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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Samstag den 29. September

M

1888.

Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn, mrch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps>

Amtlicher Hßeil.

Betreffend: Die Ausführung des Unfallverstcherungsgefetzes.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur Kenntniß der Jntereffenten gebracht, daß der Vorstand der Berufsgenoffenschaft der Feinmechanik Section VIII zu Karlsruhe den Herrn Oberinspector Karl Allekotte zu Karlsruhe zum Beauftragten, und den Fabrikant Lours Wetzell in Meder-Erlenbach bei Frankfurt a. M. zum Vertrauensmann im Sinne der Unsallverstcherungsgesetzes, bezw. zu des letzteren Stellvertreter den Nähmaschinenfabrikant Adam Opel m Rüffelsheim bei Mainz für dar Großherzogthum Hessen ernannt hat-

Gießen, am 25. September 1888. Grobherzoglicher Kreiramt Gießen.

Dr. Boekmann- _______________________________

Betreffend^ Die Ausführung des Unfallverstcherungsgefetzes. Gießen, den 25. September 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an Großherzoglich«» Polizeiamt Gießen «nd di« Großberzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden de» Kreise».

Wir benachrichtigen Sie hierdurch, daß der Vorstand der Section VIII der Berufsgenossenschaft der Feinmechanik zu Karlsruhe den Herrn Fabrikant Louis Wetzehl in Nieder.Erlenbach bet Frankfurt a- M. zum Vertrauensmann und den Nähmaschinenfabrikant Adam Opel in Rüsselsheim ber Mamz m dessen Stellvertreter für das Großherzogthum Hessen ernannt hat. Auf Grund des § 54 des Unfallverstcherungsgefetzes beauftragen wir Sie, die Benachrichtigung über Einleitung einer Untersuchung über die bet Mitgliedern der Berufrgenossenschast der Feinmechanik erngetretenen Unsalle an den genannten Vertrauensmann bezw. dessen Stellvertreter zu richten.

vr. Boekmann. ____________

Politische Rundschau.

Gießen, 28. September.

Mit dieser Woche hat diejenige Reise Kaiser Wilhelms ihren Anfang ge­nommen, welche das glanzvolle Gegenstück zu der epochemachenden Meeresfahrt des deutschen Herrschers nach Norden bilden wird und die dem Besuche der süddeutschen Fürftenhöfe und weiter der Höfe von Wien und Rom gewidmet ist. Die Südenfahrt des deutfchen Kaisers wird vermuthlich noch herrlichere Bilder entrollen und sich über­haupt noch glänzender gestalten, als dies bereits bei seiner ersten großen Reise der Fall war, dies erhellt schon aus den Zurüstungen, die man allenthalben zum Empfange des jugendlichen Trägers der deutschen Kaiserkrone getroffen hat und wozu erst die letzten Tage durch die officielle Bekanntgabe des Programmes für den Katserempfang in München einen neuen Beitrag geliefert haben. Dem äußeren Glanze der zweiten großen deutschen Kaiscrreise entspricht aber auch deren innere Bedeutung und wenn das Erscheinen des Kaisers in Süddeutschland vornehmlich bekundet, daß auch unter dem Nachfolger der beiden ersten Hohenzollernkaiser der deutsche Süden untrennbar vereint mit dem Norden sein wird, daß auch unter Wilhelm II. ein unzerreißbares Band alle deutschen Stämme umschlingt, so beweist der bevorstehende Besuch des neuen deutschen Kaisers in Wien und Rom vor allen Dingen, daß der feste Friedensbund, der noch unter dem ersten ruhmgekrönten Herrscher des deutschen Reiches zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien geschlossen wurde, unentwegt fortdauern wird und mit freudigster Zustimmung begrüßen nunmehr die Völker des Dreibundes die be­gonnene Südenfahrt Wilhelms II.

Die Wahlbewegung itt Preußen nimmt jetzt täglich an Lebhaftigkeit zu und fast in allen Wahlkreisen sind nunmehr die Eandidaten der einzelnen Parteien auf­gestellt. Nur die officielle Bekanntgabe des Wahltermins läßt noch immer auf sich warten und ist es in der Thal die höchste Zeit, daß sich die Regierung endlich zu diesem Schritte entschließt, zumal über die Verzögerung desselben schon jetzt sich in politischen und parlamentarischen Kreisen Befremden kundgiebt.

In den Pester Regierungskreisen bat die Wahl des der gemäßigten Oppo­sition angehörigen Baron Kaas zum Retchsrathsabgeordneten für den inneren Wahl­bezirk der Stadt Pest unangenehm überrascht. Den genannten Wahlkreis vertrat bis­lang der unlängst verstorbene Cultusminister Trefort und galt er als einer der sichersten Sitze für die liberale ungarische Regierungspartei; um so überraschender ist es, daß bei der Ersatzwahl für Trsfort ein Oppositionscandidat gesiegt hat. Welche Ursachen diesen Umschwung herbeigeführt haben, entzieht sich noch der Beurtheilung des Ferner­stehenden, wenn jedoch die ungarischen Oppositionsblätter in dem Vorgänge eine be­denkliche Erschütterung des Eabinets Tisza erblicken, so heißt das offenbar zu weit gegangen, denn unbestreitbar weiß Tisza noch wie vor zehn Jahren die Mehrheit des ungarischen Volkes hinter sich.

In Frankreich zeigen sich die ersten Umrisse einer neuen M i n i st e r k r i s i s. Die Budgetcommission der Deputirtenkammer hält an den Abstrichen von 5 Millionen, die sie beim Marinebudget gemacht hat. trotz des Widerspruches des Admirals Krantz, des Marineministers, fest. Da die Commission auch bei andern Ressorts, namentlich beim Militärbudget, bedeutende Abstriche vorgenommen hat, wogegen die betreffenden Ressortchess entschieden protestiren, so ist eine partielle oder auch gänzliche Mintster- krisis nicht unmöglich. Doch wird die weitere Entwtckeluug der Sache vermuthlich erst von dem Votum des Kammerplenums abhängen, welch' letzteres zwischen dem 15. und 19. October zusammentritt.

In England widmet man dem Auf stände in Nordafghanistan un­gemeine Aufmerksamkeit. Bislang lauten indessen die Meldungen über dre Erhebung Jschak Khans noch immer zu verworren und widerspruchsvoll, als daß man sich selbst in den englischen Regierungskreisen ein genaues Bild von der augenblicklichen Lage in Afghanistan zu entwerfen vermöchte. Immerhin ist in ihnen die Anschauung vor­herrschend , daß der Aufstand Jschak Khans dem Emir Abdur Rhaman günstigsten Falls noch einige Zeit zu schaffen machen werde, da die Truppenmacht des Emirs zu einer raschen Unterdrückung der Erhebung nicht genügt.

Keine Woche vergeht jetzt mehr, welche nicht eine oder mehrere HiobSposterr Ostafrika brächte. Als jüngste derselben erscheint die wiederum durchReuters

Burau" gemeldete Ermordung zweier Beamten der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft durch Eingeborene in Ktlwa, nachdem dieser Unthat soeben erst der so blutig zurück­gewiesene Angriff der Eingeborenen auf die deutsche Station in Bogamoyo voran­gegangen war. Ein energisches Eingreifen des Reiches zum nachhaltigen Schutze der immer stärker bedrohten deutschen colonialpolttischen Unternehmungen in Ostafrika erweist sich da mehr und mehr als eine Nothwendigkeit; ob vielleicht auch England hierbei mit vorgehen würde, da schließlich auch die britischen Jntereffm durch die um sich greifende europäerfeindliche Stimmung in der oftafrikanischen Bevölkerung bedroht erscheinen, muß noch dahingestellt bleiben.

Immediatbericht des Reichskanzlers Uber das Tagebuch Kaiser Kriedrich's.

Vom Reichskanzler Fürsten Bismarck ging am gestrigen Tage dem Justizminister folgendes Schreiben zu:

Berlin, den 25. September 1888.

Ew. Excellenz beehre ich mich, in der Anlage Abschrift eines Jmmediatberichtes vom 23. ds. Mts. mit der Eröffnung ergebenst mitzutheilen, daß Se. Majestät oen von mir darin gestellten Schlußantrag genehmigt, die Veröffentlichung des Berichtes befohlen und mich beauftragt haben, Ew. Excellenz um Ausführung der Allerhöchsten Willensmeinung zu ersuchen.

von Bismarck.

Der Bericht an den Kaiser lautet:

Friedrichsruh, den 23. September 1888.

Auf Ew. Kaiserlichen Majestät Befehl beehre ich mich, bezüglich des in der Deutscher: Rundschau" veröffentlichten angeblichen Tagebuches des hochseligen Kaisers Friedrich Folgendes zu berichten:

Ich halte dieses Tagebuch in der Form, wie es oorliegt, nicht für echt. Seine Majestät, der damalige Kronprinz, stand 1870 allerdings außerhalb der politischen Ver­handlungen und konnte deshalb über manche Vorgänge unvollständig oder unrichtig berichtet sein. Ich besaß nicht die Erlaubniß des Königs, über intime Fragen unserer Politik mit Sr. Königlichen Hoheit zu sprechen, weil Se. Majestät einerseits Jndis- cretionen au den von französischen Sympathien erfüllten englischen Hof fürchteten, anderseits Schädigungen unserer Beziehungen zu den deutschen Bundesgenossen wegen der zu weil gesteckten Ziele und der Gewaltsamkeit der Mittel, die Sr. Königlichen Hoheit von politischen Rathgebern zweifelhafter Befähigung empfohlen waren. Der Kronprinz stand also außerhalb aller geschäftlichen Verhandlungen. Nichtsdestoweniger ist es kaum möglich, daß bet täglicher Niederschrift der empfangenen Eindrücke so viele Jrrthümer thatsächlicher, namentlich aber chronologischer Naturen den Aufzeichnungen enthalten sein könnten. Es scheint vielmehr, daß entweder die täglichen Aufzeichnungen selbst oder doch spätere Vervollständigungen von Jemand aus der Umgebung des Kronprinzen herrühren. Gleich in der ersten Zeile wird gesagt, daß ich am 13. Juli 1870 den Frieden für gesichert gehalten hätte und deshalb nach Varzin zurückkehren wollte, während actenmäßtg feststeht, daß Se. Königliche Hoheit schon damals wußte, daß ich den Krieg für nothwendig hielt und nur unter Rücktritt aus dem Amte nach Varzin zurückkehren wollte, wenn er vermieden würde, und daß Se. Königl. Hoheit hierin mit mir einverstanden war, wie das auch in den angeblichen Aufzeichnungen vom 15. noch auf der ersten Seite des Abdrucks mit den Worten ausgesprochen ist, daß der Kronprinz mit mir darüber vollkommen einverstanden war, daß Frieden und Nachgeben bereits unmöglich seien. Es ist auch Seite 6 nicht richtig, daß Se. Majestät der König damals nichts Wesentliches gegen die Mobilmachung eingewendet hätte. Se. Majestät glaubte, und der Kronprinz wußte dies, den Frieden noch halten und dem Lande den Krieg ersparen zu können. Se. Majestät war in Brandenburg und während der ganzen Fahrt von da nach Berlin meiner Befürwortung der Mobil­machung unzugänglich. Aber sofort nach Vorlesung der Ollivier'schen Rede auf dem Berliner Bahnhofe und nachdem mir Se. Majestät die wiederholte Vorlesung der Rede befohlen hatte und dieselbe als gleichbedeutend mit einer französischen Kriegserklärung ansah, entschloß der König sich proprio motu und ohne weiteres Zureden zur Mobil­machung. Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, über die Nothwendigkeit der vollen Mobilmachung am Tage vorher mit mir einverstanden, hat dann wettere Schwankun­gen durch Verkündigung der königlichen Entschließung mit den Worten:Krieg! Mo­bil!" an das Publikum, d. h. an die anwesenden Offictere, abgeschnttten.. Es ist ferner nach meinen damaligen Besprechungen mit dem Kronprinzen nicht möglich, daß Se. Königliche Hoheit (Seite 7) mit diesem Kriege einenRuhepunkt im Kriegeführen