Nr. 149 Freitag den 29. Juni 18Z8.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r S ch u l st r a ß e 7.
Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
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Betr essend: Die Nachsuchung der Berechtigung zum ernjährig - freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen.
Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werben hierdurch auf die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs-Commission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzog- thum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat-
2. Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet. Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbrinaen. v , r , .
Z. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Acteniormat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen;
c. ein Unb eich öltenh eits zeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realschulen, Progymnasien und höheren Bürgerschulen) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;
6. das Schulzeugniß. i.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
- Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, in der Lage zu sein, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf.
Zu pos. d; daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reyezeug- niffe für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien und Realschulen I Ord., sämmtlich nach dem Schema 17jur Ersatz-Ordnung (I. Th eil der Wehr - Ordnung vom 26. September 1875 — Reg.-Bl. Rr. 55 von 1875) ausgestellt sein müssen.
der angeführten Ersatz-Orb. verwiesen.
Gustav-Adolf-Verein.
Da bis zum 4. Juli die Heuernte noch nicht beendigt sein wird, so mußte das Jahresfest des Gustav-Adolf-Vereins verlegt werden. Wegen des Landesfestes zu Bensheim und des Festes für Innere Mission zu Nauheim konnte kein ftüherer Termin als Mittwoch den 2S. Juli gewählt werden, an welchem Tage wir es, so Gott will, in Großen-Linden feiern werden. /_i v *
Lang-Göns, am 24. Juni 1888.Dr. Strack, Dekan.
a. Geburtszeugniß; .
b. ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit u. Fähigkeit, den Freiwilligen Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und
Großherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende: Dr Zeller.
a Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. . * Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
daß sich die Londoner wie die Wiener, die römische wie die Petersburger Presse mit höchster Anerkennung über die erste Thronrede Wilhelms II. sich ausspricht. Selbst die Pariser Blätter können sich im Allgemeinen dem Eindrücke der kaiserlichen Kundgebung nicht entziehen und heben den Friedenscharakter derselben hervor, wobei sie gleichzeitig erklären, die Thronrede sei durchaus geeignet, die in Folge des deutschen Thronwechsels in Paris entstandene „Beunruhigung" zu verscheuchen. Auch die Preß- commentare aus den übrigen europäischen Hauptstädten betonen vor allem den friedlichen Ton der deutschen Thronrede, während sie doch zugleich auch deren feste und männliche Sprache rühmen. Wie zu erwarten, klingen die Äußerungen der Wiener Zeitungen besonders warm, herzlich, es spiegelt sich in ihnen unverkennbar das freudige Echo wieder, welches der Hinweis Kaiser Wilhelms II. auf die unveränderte Fortdauer des deutsch-österreichischen Bündnisses im Donaureiche hervorgerufen hat. Was speciell die Petersburger Blätter anbelangt, so äußern die Deutschland sonst mißgünstigen Zeitungen „Nowoje Wremja" und „Grashdanin" sich vollkommenzustimmend zur Rede Kaiser Wilhelms und meint hierbei die „Nowoje Wremja", der Wunsch des Kaisers, gute Beziehungen zu Rußland zu unterhalten, könne zu sehr guten Resultaten für Rußland führen, ohne daß letzteres nöthig habe, die Unabhängigkeit seiner eigenen Politik aufzugeben. Alles in Allem genommen, kann man die Quintessenz der europäischen Preßurtheile über die deutsche Thronrede dahin zusammenfassen, daß sie eine neue, gewichtige Friedensbürgschaft bedeute und hieran knüpft man allenthalben in Europa die Hoffnung, daß nunmehr die noch so schwankende allgemeine politische Lage eine Festigung im Sinne der ferneren Erhaltung des Weltfriedens erfahren werde.
Die zur officiellen Mittheilung von der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. an die auswärtigen Regierungen und Höfe entsendeten außerordentlichen Abgesandten sind zumeist am Dienstag von den betreffenden Staatsoberhäuptern empfangen worden. Hierzu wird aus Rom gemeldet, daß der außerordentttche Abgesandte an den italienischen Hof, Fürst Pleß, beim Könige Humbert eine nicht weniger als drei Stunden währende Eonferenz hatte, nach welcher er auch von der Kontgm Mar- gartta empfangen wurde.
Die österreichisch-ungarische« Parlamentsausschüsse haben ihre Thätigkeit beendigt und erfolgte am heutigen Tage der formelle Schluß der Delegatlonoseiston. Dieselbe hat diesmal nicht die geringste Streitfrage zwischen den beidersettigen Delegationen ergeben und konnten daher deren Arbeiten in so glatter Weise erledigt werden, wie es in den Delegationen bislang noch kaum geschehen rst. Selbst den neuen außerordentlichen 47-Millionen-Credit für militärische Zwecke haben die Delegationen unverändert genehmigt und hiermit ist natürlich die gemeiniame Regierung durchaus zufrieden. Ueberhaupt kann dieselbe mit Genugthuung auf dre ganze Zession zurückblicken, die ja namentlich der Politik des Grafen Kalnoky wiederholt so glanzende Vertrauenskundgebungen gebracht hat.
Politische Rundschau.
Gießen, 28. Juni.
Auf die erste Kundgebung Kaiser Wilhelms II. vor den versammelten parlamentarischen Vertretern des Reiches, die sich am Montag unter so glanzvollen Formen und im Beisein fast sämmtlicher regierender Bundesfürsten vollzog, ist am Mittwoch die erste Kundgebung des jugendlichen Herrschers vor den Vertretern des preußischen Volkes gefolgt. Wenn die Thronrede bei Eröffnung des Reichstages mehr die Grundzüge der künftigen auswärtigen Politik des Reiches und Preußens entwickelte und von den Innern Tagesfragen nur die Socialpolitik berührte, so legte die T h r o n r e d e zu der gleichfalls in glänzendster Form erfolgten Eröffnung des p r e u ß i s ch e n Landtages die Grundsätze der inneren Politik Wilhelms II. dar.
Die außerordentliche Reichstagssession ist bereits am Dienstag, also nach nur zweitägiger Dauer, wieder geschlossen worden, da es sich eben nur darum bandelte, die Thronrede mit der üblichen Adresse zu beantworten. Der Entwurf der Adresse war noch am Montag Abend im Senioren-Convent des Reichstages in seinem Wortlaut festgestellt worden und erfolgte in der Dienstagssitzung die Verlesung desselben durch den Präsidenten v. Wedell-Piesdorf. Das Haus nahm den Adreßentwurf ohne Debatte und einstimmig an und beauftragte das Präsidium mit Ueberreichung der Adresse- der Reichskanzler, welcher bis dahin der Sitzung in großer Generalsuniform und mit sämmtlichen Orden geziert, beigewohnt hatte, verließ alsdann das Haus' da eben kein- Discussion über die Adreste beliebt wurde Staatsseerttair v Boittcher Elas hierauf di- den Schluß des Reichstages aussprechende allerhöchste Botschaft und mit einem enthusiastischen Hoch aus den Kaiser endete diese so kurze, aber denkwürdige Tagung des Rcichsparlamentes.
Am Dienstag, also am Tage vor dem Zusammentritte des Landtages, erfolgte die Vereidigung des preußischen StaatSministeriums.
Die Krisis im preußischen Ministerium des Innern scheint nunmehr beendigt indem der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, v. Achenbach, zum Nachfolger v Puttkamer's ernannt werden dürfte. Herr v. Achenbach hat ^an einmal der preußischen Regierung angehört, als Handelsminister, als welcher er vom 13. Mai 1873 bis zum Jahre 1878 amtirte, wobei er sich die Anerkennmig werter Kreise erwarb. Meinung^ Verschiedenheiten zwischen ihm und dem Fürsten Brsmarck, namentlich in Sachen des Eisenbahnwesens, veranlaßten den Rücktritt v. WnbaM D0^nbe^ worauf v. Achenbach das Oberpräsidium der neuen Provinz Westpreußen und am 15. Februar 1879 dasjenige der Provinz Brandenburg erhielt. Sein nunmehriger Wiedereintritt in die Regierung beweist, daß alle Differenzen zwischen ihm und dem leitenden Staatsmann beglichen sind und man kann nur wünschen, daß Herr v. Weben; toSftX™ neuen, schwierigen Posten eine gesegnete Thätigkeit entfalten möge. Politisch bekennt sich der neue Minister des Innern zur freiconfervativen Partei, deren Mitbegründer Herr v. Achenbach bekanntlich ist.
Aus dem AuSlarrde interessiren zunächst die Kundgebungen zur Tbro n-


