Ar. 202 Erstes Blatt. Donnerstag den 30. August 1888.
(<)icßenet Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. v Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bureaur Schulftraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. .
Amtticher Hßeit.
Betreffend: Die Enteignung von Gelände in der Gemarkung Hungen zur Erbauung einer Nebenbahn von Hungen nach Laubach.
Bekanntmachung.
Nachdem die Gemeinde Hungen zum Zweck des Baues einer
Nebenbahn von Hungen nach Laubach die Enteignung des nachverzeichneten Geländes:
Ord-
Größe des ganzen
Größe der zu ent
Nr.
Flur
Nr.
Grundstücks Meter
eignenden Fläche Meter
Bezeichnung
Besitzer
1.
4
459
350
1
Grabgarten, die Baumgärten
Philipp Zimmer.
2.
4
463
493
128,7
daselbst
Derselbe.
3.
4
460
1419
38
daselbst
Heinrich Jakob Stein.
4.
5.
4
4
354
355
725
1506
120
340
Wiese bei den Schuttkrautgärten, daselbst
Derselbe. Karl Fendt.
6.
4
110
1825
108
Grasgärten, Rothsgärten
Christoph Karl Bender.
7.
13
162
787
92
Wiese, die Hubbacherwiese,
Derselbe.
8.
13
163
281
46
daselbst
Derselbe.
9.
13
164
481
88
daselbst
Derselbe.
10.
13
165
438
105
daselbst
Derselbe.
11.
4
356
1553
600
Wiese bei den Schuttkrautgärten
Karl Seibert.
beantragt hat, so wird der Plan nebst dem Anträge der Gemeinde Hungen mit Anlagen in der Zeit
von Donnerstag den 6 September bis zum Donnerstag den 20. September I. I.
auf dem Büreau der Großherzoglichen Bürgermeisterei Hungen zu Jedermanns Einsicht offengelegt und wird Tagfahrt vor der Local-Commission auf:
Donnerstag den 20. September l. I., Nachmittag- V22 Uhr,
auf das Rathhaus zu Hungen zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Entschädigung hierdurch anberaumt.
Die Eigentümer des oben verzeichneten Geländes und etwaige Nebenberechtigte werden hierdurch aufgefordert:
». Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschluffes und Annobme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung, d. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung dec Unterstellung der Annahme des Angebotes, e. Anträge auf-Ausdehnung der Enteignung bei Meidung des Ausschluffes mit solchen,
6. Anträge aus Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19) bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
o. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne des Art. 14,
k- etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an das zu enteignende Grundstück, in dem Termin vorzubringen.
Sofern in dem Termin Einwendungen gegen den Zweck und Plan, sowie die damit in Verbindung stehenden Anträge nicht voraebracht werden sollten dann wird in dem bezeichneten Termine
Donner-tag den 20. September l. I.
zugleich über die Höhe der Entschädigung und die mit ihr zusammenhängenden Fragen verhandelt werden.
Gießen, am 29. August 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
..__I- V.: Jost, Regierungsrath.___________________________6906
Betreffend: Ein auf dem gestrigen Viehmarkt dahier zurückgebliebenes herrenloses Kalb.
Bekanntmachung.
Auf dem gestern dahier abgehaltenen Viehmarkt ist ein herrenloses Kalb zurückgeblieben. Derjenige, welcher Ansprüche an dasselbe machen zu können glaubt, wird aufgesordert, dieß alsbald dahier zu thun, widrigensalls das Kalb als gefundener Gegenstand betrachtet und zu Gunsten der Armenkasse veräußert wird.
Gießen, am 29. August 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen-
Fresenius. 6925
Politische Rundschau.
Gießen, 29. August.
Die Einberufung des preußischen StaatSrathes soll im Spätherbfte bevorstehen und werden als Zweck der Berufung dieser Körperschaft preußische Gutachten über Reichstagsvorlagen bezeichnet. Es könnte sich dies auf die Arbeiter-Alters-Ver- sorgung wie auf das Genossenschaftsgesetz beziehen, welche beiden Entwürfe noch ihrer Erledigung durch den Bundesrath harren.
Die anläßlich der Ernennung des Grafen Moltke zum Präses der LandeSvertheidigungs-Commisfion aufgetauchte Nachricht, die genannte Commission würde demnächst zusammentreten, wird jetzt als unzutreffend bezeichnet. Es heißt, daß man bezüglich der Gegenstände, welche die Commission zu beschäftigen haben würden, erst die Ergebnisse der bevorstehenden Herbstmanöver, und zwar sowohl die zu Lande, als auch diejenigen der Flotte, abwarten wolle.
An diesem Donnerstag findet im sechsten Berliner Wahlkreise die Reichstagsersatzwahl für Hasenclever statt, der man auch außerhalb der Reichshauptstadt mit Interesse entgegensteht. Dasselbe concentrirt sich namentlich darauf, wie sich das Stimmenverhältniß zwischen dem Candidaten der Freisinnigen und demjenigen der Eonseroatioen, resp. der Cartellparteien stellen wird. Bet den Wahlen des vorigen Jahres war letzterer in dem genannten Berliner Wahlkreise seinem fortschrittlichen Concurrenten um beinahe 6000 Stimmen voraus, so daß nicht der Fortschrittler, sondern der Cartellcandidat, wäre es zur Stichwahl gekommen, in derselben mit Hasenclever zu ringen gehabt hätte. Da diesmal eine engere Wahl sehr wahrscheinlich geworden ist, so ist die Spannung begreiflicher Weise nicht gering, ob in diesem Falle der Cartellcandidat oder der Candidat der Freisinnigen mit dem Vertreter der Arbeiterpartei, Herrn Liebknecht, in die Schranken zu treten haben wird.
Die Begegnung, welche der Italienische Ministerpräsident auf der Rückreise von Friedrichsruh in Eger mit dem Grasen Kalnoky.gehabt hat,bildet noch immer den Brennpunkt der diplomatischen Lage. Zwar ist vom Secretair des österreichischen Ministers des Auswärtigen einem ihn „interviewenden" Correspondenten der„R.Fr.Pr."
i in bündigster Weise erklärt worden, es seien in Eger keinerlei politische Abmachungen | oder Vereinbarungen getroffen worden, ebensowenig wie Massauah und der italienisch- ; französische Conflikt in Friedrichsruh Veranlassung zu Erörterungen geboten hätten, aber das hindert nicht, daß die Zusammenkunft zwischen Crispt und Kalnoky, mit der Entrevue von Friedrichsruh im Hintergründe, noch fortgesetzt die Tagessituation beherrscht. Was namentlich der Egerer Zusammenkunft ein eigenartiges Relief verleiht, ist der Umstand, daß gleichzeitig die großen Flottenübungen Frankreichs und Italiens begonnen haben und fast möchte man geneigt sein, denselben angesichts des gespannten Verhältnisses zwischen beiden Mächten eine bestimmte Bedeutung zuzuschreiben. Die Franzosen manöoeriren mit einem großen Geschwader unter persönlicher Anwesenheit des Martneministers Admiral Krantz bei den Hydres-Jnseln und besteht dasselbe aus der eigens mobtlisirten Reserve-Flotte für das Mtttelmeer und dem sogenannten Evolutionsgeschwader, zusammen 21 Fahrzeuge. Diese imposante maritime Machtentfaltung des französischen Nachbars scheint nun in Italien etwas beunruhigt zu haben, vielleicht wittert man dort gar einen französischen Handstreich auf Tripolis, denn die italienische Manöverflotte hat plötzlich veränderte Directionen erhalten, durch welche sie von den sicilianischen Gewässern aus in kürzester Frist in den Gewässern von Tripolis erscheinen kann. Außerdem ist aber auch das italtenischerseits zusammengezogene Uebungsgeschwader ungewöhnlich stark und diese gegenseitigen Schiffsdemonstrationen sind ein hinlänglicher Beweis von dem Mißtrauen, mit dem sich Frankreich und Italien betrachten. Doch glaubt man in diplomatischen Kreisen nicht, daß diese Demonstrationen einen ernsteren Zweck haben könnten und besonders verneint man, daß Italien zu einer jedenfalls dann isolirten Action schreiten könnte, eine Anschauung, welche durch die beruhigenden Erklärungen der Crispi'schen „Riforma" über den Friedenscharakter der Begegnungen Crispi's mit Bismarck und Kalnoky ihre Rechtfertigung finden.
Nach einer Depesche aus Messina vom 27. August passirte das italienische Geschwader am Sonntag Abend die Meerenge von Messina, um sich nach Augusta zu begeben. Augusta ist ein Hafen in der südsictlianischen Provinz Syracusa und. führt von hier der kürzeste Seeweg nach der afrikanischen Küste.


