polnisches Eisenerz und Eisenschlacke, deren Ausfuhr verboten ist, bedingungsweise mit besonderer Erlaubntß des Finanzministers gegen einen Zoll von einem halben Goldkopeken pro Pud ervortirt werden kann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 30. Mai.

Kaifer^fuhr am Dienstag Vormittag, begleitet von der Kaiserin, im °Sen die Front der Brigade des Kronprinzen ab, welcher dieselbe seinem k^^"chen Vater vorfuhrte. Die Parade nahm der Kaiser von der Terrasse des nach aus ab. Die Uebersiedelung des Kaisers und seiner Familie

nach Schloß Friedrlchskron erfolgt, wenn es die Witterung gestattet, am Freitag und zwar auf der DampfjachtAlexandria".

Die Kaiserin Victoria, begleitet von der Prinzessin Victoria, besichtigte am Montag Vormittag bte Unglücksstätte im Königlichen Schauspielhause und gab hrerber ihrem tiefften Bedauern über das schwere Unglück Ausdruck. Auch Kron­prinz Wilhelm und die Meiningischen Hoheiten erschienen später auf dem Schauplatze der Katasttophe. Die Kaiserin und Prinzeß Victoria begaben sich vom Schauspielhause nach der Klinik, wo die bei ber Katastrophe Verletzten liegen, unb ließen sich die hohen Herrschaften an bas Bett jedes einzelnen der Verunglückten führen, wobei bie Kaiserin ben Verwunbeten in ben herzlichsten Worten Trost unb Muth zusprach. Heber ben bcS Baugerüstes im Schansptelhause hat bezüglich der Ursachen noch nichts Bestlmmtes festgestellt werden können; von den hierbei verunglückten Personen blieb eine sofort tobt, fünfzehn andere erhielten theils schwere, thetls leichtere Ver­letzungen, indessen steht die Zahl der Verunglückten noch nicht vollständig fest.

Die Kaiserin Augusta ist am Dienstag in der elften Abendstunde inBaden- Baden eingetroffen, um hier ihren gewohnten Frühlings-Aufenthaltzu nehmen, dessen Beginn sich in Folge der schmerzlichen Ereignisse der letzten Zett, die ja die hohe Frau in erster Linie mit berührten, Heuer länger verzögerte, als in früheren Jahren.

Der Reichskanzler ist am Montag Abend von seiner hinterpommer'schen Be­sitzung wieder in Berlin eingetroffen; die mit großer Heftigkeit bei der Frau Fürstin ausgetretenen asthmatischen Beschwerden haben den Anlaß zu dieser beschleunigten Rück­kehr des Fürsten Bismarck nach der Reichshauptstadt gegeben. Wie verlautet, gedenkt der Kanzler alsbald nach der Uebersiedelung des Kaisers nach Schloß Friedrichskron einen vorläufigen Sommeraufenthalt in Friedrichsruhe zu nehmen; spater ist wiederum eine Cur in Kissingen in Aussicht genommen.

Von den signalisirten deutschen Zollerhöhungen gegen Rußland ist es plötzlich wieder still geworden, vielleicht sollten bie betreffenben Artikel der Berliner officiösen Blätter, welche einen öOprocentigen Aufschlag für die Zölle auf russische Er­zeugnisse ar.kündigten, nur die Bedeutung einesSchreckschusses" haben. Bedauerlich aber bleibt es, daß durch derartige, in den amtlichen Blättern selbst zuerst aufgetauchten Gerüchte eine wilde Spekulation, besonders in russischem Getreide, begünstigt worden ist, unter deren Folgen die deutsche Landwirthschaft mehr oder weniger mit leiden muß.

Die Ausführungsvorschriften zu der Paßverordnung der elsaß- lothringischen ^Regierung sind nunmehr veröffentlicht worden. Danach haben alle französischen Staatsangehörigen, auch diejenigen, welche nicht über die französische Grenze kommen, bei dem Aufenthalte im Reichsland, einen Paß mit der Visa der deutschen Botschaft in Paris vorzulegen. Derselbe ersetzt die Aufenthaltserlaubniß auf acht Wochen, darüber hinaus kann der Bezirkspräsident ausnahmsweise weitere Erlaub- niß ertherlen. Für active und inactioe französische Militärpersonen und für Emigranten bleibt neben dem Paß eine besondere Aufenthaltserlaubniß erforderlich. Nur ganz ausnahmsweise ist der Aufenthalt im Neichslande den Officieren der französischen Reserve und Landwehr, den ehemaligen französischen Officieren und den Zöglingen der Militärschulen Frankreichs gestattet. Diese Ausführungsbestimmungen verleihen der Paßvorschrift einen noch schärferen Charakter, als schon nach den ursprünglichen Meldungen anzunehmen war und zielt sie ersichtlich speciell dahin, den Aufenthalt fran­zösischer Staatsangehöriger, gleichviel ob Civilisten ober Militärpersonen, im Reichs­lande unter möglichst scharfe Controle zu nehmen. Daß durch diese neuerliche Maß­regel die deutsch-französischen Beziehungen eine weitere Verschlechterung erfahren, wie sich voraussehen läßt, mag bedauerlich erscheinen, aber die deutsche Regierung mußte einmal zeigen, daß auch die deutsche Langmuth gegenüber den konsequenten Belästigungen deutscher Reisenden in Frankreich und.der geheimen französischen Spionage in Elsaß- Lothringen ihre Grenzlinie hat.

DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Patzmaßregeln im Neichslande nicht als eine. Repressalie gegen bestimmte Vorgänge, sondern als einen Versuch ber beutschen Regierung, im Interesse bes Friebens gefährliche Friktionen zwischen Deutsch- lanb unb Frankreich burch Einschränkung bes Grenzverkehrs möglichst auszuschließen wobei bas officiöse Blatt auf ben sich steigernden Nätionalhaß 'der Franzosen gegen bie Deutschen hinweist. 1

In Belgien haben am vergangenen Sonntag die Erneuerungswahlen zu I den Provinzialräthen stattgefunden, als eine Art Vorpostengefecht zu der am 12. Juni bevorstehenden allgemeinen Wahlschlacht in Belgien, den Kammerneuwahlen. Im Großen und Ganzen sind bei den Provinzialrathswahlen die Liberalen den Clericalen gegenüber im Vortheil geblieben, denn wenn jene auch in der Provinz

Luxemburg die Mehrheit ber Prvvinzialrathssitze an bie klerikale Partei verloren, so 1

eroberten sie bafür in ber Provinz Namur mehrere Sitze unb außerbem ging bie Stabt 1

Nntwerpen mit ihren 21 Manbaten zum Provinzialrath in bas liberale Lager über; 1

iuf die Candidaten der dritten Partei, der Socialdemokraten fielen nur verhältniß- näßig wenige Stimmen. Die belgischen Liberalen können demnach im Ganzen den I Ausfall der Provinzialrathswahlen als ein gutes Omen für die Hauptwahlen bes I