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Nr. 77 Freitag den 30. Mürz 1888;

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

ÜZureairr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HßeLt.

Betreffend: Das Behüten der Wiesen. Gießen, am 27. März 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise-.

Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß das Behüten der Wiesen nach der Wiesen-Polizei-Ordnung für den Kreis Gießen vom 1. April an untersagt ist. Sie wollen die Schäfer hierauf aufmerksam machen und die Feldschützen strengstens anweisen, etwaige Uebertretungen zur Anzeige zu bringen. Die Gendarmerie ist gleichfalls angewiesen, Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot zur Anzeige zu bringen.

Dr. Boekmann.

Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, am 28. März 1388.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Sie wollen uns innerhalb 14 Tagen die Berichte über den Zustand der Fortbildungsschulen im verflossenen Wintersemester einsenden. Dieselben sind nach folgendem Schema abzusaffen:

1. Zahl der Klaffen, 5. Betragen der Schüler,

2. Lehrer, 6. Zahl der abgehaltenen Stunden,

3. Schüler, 7. Höhe der Vergütung für den ganzen Unterricht.

4._Leistungen der Schüler, _______________________________________Dr, Boekmann. __________________________________

Bekanntmachung.

Samstag den 7. April l. I., BorwittagS 10 Uhr, findet im Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Sitzung der Provinzialtags der Provinz Oberhessen statt.

Tagesordnung:

1) Erstattung des Verwaltungsberichts für 1886/87.

2) Prüfung der Provinzialkasserechnung für 1886/87.

3) Feststellung des Provinzialkassevoranschlags für 1888/89.

4) Wahl von zwei Mitgliedern des Provinzialausschusses an Stelle der ausgeschiedenen Mitglieder: Kanzler Professor Dr. Gareis in Gießen und Fabrikant Wenzel in Lauterbach.

5) Die Caution des Provinzialkasserechners.

Gießen, am 26. März 1888. Der Vorsitzende des Provinzialtags der Provinz Oberheffen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 29. März.

Das erste und bedeutungsvollste Fest der Christenheit, das Auf- erftehungsfest, steht wiederum vor der Thür und um so freudiger begrüßen wir diesmal seinen Einzug, als die Osterfeier Heuer mit dem ersten Wieder- erwachen der Natur nach langem Winterschlafe zusammensällt. Gerade durch die neuerwachende Natur wird ja der so erhebende und tröstliche Ostergedanke der Seele am vollsten lebendig, es empfindet das Herz so recht die Gewalt des Osterzaubers und wie mit einem frischen, freudigen Hauche durchzieht es dann Herz und Gemüth. Dennoch mischt sich gerade diesmal für uns Deutsche in die Ostersreude ein leiser wehmuthsooller Klang, wenn wir des schweren Leides nochmals gedenken, welches der erschütternde Heimgang Kaiser Wilhelms der ge­summten Nation brachte und noch ist die Erinnerung an diesen Verlust zu frisch in der Seele unseres Volkes, als daß sich dasselbe nun dem vollen Osterjubel ungetrübten Sinnes hingeben sollte. Und doch klingt uns nach dieser richtigen Passionszett, welche Deutschlands Stämme erlebt, aus dem Geläute der Fest­glocken Trost und Hoffnung entgegen, denn in uns Allen wohnt ja die Zuver­sicht, daß der allgeliebte Sohn uno Nachfolger des verewigten Heldenkaisers da» große Werk seines großen Vaters fortführen und daß auch unter Kaiser Fried­rich das deutsche Reich weiterblühen und gedeihen werde und in dieser wohlbe­gründeten Erwartung feiert Deutschland Heuer sein Osterfest. Allenthalben aber In Europa wird man die Asterseier unter dem Danke gegen die Vorsehung be­gehen, daß auch diesmal der Weltfriede trotz mancher dunkler Perspectiven gewahrt worden ist und daß somit die allgemeine Weltlage mit dem Frieden und der Freude der Ostertage harmonirt; möge unserm Erdtheile auch ferner das kostbare Gut des Friedens erhalten bleiben das ist der aufrichtige Wunsch gewiß von Millionen und Abermillionen zum heurigen Osterfeste!

Der Reichskanzler Fürst Bismarck begeht am diesmaligen Ostersonntage sein 73. Geburtsfest und wie immer, so bringt die deutsche Nation auch jetzt dem leitenden Staatsmanne des Reiches und Preußens zum Eintritte in ein neues Lebensjahr die herzlichsten Wünsche dar. In unermüdlichem Pflichteifer, in ungeminderter Arbeitssreudigkeit schafft und wirkt ja des Reiches Kanzler fort und fort für das Gedeihen und die Wohlfahrt unseres Vaterlandes und selbst die erschütternden Ereigniffe der letzten Wochen, welche dem Fürsten Bismarck neben dem liefen Seelenschmerze um das Hinscheiden seine» kaiserlichen Herrn, dem er durch so lange Jahre hindurch treu gedient, eine große Arbeitsbelastung brachten, haben ihn in seiner Thätigkeit nicht zu beeinflussen vermocht. Die glänzenden Kundgebungen unerschütterlichen Vertrauens, welche dem Reichskanzler auch von dem neuen Kaiser bereits zu Theil geworden sind, lassen zur Genüge

erkennen, daß sich auch unter Kaiser Friedrich im Gange der deutschen Politik im Allgemeinen nichts ändern wird, da eben ihre Leitung auch ferner in den bewährten Händen des Fürsten Bismarck ruhen wird und somit kann man den­selben zu seinem diesmaligen Geburtsfeste nur mit dem aufrichtigen Wunsche begrüßen, daß es ihm auch in dem neuen Lebensabschnitte vergönnt sein möge, in voller Gesundheit und ungebrochener geistiger Kraft seines schwierigen Amtes weiter zu walten.

Nicht allenthalben erklingen im deutschen Vaterlande die Osterglocken hell und freudig den Bewohnern in Stadt und Land, denn in verschiedenen Landes- tbeilen ist anstatt der Ostersreude schwere Sorge und Roth eingezogen. Die Ueberschwemmungen, welche durch Hochwasser in den Elbeniederungen un­terhalb Wittenberges, in den Niederungen der Weichsel und Nogat und schließ­lich zum Theil auch im Odergebiete verursacht worden find, erweisen sich als ganz ungewöhnlich ausgedehnt und hat das entfesselte Element in den bett. Gegenden furchtbare Verheerungen angerichtet. Regierungsseitig find zur Linde­rung des ersten Elends umfassende Maßregeln getroffen worden, doch steht zu hoffen, daß der in den Blättern veröffentlichte Aufruf an die Privatwohlthätig- keit zu Gunsten der Bewohner der heimgesuchten Ortschaften ebenfalls feine Wirkung äußern wird.

In Frankreich hat sich an General Boulanger das längst drohende Verhängniß erfüllt. Vom Präsidenten Carnot ist am Dienstag auf Antrag des Kriegsministers Logerot und nach vorhergegangenem Cabinetsrach das Decret unterzeichnet worden, durch welches Boulanger, entsprechend dem einstimmigen Urthelle de» militärischen Untersuchungsrathes, von Amtswegm mit Pension in den Ruhestand versetzt wird. Hiermit hat die militärische Laufbahn des Revanchegenerals ihr vorläufiges Ende erreicht, um so mehr wird er sich nun aber, der Fesseln des militärischen Dienstes ledig, auf die Politik werfen und der Ausgang der Ersatzwahl in Laon ist da einvielver­sprechender" Anfang. Natürlich werden die Anhänger des Generals dessen Entlassung aus dem Heere weidlich zu ihren Zwecken ausbeuten und speciell in Paris dürften jetzt die Boulanger'Demonstrationen planmäßig ins Werk gesetzt werden mit welchem Erfolge, wird sich ja bald zeigen. Auch in der französischen Deputirtenkammer wollten die Boulangisten die Absetzung des General» zur Sprache bringen. Die vom Abgeordneten W i l s o n gegen seine wegen Orden»schacher» erfolgte Verurthellung eingelegte Berufung hat seine Freisprechung durch den Pariser Appellhof zur Folge gehabt. In dem Spruche heißt e« indessen, daß Wilson doch Orden»schacher getrieben habe und daß sich feine Bestrafung nur au» rein juristischen Gründen nicht ermög­lichen lasse.