Nr. 28OZ Zweites Blatt. Donnerstag den 29. November 4888.
KWMr Anzeiger
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Burea« r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Nr. 40 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 24. d. M., enthält:
(Nr. 1829.) Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes vom 5. Mai 1886, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen, für das Herzogthum Braunschweig. Vom 19. November 1888.
Gießen, am 27. November 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Aerttschkartd.
Berlin, 25. November. Infolge der im Jahre 1887 stattgehabten Heeres- verstärkung und der stetig zunehmenden Zahl der Abiturienten des Eadettencorps hat stÄ der Zudrang zu den Kriegsschulen derartig gesteigert, daß die drei Kriegsschulen, Potsdam, Hannover und Cassel, welche ihren Cursus alljährlich im März beginnen, mit 42 Aspiranten über ihre äußerste Belegungsfähtgkeit hinaus für den Unterrtchts- cursus 1888 haben belegt werden müssen. Cs ist nun zunächst der Versuch gemacht worden, diese Maßregel lediglich durch gleichmäßige Mehrbelebung der betreffenden drei Kriegsschulen durchzuführen. Es haben sich hieraus indessen für die räumlich sehr beschränkte Schule zu Potsdam Unzuträglichketten ergeben, welche auf die Dauer mit den dienstlichen Interessen dieser Anstalt nicht vereinbar sind und namentlich auch in gesundheitlicher Beziehung zu Bedenken gegen die Wiederholung einer solchen Maßregel Veranlassung geben. Es wird daher beabsichtigt, die Belegungsfähtgkeit der Kriegsschule Hannover zunächst unter Zuhilfenahme von Dienstwohnungen rc. derart zu steigern, daß künftighin bis zu 128Krtegsschüler statt deren 93 daselbst untergebracht werden können, das dann noch verbleibende Mehr an Zöglingen aber in der KriegS- ßhule zu Cassel unterzubringen. Die dadurch nothwendtg werdenden Mehrforderungen sind bereits in Herr neuen Etat eingestellt. Außer den genannten Kriegsschulen besitzen wir deren bekanntlich, noch soweit es sich um die (Kontingente außer Sachsen, Württemberg und Btzycrn handelt, in Glogau, Neisse, Engers, Anklam und Metz.
— Nachdem die britische und ausländische Bibelgesellschaft in London die seit einer langen Reihe von Jahren bewirkte Lieferung des Bedarfs an heiligen Schriften für unsere Armee hinsichtlich der deutschen Bibeln und Testamente lutherischer Ueber- setzung in neuerer Zeit eingestellt hat, ist für dieses Bedürfniß die preußische Hauptbibelgesellschaft eingetreten. Letztere Gesellschaft liefert die heilige Schrift den Mannschaften, welche eine solche zu erwerben wünschen und dieselbe aus eigenen Mitteln zu bezahlen haben, zu denselben niedrigen Preisen, wie die erstere. Da ihre Herstellungskosten aber erheblich höher sind, der preußischen Hauptbibelgesellschaft auch nicht so reichliche Mittel zur Verfügung stehen, wie der britischen, so ist Seitens der MUitär- oerwaltung in dem Etat für 1889/90 die Summe von 5200 JL in Ansatz gebracht, um die preußische Gesellschaft durch Beihilfe in ihren Bestrebungen und nach Maßgabe ihrer Leistungen für die Armee unterstützen zu können und dadurch bet letzterer eine Abnahme der Verbreitung heiliger Schriften vorzubeugen.
Berlin, 26. November. Die gesammte Reichsschuld beträgt nach einer dem Etat beigegebenen Denkschrift 1,148,664,756.36 vH. Davon sind 4proc. 450,000,000 JL und 3V2Proe. 698,664,756.36 JL. Zur Verzinsung der ersteren sind danach im Etat für 1889—90 18 Millionen, zur Verzinsung der letzteren 18,480,000 JL in Ansatz gebracht.'
— Einem der „Nordd. Allg. Ztg." aus Stngapore zugegangenen Briefe ist zu entnehmen, daß alle zur Auffindung der Leiche des zur See verunglückten Landgrafen von Hessen unternommenen Versuche bis jetzt ergebnitzlos geblieben sind.
— Lieutenant Wißrnann wird einem Beschlüsse des Emin-Pascha-Comitö's zufolge alsbald nach Ostafrtka abgehen, um zu ermitteln, auf welchem Wege die Expedition unter den jetzigen Verhältnissen vorgehen könne.
Verwischtes.
— sEin Urtheil über deutsche Universitäten.) Es dürfte wohl nicht ohne Interesse für das deutsche Pudltkum sein, einmal wieder zu vernehmen, wie großer Werthschätzung sich die deutschen Universitäten im Auslande erfreuen. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht eine Auslassung des Rektors der amerikanischen katholischen Universität, Bischof John I. Keane von Richmond in Virginien, welcher sich in der „Catholic Woild" kürzlich folgendermaßen geäußert hat: „Niemand, der von der Erfahrung der Welt auf dem Gebiete der Erziehung Nutzen haben will, kann die Universitäten des Deutschen Reiches übersehen. Unter allen Nationen der neueren Zeit steht Deutschland, wie allgemein anerkannt wird, in vorderster Linie in Liebe zum Lernen und in den damit erreichten Erfolgen. Andere Länder schicken ihre Abgesandten dorthin, um sein Crziehungssystem zu ftudiren, junge Privatleute machen Pilgerfahrten aus allen Ländern zu seinen Unterrichtsstätten, und Einer wie Alle bringen sie Zeugniß von der vorherrschenden Stellung Deutschlands im Enthusiasmus für geistige Bildung, in Tiefe und Gründlichkeit der gelehrten Forschung und in Vollendung der Unterrichtsmethoden."
— Die Gefahr, das Auge zu trüben, ist zu keiner Zeit so groß wie in den kurzen trüben Tagen des November und December. Oft ist es schon am frühen Nachmittage so dunkel, daß man ohne Ueberanftrengung des Auges nur an besonders gut beleuchteten Plätzen lesen, schreiben und feinere Handarbeiten ausführen kann. In gar vielen Zimmern aber wird es selbst am Tage überhaupt nicht recht hell. 9hm besitzt zwar das menschliche Auge die Fähigkeit, sich den verschiedenen Graden der Lichtstärke anzupasfin, aber diese Anpassungsfähigkeit hat ihre Grenzen und darf ohne ernstliche Schädigung des Sehvermögens niemals überschritten und auch nicht allzu oft erreicht werden, wenigstens im jugendlichen Alter nicht. So allgemein aber auch bekannt ist, daß durch genaues Sehen, wie es beim Lesen, Schreiben rc. nothwendtg ist, im Dämmerlicht das Auge auf jeden Fall geschädigt wird, so wenig vermeidet man besonders in den jetzigen Tagen eine solche Gefahr. Kinder sitzen im Zwielicht zur gewohnten Stunde an ihrem Arbeitstische und fertigen ihre Schulaufgaben an und je eifriger sie dabei sind, um so leichter vergessen sie die nöthige Schonung ihres Auges. Es ist eine erwiesene Thatsache, Daß gerade die fähigsten Kinder an Gestchtsmängeln der verschiedensten Art am häufigsten leiden. Deswegen kann größte Wachsamkeit über das Auge der Kinder den Erziehern in Schule und Haus nicht dringend genug empfohlen werden. In der Schule sollten z. B. die Handarbeitsstunden der Mädchen, die zum j größten Theile am Nachmittag ertheilt werden, rechtzeitig geschlossen oder zum Theil j mit Gesang, Declamation und anderen derartigen Uebungen ausgefüllt werden. Es . geschieht das zwar schon in vielen schulen, aber nicht allgemein und nicht rechtzeitig. | Sehr viel zur Erhellung der Zimmer im Winter trägt auch die Entfernung der Gardinen I And deren Ersatz durch kurze Vorhänge bei. ■
Glisabethenhain bei Kilbel.
(AuS der „Frkf. Ztg.")
Wenn wir nach kurzer Eisenbahnfahrt das hessische Amtsstädtchen Vilbel, welches sich längs der alten Heerstraße von Frankfurt nach Norddeutschland hinzieht, erreichen, werden wir rechter Hand auf eine bedeutende Gartenanlage aufmerksam, die in sanfter Ansteigung vom Bahndamm nach der Höhe jener Straße sich erhebt. Riesenhafte Lettern, umgeben von mehreren Wappenschildern, auf einem zierlichen Holzaufbau, verrathen unS sogleich den Besitzer derselben, aber gerade dadurch entstehen neue Zweifel in uns. Es ist der weit über die Grenzen unseres Weichbildes hinaus rühmlichst bekannte Landschaftsgärtner Heinrich Siesmayer, der Schöpfer unseres so wunderschönen Palmengartens, der hier auf einem umfangreichen Stück Lande, wo noch vor wenigen Jahren schweres Hornvieh die Pflugschar durch die Ackerscholle zog, eine anmuthige Pflanzanlage geschaffen hat, in der wir vergeblich den farbigen Blüthenkranz duftender Blumen suchen. Wir fragen uns erstaunt, ob denn der treffliche Gartenlandschafter in die Reihe der Handelsgärtner herabgestiegen fei, denn bei der Größe der Pflanzung kann unmöglich der eigene Bedarf zum Maßstabe genommen sein. Und wir können unsere Frage wenigstens in dem Sinne verneinen, daß wir wirklich nicht eine jener tausende von Baumschulen vor uns haben, die überall mehr ober minder anzutreffen sind. Hingegen ist es wahr, der Gartenlandschafter hat sich ein neues Gebiet erschlossen, er ist thatsächlich jetzt auch Handelsgärtner geworden, aber er erhebt sich über das gewöhnliche Niveau, er verleugnet nicht seine bisherige Entwickelung. Es wird nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden gebildeten Naturfreund von Interesse sein, die neuen Grundsätze kennen zu lernen, welche Herrn Siesmayer bei der Begründung der Anlage geleitet baben, welche geeignet sind, die industrielle Baumkultur in bessere, naturmäßigere Bahnen hinüberzuführen.
Schon bei der Auswahl der Lage trat eine besondere Rücksicht in den Vordergrund, welche bei jeder neuen Baumschulanlage in Zukunft nicht mehr zu umgehen sein wird. Es liegt geradezu auf der Hand, daß man bei einer solchen Pflanzung neben der Sorge für die gute Beschaffenheit des Bodens auf eine möglichst günstige klimatische Lage zu sehen habe. Und doch ist diese so rationell und vernünftig scheinende Rücksicht das Gegentheil davon. Denn bei einer Baumschulanlage kommt es nicht allein darauf an, daß die Pflänzlinge in der Baumschule fonkommen, sondern selbstverständlich, daß ihre Transfertrung in klimatisch ungünstigere, besonders nördlichere und rauhere Landstriche möglich ist. Wir waren in Deutschland bisher in der schlimmen Lage, daß wir in unserem Bedarf an Baumculturen zum größeren Theile auf daS wärmere Frankreich und das feuchte Holland angewiesen waren. Wie viele der von dort bezogenen Pflänzlinge bei ihrer Verpflanzung in rauhere ober trockenere Gegenben Deutschlanbs zu Grunbe gegangen ftnb, vermelbet wohl keine Statistik. Die so rationell scheinende, thatsächlich so verkehrte Anlage so vieler deutschen Baumschulen konnte den Mißstand, welcher dem Gartenbesitzer und dem Gartenarchitekten immerwährend empfindlich sich bemerkbar machte, nicht vermindern. Das brachte unseren Siesmayer — wir Frankfurter können ihn mit Recht auch den unserigen nennen — auf die Idee, daß die Auswahl der Lage einer Baumschule gerade nach Den entgegengesetzten Grundsätzen als bisher geschehen müsse. Es ist bezeichnend, daß dieser Gedanke nicht von einem Baumschulenpflanzer von Beruf, sondern von einem Gartenarchitekten aus- gegangen ist.
Diesem Grundsätze folgend, wählte Siesmayer eine verhältnißmäßig rauhe Lage am südlichen Abhänge der Wetterau, wo diese ihre bekannten klimattschen Eigenschaften noch in recht fühlbarer Weise geltend macht.
Es galt nun hier vor allen Dingen, einen kräftigen Schlag guter Mutterpflanzen heranzuziehen und gegen die Unbilden des Klimas abzuhärten. Gelang dies, so war jene Etgenthümlichkeit erreicht, welche den Pflanzengarten von allen anderen Einrichtungen dieser Art unterscheidet, daß die Aufzucht nur von Mutterpflanzen geschieht, die vollständig akklimatisirt sind. Dieser Versuch ist in jeder Hinsicht gelungen. Die Aussichten, welche damit eröffnet ftnb, ftnb in ihrer Dauer baburch gesichert, daß bie neue Pflanzanlage burdj bie Bobendeschaffenhett einem weiteren wesentlichen Erforderns im höchsten Maße gerecht wird. Denn der vortreffliche Lehmboden des Gartens gestattet auch eine erfolgreiche Einwirkung auf die Vermehrung des Wurzelvermögens, wodurch eine öftere Verpflanzbarkeit des Gewächses gewährleistet ist.
Es wird daher in der Folge möglich fein, die Nachtheile abzuwenden, welche auf diesem Gebiete, besonders in der Odstbaumzucht, die Abhängigkeit vom Auslände und die nicht zweckmäßige Anlage der meisten deutschen Baumschulen mit sich führte. i Jedoch sind die Essentialien der neuen Anlage damit noch nicht erschöpft. Für den emporwachsenden jungen Baum galt es noch einer Fürsorge, welche früher nicht so systematisch behandelt wurde, als es hier der Fall ist. Das junge Stämmchen braucht nicht nur Licht und Luft, sondern auch gehörigen Wind. Es muß frei stehen und sicheret entwickeln können. Deßhalb waren jene geschlossenen Anpflanzungen zu Dcrmeibm, bie bem jungen Baume Licht unb Lust entzogen, aber trotzbem noch so häufig anzutreffen sind. Wetter unb Winb müssen ungehindert zwischen den einzelnen Baumreiherr hindurchfahren können, daß es eine Lust ist. Unb Boreas wirb zusrieben sein mit ben Anordnungen, welche ihm zu Liebe in Vilbel getroffen worben ftnb. Eine reiche Zahl von Längs- und» Querstraßen drrrchschneibet ben Garten, kein Eckchen ist „geschützt", alle finb sie gleichmäßig bem freien Durchzug ber rauhesten Winbe ausgesetzt.
Siesmayer erkannte aber hier sogleich bie willkommene Gelegenheit, biesen Um- staub architektonisch auszunutzcn und die ausfteigenbe Lage begünstigte seinen Plan. Von bem Mittelpunkte ber oberen Grenzlinie aus, mit welcher die Anlage im spitzen Winkel von ber Straße abscheidet, ließ er die Längswege strahlenförmig auslaufen, zugleich aber bildete derselbe für die Querstraßen, bie in immer größeren Kreisen die Längswege durchschneiden, wiederum den Mittelpunkt. An den Schnittpunkten der größeren Längs- unb Querstraßen ftnb kleine Ronbelle geschaffen unb ben größten Kreis berührt an ber unteren Grenze eine gerade Straße, die mit den zwei breitesten Längsstreifen wieder in Rondells zusammentrifft unb mit ihnen ein spitzwinkeliges Dreieck bilbet


