Ausgabe 
29.7.1888 Erstes Blatt
 
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Snare und die Kanonenboote Falster und Guldbergsund bleiben in der Rhede, um bei der Ankunft des Kaisers die Honneurs zu machen. Auch die übrigen im Hafen liegenden Schiffe und die gesammten Forts saluttren. Aus der Zollbude ist ein zeltförmiger Baldachin aufgeschlagen, worunter der erste Empfang statrfinden wird. Die Leibgarde stellt die Ehrenwache auf der Zollbude, die hier garnisonirenden Infanterie-Regimenter hüben Spalier von dort bis nach Amalienborg, wohin die Herrschaften, von einem Husarendetachement begleitet, sich begeben werden.

Paris, 27. Juli. Der Stadtrath lehnte heute in heftiger Debatte mit 40 gegen 28 Stimmen die Unterstützung im Betrage von 10,000 Francs, welche die Arbeits- Commi sion zu Gunsten der strikenden Erdarbeiter vorgeschlagen hatte, ab und verwarf zugleich mit 49 gegen 16 Stimmen das beantragte Tadelsvotum gegen den Polizei­präfekten.

St. Etienne, 27. Juli. Tausend Grubenarbeiter traten dem im Bassin der Loire ausgebrochenen Strike bei.

Monza, 27. Juli. Dem Vernehmen nach macht der Kronprinz von Italien in den nächsten Tagen unter dem Namen eines Grafen Pollenko in Begleitung des Generals Morra-Lariano und des Obersten Osio einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz.

Kiew, 27. Juli. In der gestrigen Festversammlung wurden zahlreiche Gratu- lativnsadressen verlesen, worunter eine von dem Erzbischof von Canterbury. Zur Feier sind eingetroffen: zwei orthodoxe Priester aus Japan, fünf gregorianische aus Kurdistan, zwei aus Abessinien.

Petersburg, 27. Juli. Die Jubelfeier der Einführung des Christenthums wird heute in ganz Rußland begangen, ganz besonders festlich in Kiew und dem alten Chersones, wo am Tauforte Wladimir's eine große, neu errichtete prächtige Kirche ein- geweihl wird. Die hiesigen Blätter heben den kirchlichen Charakter des Jubiläums hervor, das weit über die Grenzen Rußlands und der orthodoxen Kirche bet allen Freunden der religiösen Civilisatton und des historischen Fortschritts lebhafte Theil- nahme Hervorrufen müsse. ,

Die kirchliche Ceremonie anläßlich der Jubelfeier zum Gedächtniß der Ein­führung des Christenthums in Rußland wurde heute auf dem Schloßplatze unter Theilnahme des gesammten Hofes feterlichst begangen. Trotz der ungünstigen Witterung prangte die ganze Stadt im reichsten Schmucke; während des ganzen Tages durchwogten zahlreiche Menschenmassen die Straßen.

General - Major Ktjew Drenteln ist in Folge eines Schlaganfalls heute gestorben.

Lokales.

Gießen, 28. Juli. (Sitzung der Stadtverordneten vom 26. 3uli.] Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herren Beigeordneten Gnauth und Keller, Seitens der Stadtverordneten dik'Herren Baist, Georgi, Hoch, Homberger, Jughardt, Aug. Roll, Ad. Noll, Pet-ri, Dr. Ploch, Scheel, Simon und Wallenfels. Das Schreiben des Kgl. Preuß. Gesandten in Darmstadt, in welchem derselbe Namens des Kaisers den Dank desselben für die von der Stadt Gießen bethätigtm Beileidsbezeugungen anläßlich des Ablebens Kaiser Friedrichs abstattet, wird zur Kenntniß der Versammlung gebracht. Der Firma Mechtersheimer in Germers­heim, welche auf dem Suvmissionswege ein größeres Quantum Eichenstammholz aus dem hiesigen Stadtwalde erworben, wird auf deren Nachsuchen ein entsprechender Nachlaß an dem Submissionspreise bewilligt, weil ein der nachgelassenen Summe ent­sprechender Theil des Holzes angefault gewesen ist. Zu der Beschwerde des Herrn Ehr. Rübsamen in Betreff eines infolge Anlage eines Grabens bei seinem Bagger- platz am Rodberge unbenutzbar gemachten Weges beschließt die Versammlung, weil Gefuchsteller sich weigert, den fraglichen Graben auf seine Kosten zu überdrücken, Widerruf der s. Z. ertheilten Anlage eines Schienengeleises nach der Verladestelle der Main-Weser-Bahn. Einige andere aus der Mitte der Versammlung gemachte Weg­verbesserungsvorschläge sollen geprüft werden. Nach in einer früheren Sitzung ein­geleiteter Verhandlung über die Unterhaltung und Reinigung des Gäßchens nach der Friedel'schen Brauerei, sowie des Gäßchens zwischen Frau Lony Wwe. und Frau Zülch Wwe. (am Seltersweg) wurde beschlossen, vorerst Ermittelungen über die Eigentyumsoerhaltnisse an diesen Gäßchen anzustellen. Diese haben ergeben, daß das Gäßchen zwischen Lony Wwe. und Zülch Wwe. schon seit einer längeren Reihe von Jahren als städtisches Eigenthum anerkannt und auch schon auf Kosten der Stadt gepflastert worden. Die Reinigung soll demnach auch auf städtische Kosten erfolgen. Von den Anliegern des nach der Friedel'schen Brauerei führenden Gäßchens haben die Herren Friedel, Hirh und Zenner Anspruch auf das Gäßchen erhoben und erklärt, es aüch unterhalten und reinigen zu wollen, wogegen Herr Schultheis für An­erkennung als städtisches Eigenthum sich ausgesprochen. Es wird auf Antrag der Baudeputation beschlossen, Seitens der Stadt auf die Eigenthumsansprüche zu ver­zichten und das fragt Gäßchen nicht reinigen zu lassen. Das Gesuch des Herrn Buchhändler Fr. Reimer um Erlaubnitz zur Anbringung eines Schaukastens an der der Sonnenstraße zugekehrten Seite seines Hauses wird abgelehnt, wegen der befürchteten Verkehrsstörung, die durch Anbringung eines 30 Ctrn. in die Straßenfront reichenden Kastens verursacht werden würde und die Angesichts der täglich die Lwnnenstraße passirenden Truppenabthetlungen ein Ausweichen der Passanten erschwere. Dem Gesuche mehrerer Hausbesitzer am Tiefenweg um Anlage einer gepflasterten Rinne auf städtische Kosten an Stelle des zugeschütteten Grabens irn Garten des Herrn Kupferschmied Zimmer wird nicht ftattgegeben. Das zwischen den Häusern der Frau Mannberger Wwe. und des Herrn Drechslermeister Häuser am Neuenweg befindliche Gäßchen sollte auf städtische Kosten gepflastert und gereinigt werden, wenn die Anlieger das Eigenthumsrecht an demselben der Stadt zustehen. Dies ist nur theilweise geschehen, u. A. wollen Frau Mannberger Wwe. und die Neuenweger Schäfereigesellschaft auf ihre Ansprüche an das Gäßchen nicht verzichten, erklären auch, ihren Theil an demselben zu reinigen. Aus diesem Grunde beschließt die Versammlung, auf Antrag der Baudeputation, die gewünschte Neupflasterung des Gäßchens nicht vor­nehmen zu lassen. Die kürzlich angeregte Frage, auf welche Weise sich der einzelnen Canaleinfallschächten entströmende üble Geruch beseitigen lasse, hat die Bau­deputation veranlaßt, die Anbringung von Wasserverschlüssen (Siphons) an einzelnen besonders bezeichneten Canalöffnungen zu beantragen. Es wird dementsprechend beschlossen. Aus sein diesbezügliches Gesuch wird Herr Conrad Atzbach von dem mit der Stadt abgeschlossenen Vertrage wegen Sandgewmnunq aus dem District Neuheege entbunden. Die Baudeputation hat anderweitige Verpachtung unter den seitherigen Bedingungen beantragt. Eine Reihe Koftendecreturen werden zur Kenntniß der Versammlung gebracht und nicht beanstandet. Dem Gabelsberger Stenographen-Veretn wird auf Ansuchen ein Schullocal zur Abhaltung von Unterricht überlassen, inet Heizungs- und Beleuchtungsmaterial, wogegen der Verein eine Entschädigung für Reinigung und Heizung an den Schul­diener zu entrichten hat. Unter Schlachthausangelegenheiten stehen wieder verschiedene Punkte auf der Tagesordnung. Unter Anderem soll von der Erhebung einer Nachgebühr von zwei hiesigen Metzgern, welche außerhalb der Zeit und ohne besondere Erlaubniß des Schlachthausoerwalters schlachteten, für diesmal Abstand genommen werden. Das Gesuch der Metzger Innung um Ausdehnung des Schlach tzwanges im Schlachthaus auf die ganze Gema,fung Gießen und Anwendung des § 4 des Schlachthaus-Reglements, nach welchem alles außerhalb des Schlachthauses geschlachtete und in die Stadt einzuführende Fleisch der Beschau im Schlachthaus unter­worfen werden soll, wird bis zur Vornahme einer generellen Revision des Schlacht­haus-Reglements zurückgestellt. Von der neuerlich in Anregung gebrachten obliga­torischen Einführung eines Schweineschlachtapparates soll abgesehen werden, nachdem hierüber sowohl bei dem Erfinder desselben, dem Verwalter des Erfurter Schlachthauses, Erkundigung über die Brauchbarkeit des Apparates eingezogen worden, als nun auch der hiesige Thierschutzoeretn, der den Apparat ursprünglich empfahl, mit- gethellt hatte, daß von einer Anschaffung desselben vorläufig abgesehen werden möge, da der Apparat doch nicht allen Anforderungen des Thierschutzes entspreche. Dagegen sollen auf Empfehlung deS Thierschutzvereins und nach Anhörung der Fleischerinnung drei Keulen zum Betäuben der Kälber angeschafft werden. Mit der Aufstellung zweier weiterer Warnungstafeln an den Eingängen des Schlachthauses, welche die

wichtigsten Bestimmungen des Reglements enthalten sollen, erklärt sich die Versammlung einverstanden. Frl. Stoß, welche seither ohne besondere Vergütung die Untersuchung des L>chweinefleisches auf Trichinen besorgte, wird eine ausnahmsweise Gratification von 40 JL bewilligt. Herrn Metzgermeister Harms wurde vor einiger Zeit die Aufstellung seines Fleischtransportwagens in dem Wagenschuppen des Schlachthauses deshalb ohne Anrechnung einer besonderen Gebühr gestattet, weil Herr Harksts den Wagen nicht lediglich für seinen Privatgebrauch, sondern zum Transport von Fleisch für andere hiesige Metzger benutzt. Mit Rücksicht auf diesen Umstand konnte daher dem Gesuch des Herrn Metzgermeisters Hilgardt, welcher seinen Fleischtransport­wagen ebenfalls dort aufzustellen beabsichtigt, nicht entsprochen werden.^ Nach Mit- theilung der Fleischerinnung ist die westliche Seite der Rindvieh- und Schwemeschlacht- halle derart der Sonnenhitze ausgesetzt, daß damit mancherlei Unzuträgltchkciten berbei- geführt werden. Die Innung empfiehlt Anbringung von Jalousien an den Fenstern dieser Schlachthallen; es wird dem entsprechend beschlossen. Infolge Ueberhandnehmens der Krähen, Raben rc., sind bei Gr. Polizeiamt Beschwerden ein- gelaufcn, wesyalb dasselbe ein Schreiben an die Stadt gerichtet hat mit der Anfrage, welche Maßregeln hiergegen zu ergreifen seien, ob die Jagdpächter oder sonstige hierzu befähigte Personen ermächtigt werden sollen, diese Vögel abzuschießen und ob das in einem besonderen Reglement festgesetzte Schußgeld gewährt werden solle. Die Ver­sammlung beschließt, die Feldschützen mit Abschuß der Vögel zu beauftragen, die Kosten für Munition rc. auf die Stadtkasse zu übernehmen. Die für das Douchedad im neuen Mädchenschulgebäude erforderlichen kleinen Wäschestücke, deren sich unbemittelte Kinder bei Benutzung des Bades bedienen, während in der Regel die Kinder die Wäsche selbst mitbringen, sollen beschafft werden; der betreffenden Badeordnung wird die Zustimmung ertbeilt. Herr Dr. Plo ch bemerkt, daß nach seinen Wahrnehmungen immer drei Kinder sich in dem gleichen, in dem Bassin unter der Douche befindlichen Wasser waschen, er müsse dies als unzulässig erachten. Gleichzeitig bemerkte Herr Dr. Ploch, daß noch Raum zur Anbringung weiterer Douchen vorhanden sei. ES wird beschlossen, durch den Herrn Stadtbaumeister feststellen zu lassen, ob und wie viele Douchen in dem Baderaume noch aufgestellt werden können. Für den Zubringer der Feuerwehr sollen auf diesbezüglichen Antrag 100 Meter Schläuche angeschafft werden. Erhobenen Beschwerden über die Durchlässigkeit des Schutzdammes am Wismarer Weg zufolge wird beschlossen, bebuss Abstellung von Ueberschwemmungen weitere Sicherungsmaßregeln zu ergreifen. Der zur Durchführung derselben erforder­lichen Geländeerwerbung stimmt die Versammlung zu. Dem Gesuche des Herrn Weißbindermeisters I. Häuser um Erlaubniß zum Bauen am Leihgesterner Weg gegenüber beantragte die Baudeputation Ablehnung, weil Gesuchsteller die zur Sicherung der Erbauung eines Vorderhauses verlangte Cautton von 1500 JL zu leisten sich weigert und man auch die Größe eines hierbei in Betracht kommenden, der Stadt gehörenden Geländestückes erst festsetzen kann, wenn die gen. Straße ausgebaut werden soll. Dem Gesuche des Bäckermeisters Heinr. Faß um pachtweise Ueberlassung eines Holzlagerplatzes am Lutherberg wird unter Festsetzung der üblichen Pacht statt- gegeben.

Gieße«, 28. Juli. (Wohlthätigkeits-Concert für die Wasserbeschädigten an der Nahe und Der Itter am 15. Juli d. I.). E r g e b n i ß : Billet-Verkaus bei Herrn Challier 215. JL, bei Herrn Balser 133.40 at, an der Kasse 111.60 JL, Pro­gramm-Verkauf bei der Abends desselben Tages stattgehabten geselligen Vereinigung 21.15 Jt, Summe 481.15 JL, ab die Kosten für 700 Programme 55. JL, Auf- und Abschlag des Podiums 13. Jt, Aus- und Abhängen eines Vorhanges 2.85 <X, für einen Kartenstempel 3.10 JL Summe 73.95 JL, bleibt Rest 407.20 JL Hiervon erhielt das Landrath-Amt Kreuznach 203.60 JL, die Bürgermeisterei Thalitter 203.60

Gieße«, 28. Juli. Gestern Abend sprang in der Nähe des Boolsplatzes am Woog ein lebensmüder Schreinergeselle in die Lahn. Die Leiche wurde alsbald gelänbet» Die Ursache des Selbstmordes soll Liebeskummer gewesen sein.

Vermischtes.

AMainz, 27. Juli. Bei den Erdarbeiten in derNeuen Anlage" hat man neben vielen Römergräbern Erwachsener jetzt auch den ersten Kindersarg gesunden. Der­selbe ist aus Stein gehauen, mißt 0,75 Mtr. und enthielt den Schädel des Kindes,, sowie einige Knochcntheile.

A Mainz, 27. Juli. Die Stadt Mainz rüstet sich bereits, um die Mitglieder des III. internationalen Binnenschifffahrtscongresses, welche auf Einladung der Mainzer Handelskammer am 24. August unserer Stadt einen Besuch abstatten, würdig zu empfangen. Ein aus den Spitzen unserer staatlichen und städtischen Behörden, den Mitgliedern der Handelskammer, Angehörigen des Stadtverordneten-Collegiums, deS Handelsstandes, der Ludwigsbahn, der Dampfschifffahrtsgesellschaften, der Presse, ver­schiedenen Vereinen rc. bestehendes Comitö hat sich gestern Abend constttuirt, das mit den vorbereitenden Schritten zur Ausführung des entworfenen Programms sofort beginnen wird. Nach dem letzteren werden am Vormittag des 24. August die Gäste per Extrazug von Frankfurt nach der Gustavsburg fahren, wo zunächst die Begrüßung und sodann die Besichtigung der dortigen Hafenanlagen stattfinden wird. Aus Rhein- dampfern erfolgt die Fahrt hierher und zwar zuvörderst zur Besichtigung der städtischen Lagerhäuser und des Zoll- und Binnenhafens. Einem Rundgang durch die Stadt und einem darauffolgenden, von der städtischen Verwaltung veranstalteten Frühstück in der Stadthalle reiht sich auf großen Dampfern eine Festfahrt nach Oestrich an, bei welcher eine Besichtigung der Stromcorrectionsarbeiten vorgenommen wird. Nach der Rück­fahrt findet in derNeuen Anlage" ein Festconcert statt, zu welchem ein großes Feuer­werk und eine bengalische Beleuchtung der beiden Rheinbrücken vorgesehen ist.

Vom Rheingau, 27. Juli. Heute Morgen wurde in Biebrich abermals ein neuer Reblausherd entdeckt, der zehnte feit der Wiederaufnahme der Untersuchung..

Frankfurt, 27. Juli. Gestern Mittag traf hier von Dem benachbarten Homburg telegraphisch die Nachricht ein, der Postassistent Haag sei mit 10,000 Mark durchgegangen. Inzwischen ist ermittelt worden, daß Die unterschlagene Summe 15,250 beträgt. Die hiesige Oberpostdirection setzt eine Belohnung von 750 auf die Ergreifung des Defraudanten. In Verbindung mit der Veruntreuung wird daS Verschwinden des Bruders des Haag, der im 88.$ Infanterie-Regiment in Mainz diente, gebracht und man verinuthet, daß das saubere Bruderpaar gemeinschaftlich das Weite gesucht hat. Auffällig ist auch, daß ein hiesiges Frauenzimmer, bei welchem Haag früher gewohnt, fett Sonntag spurlos verschwunden ist, nachdem sie vorher ihre Möbel verkaufte. Der Durchgänger ist erst 24 Jahre alt und in Limburg a. d. Lahn gebürtig. Dem HomburgerTaunusboten" zufolge war Haag schon mehrere Jahre bei dem Postamt. Er hatte Anfangs dieser Woche einen freien Tag. Da er nach demselben nicht wieder im Dienste erschien, fand eine Durchsuchung seiner Wohnung statt, wobei man auf zahlreiche leere Geldcouverts stieß. Wer von Homburg v. d. H. Geld zu erwarten hat, thut gut daran anzufragen, ob die Sendung der Post übergeben worden ist, da bis jetzt ein vollständiges Bild der Veruntreuungen noch nicht vorltegt. Die Geschichte erinnert lebhaft an die Defraudation Zalewki's, wenigstens insoweit alS auch dort ein Frauenzimmer und ein beim Militär befindlicher Bruder mit in die Angelegenheit verwickelt war.

Frankfurt. (Strafkammer). In der Sitzung vorn 30. Juni wurde das Ur- theil in Sachen Louis Fries wegen Uebertrctung der Medizinalordnung $ 124 publi- ztrt. Hiernach wird das erste Erkenntniß vom 19. März aufgehoben und der Ange­klagte freigesprochen; die Kosten beider Instanzen fallen dem Staat zur Last. Die Kammer tritt den vom Vertheidiger geltend gemachten Gründen bet und steht in den Sodener Mineral-Pastillen keinArzneimittel" im Sinne der Medizinalordnung, weil nicht jedes Heilmittel, wie Eis, kaltes Wasser, chirurgische Instrumente auch eine Arznei ist. Ein Verzeichniß der als Arznei anzusehenden Heilmittel ist in der von Dr. Neu- kirch angezogenen kaiserl. Verordnung vom 4. Januar 1875 enthalten. Die Sodener Pastillen (ein bloßer Rückstand des Mineralwassers) gehören nicht dazu, ihre An­kündigung ist also frei zu geben. Der $ 124 hat nur den Zweck, den Handel mit wirklichen Arzneien den Nicht-Apothekern zu legen. Will man nicht auf Die Verord­nung refurrtren, so liegt ein Gutachten des Kreisphystkus Dr. Milbrand vor, wonach die Pastillen zwar ein Heilmittel aber fein Arzneimittel sind.

Bochum, 25. Juli. Ein aufregender Fall ereignete sich heute vor der hiesigen Strafkammer. Der Commis Heinrich Wacker war angeklagt, seinem Principale, Herrn Wolffstein, den Betrag von 230 JL gestohlen zu haben. Der Angeklagte bestritt solches entschieden und behauptete, schuldlos zu sein. Aus der Beweisaufnahme gewann das Gericht jedoch die Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten und verurtheilte den-