Nr. 17» Erstes Mat«. Sonntag den 29. Juli
1388.
Gietzencr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraß- 7.Erschein, täglich mit Ausnahm- des Montags.
Amtlicher HßeiL
Betreffend: Die Heegzeit des Dachses. Gießen, am 24. Juli 1888.
Bekanntmachung.
Nachdem begründete Klagen über die durch den Dachs an Kartoffelfeldern angerichteten Beschädigungen bei uns vorgebracht worden sind, heben wir Sie Heegzeit dieses Wildes zunächst für die Gemarkungen Oberstadt mit Ärn-burg, Holzheim mit Bergheim, Obboruhofe«, Ober-Höraeru, Nkvdheim mit Hof Graß und Steinheim für die Zeit bis Ende September l. Js. hierdurch auf.
Gießen, den 25. Juli 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________________________________________________________I. V.: Jost.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Strohhut. " ‘
Gießen, 28. Juli 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Politische Ueberficht.
Gießen, 28. Juli.
Dem Besuche Kaiser Wilhelms am italienischen Hofe wird nach neuerlichen römischen Mitthetlungen für die Zeit vom 10. bis 15. October entgegengcsehen, während der Besuch unseres Kaisers in Wien in den letzten Septembertagen oder Anfang October erfolgen soll. Jedenfalls bleibt aber nach beiden Richtungen hin eine Bestätigung abzuwarten.
Durch die Tagespresse geht jetzt die Mittheilung von einem umfangreichen Tage- Luche, das Kaiser Friedrich angeblich hinterlassen hat und das er seit seiner Vermählung geführt Haden soll. Die Mittheilung stammt von der Londoner „World", welches Blatt Beziehungen zum englischen Hofe unterhält und weiß das genannte Blatt noch folgendes zu berichten: Das Tagebuch enthalte nicht nur Aufzeichnungen persönlicher Natur, sondern auch die Anschauungen des hochseligen Kaisers über alle wichtigen Angelegenheiten der letzten dreißig Jahre. Die Königin Victoria habe das Tagebuch mit nach England genommen und sei vom Kaiser Wilhelm II. sofort nach dem Ableben seinen Vaters das Ersuchen an die Kaiserin-Wittwe Victoria gerichtet worden, das Tagebuch auszuliefern, damit es dem preußischen Staatsarchiv einverleibt werde. Die Kaiserin habe indessen die Auslieferung abgelehnt, mit der Begründung, ihr verstorbener Gemahl wünsche die Veröffentlichung des Tagebuches nach vorangegangener Durchsicht desselben durch die Kaiserin. Schließlich weiß die „World" noch zu berichten, diese Veröffentlichung werde in der Weise geschehen, daß das Tagebuch nur die Grundlage zu einer Biographie des Kaisers Friedrich abgebe. — Der „World" muß natürlich die Verantwortung für ihre ganze sensationelle Mittheilung einstweilen überlassen bleiben. Allzuviel Glauben dürfte verselben nicht zu schenken sein.
Im sechsten Berliner Reichstags Wahlkreise findet die Ersatzwahl für Hasenclever, der bekanntlich wegen unheilbaren Irrsinns entmündigt werden mußte, am 30. August statt. Von Seiten der socialdemokratischen Partei ist Liebknecht als Eandttat für die Ersatzwahl aufgestellt worden und ist an seinem Siege nicht zu zweifeln, da der Reichstagswahlkreis Berlin VI seit Jahren als sichere Domaine dieser Partei gilt.
In Paris ist ein allgemeiner Strike der von Unternehmern beschäftigten Erdarbeiter ausgebrochen, der dem mit socialiftischen Elementen stark durchsetzten Pariser Gemeinderathe aufs Conto geschrieben werden muß. Dem Gemeinderathe beliebte es nämlich, ohne nähere Prüfung der Verhältnisse einen neuen Arbeitslohntarif aufzustellen, welche anstatt 45 Cts. pro Stunde, wie bislang, 60 Cts. pro Stunde feftsetzte und die Pariser Erdarbeiter verlangen nun einfach die practische Durchführung dieses Beschlusses. Da hält indessen die so demonstrativ zur Schau getragene Arbeiterfreundlichkeit der Pariser Stadtoäter nicht Stich, denn als der communistische Gemeinderath bei seinen Kollegen eine Beihilfe von 20,000 Frcs. für die Strikenden beantragte, verwies das Collegium den Antrag an die Finauzcommission, was einer Ablehnung des Antrags gleich geachtet wird. Inzwischen spricht sich ein Theil der Pariser Presse bereits mißbilligend gegen das Vorgehen des Gemeinderathes aus, der durch die willkürliche Erhöhung der -Löhne für die seitens der Stadt beschäftigten Arbeiter die übrigen Arbeiter erst zur Stellung ihrer erhöhten Forderungen veranlaßt habe. Die strikenden Erdarbeiter deren Zahl auf 4,000 geschätzt wird, haben sich bis jetzt, von einigen Auszügen abgesehen,' noch ruhig verhalten.
Die Jubelfeier in Kiew zur Erinnerung an die Einführung des Christenthums in Rußland nimmt, wie der osficiöse Telegraph meldet, einen „programmgemäßen" Verlauf. Anwesend sind aus Rußland zahlreiche Bischöfe und Deputationen, außerdem Pobedonoszew, der fanatische Vorsitzende der heiligen Synode, sowie Graf Jgnatieff, der bekannte panslaoistische Jntriquant, derselbe nimmt als Präsident des Petersburger slavischen Wohlthätigkeitsveretns an der Feier Theil. Von hervorragenden Gästen aus dem Auslande haben sich zu der Kiewer Feier eingefunden: Der Archimandrit der heiligen Grabeskirche in Jerusalem, Arsenius, der montenegrinische Metropolit Hilarion, der Archimandrit von Jassy, Kanon Aromeiko Donic, ferner aus Jassy Fürst Bogo- ridis, aus Serbien General Gruic u. s. w.
Die Frage der Kriegsentschädigung Rußlands durch die Türkei scheint jetzt ernstlich in Fluß kommen zu wollen. Die Pforte selber hat merkwürdiger Weise den Anlaß hierzu gegeben, denn wie officiell aus Constantinopel gemeldet wird, ist dem russischen Botschafter Nelidoff seitens der Pforte eine Note überreicht worden, laut welcher die türkische Negierung sich verpflichtet, an jedem Fälligkeitstermin 350,000 Pfund <türkisch) der Kriegskostenentschädigung und außerdem 100,000 Pfund zur Abstoßung Ler rückständigen 700,000 Pfund zu bezahlen. — Die Türkei muß plötzlich wunderbar Hilt bei Casse sein, daß sie jetzt ihren finanziellen Verpflichtungen gegen Rußland nach -Zommen will — wenn dieser Eifer nur aber auch anhält!
Aeutschümd.
Berlin, 26. Juli. Das heute ausgegebene Armee ^Verordnungsblatt veröffentlicht folgende Allerhöchste Cabinetsordre Sr. Majestät des Kaisers und Königs: Betreffend die Trageweise der Epaulettes, Achselstücke für Hauptleute, Rittmeister und Subaltern Offiziere — ausschließlich der Husaren-Offiziere.
Auf den Mir gehaltenen Vonrag bestimme Ich: 1) Mit dem Aufhören der für des verewigten Kaisers und Königs Friedrich Majestät von Mir befohlenen Armee- Trauer werden Epaulettes wieder angelegt. Dieselben sind indessen von den Offizieren aller Grade fortan nur zu tragen zur Gala, zum Parade-Anzuge und in der bisher üblichen Weise zum Gesellschaftsanzuge. Die Offiziere der Ulanen-Regimenter legen zum Dienst stets Epaulettes an, sobald Mannschaften'mit denselben erscheinen. 2) Die Epauletthalter sind demgemäß auf den Ueberröcken nur noch von den letzgenannten Offizieren zu tragen, sowie von den inactiven Offizieren mit den für dieselben vorgeschriebenen Abzeichen. 3) An Stelle der durch Allerhöchste Ordre vom 7. Juni 1866 für Hauptleute, Rittmeister und Subaltern-Offiziere eingeführten Achselstücke sind fortan bei Neudeschaffungen die von Mir für die gleichen Chargen genehmigten Proben maßgebend.
Marmor-Palais, 12. Juli 1888.
Wilhelm. Bronsart v. Schellendorff. An das Kriegsministertum.
Berlin, 26. Juli. Nachdem die Pariser Stimmung bet den Musikinstrumenten der Militärkapellen etngeführt worden, sollen nun, nach einem neuerlichen Erlaß des Kriegsminifters, auch die Signaltrompeten der Kavallerie, Feldartillerie und des Trains auf den neuen Normalton umgestimmt werden.
Telegraphische Aepeschen.
»olff’S telegr. Correspondenz, Bureau.
München, 27. Juli. Zum Centeuarfest traf heute Nachmittag der Sindaco der Stadt Rom, Marquis Guiccioli, ein und wurde von den L-tadtbehörden empfangen.
München, 27. Juli. Die deutsche Ausstellung von Kraft- und Arbeitsmaschinen für das Kleingewerbe wurde heute Mittag 12 Uhr in Anwesenheit des Prinz-Regenten und aller übrigen Prinzen, der Staatsminister, des diplomatischen Corps, des griechischen Gesandten in Berlin, der Deputation der Stadt Athen, der Hofchargen und der Spitzen der Gemeindebehörden feierlich eröffnet. In seiner Ansprache hob Billing hervor, die Ausstellung weise den Handwerkerstand darauf hin, nicht durch Socialreformen, sondern hauptsächlich durch Selbsthilfe sich emporzuarbeiten. Der Prinzregent betonte, er komme dieser Ausstellung mit der größten Sympathie entgegen und wünsche herzlichst, daß dieselbe dem Kleingewerbe zum Segen gereichen möge. Der zweite Präsident, Biehl, brachte ein enthusiastisch aufgenommenes Hoch auf den Prinz-Regenten aus. Bei der hierauf folgenden Besichtigung der Ausstellung sprach der Prinz-Regent huldvollst mit den leitenden Handwerksmeistern. Die zahlreiche Volksmenge brachte dem Prinz- Regenten begeisterte Jubelrufe.
Karlsruhe, 27. Juli. Die Großherzogin unternahm gestern in Baden-Baden die erste Ausfahrt. Der tägliche Aufenthalt in der frischen Luft wirkt auf das Allgemeinbefinden der hohen Frau sehr vortheilhaft.
Bern, 27. Juli. Der Bundesrath wies den Ingenieur und Schriftsteller Alfred v. Hartung aus Berlin, welcher gegenwärtig in Zürich wohnt, aus dem eidgenössischen Gebiete aus, weil derselbe, um sich ökonomische Vortheile zu verschaffen, Mittel angewendet habe, welche als Vorbereitungshandlungen zum Landesverrath gegen die Schweiz betrachtet werden müßten, und geeignet seien, die innere Ruhe anderer Staaten zu stören.
Stockholm, 27. Juli. Heute Vormittag besuchten der Kaiser, der König von Schweden, der schwedische Kronprinz, Prinz Heinrich und Graf Bismarck has Nationalmuseum und die Centraltelegraphenstation, Nachmittags d e Riddarhelmskirche und fuhren dann nach Schloß Drottningholm, wo ein Diner eingenommen wurde. Die Schiffe des deutschen Geschwaders erhielten zahlreiche Besuche seitens der Bewohner Stockholms und nahmen die Gäste freundlichst auf. Officiere und Mannschaften ves deutschen Geschwaders waren vielfach in den Straßen sichtbar.
— Die Ausfahrt nach Drottningholm erfolgte auf dem königlichen Dampfschiff „Sköldinbu"; es nahmen an ihr Kaiser Wilhelm, der König und der Kronprinz von Schweden und Prinz Heinrich mit Gefolge Theil. Nach der Rückkehr um 7 Uhr Abends brachte eine königliche Schaluppe den König und seine. Gäste nach der „Hohenzollern". Das Kaisergeschwader war um 9 Uhr segelfertig und wird um 2 Uhr früh in See gehen. Die „Hohenzollern" geht später ab und erreicht das Geschwader unterwegs. — Der Kaiser hat den König eingeladen, Taufzeuge des neugeborenen Prinzen zu sein.
Kopenhagen, 27. Juli. Nach den bisher getroffenen Bestimmungen wird der König an Bord des Dampfschiffes „Dannebrog" dem Kaiser Wilhelm entgegenfahren. Der „Dannebrog" wird von den Panzerschiffen „Helgoland" und „Odin", sowie von den Torpedobooten Soloeoen, Soren, Hoalrossen und Delfinen eskortirt, ersteres wird vom Prinzen Waldemar geführt, die Corvette Dagmar, die Torpedoboote Eshern unb_


