Nr. 229 Erstes Blatt. Sonntag den 30. September 18882
Meß euer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ivrrreaur Schulstraße 7.
.. io» Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brirraerlohn.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. $Urc6 die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeit.
Gefunden: 1 seidenes Halstuch, 1 Haarpfeil, 1 Taschentuch, 1 Messer, 1 Armband, 1 wollenes Tuch, 2 Portemonnaie's, 1 Kindersonnenschirm, 1 Handschuh, 1 Uhrschlüssel, 1 Compaß, 1 Paar Handschuhe.
Zugelaufen: 1 dunkelbrauner Dachshund.
Gießen, am 29. September 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Landes Baugewerkschule Darmstadt.
Am 13. November l I. beginnt der dreizehnte Jahres-Cursus der Landes-Baugewerkschule und schließt am 15. März 1889.
Die Landes-Baugewerkschule soll insbesondere Bauhandwerkern, sowie Maschinen- und Mühlenbauern, Mechanikern und Metall-Arbeitern, Gelegenheit bieten, sich die für einen selbstständigen Gewerbebetrieb erforderlichen theoretischen Kenntnisse und die nothwendigen Fertigkeiten im Zeichnen und Entwerfen von Plänen für die practische Ausbildung zu erwerben. Auch soll die Landes-Baugewerkschule zur Ausbildung von Werkmeistern, Parlieren, Bauaufsehern ic. dienen.
Der Unterricht wird während der bezeichneten 4 Monate an allen Werktagen, Vormittags von 8—12 und Nachmittags von 1—6 Uhr ertheilt.
Die Schule umfaßt drei Abheilungen; zwei für Bauhandwerker (Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Dachdecker, Schreiner, Glaser, Tüncher, ( Anstreicher, Stukkatore u. Decorationsmaler, Ziegler u. Töpfer, Pflästerer rc.); eine für Schlosser, Gürtler, Spengler, Installateure, Mechaniker, Maschinen- und Mühlenbauer, Pumpenmacher rc.
Gegenstände des Unterrichts sind: Freihand- und geometrisches Zeichnen; darstellende Geometrie; Schatten-Constructionen; Perspective; Bauconstructions- lehre; Stabilitäts- und Festigkeitsberechnungen; Elemente der Maschinen-Con- tzructionen; Fachzeichnen für die betreffenden Gewerbe; Aufnahme und zeich- ^lvrrische Darstellung von Bauteilen, Gebäuden, Maschinen und Werkzeugen; Entwerfen von Vauanlagen und von einfachen Maschinen; kunstgewerbliches Zeichnen. — Ferner: technisches Rechnen; Algebra; Geometrie; Feldmeßkunst, einschließlich Trigonometrie und Planzeichnen; gewerbliche Buchführung; Bauführung; Materialienkunde, Ausstellung von Kostenvoranschlägen; Grundlehren der Physik und Mechanik; Modelliren in Thon, Wachs und Holz.
Die Unterrichtslocale befinden sich Neckarstraße Nr. 3 in Darmstadt, unfern von den Bureaulocalitäten, der Bibliothek und der technischen Mustersammlung des Landesgewerbvereins, so daß die letzteren Sammlungen von den Schülern besucht und geeignet benutzt werden können.
Die Schüler nehmen Wohnung und Kost in Privathäusern der Stadt. Die Pensionsverhältniffe sind günstig. Auskunft auf Anfragen ertheilt das Bureau des Landesgewerbvereins.
Bedingungen zur Aufnahme find:
1) Für die untere Abtheilung der Bauhandwerker, wie für die Ab'theilung oer Metallarbeiter: Nachweis einer mindestens einjährigen Beschäftigung in einem technischen Gewerbe. Nur in besonderen Fällen wird hiervon abgesehen. — An Vorkennt- niffen wird von den Aufzunehmend.m nur der Nachweis der Kenntnisse verlangt, welche den aus einer Volksschule Entlassenen zukommen sollen.
2) Für die obere Abtheilung der Bauhandwerker: Nachweis ausreichender Kenntniß der niederen Arithmetik, einer angemessenen Fettigkeit im Freihand- und geometrischen Zeichnen, sowie in der Lösung einfacher Aufgaben der darstellenden Geometrie; Befähigung, sich im Deutschen gehörig schriftlich verständlich zu machen. Wird zu der Bildung einer oberen Abtheilung für die Metallarbeiter geschritten, so werden für die Aufnahme in dieselbe ähnliche Bedingungen gestellt.
Das Schulgeld beträgt für die ganze Unterrichtszeit — 30 Mark ur< ist beim Beginn des Cursus voraus zu bezahlen.
Aumelduugen zur Aufnahme haben möglichst frühzeitig und läng- steuS bis zum 31. Oetober I. schriftlich bei der unterzeichneten Stelle, oder auch mündlich auf dem Bureau derselben — Neckarstraße Nr. 3, III. Stock — zu geschehen. — Da die Aufnahme von Schülern durch die Zahl der verfügbaren Plätze für das Zeichnen beschränkt ist, erfolgen die Aufnahmen in der Reihenfolge der Anmeldungen.
Darmstadt, den 15. September 1888.
Großherzogliche Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbverein. Fink.
Politische Ueberficht.
Gießen, 29. September.
Kaiser Wilhelm hat auf seiner Weiterreise von Detmold nach dem Süden am Spätabend des Donnerstag seinen Einzug in die Hauptstadt Württembergs gehalten, nachdem der erlauchte Reisende auf dem Bahnhofe vom König Karl und sämmtlichen Prinzen des württembergischen Königshauses, den Ministern, Hofchargen, der preußischen Gesandtschaft und den obersten Cioil- und Militärbehörden empfangen worden war. Die Fahrt der beiden Monarchen nach dem Residenzschlosse erfolgte inmitten einer feenhaften Illumination der Straßen Stuttgarts und dem unbeschreiblichen Jubel der Bevölkerung; im Schlosse begrüßten die Königin Olga und sämmtliche Prinzessinnen den kaiserlichen Gast, dem alsbald der Stuttgarter Liederkranz eine Serenade darbrachte. Die Freude des ganzen württembergischen Landes über den Katserbesuch spiegelte sich auch in den warmen Begrüßungsartikeln der Presse wider und in denen überall das Vertrauen des württembergischen Volkes zu Kaiser Wilhelm II. und seiner Regierung zum kräftigen Ausdruck gelangte. — Spätere Meldungen aus Stuttgart besagen, daß noch am Abend des Donnerstag ein Diner zu Ehren des Kaisers im Schlosse stattfand. Am nächsten Vormittag unternahm der Kaiser mit dem König eine Rundfahrt durch die festlich geschmückte Stadt, überall von der Bevölkerung begeistert begrüßt. Am Freitag Nachmittag setzte der Kaiser die Weiterreise nach der Insel Mainau fort, woselbst er bis Montag früh verweilen wird.
Von russischer Sette liegt nach längerer Pause wieder einmal eine Auslassung zum bulgarischen Problem vor. Dieselbe bekundet indessen nur, daß man an der Newa nach wie vor vom Coburger nichts wissen will, denn dies drückt indtrect das „Journ. de St. PStersb." aus, indem es sein Erstaunen über ein von dem „Memorial Dtplomatique" verbreitetes Gerücht aussprtcht. Demselben zufolge sollte nämlich Lord Salisbury vom Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky die Versicherung erhalten haben, sie würden die Anerkennung des Coburgers als Fürsten von Bulgarien unterstützen, um so eine befriedigende Lösung der bulgarischen Frage herbeizuführen und das „Journal de St. P." ist mit Recht erstaunt, daß ein solches Gerücht überhaupt Verbreitung finden konnte. Um Uebrigen vermeidet es aber das Blatt des Herrn von Giers, sich des Weiteren über die bulgarische Frage auszulassen, man wünscht anscheinend in Petersburg, dieselbe in ihrer bisherigen Versumpfung zu erhalten.
Die Gerüchte über bevorstehende Aenderungen im serbischen Gabinti entbehren doch nicht eines gewissen Hintergrundes. Es verlautet, Radivoj Milozkovtc, dann Gerichtsrath Cristtc, der Sohn des Ministerpräsidenten und Adoocat Gtorgtevtc
I seien nach Gleichenberg zum König Milan berufen worden, um mit ihm über die Frage eines Cabinetswechsels zu confer Iren.
Die zwischen Athen nnd Constantinopel spielende „S chwa m mf isch erfrag e" hat ihre befriedigende Erledigung gefunden, da die von den türkischen Behörden verhafteten griechischen Schwammfischer wieder in Freiheit gesetzt worden sind.
Heber den Empfang Kaiser Wilhelms im Batican anläßlich seines Besuches in R o m waren bis jetzt allerhand widerspruchsvolle Mtttheilungen im Umlauf. Jetzt erklärt nun der „Moniteur de Rome" officiell, daß bezüglich des Ceremoniells bei der Anwesenheit Seiner Majestät im Vatican noch keinerlei endgültige Bestimmungen ge- ttoffen worden seien. Hinsichtlich des Zeitpunktes dieses Besuches wird aus Rom gemeldet, daß der Kaiser wahrscheinlich am 14. October im Vatican erscheinen werde.
Die republikanische Partei Nordamerikas tritt jetzt mit ihrem zollpolitischen Programm anläßlich der Präsidentenwahlen hervor. Im Senate ist von den republikanischen Mitgliedern ein Zolltarifentwurf eingebracht worden, welcher die völlige Abschaffung des Tabakzollcs und die Herabminderung des Zucker- und Reiszolles um die Hälfte beantragt, dagegen eine Erhöhung der Zölle auf Stahlwaaren und auf Woll- waaren, die zu Kleidungsstücken verarbeitet werden, vorschlägt. Im Ganzen betragen die in dem Entwürfe vorgeschlagenen Absttiche fast 70 Millionen Dollars, wovon allein auf die Tabaksteuer 30 Millionen und auf die Zuckersteuer 25 Millionen entfallen.
Die Samoafrage taucht wieder auf. Auf Samoa ist dem deutscherseits eingesetzten König Tamasese ein Gegenkönig gegenübergestellt worden, der sich Malietoa II. nennt; von welcher Seite diese Domonstration ausgeht, ist noch unbekannt. Ein deutsches und ein amerikanisches Kriegsschiff ankern vor Samoa, doch erscheint daselbst die Lage der Fremden noch nicht bedroht.
Der englische Feldzug gegen die Tibetaner gilt in der Hauptsache als beendigt. Oberst Graham drang nach einem in London eingegangenen officiellen Bericht bis Rinchingong in Tibet vor, ohne auf Widerstand zu stoßen, da die tibetanischen Streilkräfte gänzlich demoralistrt sein sollen. Die englische Expedition trat bereits den Rückweg nach Gnathong in Sikkim an.
Telegraphische Depeschen. -
WoM's ielegr. Korrespondenz - Bureau.
Stuttgart, 27. September, Abends. Als der Eisenbahnzug mit Sr. Majestät dem Kaiser Abends 8 Uhr hier einlief, flammten ringsum auf allen Bergen Freuoen- fcuer auf, aus den Weinbergen oberhalb der Stadt stiegen Tausende von Racketen in die Höhe, von den Thürmen ertönte Glockengeläute. Die Begrüßung des Kaisers und ’ des Königs war eine äußerst herzliche. Die am Bahnhofe aufgestellte Ehrencompagnie.


