Nr. LS4 Dienstag den 30 October 1888.
(Hjchener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Rundschau
Gießen, 29. October.
An diesem Montag wird Kaiser Wilhelm mit den drei Hammerschlägen, die er auf den Schlußstein der Freihafenbauten in Hamburg thul, symbolisch dem vollendeten Werke der wirthschaftlichen und zollpolittschen Einigung Deutschlands seine Wethe geben. Denn für immer sind hiermit die störenden Zollschranken, welche das große Welthandelsemportum im Norden des Reiches — sowre auch das benachbarte Bremen — von dem Wtrthschaftsgebiete des übrigen Deutschlands noch trennen, ge- ffallen, frei und ungehindert wird nun das deutsche Binnenland mit den beiden Hanfa- fftädtcn in Verkehr treten und hiermit nachdrücklicher am Welthandel thetlnehmen tkönnen, der ja in Hamburg und Bremen zwei altberühmte Centren besitzt. Für beide Thetle wird gewiß von diesem Zeitpunkte eine neue Epoche des wirthschaftlichen und Lommerctellen Aufschwunges dattren und daß dieser Zeitpunkt in den Beginn der Regierung Kaiser Wilhelms II. fällt, daß der jugendliche Monarch selbst wörtlich und .bildlich den Schlußstein in das Gebäude der wirthschaftlichen Einigung Deutschlands »ingefügt hat, wird allzeit als ein strahlendes Wahrzeichen der Herrschaft Wilhelms II. gelten.
Kaum aber von der alten Hansastadt nach seiner Residenz zurückgekehrt, wird t>er Kaiser alsdann dieselbe von Neuem verlassen, um Theilnehmer an einem nicht minder bedeutsamen festlichen Acte zu sein, indem er am 31. October die Grundstein« Legung zum RetchsgerichtsgebLude in Leipzig durch feine Gegenwart verherrlichen wird. Durch seine persönliche Theilnahme an diesem Ereignisse will der Kaiser vor aller Welt seine Fürsorge für das Reichsgericht bekunden und wohl verdient gerade Letztere Reichsinstitution die Auszeichnung seitens des kaiserlichen Herrn. Sie ist erst mach mancherlei Kämpfen und Beseitigung großer Schwierigkeiten, welche aus der noch Lis in die letzten Decennien hineinreichenden Vielseitigkeit der Rechtsgesetzgebung in Deutichland refultirten, in's Leben getreten. Selbst seit dem Jahre 1866 hat sich nur mach und nach der volksthümliche Gedanke Bahn brechen und zur Verwirklichung Lurchringen können, der den Einzelstaaten den Verzicht auf einen Theil der Justiz- tzoheit, auf die oberste Rechtsprechung zumuthete. Noch heute hat Bayern diesen Ver- ßicht für die bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten auszusprechen sich nicht entschließen können; aber im übrigen Deutschland giebt es seit dem 1. October 1879, dem Tage des Jn- Lrafttretens der neuen Reichsjustizgesetze und der Eröffnung des neu geschaffenen Reichs» gerechtes in Leipzig, eine eigene Reichsgerichtsbarkett, die Sicherheit einer einheitlichen Rechtsprechung, die beste Gewähr für eine unabhängige und gewissenhafte Rechtspflege. Bislang hat der oberste deutsche Gerichtshof noch kein eigenes Heim gehabt, nun aber uoird zu einem solchen am Mittwoch in Leipzigs Mauern der Grundstein gelegt werden unb die politische und nationale Bedeutung des AcleS entspricht vollkommen dem Glanze, mit dem er sich vollziehen wird. Leipzigs Bürgerschaft hat sich gerüstet, dem jugendlichen Schirmherrn des Reiches, welchen beim Einzug in die Stadt fein erlauchter Freund uuib Verbündeter, König Albert, geleitet, einen überaus festlichen Empfang zu bereiten mnd auch hierdurch wieder, wie überhaupt bet der ganzen Feier des 31. Ociober, .die ßo oft glänzend erprobte echt nationale und reichstreue Gesinnung der Stadt Leipzig cmfls Neue zu betätigen.
Zum ersten Male liegt mit den Berichten des deutschen Generalconsuls im Zanzibar, Dr. Michahelles, an den Reichskanzler eine amtliche deutsche Darstellung über die Unruhen in Ostafrika vor. Die Mrchahelles'schen Berichte machen es zu Gewißheit, was schon längit vermuthet wurde, daß nämlich der Aufstand in Ostafrika durch die Agitation der wohlüberlegt und planmäßig vorgehenden Araber, mamentlich der sich in ihrem Handelsmonopol bedroht fühlenden arabischen Groß- Eaufleute, hervorgerufen worden ist, während die Eingeborenen der betreffenden Länder- gebiete mehr die Rolle des erst aufgehetzten Elements spielen. Da sich die arabische Bewegung in Ostafrika nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Engländer richtet, so gewinnt das Gerücht an Wahrscheinlichkeit, wonach ein bewaffnetes gemeinsames Einschreiten Deutschlands und Englands an der Zanzibarküste bevorstehen soll.
In der französischen Deputirtenkammer zieht sich die Generaldebatte über das Budget in bie Länge, ohne daß indessen auS dem bisherigen Verlaufe der Budgetverhandlungen ein sicherer Schluß bezüglich der Rückwirkungen auf die finanzpolitische Stellung des Ministeriums Floquet zu ziehen wäre. Dagegen hat sich nunmehr der Senat beftimmt zur Frage der Verfaffungsrevision erklärt; in einer Versammlung der Senatoren von der republikanischen Linken wurde festgestellt, daß die große Mehrheit des Senats gegen die Revision der Verfassung sei, da eine solche zugleich die parlamentarischen Freiheiten und die Handlungen der Executiogewalt compromitiire. Freilich wird immer noch abzuwarten sein, ob der Senat an dieser Kriegserklärung gegen den Ministerpräsidenten Floquet und dessen Reoisionsproject festhalten wird.
Der berühmte deutsche „Spion" Kilian in Nizza ist von der dortigen Strafkammer wegen Spionage zu 5 Jahren Gefängniß und 5000 Frcs. Geldbuße verurtheilt worden. Stcherlich hat aber Kilian wenigstens von der deutschen Regierung keinen Auftrag zur Spionage gehabt.
Die in Rumänien vorgenommenen Neuwahlen zur Deputirtenkammer sind im ersten wie im zweiten Wahlkörper — im Großgrundbesitze wie in den Städten — überaus günstig für das Ministerium Rosetti-Earp ausgefallen. In beiden Wahlkaiegorien überwiegen die regierungsfreundlichen Wahlen weitaus die oppositionellen Wahlen und da auch der dritte Wahlkörper — Marktflecken und Dörfer — meist regierungsfreundliche Abgeordnete in die neue Kammer entsenden dürfte, so wird in derselben das rumänische Cabinet über eine starke Mehrheit verfügen können.
pcutschland.
Darmstadl, 27. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen -heute u. A. den Ober-Bibliothekar der Landesunioersttät Gießen, Dr. Haupt.
Berlin, 27. Ociober. Seine Majestät der Kaiser empfing heute Mittag um 121/2 Uhr im hiesigen Königlichen Schlosse die städtische Deputation, welche die Glückwunschadresse anläßlich der Rückkehr Sr. Majestät in die Heimath überreichte, und um die Erlaubniß bat, zum Andenken hieran den von Professor Begas modellirien Brunnen in Erz und Stein auf dem Schloßplatze errichten zu dürfen. Der Kaiser sprach die Freude Aber die Theilnahme aus, mit welcher die Hauptstadt ihn auf den Reisen
begleitet habe. Das freundliche Entgegenkommen, das er überall gefunden, habe nicht nur seiner Person, sondern auch dem Reiche und der Hauptstadt gegolten. Für die freudige Ueberraschung, die ihm der Beschluß wegen Errichtung eines Brunnens bereite, danke er um so mehr, als sie ihm an einem Tage bereitet werde, wo die Heilige-Kreuz- kirche, für welche fein hochseliger Vater stets das größte Interesse an den Tag gelegt habe, eingeweiht worden. Er hoffe, es werden bald noch mehr schöne Kirchen in Berlin erstehen. Von seinen Reisen erhoffe er auch für das Reich die besten Folgen. Ferner drückte der Kaiser sein Bedauern und seinen Unwillen darüber aus, daß während der Zeit, wo er nach Kräften für die Interessen des Reiches sich bemüht habe, in der Berliner Presse ein Streit über die Verhältnisse seiner eigenen Familie entbrannt sei, wie ihn sich kein Privatmann gefallen lassen könne. Er forderte die Deputation auf, ihres Theils dafür zu sorgen, daß diese Ungehörigkeit aufhöre, er würde gern als Berliner zwischen den Berlinern leben.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Meldung der „Daily News", der deutsche Botschafter habe der Pforte vorgestellt, daß die Zeit zur Anerkennung des Fürsten Ferdinand als legitimen Herrschers von Bulgarien gekommen sei, als albern. Von Unterhandlungen zwischen dem deutschen Botschafter unb der Pforte, welche die Anerkennung des Fürsten Ferdinand in's Auge faßten, habe, wie für jeden gebildete» Politiker selbstredend sei, niemals die Rede sein können.
Berlin, 27. October. Die Einweihung der Heiligen-Kreuzkirche fand heute Vormittag um 11 Uhr in Gegenwart Sr. Majestät des Kaisers und Ihrer Majestät der Kaiserin statt. Allerböchstdieselben wurden von den Ministern v. Bötticher und v. Goßler, dem Polizeipräsidenten Freiherrn v. Richthofen, dem Consistorialpräsidenten Hegel und den städtischen Gemeindeverlretern empfangen. Der Erbauer der Kirche, Professor Ötzen, überreichte Sr. Majestät den Schlüssel. Aus die Ansprache des Professors erwiderte der Kaiser, er freue sich, an einer Stätte thätig sein zu können, wo Spuren von der Wirksamkeit seines Vaters vorhanden seien, und weil eine neue Stätte geschaffen sei, um der Kirckennoth in Berlin zu begegnen. Der Kaiser und die Kaiserin nahmen vor dem Altäre Platz. Das Weihgebet sprach der Propst Dr. Brückner, die Predigt hielt Prediger Stage. Außerdem waren noch anwesend der Minister o. Maybach, hohe Beamte und die Geistlichkeit. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich, die ursprünglich der Feier hatte beiwohnen wollen, hatte abgesagt.
Berlin, 27. October. Gegen die Ueberschwemmung mit verfälschtem amerikanischen Schweineschmalz nehmen auch jetzt die schweizerischen Preßorgane energisch Stellung. Das „St. Gallener Tageblatt" tritt der Sache in folgenden Darstellungen näher: „Eine Fälschung im kolossalsten Maßstabe wird gegenwärtig in den Vereinigten Staaten von Nordamerika mit dem Schweineschmalz getrieben. Dor Jahren haben die Amerikaner es verstanden, ihrem Schweineschmalz 15 bis 20 pCt. Wasser einjuoerleiben und das Wasser als Schmalz zu verkaufen. Heutzutage verwenden fie das billige Baumwollsamenöl und zur Erzielung der nöthigen Consistenz und Härte daneben das Rindsstearin, ein Abfall bei der Kunstbutterfabrikation. Nach Mtt- theilungen des englischen Chemikers Hebner sollen von der jährlichen Produktion an amerikanischem Schweineschmalz, welche 2,700,000 q geschätzt wird, 35 pCt. gefälscht sein. Die Firma Armour u. Eomp. fabrtctrt unter Anwendung von 120,000 q Baumwollsamenöl und 30,000 q Stearin jährlich 270,000 q „raffinirtes Schweineschmalz". Dieses Kunstschmalz führt gewöhnlich hochtönende Namen: Refined Lard (geläuterter Speck) ober selbst Pure Refined Lard. Im (Santon St. Gallen haben einige Ortsgesundheitscommissionen begonnen, diesem Artikel ihre Aufmerksamkeit zu schenken und bie ersten Untersuchungen haben bereits gezeigt, baß bie amtliche Controle wohl angebracht ist.
Was in ben Specereiläden als Schweineschmalz verkauft wirb, ist zum größeren Thelle amerikanischen Ursprungs unb von ber genannten „raffinirten" Qualität. Von 77 Proben Schweineschmalz, welche am 1. September in ber Stabt St. Gallen erhoben wurden, enthielten 43 Baumwollsamenöl."
Potsdam, 27. October. Der hiesigen Stabtoerordneten-Versammlung ist folgenbeS Schreiben Ihrer Majestät ber Kaiserin unb Königin zugegangen:
„Dem Magistrat unb den Stadtverordneten der Residenzstadt Potsdam sage Ich für den Mir zu Meinem Geburtstag dargebrachten Ausdruck treuer Gesinnung Meinen Dank. Der Hinweis auf die erfdjütternben Verluste des verflossenen Jahres findet in Meinem Herzen lebhaften Widerhall. Gottes Hand hat schwer geruht auf dem Königlichen Hause und auf dem ganzen Vater lande. Ein erhebendes unb tröstendes Gefühl ist es aber, zu sehen, wie bie zweifache tiefe Trauer im Bewußtsein ber Gemeinsamkeit von bem aefammten Volke getheilt unb mitgetragen wird.
Daß Mir das verflossene Jahr neben vielem Traurigen auch reichen Anlaß zu herzlichem Danke gebracht hat, empfinde Ich zumal im Hinblick auf bie glückliche Heimkehr Sr. Majestät des Kaisers, sowie auf bie Geburt Meines jüngsten Sohnes unb bie erfreuliche Entwickelung Meiner anberen Kinber.
Die Mir für Meine Söhne ausgesprochenen Wünsche haben Meinem Herzen besonders wohl gethan.
Den Magistrat versichere Ich gern Meines fortgesetzten lebhaften Jntereffes und Meiner regen Theilnahme an dem Wohlergehen ber Resibenzstabt Potsbam.
Potsbam, ben 22. October 1888.
Victoria, Kaiserin unb Königin.
An ben Magistrat unb bie ©tabfoerorbneten ber Resibenz Potsbam.
Köln, 27. October. Die heute behufs einer Kundgebung für bie Unterdrückung ber Sklaverei in Afrika Hierselbst im Gürzenich stattgehabte Volksversammlung war äußerst zahlreich besucht. Unter Anberen waren ber Oberpräsibent, ber Erzbischof, sowie bie Spitzen ber Civil- unb Militärbehörben anroefenb. Die Versammlung nahm folgende Resolution an: „Die Unterdrückung ber Sklavenjagb ist bie gemeinsame Pflicht unb Aufgabe aller christlichen Staaten. Wie bür Artikel 6 ber Congoakte alle Mächte zur Mitwirkung bei llnterbrücfung der Sklaverei oerbinbet, so liegt insbeson- bere bem Congostaat, Englanb unb Deutschlanb bie Pflicht ob, unter gemeinsamer Verständigung ben unvermeidlichen Kampf nachdrücklich aufzunehmen und durchzuführen. Wir vertrauen, daß bie Ehre ber deutschen Flagge, sowie der deutschen Interessen von der Reichsregierung wirksam gewahrt werden. Darf ein solches Vorgehen auf die einmüthige Unterstützung des Volkes ohne religiösen unb politischen Unterschieb rechnen, so wirb auch bie thatkräftige Mitwirkung bes Reichstags nicht fehlen."
Zum Schluß brachte ber Vorsitzende, Oberstaatsanwalt Hamm ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiserhaus, in welches die Versammlung begeistert einstimmte.
Hamburg, 27. Ociober. Die Vorbereitungen für den Kaisertag nehmen einen großartigen Umfang an; bie ganze Stadt burchströmt ein einziges Festgewoge. Der ' Kaiser beabsichtigt, nach bem Festmahl eine Rundfahrt um bie wunderbar erleuchtete I Binnenalster zu machen; bie Lomoarbbrücke wirb bas Glanzstück ber Beleuchtung bilben. Die Bewohner bes Neuenwalls sammelten 10000 JL zur Schmückuna ihrer Straße, bie jetzt schon einen hochfeierlichen Einbruck macht. Die eingelabenen Minister»


