Sonntag den 28. October
1888.
233 Erstes Blatt.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ivureairr Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
-reiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«
>urch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst
Amtlicher HHeil.
Bekanntmachung.
Die unter den Schafen zu Hof-Güll ausgebrochene Räude gilt nach Abschlachtung der Thiere und Ausführung der Desinfektion als erloschest. Wir heben deshalb die über die Gemarkung verhängte Sperre hierdurch auf.
Gießen, am 26. October 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________________________________v. Gagern.__
Gefunden: 2 Laternen, 1 Kriegsdenkmünze, 1 Vorstecknadel, 1 Messer, 1 Feldhuhn, 1 unächter Siegelring, 1 Thorstange, 1 Kinderschuh.
Gießen, am 27. October 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
__Fresenius._______________________________________________________
Lehrer-Conferenz
des Conferenzbezirks Lich-Hunge« Donnerstag den 1. November, Vormittags 9 Uhr, in Lich. Lieder 2. 4. 10. 49.
Gießen, den 27. October 1888. Büchner, Schulrath.
Telegraphisch« 3>ep«sche«.
BellT* telegr. Lorrespvnden» - Bure««.
Bettln- 26. October. Die „Berl. Poltt. Nachr." bemerken gegenüber der ' ^Kreuzzeitung", welche meldete, daß sich die vom Todtenbette Kaiser Friedrichs verschwundene geheime Chiffre unter den Papieren eines Adjutanten gefunden habe: an leer ganzen Nachricht sei nur das Eine richtig, daß die geheime Chiffre in Verlust xerathen sei.
— Anläßlich der von dem Papste gemachten Spende zur Bekämpfung des Zclavenbandels in Afrika sagt die „Nordd. Allg. Ztg.": Das Hochherzige von hehrer iinb christlicher Menschenliebe dtkttrte Vorgehen des Papstes läßt hoffen, daß dasselbe Überall lebhaften und thatkräftigen Widerhall fiuden wird. Die ostafrikanische Sclaoen- srage, welche stärker denn je die öffentliche Meinung Europas beschäftigt, findet durch das Beispiel des Papstes eine mächtige Förderung. Die Lösung dieser Frage ist die «c ivtlisatorische Aufgabe des 19. Jahrhunderts.
Blankenburg, 26. October. Se. Majestät der Kaiser kehrte mit der hohen Jagdgesellschaft Nachmittags 3 Uhr vom Jagen in den Revieren von Heimburg und Hessenhai nach dem Schlosse zurück, woselbst um 6 Uhr das Diner eingenommen wurde. Nach dem Diner verabschiedete sich der Kaiser von den anwesenden Herren und wurde v-om Prinzregenten Albrecht zum Bahnhofe geleitet. Die Stadt war glänzend beleuchtet, mnterwegs bildete eine vielzählige Menge Spalier und begrüßte Se. Majestät den Kaiser enthusiastisch. 9tad) kurzer Verabschiedung vom Prinzretzenten bestieg der Kaiser den bereitstehenden Hofzug.
Karlsruhe, 26. October. Die Großherzogin consultirte gestern nach mehreren Wochen den Hosrath Dr. Maier wieder. Die genaue Untersuchung ergab günstige Fortschritte in der Heilung des Augenleidens, immerhin aber ist noch yroße Schonung der Augen und die völlige Enthaltung des Gebrauchs derselben für ledwede Beschäftigung auf längere Dauer nothwendig. Besonders erfreulich ist, daß die vielen Gemüthsbewegungen der letzten Zett ohne Nachtheile für das Befinden vorüber- g egangen sind.
Paris, 26. October. In einer heute abgehaltenen Versammlung der Senatoren von der republikanischen Linken wurde festgestellt, daß die große Mehrheit des Senats gegen die Revision der Verfassung ist, da eine solche zugleich die parlamentarischen Freiheiten und das Vorgehen der Exekutivgewalt kompromtttire.
— Morgen tritt die Kammer in die Berathung des Budgets für das Ackerbau- Ministerium ein.
PariS, 26. October. Boulanger wohnte mit seiner Familie gestern Abend der Vorstellung im Theatre Lyrique bei. Parteigänger brachten dem General Ovationen dar; Anti-Boulangtsten pfiffen und zischten. Als die Kundgebungen beim Verlassen des Theaters sich wiederholten, entstand ein Handgemenge. Die Polizei nahm Verhaftungen vor, doch wurde die Mehrzahl der Verhafteten bald wieder entlassen.
Nizza, 26. October. Nach einer Meldung der „Agence Havas" wurde der wegen Spionage angeklagte Deutsche Kilian von den hiesigen Gerichten zu 5jähriger Gefängnitzstrafe und 5000 Franken Geldbuße verurtheilt. Auch wurde dem Verur- Iheilten der Aufenthalt in Frankreich auf weitere 6 Jahre verboten.
London, 26. October. In der heutigen Sitzung der Untersuchungscommission in Sachen Parnell gegen die „Times" beendete der Vertreter der Letzteren, General- omwalt Webster, sein Expose, indem er die Darlegung der historischen Entwicklung der Landliga in die Nationalliga fortsetzte und die lange Reihe der Perbrechen und Vergehen aufzählte, für welche er die Verantwortung, wenn nicht die directe Anregung der Organisation dieser Verbindung zuschrieb. Webster erklärte, die Hauptletter derselben, nämlich Parnell, Davitt, Biggar, Harrington, Matthew, Harris, O'Brten und Dillon, hätten Kenntnitz xon den Methoden und Handlungen der Liga. Die nächste Sitzung findet am Dienstag statt. In derselben wird Webster die Zeugen nennen. — Die i Kohlengrubenbesitzer Oldham und Ashton haben in die von den Kohlengrubenarbeitern gesorderle zehnprocentige Lohnerhöhung gewilligt. Die Zahl der Arbeiter beträgt dort ca. 3000—4000.
Petersburg, 26. October. Anläßlich seines Jubiläums ging Herrn v. Giers das folgenoe Telegramm des Kaisers Alexander zu: „Die Kaiserin und ich gratuliren von ganzem Herzen Ihnen zum fünfzigjährigen Jubiläum Ihres ehrenhaften und mühevollen Dienstes für'S Reich. Wir bedauern sehr, Ihnen nicht persönlich zu diesem Ihren so wichtigen Tage unseren Glückwunsch darbringen zu können. Gott verleihe Ihnen Kraft und Gesundheit für lange Jahre zur Wetterausübung Ihres Dienstes zum Wohle und Ruhme Rußlands." Herr v. Giers erhielt durch einen Feldjäger ein Reskript und den Wladimir-Orden 1. Classe.
Belgrad, 26. October. Ein Erlaß des Königs an sein Volk richtet sich gegen die leider immer mehr sich geltend machenden Parteikämpfe. Um denselben ein Ende machen, würde eine neue Verfassung, durch eine durchgreifende Veränderung der bestehenden herbeigeführt, angemessen sein; in einer solchen Verfassung würde das beste Denkmal gewonnen werden für die im nächsten Jahr zu begehende Nattonalfeier des 5.00jährigen Gedenktages der Schlacht bet Kossowo. Der königliche Erlaß ordnet Neuwahlen zur großen Skupfchtina auf den 20. November/2. December an und bestimmt fiiT den Zusammentritt den 1./13. December. Die Verfassungsrevision soll zur Herbeiführung erweiterter constitutioneller Rechte des serbischen Volkes stattfinden.
Bukarest, 26. October. Nach bis jetzt bekannten Resultaten sind von den im zweiten Wahlcollegium ftattgehabten Wahlen 49 regierungsfreundlich, 7 oppositionell ausgefallen. Es sind fünf Stichwahlen erforderlich, 6 Wahlresultate fehlen noch.
Konstantinopel, 26. October. Der Sultan ermächtigte die Pforte zur Unterzeichnung der Suezcanal-Convention ohne Protokoll und ohne Vorbehalt.
Athen, 26. October. Der Bürgermeister forderte in öffentlicher Bekanntmachung die Bürgerschaft auf, das Regierungsjubiläum des Königs in würdiger Weise zu feiern. Die zu den Festlichkeiten eintreffenden Fürsten wohnen im königlichen Schlöffe. Der Herzog und die Herzogin von Edinbura treffen heute ein. Der vom König dem Sultan verliehene Erlöftr - Orden wird demselben demnächst überbracht werden.
Rewyork, 26. October. sReuter-Mel^png.j ** Ein Privatbrief des englischen Gesandten Sackoille, welcher veröffentlicht wurde, wird vielfach so ausgelegt, als fordere Sackoille die in Amerika naturalisirten Engländer auf, für die Wiederwahl Cleveland's zu stimmen. Sackoille wird deßhalb in der Presse wegen Einmischung in amerikanische Ang^legenheitm angegriffen, mehrere Blätter verlangen sogar seine Abberufung. Bayard soll sich einem Journalisten gegenüber ausgesprochen haben, er finde es für den Gesandten eines fremden Landes nicht passend, seine persönlichen Anschauungen über häusliche Angelegenheiten des Landes auszusprechen, in dem er beglaubigt ist.
Newyork, 26. October. Die meisten Zeitungen verlangen von der Unions- regiermrg, daß sie dem englischen Gesandten Lord Sackoille auf Grund seines Briefes seine Pässe übersende.
Lokales.
Gießen, 27. October. Der hiesige Turnverein wird, wie wir vernehmen, am Samstag den 3. November in Stetn's Garten ein Banket (Herrenabend), bei welchem die hiesige Mtlitärmusik concerttren wird, veranstalten. Da sich der Abhaltung des diesjährigen Stiftungsfestes, das ohnedies schon, durch verschiedene Umstände veranlaßt, verschoben wurde, erneute Schwierigkeiten bezüglich der Saalfrage (indem der Stein'sche Saal für die nächsten Sonntage anderweitig vergeben ist) entgegengestellt hatten, so wurde von der Abhaltung eines Stiftungsfestes für dieses Jahr ganz Abstand genommen und als Ersatz hierfür das bestimmte Banket betrachtet. §
Gieße«, 27. October. Der Ausbau der Ostanlage hat in den letzten Wochen merkliche Fortschritte gemacht. Ein Theil der Anlagen, sowie das dem Justizgebäude gegenüber befindliche Bassin sind fertiggeftellt und gegenwärtig wird mit dem Anpflanzen von Bäumchen und Ziersträuchern fortgefahren. Die Anlage verspricht nach ihrer Vollendung eine der schönsten unserer Stadt zu werden.
— Die Umpflasterung des Canzleiberges und des Brandplatzes ist jetzt nahezu vollendet. Der stattliche Platz wird sich nun viel vortheilhafter ausnehmen, wenn gutes Pflaster und breite Trottoirs vorhanden sind.
Gießen, 27. October. sTheater.j Vor leider nur schwach besetztem Hause wiederholte das „Neue Theater" am Donnerstag das werthvollste Stück seines bisherigen Repertoirs, den „Störenfried" von Benedix. Die Besetzung war die nämliche wie das vorige Mal. „Leberecht Müller" ist jedenfalls die schönste und gediegenste Rolle, in der Herr Dtrector Reiners sich in Gießen gezeigt hat, gleichzeitig ist es aber auch diejenige, die er am vollendetsten und rührendsten spielt. Die „Thekla" des Fräulein v. Fels war, diesmal vielleicht noch mehr, wie bei der ersten Aufführung von einer wohlthuenden Wärme durchdrungen.
Die Vorstellung vom Freitag machte uns mit Moser's fünfaktigem Schwank „Die kranke Familie" bekannt, einem Stücke, das mit Lacheffecten nicht kargt.
Eine Familie von eingebildeten Kranken überwirft sich mit dem Hausarzt und fällt einem Kurpfuscher in die Hände. Dieser wird jedoch entlarvt, ehe er im Stande ist, größeres Unheil anzurichten, als Tante Dorchens Joly zu vergiften. Der wirkliche Doctor erhält als Lohn für die Entlarvung des Schwindlers die Hand Mariens und der schüchterne Kaufmann Wendler „kriegt" seine Emma. Der Dichter hat seine Schuldigkeit gethan und der Vorhang kann fallen. Diesem doch immerhin recht dürftigen Stoffe sieht man es kaum an, daß sich ein so überaus possierliches Stück daraus machen läßt. Dennoch war der heutige Theaterabend unstreitig der lustigste in der bis jetzt verflossenen diesjährigen Spielzeit. Aber die Mitwirkenden bemühten sich auch redlich — und zwar mit bestem Erfolg — um das Gelingen der Aufführung.
Herrn Taußig's Rentier Nagel war ein Cabinetstück. Die weinerliche Sprache war höchst wirkungsvoll. Auch Frl. Frey war in Darstellung und Sprache gut. Herr Hildebrandt spielte den betrunkenen Studenten so wahr und tiefempfunden, daß sich uns unwillkürlich die Vermuthung aufdrängte, er habe zu dieser Rolle Studien nach der Natur gemacht. Frau Reiners bewies auch heute — obwohl in einer kleinen und nichtssagenden Rolle iEmma) — auf's Neue, daß sie in ihrem Rollenfache ausgezeichnet ist. Herr Förster (Dr. Wehlau) war wie gewöhnlich anerkennenswerth. Bet Herrn Göhler (Wendler) freute es uns, zu bemerken, daß er etwas mehr, als seither aus sich herausging, was unseres Erachtens gerade für jugendliche Liebhaberrollen ein unerläßliches Erforderniß ist. Herr Reiners (Qualm) war als Barbier wie als Sanitätsrath gleich vortrefflich. Am deutlichsten zeigte dies der stürmisch donnernde Beifall, der den Künstler einmal bei offener Scene auszeichnete. Auch die


