Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Vermischte-.
Bad Nauheim, 24. September. Unsere so segensreich wirkende Kinder- heilanstalt „Elisabethenhaus" erfreut sich von Jahr zu Jahr in Folge der durch seine heilkräftigen Bäder erzielten großen Heilwirkungen eines immer stärkeren Besuches. Leider mußten jedoch wegen Raummangels auch in diesem Sommer viele Angemeldete, worunter mitunter sehr viele eines Bades recht bedürftige Kinder waren, abgewtesen werden. Um jedoch denselben noch in diesem Jahre die Segnungen unserer hellkräftigen Quellen zu Theil werden zu lassen, beschloß der Vorstand, noch eine fünfte vierwöchentliche Kurpertode an die vierte anzurethen. Die Bader werden bekanntlich im Hause selbst gegeben, und durch eine sorgsame Erwärmung Tier Zellen, sowie der bewohnten Räume kann der sich mitunter im Herbste schon Morgens und Abends recht fühlbar machenden Kälte erfolgreich entgegengewirkt werden. Da noch einige Plätze frei sind, so werden Seitens des Vorstandes diejenigen Eltern, bezw. (Korporationen rc., welche auf Plätze für kranke ober schwächliche Kinder in ber nächsten Kurperiode reflectiren, ersucht, sich baldigst an ihn wenden zu wollen. Die fünfte Kurperiode beginnt am 4. October; das'Pflegegeld beträgt für die ganze Kur nur für Bemittelte 60 JL, für Unbemittelte 25 «X. Hoffentlich werden die außergewöhnlichen Heilerfolge, welche in der hiesigen Anstalt erzielt werden, Veranlassung geben, daß immer größere Unterstützungen diesem humanen Institut von Seiten des Publikums zufließen, damit es sich immer mehr der Höhe der Zeit entsprechend entwickeln kann.
Biedenkopf, 23. September. Die andauernde naßkalte Witterung, welche diesen Sommer über vorherrschend war, hat auf den Ertrag der Kartoffelernte sehr ungünstig eingewirkt. In hiesiger Gegend wird der Ertrag der Kartoffeln kaum bis auf die Hälfte des Vorjahres herankommen. — Wie das „Wtttgenst. Kreisbl." aus Berleburg berichtet, wird die Bahnstrecke Erndtebrück-Hilchenbach am 1. October d. I. festlich eröffnet. Dieselbe, eine der theuersten und interessantesten Bahnen Deutschlands, ist eine Theilstrecke der Verbindungsbahn Hilchenbach-Eölbe-Marburg, welch letztere jetzt noch unter der Direction Hannover steht. Im Laufe des nächsten Jahres wird sie der Direction Elberfeld überwiesen und dem Betriebsamt Altena unterstellt. Eine neue Bauinfpection soll dann, wie die „Nh. Wests. Ztg." schreibt, in Laasphe oder Biedenkopf eingerichtet werden.
— sEine ganze Familie verbrannt.j In St. Anna, einer deutschen Gemeinde des Temeser Eomitates, spielte sich dieser Tage ein erschütterndes Ereignitz ab. Der dortige Hutmacher Adam Repulak saß mit seiner Gattin und fünf Kindern beim Abendbrod, als plötzlich die auf dem Tische stehende Petroleumlampe explodirte und alle an demselben sitzenden sieben Personen in ein Flammenmeer hüllte. Die brennenden Eltern und Kinder stürzten schreiend in den Hof hinaus, doch ehe es den herbeigeeilten Nachbarn gelingen konnte, den Unglücklichen die brennenden Kleider vom Leibe zu reißen, waren die Bedauernswerthen mit Brandwunden in fürchterlicher Weise bedeckt. Die Mutter der Kinder liegt hoffnungslos darnieder. Dem Vater sind beide Arme vollständig verbrannt. Ein Kind hat das Augenlicht verloren und einem zweiten sind die Ohren abgebrannt. Die übrigen erlitten ebenfalls mehr ober weniger schwere Verletzungen.
Paris, 25. September. Der Madrider Eorresvondent des „Figaro" ertheilt feinem Blatte folgenbe melancholische Aufzeichnungen über die letzten Lebensjahre des Marschalls Bazaine:
Ich erinnere mich seiner Ankunft in unserer Mitte. Seine Frau, Pepita Pena, eine hübsche Mexikanerin, welche sogleich unsere Gesellschaft für sich gewann, war witzig, kokett nach spanischer Art und richtete sich in einer schönen Wohnung ein, hatte ihren Empfangstag, veranstaltete kleine Bälle und verdrehte nicht wenigen jungen Leuten aus vornehmen Häusern den Kopf. In der ersten Zeit sah man sie immer in Gesellschaft ihres Mannes, dessen Flucht aus her Insel Sainte Marguerite sie bekanntlich geleitet hatte, in der Oper, wo sie abonnirt waren. Während sie in den Zwischenakten mit ihren zahlreichen Freunden plauderte, schnarchte der Ex - Marschall auf seinem Stuhle wie Einer, der eben eine lange Reise zurückgelegt hat. Die zahlreichen Franzosen mußte man hören, wenn sie diesen Mann schlafen sahen. Der Ex- Marschall lebte bei alledem ganz vereinsamt in seinem Hause. Wollte er es so oder zwang sie ihn dazu? Ich weiß es nicht, aber ich bemerkte, daß er sich weder bei dem flve o klook, noch auf ihren Empfangsabenden, noch an ihren Besuchstagen zeigte. Er blieb allein in seinem Arbeitskabinet und las konservative französische Blätter. Er glaubte an die Wiederherstellung des Kaiserreichs und folglich an seine Rehabilitirung'; denn heute, da er tobt ist, darf ich wohl wiederholen, was er mir tausendmal gesagt hat. Imperialist vor Allem, erklärte er, daß er dem Kaiser gehorcht hatte und die Republik nicht anerkennen wollte. Die beständigen Angriffe der 'französischen Presse brachten ihn außer sich und er sprach von dem Heere in einer Weise, die ich schändlich | fand. Seine Lage wurde immer schwieriger. Von Jahr zu Jahr wechselte die I Marschallin ihre Wohnung, der Wagen, den sie zuerst gehalten, verschwand. Aus i
einem glänzend aus^tzrtteten Gemach zog man von Stufe zu Stufe in ein winziges Halbgeschoß. Die Empfange und Besuche wurden fortgesetzt, aber man sah das Ende nahen. Der Marschall'zeigte sich nicht mehr, nicht einmal bei Tische. Man sah ihn früh Morgens mit einem Huhn oder einem Blumenkohl unter dem Arme vom Markte kommen. Er war es wirklich, jener Mann, den ich 1868 in Paris einen fürstlichen Aufwand treiben sah.
Eines Tages verließ Pepita Pena ihren Gatten, nahm zwei Kinder nach Mexiko mit und ließ ihm den ältesten Sohn, der sich in Spanien hat naturalisiren lassen und in unserem Heere Unterofficiersrang hat. Was wctr geschehen? Es ließ sich niemals genau ergründen. Thatsache ist, daß der 70jährige Greis allein auf sein Zimmer angewiesen war und als einzigen Umgang seinen Sohn und irgend einen Diener hatte Hier ging er die Reihe seiner Bitternisse Tag um Tag durch. Er bezog eine noch kleinere Wohnung in der Straße Monte - Esquinza, wo er bis zu seinem Tode blieb. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem Arbeitskabinet, einem Speisezimmer, der Hausrath aus einer eisernen Bettstelle, einem alten tannenen Schreibtische, an den Mauern zwei ober bret beliebiger Stiche, einem kleinen Tisch am Fenster, zwei Stroh- sesseln und einem Lehnstuhl, wo ich ihn nach bem Attentat vom letzten Jahre sitzend lan.d. Ein Wagenunfall hatte ihm einen Beinbruch zugezogen und er mußte an einer Krücke gehen. Kaum erkannte ich den ehemaligen französischen Marschall, im zerfetzten ©cblafrocf, mit alten zerrissenen Pantoffeln an den Füßen. Damals wollte ich aus Pietät den Lesern des „Figaro" nichts Näheres über ihn erzählen. Aber ich hörte ihn mit Verwunderung von seinen Soldaten, jenen Tapferen, welche bis zum Tode gekämpft hatten, in beleidigendster Weise sprechen, und wenn ich, der Fremde, ihm eine Bemerkung darüber machte, schlug er mit der Faust auf den Tllch, in Heller Verzweiflung ms zum Wahnsinn gereizt, und proteftirte ist der Einsamkeit bet elenden Kammer gegen die Ungerechtigkeit der Menschen und der Geschichte. „Die Franzosen? Schreihälse' Meine Soldaten? Reden wir nicht von ihnen! Nach einer ersten Niederlage kann man sich nicht auf sie verlassen. Ich habe dem Kaiser gedient, ich konnte eine von dem Pöbel eingesetzte Regierung nicht anerkennen. Ah, eaorä tonperre." Und mit fieberhaften Geberden holte er Actenstücke, Berichte, die er mir vorlesen wollte, aus feinem Schreibtische heraus. In diesem Augenblicke trat fein Sohn ein, ein sympathischer junger Mann, tn der Uniform unserer Infanterie-Soldaten, welcher kam, um seinen Vater auf die Tags zuvor von einem Franzosen durchbohrte Stirn zu küssen. Auch brachte er ihm Visitenkarten der vornehmen spanischen Gesellschaft. Seit fünfzehn Jahren war es vielleicht das erste Mal, daß man ihm einiges Interesse bezeigte. Das that ihm wohl. Aber ich verließ ihn mit der Ueberzeugung, daß die täglichen Angriffe, die Tausende von Schmähbriefen, die er seit Metz erhielt, seinen Geist geschwächt hatten. Seine letzten Jahre waren tief schmerzlich. Ich bin überzeugt, daß er fein anderes Existenzmitt'el hatte als den bescheidenen Sold seines Sohnes. Welch trauriges und trostloses Ende nach vierzig Jahren einer glänzenden Laufbahn!
— Für die Ausarbeitung ihrer Berichte auf das Jahr 1887 waren den Fabrikinspecioren speciell folgende Fragen zur Beachtung empfohlen worden:
In welchen Industriezweigen besteht ein Bedürfniß nach Heranbildung gelernter Arbeiter, Vorarbeiter und Werkmeister und in welchem Umfange wird diesem Bedürfnisse durch ein förmliches Lehrlingsverhaltniß Rechnung getragen?
Inwieweit entspricht dieses Verhältniß den §§ 126—133 der Gewerbeordnung (Lehrlingsverhaltnisse) ?
In welcher Weise ist, wo ein solches Verhältniß vorliegt, durch besondere Regelung der Beschäftigung der Lehrlinge Fürsorge für deren Ausbildung getroffen worden, und welche besondere Einrichtungen bestehen, abgesehen von der Beschäftigung im Betriebe für die gewerbliche und sittliche Ausbildung der Lehrlinge?
Sind Betriebe bekannt geworden, in welchen die Zahl der Lehrlinge im auffallenden Mißverhältniß zu der Zahl der beschäftigten Arbeiter steht? ES ist natürlich, daß die Fabrikaufsichtsbeamten auf diese besondere Anregung hin den aufgeworfenen Fragen einen großen Raum ihrer Berichte gewidmet haben. Was dabei das Lehrlingsverhaltniß betrifft, so sind die in den Fabriken hierin hervor- tretenben Umstände in den einzelnen Aufsichtsbezirken so übereinstimmend, daß sie nur selten eine verschiedene Darstellung erfahren haben. Der Generalbericht hält deshalb gerade diese Aeußerungen zu einer gemeinsamen Darstellung für besonders geeignet. Dagegen weichen die Berichte der einzelnen Beamten insofern bald mehr bald weniger von einander ab, als sie hinsichtlich des Begriffs „gelernter Arbeiter" von ungleichen Voraussetzungen ausgehen. Während die einen als gelernten Arbeiter schon denjenigen ansehen, welcher sich die Fertigkeit in der Ausführung der ihm obliegenden Arbeit durch eine häufig nur nach Wochen zählenden Ausbildungszeit angeeignet, lehnt sich der größere Theil der Berichte bei der Auffassung des gedachten Begriffs mehr oder weniger an


